Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1932-05-01 · 3 (1.5.1932) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
12 (1932-1933)
Issue
3 (1.5.1932)
Date
1932-05-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2613366-2613456-2613458--4147-2615798
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Die jüdisch-liberale Mutter klärt jüdische Parteifragen. Eine pädagogische Abhandlung in Dialogform. Von C.l e m e n t i n e Krämer, München. Der elfjährige Fritz Cohn kommt in ziemlich mitgenommenem Zustand aus der Schule heim. Die Mutter denkt: „Wiederum das Austragen von Meinungsverschiedenheiten in puncto Religion auf diese Art!“ Hs ist ihr schmerzlich, daß schon die Kinder sich die Köpfe heiß reden und heiß schlagen um Davidsstern und Hakenkreuz. Sie hätte gewünscht, daß wenigstens kleine Buben — ob Christ, ob Jude — noch friedlich miteinander lebten. Aber seitdem das Hakenkreuz offen oder unter der Bluse in den Schulen getragen wird ... ' Nein, es wäre heute nicht um den Antisemitismus gegangen. belehrt sie ihr Kleiner, sondern um — also um innerhalb. ... „Innerhalb?'' fragt die Mutter. ..Ja. zwischen den Juden selbst. Du weißt; die daheim bei dem Micha, die sind doch orthodox, der schreibt doch nicht am Sabbath, und die Eltern des Gerschom und alle seine Geschwister sind doch Zionisten, und ‘da haben die zwei gesagt, liberal wäre nichts. , Die neunjährige;Liescl, die dabei steht, will wissen, was eigentlich „liberal" heiße. ..Doch das. was w i r sind", belehrt sie ungeduldig der Bruder. . 1 „Fritz, düs ist aber keine Erklärung“, wirit die Mutter ein. Doch Uesel läßt niemals etwas aiii den Bruder kommen: „Oh, ich weiß dann schon so ungefähr.“ „Also bitte“, will die Mutter, „wenn du cs weißt, erkläre es, Liese.“-. „Nicht so schrecklich fromm — heißt das, und auch nicht, daß wir nach Palästina fahren wollen.“. Der Junge findet diese Erklärung ungenügend, da habe die Schwester bloß gesagt, was „liberal“ nicht bedeute. Und der Lateiner erklärt:. „Liberalis“ heiße „freigebig." „Na und?“ ermuntert ihn'die Mutter. „Wir sind nicht so gebunden wie die anderen, eben freigebiger in unserer Weltanschauung.“ - „Es ist richtig, aber brauche mal nicht so große Worte;e‘.Weltanschauung', sage lieber: wem gegenüber sind wir ■.reigebig?“ ' ■- „A 1,1 eil gegenüber“, erwidert Fritz,, ohne sich zu besinnen, „uns und den anderen gegenüber. Wir sind freigebig, indem wir fortschrittlich sind. Wir gehen mit der Zeit, wir sind zeitgemäß, das hüb’ ich ihnen schon gesagt, dem Micha und dem Gerschom. Ich habe ihnen gesagt, daß man zum Beispiel vor hundert Jahren noch kaum ein deutsches Buch hat lesen dürfen, und“ — mit einem Blick auf die Schwester' — „besonders die Mädchen, die dürfen es heute noch kaum im Osten,.und es hat keine Orgelsynagoge gegeben, und die Rabbiner haben bloß lange Röcke tragen dürfen und lange Bärte. Und mit der Zeit geben die anderem ja doch auch etwas nach, bloß viel langsamer, und viel widerwilliger wiewir.“ „Was haben denn da die anderen erwidert?" fragt Frau Cohn, ...Der Micha hat gesagt, daß man keinen Stein brechen dar? aus der Mauer, die <um das Gesetz gebaut ist, sonst würden andere Steine vielleicht auch abbröckeln. Und der Gerschom hat gesagt, darauf komme es schließlich nicht so an. aber auf das Volk. Der Herzl hätte gemeint, wir würden wieder ein Volk sein müssen, oder wir würden überhaupt aufhären zu sein.