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Jüdisch-liberale Zeitung · 1932-05-01 · 3 (1.5.1932) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
12 (1932-1933)
Issue
3 (1.5.1932)
Date
1932-05-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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I. ■{ ■ v/A-rr..-, . die; liia: versammelt waren, waren einsame Menschen, die; did&roße Stadt und besondere Lebensumstände!das eigene Heim entbehren ließen. Der Vergleich’ mit1 dem Weihnachtsabend einer Einspännerrunde drängte sich unwillkürlich auf, — ich; muß bekennen, er fiel recht sehr zu unseren Ungunsten aus! Um wieviel mehr ^Orden Christen unter ähnlichen Umständen einander fremd geblieben sein, als es hier, bei dieser Sedergemeinschaft, der Falk war! Uebcrhaupt: Vergleiche! Sie täten weh; aber es lag in der Naturider Sache, daß ich ihnen nicht •entgehen konnte. .Auf dem Wege zum Festort waren wir starken Schupopatrouillen begegnet. Hier, innerhalb derden Scderabend feiernden Gemeinschaft jaber ertönten die wundervollen, 'mir' vollkommen neuen Worte des Ewigen, der über die .im Roten Meer ertrunkenen Aegypter klagt und den Kindern Israel jhren! triumphierenden Jubel über den Untergang; der Feinde verbietet'’ Dehn alle1 Menschen sind Seine [- Geschöpfe. Es ist schwer zu - schildern,' was ich [beim! Anhören dieses jahrtausendealten Kultgcsanges empfand.! Dabei schien meiner Umgebung meine Beschämung und deren Ursache gar nicht; zum Bewußtsein zu kommen!; So tief sind die Glaubensbegriffe der Humanität in ihrer Seele verankert i Sie werden angegriffen,’ beschimpft bekämpft;.— ihre Antwort, ist die feste Zu-; versieht daß einmal deriTag.der Menschheitsverbrüde- - ning anbrechen wird. Denn er ist ja verheißen! j! Der Ewige , selbst hat ihn der! Zukunft bereitet. — Wer den -Anbruch des Messiasreiches noch erleben könnte! j] Aus dieser Gedankenrichtung | ergibt sich das den Fremden geradezu frappierende Bekenntnis zum Leben als I zum, höchsten Gut der Güter, j .Es ist nicht so. daß der Jude j 'materiell ist wie vorschnelle, ahnungslose Christen aus diesem Umstand zu schließen geneigt sind. Auch1 ichwar zunächst betroffen, immer wieder die Betonung des j Glücks des Lebens zu.finden' . . . nur die Lebendigen können feiern.^Gott loben, der erste, oberste,1 heißeste .pnk an Gott ist der’ Dank für das Leben. . . Aber dann ing-mir der Sinn dieser Auffassung auf, — und.Zugleich begriff ich nun die ganze, unsägliche Schönheit; der Bitte des Juden an seinen Gott, er möge die Kette der; Geschlechter nicht reißen [lassen, sondern die Herzen der/ .Väter zu den-Kindern und die Herzen der Kinder zu den, Vätern zurückführen. ’ Denn hierin liegt ja für den! ein-1 zelnen die*'Gcwähr. den Tod zu besiegen, in den (Korn-; inenden dennoch den Anbruch des Messiasreiches erleben zu dürfen. Darum1 auch erhält sich die Tradition so lebendig, üöhr Jahrtausende und tausend Wandlungen, und Gegensätze hinweg. Alle Anwesenden verstanden; -Hebräisch, allen war der Stolz auf die Vergangenheit! und die zuversichtliche Hoffnung auf die Zukunft gemeinsam. lebendig. Der Jude; dessen Jenseitsgedanke' weit weniger! realistisch und egozentrisch ist als der unsere,; istewig, ist unsterblich! Nie begriff ich dasitiefer,' als an diesem Abend .;[. Er. muß ja leben, umdas Reich des Friedens zu erleben! Welche tiefe, wundervolle Verantwortung hat die jüdische Seele i innerhalb der Merischheitsgemcinde5 mit-diesem Glauben auf (sich genommen! Und wie dankt es ihr die Welt! Die Schupos ■ auf dem abendlichen Kurfürstendamm fielen mir wieder ein . . . , : Freilich sind die jüdischen Deutschen anders; als Ihre-übrigen Heimatgenossen. Es ist Unsinn, — [meiner »•S^''!fc»ten: Meinung nach, die durch den Sederabend i nur gprjbestärict! Wurde —■, jeden Unterschied zu: negieren. Aber'staatsfeindlich oder auch nur volksfremd sind 1 -/.