“ „Ist der Herzl auch einer von deiner Klasse?“ fragt Liese. Da denkt die Mutter — mit sich selber unzufrieden — daß ein kleines Mädchen aus einem zionistischen oder auch aus einem orthodoxen Hause diese Frage nicht zu stellen nötig gehabthätte, und sie gibt der Tochter die entsprechende Erklärung. „Und weiter Fritz?“ fragt sie dann, ■ „Ich habe gesagt, ob zum Beispiel der Micha am Sabbath mit der Elektrischen fährt oder nicht, das ist ganz egal, denn .es ist -nichtAvie früher, wo der Herr seinen Knecht und seine Magd und seinen Ochs und. seinen Esel ausruhen lassen sollte.- und deshalb nicht anspannen lassen durfte. So ist das gemeint gewesen, habe ich ihnen gesagt.“ „Gut“, nickt die Mutter. „Ja; aber“ — wirft das kleine Mädchen dazwischen, „die Schwester des Micha ist in meiner Klasse, und deren Vater geht am Sabbath nicht ins Geschäft, und das finde ich sehr •tein. Ich wollte, wir wären -auch ganz fromm.“ „Vielleicht wirst du selbst auch mal ganz fromm, wenn du groß bist, Liese,“ lächelte Frau Cohn. Fritz kommt darein: „Ich habe dem .Gerschom gesagt, daß gar nicht alle Platz haben in Palästina, und daß sie den Arabern wahrscheinlich auch gar nicht Herr werden würden.“ „Und?“ „Ja, da hat er eben zugehaut, und er werde noch ganz anderen Herr, und mit den Liberalen wäre es nicht weit her, da könne man nicht kämpfen, und es wäre etwas für Feig- ■ linge. Da bin ich aber losgegangen.“ „Hör' mal“, sagt'die Mutter, „das gefällt mir gar nicht, daß du losgegangen bist: ich habe dir schon ein paar mal gesagt, zuschlagen ist nicht beweiskräftig, zuschlagen ist beinahe eine Hilflosigkeit. Ich würde ihm gesagt haben: liberal sein heißt,'den .anderen gelten lassen, es heißt ferner, an seinem Glauben weiterbauen, ihn für sich selbst und für andere ganz klären, erklären, durchdenken, durchprüfen,, und so Seinen Glauben erst ganz gewinnen, sich ihn erst ganz zu eigen machen.“ . Die kleine Schwester: „Ich habe, doch immer gedacht, wenn man ein Jude ist. dann ist man halt ein Jude, und alle Juden denken ungefähr das gleiche.“ Der Bruder lacht grob: „Oh je, gar nicht das gleiche denken die. da gibt es die größten Meinungsverschiedenheiten: und das ist auch nicht schade, kämpfen ist fein.“ „Vor allem mit sich selbst kämpfen“, sagt die Mutter, „und—mit sich selbst eins werden.“ Und sie habe viel nachgedacht über diese Dinge, und eine lange Zeit sogar gemeint, die Orthodoxen wären vielleicht auf dem rechten Weg, bis sie dann doch zu der Erkenntnis gekommen sei, daß auch in den Dingen der Religion Fortschritte möglich, ja sogar nötig wären, eben zur Erhaltung der Religion, die dem Leben, dem Tag, der Stunde angeglichen werden müßte, um den Menschen — einer sehr großen Anzahl von Menschen —ermöglicht werden zu können. „Und der Zionismus?“ fragen die Kinder gleichzeitig. „Jaa“, sagt die Mutter gedehnt,-„der Zionismus ist nicht iür alle. 'Nicht für die Juden, die sich trotz der Anfeindungen daheim fühlen in dem Lande, in welchem sie geboren- und aufgewachsen sind.“ „Otto“, legt der streitbare Junge los, „der Gerschom hat gesagt, es ist noch gar nicht gewiß, ob er und seine Eltern und Geschwister nach Palästina gehen, aber alle Juden müßten wenigstens denken, sie wären ein Volk und müßten einen Staat haben, auch wenn sie dann selbst nicht dort lebten, so wie es viele Ausländsdeutsche gäbe?' Darauf erwidert die Mutter, es heiße in der Schrift, Gott habe das jüdische Volk unter die anderen Volke? zerstreut.' damit es eben dort seinen Ruhm und seine Herrlichkeit verkünde. „Versteht ihr?" fragt sie. Die Kleine zuckt mit den Schultern: Nein, ganz verstellt sie das doch nicht, aber sie wird mit Mutters Hilie' bestimmt dahinter' kommen. Und es geht ein Blick der kreatürlichen Verbundenheit von ihr zu der Mutter. Und der Junge: er sei schon mitgekommen mit dem, was die Mutter gesagt habe, so einigermaßen wenigstens, aber natürlich wolle er diese Dinge nun noch sehr gut überdenken. Und vielleicht habe die Mutter mit dem Raufen schon recht, das glaube er wohl. Jedoch bis er so weit sei und mit diesen Dingen ganz im reinen, so daß er es mit Worten den anderen klar machen könne, werde ihm doch wahrscheinlich nichts anderes übrig bleiben, als — zuzuhauen. ■ Was leisten wir jüdisch-liberalen Frauen in der Gemeindeverwaltung? Von Else Dormitzcr, Nürnberg. Es ist immer interessant, in alten Zeitungen zu blättern. So liegt vor mir ■'■ die März-April-Nummer der Zeitschrift „Liberales Judentum" (Vorgängerin unserer Jüdisch-liberalen Zeitung) aus dem Jahre 1919, mit einem Artikel „Die Forderungen der jüdischen Frau“. Und wag fordert i sie? „Aktive Mitarbeit in allen Fragen des jüdischen Gemeindclebens. nicht nur bei Wohlfalirts- und Fürsorgceiiirichtungen,! sondern auch Sitz und: Stjmme in den anderen Ressorts eines; jüdischen Gemeindewesens. Da haben wir in erster Linie die Gemeindeverwaltung im Auge, der bis jetzt nur Männer angehörten. .Warum sollen in allgemeinen Fragen, warum sollen in religiösen Angelegenheiten, soweit solche überhaupt von Laien entschieden werden können, nicht Frauen mitberaten, die das gleiche Interesse, die gleiche Anteilnahme am Wohl und Wehe ihrer Gemeinde haben wie die Männer? Die Aufgaben eines jüdischen Gemeindewesens: Finanzierung, Schule, Friedhof, Synagoge, Kaschrut-Anstalten. Wohltätigkeit, sie bieten . den Frauen das gleiche große Arbeitsfeld wie den Männern, und wir müßten die Qualitäten unserer Geschlechtsgenossin-, nen schlecht einschätzen, wenn wir sic nicht für: fähig hielten, diesen Anforderungen gerecht zu werden. Aücli in der Frage des Religionsunterrichtes muß man die Frau hören.... Ferner soll die Frauin keiner Kommission fehlen, in der irgendwelche Angelegenheiten von allgemeiner Bedeutung behandelt werden, sei es auf dem Gebiete der sozialen Fürsorge, der Berufsberatung, der Aenderung gemeindlicher Einrichtungen, Neuschaffung von solchen; drehe es sich um die Wahl von Kultusvarständeu (und Gemcindebeamten. Finanzierung von Wohltätigkeitsanstalten usw. Alles, was jüdisch ist. geht Mann und Frau in gleicher Weise am hier wird gemeinschaftliches Arbeiten zweifellos dem Ganzen - nützen und dienen.