•c/sie ’. bestimmt nicht!! Im Gegenteil! Ein [kleines -.'V Vorkommnis ist dafür recht bezeichnend. Vom Kid-' 1 /dusch bis zum Ende der Sederabendfeier lagen die -Texte der Häggada zugrunde, — aber einmal extempoiSjierte jdeir Kantor, indem; er einige,- dem Sintte nach ”t. fassende Goetheworte zitierte. Ganz selbstverständ- . K&bjtat;er das, — das Gut des großen Dichters: der [Deutschen itist unseren jüdischen Mitdeutschen | Eigenbesitz \geworden! -Wie kindisch, ihnen bestreiten I zu wollen, daß sie-jedes erdenkliche Recht dazu! haben! — Will das rotte Reich es dem Frankreich der Religiöns- I kämpfe nachtun, das in den Hugenotten seine j besten 'Bürger totschlug oder landesverwies?! Der Hauptleidtragende dieses Verfahrens war — Frankreich selbst!! Warum wollen wir, wir Deutsche unserer Jetztzeit, nicht klüger und . .. gerechter sein!? Nicht bekämpfen sollte die Welt das Judentum, sondern vop ihm lernen! An unserem Teil mitarbeiten an der endlichen Herbeiführung des Messiasreiches, — das nicht nur [eine .jüdische Angelegenheit“ ist, denn jeder aufrichtige Christ muß sich doch bekennen, daß das, was wir uns unter Christi Reich auf Erden vorstellen, noch weit von der Verwirklichung entfernt ist! Wenn es jemals zur Tatsache -werden kann, wenn der [verlorene Paradiesesfrieden wieder alle Geschöpfe des Ewigen umfängt, dann haben-die Kinder des auserwählten Volkes, die trotz Not und gegen sie anbrahdendem Haß. ihre uralte, heilige Tradition der gottgewollten. Humanität und-Menschenliebe hochhielten, wahrlich das Ihre zu dem großen Werk beigetragen! Das liberale Judentum in Schweden. [ Von Oberkantor Felix Saul, Stockholm. Der Begriff liberales Judentum wurde' schon zur Zeit, als er aufkam, oft verkannt und mißverstanden;; er ist — gestehen wir es ehrlich — immer mehr zum Schlagwort abgeblaßt. Heute ist es schwer, aber!vielleicht I doch nicht unmöglich, zu bestimmen:; was ist'|liberal? [Aber noch schwerer: wer ist liberal? .Um einen Punkt herauszugreifen: sind heute etwa die Gottesdienste der sich liberal nennenden Gemeinden weniger erstarrt als die der sich orthodox .nennenden? Und noch schlimmer wird es,- wenn wir die Synagoge verlassen und hineingreifen ins volle Menschenleben.- Ein witziger Kopf sagte einmal:[ liberal nennt sich bei uns, wer schon einmal trete gegessen hat und nicht Hebräisch lesen kann. Es ist ein wahrer Kern in diesem Wort: lange Könlgl. schwedischer Admiralitätsrat Henrik Wo 1 ff (Stockholm), Führer des liberalen Judentums in Schweden. ganz Falsches vor, und nwachsende Geschlecht es religiöses Judentum ätig sein wollen. Man genug hat man ■ Liberalismus mit Negativismus identifiziert Und nicht mit Unrecht. In Deutschland ist man sich heute bewußt: liberalisme oblige: I ' In Schweden sehen die Dinge noch verwirrter aus als im Heimatlande des liberalen Judentum^. De£ gemeine. Mann stellt sich unter „Liberalismus“ etwas cs wird lange dauern, ehe' das her: hinter diesem Wort ein schöpferiscl erkennt und'in seinem Sinne wird hat sich bei uns allzusehr, gewöhnt — und auch der hervorragende Geschichtschreiber des schwedischen Judentums, Hugo Valentin, ist dieser Gefahr nicht entgangen —, als Liberalismus das anzusehen, was jahrzehntelang in den beiden schwedischen Hauptgemeinden Stockholm und Göteborg unter diesem Namen gegangen ist Und das ist nicht immer von erfreulicher Art gewesen. Natürlich hat dieser schwedische Liberalismus auch Gutes gezeitigt: dazu gehört vor allem die Schaffung besserer äußerer | Ordnung und schönerer Formen im Gottesdienst; weiter eine nach unserer Auffassung verständigere Bewertung des ganzen [Ritualismus, der