“ , Es ist gar selten im Leben, daß sich Wünsche und Forderungen in dem-Ausmaße erfüllen, wie man es'gern möchte. Hier auf dem Gebiete „Forderungen der jüdischen Frau“ ist einmal ein solcher Ausnahmefall zu verzeichnen. All das. was sie im Jahre 1919 verlangte, ist ihr -restlos in j den meisten jüdischen Großgemeinden Deutschlands bewilligt -worden, und es ist ein unbestrittenes und hervorragendes Verdienst des liberalen Judentums, daß es der jüdischen Frau die Wege zu diesem Ziel ebnete. Man weiß, daß die politischen Rechte der jüdischen Frau auf stärksten Widerstand bei unserer Orthodoxie stießen: Wer erinnert sich nicht noch an: jene Szene bei der Gründung des „Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden“'— des ersten jüdischen Gemeindeverbandes in Deutschland — an jenen Vorstoß eines orthodoxen Rabbiners, der den Frauen das aktive und passive Wahlrecht abspreclien wollte? Hier war cs' die liberale Fraktion, die geschlossen- und einmütig dies Ansinnen zurückwies. Hier konnte man auch das Kapitel „Theorie und Praxis“ beobachten, denn als es dann zu den Wahlen für Landesverband und Gemeinden kam. da trat auch die letzte orthodoxe Frau mit ihrem;Stimmschein an die Urne — ein Zeichen, daß man die Wichtigkeit weiblicher Wähler auch auf jener Seite richtig cinschätzte. Nun sind zehn. Jahre vergangen, seit die ersten Frauen in die Verwaltungskörper jüdischer Gemeinden ihren Einzug hielten, und man kann ruhig sagen, daß die mit ihnen gemachten Erfahrungen durchwegs nur günstig waren. Mit dem gleichen Pflichteifer, mit der gleichen Gewissenhaftigkeit und Arbeitsfreude, wie ihremännlichen Kollegen, nahmen sich die Frauen der vielseitigen Vcrwaltungsgeschäfte an, die in großen, wie in kleinen Gemeinden zu erledigen sind. Zur Ehre dieser Gemeinden sei cs gesagt, daß die Aufnahme der Frau sich bedingungs- und rückhaltslos vollzog, daß es keine Kommission, kein Gremium gab. dem die Frau nicht angehören durfte. Nicht - nur die Ausschüsse der Wohlfahrtsinstitutionen standen ihr offen: im Friedhofswie im Schulausschuß.’ im Synagogenwie im Jugendausschuß, ja sogar im Bauausschuß hat die Frau Sitz und Stimme. Ueberall ist ihr Gelegenheit geboten, zum Wollte der jüdischen Gemeinschaft ihrer Heimat zu wirken und zu schaffen. Die Redaktionskommissionen der jüdischen Gemcindcblättef haben weibliche Mitglieder: beim Beerdiguhgsdienst auf den Friedhöfen fungieren die Frauen in der gleichen Weise wie die Männer.. Bei der Wahl der gemeindlichen Beamten werden sie genau so gehört wie bei der Verteilung von Stiftungen und Stipendien: bei der Errichtung von Altersheimen, von Jugendheimen und sonstigengemeindlichen Einrichtungen stehen die Frauen mit an erster Stelle, weil man ihrer praktischen Erfahrungen auf diesem Gebiet besonderes Vertrauen schenkt. Wahrlich, cs ist ein großes und ein verantwortungsvolles Betätigungsfeld, das der jüdischen Frau hier eröffnet wurde. Gefühle der Dankbarkeit beseelen uns Frauen, daß man uns nach jahrhundertelangem Ausschluß von jeder Art gemeindlicher Tätigkeit — -man kennt ja die strikte Anwendung des Gebotes „Die Frau schweige in der Kirche“ bei uns Juden — jetzt als vollberechtigte Glieder der jüdischen Gemeinschaft betrachtet. Unfaßlich will es uns erscheinen, daß es immer noch jüdische Gemeinden gibt. die. mittelalterlich eingestellt. den Frauen aktives und passives Wahlrecht verweigern und sich, auch in der Jetztzeit nicht von diesen Ghetto-Anschauungen befreien können. Pflicht der liberalen jüdischen Gemeindevertreterinnen muß es sein, den Glaubensschwestern solcher Gemeinden bei ihrem Kampf um ihre Rechte behilflich zu sein. Steht in irgendeiner jüdischen Gemeinde das' Wahlrecht der Frauen zur Debatte, so müssen uns ihre weiblichen Angehörigen-sofortzu Hilfe rufen. Ei müßte doch seltsam zugehen, wenn'man, aus dem Schatz der eigenen Erfahrung schöpfend, die Widerstände altmodischer Gemeindevorsteher, reaktionärer Eigcnbrödler nicht durcli vernünftige Darlegungen widerlegen könnte. Die Varilermw des Franzosschen Wortes „Jede Frau hat das Wahlrecht, daj sie verdient", muß unseren Qlaubeusscliwestcru Ansporn sojti sich ein Wahlrecht zu erobern, das ihren berechtigten A114 forderungen entspricht. Ist sie Angehörige einer liberalen Gemeinde, soi wird ihr dies weiter keine Schwierigkeiten machen, denn Liberalismus und Demokratiesind e i n Begriftj Diesem jüdischen Liberalismus, dem wir Frauen so viel vtirJ danken, sind wir es schuldig, in seinem Sinne zu wirken} unserTreugclöbnis gilt ihm. in dem wir Zukunft und Aufstieg des deutschen Judentums verankert sehen. Von den Aufgaben der jüdisch-liberalen Frau. Von Bertha Falkcnbcrg. Berlin. „Sie haben wirklich einen Scder gehabt? Und sogar auj beiden Abenden? Sie können hchriiiseh lesen und sogar übersetzen? Am Freitagabend sind alle Ihre Familienmitglieder' un| Ihrem Tiselie zu Hause versammelt?“ Mit solchen.und ähnlichen, vielleicht nicht bös gemeinten, aber immer unbedachten, taktlosen Fragen werden liberale Juden von anders deckenden Juden belästigt. Es spricht1 daraus eine meist unbewußte' Ueberhebliehkelt. die um so mehr Zurückweisung 'verdient, als nicht nur die Frage selbst, suuder’n viel' mehr noch der Ton. in dem sie gestellt wird, beweist, daß man die Liberalen eben noch gerade als „Nucliiuden” betrachtet. Dagegen muß immer wieder Front gemacht werden. Immer wieder! Obgleich es irach vielen Jahren liberaler. Aufbauarbeit sattsam bekannt sein dürfte, daß der Liberalls-' mus. die „Formen“ im Judentum zwar nicht' als das „Zentrum“ der Religion ausieht. aber keineswegs daran denkt, sie zu verwerfen und aus der religiösen Betätigung auszuschalten, daß er sich jedoch dus Recht gibt, sie Immer wieder neu zu schaffen als Ausdruck für die ewigen Ideen des-Judentums. Ja, daß der Liberalismus darin gerade gemäß der Tradition der Väter handelt, die zu allen Zeiten und au allen Orlen Formen geschaffen haben, die ihrer Zeit entsprachen. die oitmals ursprünglich der Umwelt entlehnt waren, die sie aber zu jüdischen Formen machten, weil sie sic mit jüdischem Inhalt zu erfüllen wußten. Man fragt sich immer wieder, wieso es nötig: wird, dies alles oft und, oit zu wiederholen, wieso in tätigen. Jahren nicht nur der Erfolg religiös-liberaler Aufbauarbeit, sondern auch selbst der Wille zu solcher Aufbauarbeit bei den Liberalen bezweifelt odergegiert werden kann,- wofern beides nicht 'als irrelevant abgetan wird oder überhaupt gar .gänzlich unbekannt ist. . ' - Es beruht wohl darauf, daß'.nur einige wenige Träger dieser Arbeit in die Erscheinung treten, daß aber die Masse derer nicht genügend vorhanden ist oder sichtbar wird, die in praktischer Arbeit Stein hei Stein zum Werk hcrbultragcn- Und das muß hl viel größerem Maße geschehen, weiiii diu religiöse Arbeit der Liberalen die richtige Wertung nach innen uml außen gewinnen und zur rechten Geltung In die Oeffeutlichkeit gelangen, soll. Es muß — nach außen, aber auch in den eigenen Reihen — endlich der Blick sich auf diejenigen richten, die uncrimidct und nie entmutigt' die. Kleinarbeit