Speisevorschriften, der übertriebenen und daher I schädlichen Sabbatdetails usw. — Vor allem hat man sich auch frei gehalten von der gänzlich unjüdischin Auffassung, als gäbe es zwei Judentümer,1 eines für Laien, und das andere für die bezahlten Religionsdiener. In Deutschland ist ja auch heute die Anschauung noch weit verbreitet, die letzten Endes darauf hinausläuft, daß der liberale Jude jenen Ritualismus auch für sich verbindlich | glaubt, nur kann er es sich leisten, für derlei lästige Dinge; seine Lakaien zu halten. (Ganz folgerichtig nennt er denn auch nur den Ritualisten fromm oder „rilljös“ — er selbst1 ist. ein ständiger Sünder, fühlt sich aber entlastet durch jene 1 Kapporehühner, die man „Beamte“ nennt) Man hat sich, wie gesagt, hier in Schweden in der älteren Generation davor bewahrt, die Gemeindebeamten zum Heucheln-zu zwingen.-’; Aber, aber! Wie in Deutschland einige Jahrzehnte zuvor, so fiel später auch! hier diese innere Befreiung zeitlich zusammen mit der politischen Judenemanzipation. Man war auch hier sehr eifrig bemüht, den Herrschenden zu zeigen, daß man für das Geschenk’ der bürgerlichen Freiheit bereit ‘ war,, jedes Öpfer zii bringen. Auch das der guten Eigenart das niemand verlangt hatte („und sollt fliehen, da euch niemand jagt“). Der Fluch des Ghettos begann sich zu erfüllen — gesundes Selbstgefühl wich dem Bedürfnis, sich den „andern“ (eine neue Art Altruismus!) gefällig zu erweisen; dabei ohne Zweifel I auch eine Art Mimikry: der vermeintliche Feind wird sich beruhigen, wenn wir uns Gewänder anlegen, die uns unserer riichtjüdischen Umgebung anähneln und die Außenwelt über unser wahres Wesen täuschen. Und das Resultat: der christliche Chor unter christlicher Leitung in der -Stockholmer und Göteborger Synagoge, die Orgel, nicht als jüdisches,;aus jüdischen Andächtsbedürfnissen - herausgewachsenes, sondern von außen hereingetragenes und von Außenseitern gepflegtes Erbauungsmittel; als' Predigtlieder statt unserer Psalmen und anderer religiöser Gesänge: Imitationen christlicher; Choräle. War all das liberal? Sagt nicht ein gewisser Spinoza, frei sei das, was den Gesetzen seiner eigenen j Natur folge? Schlimmer jedoch als alle diese „Reformen“ war die damit Hand in Hand gehende Vernachlässigung des jüdischen Bildungsgutes: der hebräischen Sprache, der jüdischen Geschichte und Literatur — und das bei Kindern wie Erwachsenen. Des weiteren eine Verarmung jüdischen Gemütslebens durch Verschwinden alles dessen, was .der jüdische Genius geschaffen hatte an frommen Heimbräuchen. Nicht zu vergessen die leeren Synagogen! , Trotz Orgel, Chorgesang und Choralimitationen. Trotz? . . . •’ [; Man darf freilich ’ nicht vergessen, daß die unter dem Druck eines falschen.- Liberalismus verdrängte jüdische Lebenskraft gerade hier in Schweden sich doch gleichzeitig immer einen bemerkenswerten Ablauf anderer, nicht zu unterschätzender Art geschaffen hat. „Liberalis“ hat ja wohl nicht 'direkt, keinesfalls ausschließlich mit Gottesdienst zu tun; das lateinische Wort bezeichnet unter anderem das Edle, Hochherzige, . Freigebige. Was auf diesen Gebieten besonders in der | Stockholmer Gemeinde seit langem geleistet wird, gehört zu den schönsten Ruhmesblättern in der Geschichte jüdischer Herzensreligion. Nicht nur, daß der Posten Armenpflege [im Etat dieser Gemeinde stets eine hervorragende R[oUe gespielt hat — wichtiger ist der wohl innerhalb der jüdischen Gemeinden Europas einzig dastehende Umfang, den die Stipendienstiftungen im Laufe der Zeit angenommen haben. Zahlreiche Juden, die heute angesehene Stellungen im Kulturleben Schwedens einnehmen, haben ihre Studien fast durchweg aus diesen Stiftungen bestritten, und künstlerisch oder^ wissenschaftlich wirklich