leisten, die kaum auf Beachtung, geschweige denn auf Anerkennung und Ehrung rechnen können, und ohne die doch nie etwas erreicht wurde und werden kann. JJir rechte uiid konsequente Durchführung der Kleinarbeit unj’. ihre Wertung auch in den eigenen Reihen Ist das Fundumenj ' liberaler Aufbauarbeit. _ Diese. Kleinarbeit muß vor allem von den Frauen, ge-' leistet werden. Denn erfüllt von der Idee des Liberalismus und den Blick uui das Ziel gerichtet, übersehen sie doch nicht all die Kleinigkeiten und Kleinlichkeiten, die den Weg erschweren, und sie haben auch das sichere Gefühl für das, was not tut,' um den Weg zu erleichtern und ahzukUrzcn. Dazu aber-bedarf es' der' Vorbereitung, nämlich der Beschäftigung mit jüdischem Wissen und Jüdischen Fragen überhaupt. . Natürlich muß die Kleinarbeit vor allein Im Hause geleistet werden. Dafür richtunggebend ist die Erkenntnis, daß der Liberalismus die Erfassung - des geistigen Menschen und den Einfluß -auf seine gesamte üeistcshaltung verlangt. Formen sollen, .als Ausdruck der jüdischen Ideen, liebevoll gepflegt werden. Aber nicht bloß um Sabbat und an den. Festen, sondern auch im Alltag muß die „Ehrfurcht vor dein, was über uns, was neben uns, und was unter uns ist“ An Wort und Tat sich auswirken. Kinder empfinden schon sehr früh, wenn Eltern oder Erzieher unbestechlich und unwandelbar einer Ueberzeugung leben, ohne dem Andersdenkenden die Achtung zu versagen. Auf diesem Grunde erwächst das Vertrauen, das dem Erwachsenen die Kindesseele erschließt und sie auch empfänglich werden läßt für das Religiöse. ■ Und daraus ergibt sich abermals eilte Aufgabe für die- Kleinarbeit: die ständige Beobachtung und, wenn, nötig, Beeinflussung des Religionsunterrichts. Denn so gern anerkannt sein mag, wie viel durch ihn aufgehaut wurde und wird, so muß andererseits auch mit Bedauern festgcstelit werden, wie viel durch ihn auch manchmal zerstört werden kann bei Kindern, die nicht im' Elternhaus -ein starkes Gegengewicht hatten oder haben. Pflicht der Erauen ist es. mit den Kindern auf diesem Gebiete genau so zu arbeiten wie auf jedem andern, um den Geist zu erkennen, der den Religionsunterricht beherrscht, und um die Kinder dadurch wurzelfest zu machen in der' Ueberzeugung der Eltern. ■ . Außerhalb des Hauses sollte die liberale Frau es .als Ehrenpflicht ansehcii, sich ausnahmslos io-den Dienst .der liberalen Gemeinschaft zu stellen, soweit nicht häusliche Verhältnisse hindernd in den Weg treten. Von der geringsten Schreibarbeit angdaugen bis zur Organisierung' neuer Gruppen, von der Bedienung des Telefons an bis zum werbenden Vortrag — alles ist gleichwertig, weil alles einem Ziele dient.- ln dieser merkwürdigen Zeit., In der neben kühler Sachlichkeit, die alles ablehnt, verschwommene- Mystik und Romantik die Seelen der Jugend gefangen nimmt, müssen die Massen der liberalen Frauen unbeirrt für die Idee des Liberalismus leben uiid arbeiten, durch Wort und Beispiel der Jugend einprägen: es gilt, das Erbe unserer Väter zu bewahren vor Erstarrung und Verengung wie vor Verschwommenheit' und Auflösung; rein und .lebendig muß cs erhalten werden in den' veredelten Formen, In denen die ewigen > Ideen des Judentums sich instpts erneuerndem Flusse offenbaren. , . :—

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.