begabte junge Juden beiderlei Geschlechts brauchen hier nicht bangen Herzens zu fragen:! wie werde ich mir während meiner Studienjahre weiterhelfen? Merkwürdig ist.. auch, daß in diesem alt-demokratischen Lande derlei niemanden erniedrigt. In den letzten 15 Jahren bat sich nun auch innerhalb der vorher behandelten Gebiete jüdisch-liberaler Betätigung manches geändert Die Stürme des Krieges haben auch das schwedische Judentum nicht unberührt gelassen. Zunächst Aufstieg und Niedergang einer Bewegung. /. Jheodoc dteeds ü^udutstaaf. Von AJexanjder Szanto. , Entwicklung und Verlauf der zianiitiichen Bewegung, Vielen ] hur lückenhaft oder gar nicht bekannt, tollen hier in gedrängter, aber antehaulidier Weite in' einigen Artikelnfdargeugteaerden.] Der heute tum Abdruck gelangende ertte Auf täte tauldert die ’ Atmosphäre, aut der heraut Theodor Herzl im Jahre 1896 . teinen mJudenitaat“ tchrieb und damit den Anttoß\zu einer . organiiierten nationaljüditdien Bewegung gab. > ’ I! Die Schriftleitang. „Nieder mit den Juden! Es lebe die Nation!“ j Eine fanatisierte Menge wogt durch die Straßen,- erregte Rufe. -aufreizende Gesänge ertönen, antisemitische! Blätter werden an.allen Ecken verteilt, die Druckmaschinen speien! zu Hunderttauscnden verhetzende Flugblätter aus j— eine Massenpsychose-wütet! Und irgendwo im Hintergrund reiben sich die Nutznießer vergnügt flie Hände-—. j / - Wosind wir? Im Deutschland der Gegenwart? Im Schatten des Dritten. Reiches [Hitlers? Nein, von ’einem.jranzi anderen „dritten Reich“ ist die Rede: von der [dritten -frän-| zösischen Republik. Der Schauplatz der Handlung ist Paris! die Zeit das Jahr 1896. j | : ' |; 1 . Alle reaktionären Kräfte!des Landes, Monarchisten und' Klerikale. Legitimisten uitd Bönapartisten, alle in der Vergangenheit [wurzelnden und die Vergangenheit! zurücksehnenden Elemente haben sich noch! einmal, zu einer großen Kraft-, probe gegen die Republik, zu; einem gemeinsamen [Ansturm' gegen die parlamentarische [Demokratie zusammengefunden.' Der General Georges Boulanger zwar, der durch! Oeffentlichkeit darauf? geradezu | fatalistischen ein — ja, 'auf der ent- Leute. die das Erbe des extremen Nationalismus seine beispiellose Agitation durch seine: Kriegsdrohungen Atem hielt hat bereits sein nicht nur Frankreich, [sondern! auch ganz Europa jahrelang in' .... . Leben rühmlos geendet Als gebrandmarkter -Hochverräter, flüchtig und verfehmt. hat er am Grabe seiner Geliebten -Selbstmord begangen. Aber die: von ihm begründete .Patriotenliga“ ist nach vorübergehendem1 Zusammenbruch, wieder auferstanden. Paul. Ddrqulöd'e! und Edouard Drum’ontj setzen das Werk des toten Nationalisten i.fort Und als gewiegte Routiniers haben sie einen neuen Akkord iin das Konzert der französischen Politik ' hirieingebracht: den’ Judenhaß.! Der Hauptmann Alfred] D r e y f u s ist ihr erstes Opfer! An der widerlichen Machi- 1 nation seines Prozesses .entzündet sich die antisemitische Hetze, die bald das ganze Land überflutet. _ Wie reagiert die republikanische Zunächst schwach und mit einem Gleichmut! Das kurz zuvor erfolgte Anarchisten-Attentat, dem der Präsident Car not zum Opfer fiel hat die gesamte Bürgerschaft in einen panischen Schrecken vor einer vermeint/ liehen; roten Umsturzgefahr versetzt Die Dunkelmäner können diesen Chock gründlich ausnützen.. Das[ Kleinbürgertum und die Großfinanz, die Bauern und die Rentner flüchten sich unter die Fittiche des Antisemitismus,, selbst ein Teil der Radikalen schwenkt in diese Front sebiedenen Linken finden!sich sogar Jakobinertums am besten bei einem aufgehoben glauben. Nur wenige erkennen die Größe der Gefahr. Noch zeigen sich fast gar keine Spuren! eines Widerstandes. [•■’■■ Und wie reagieren die'französischen Juden?[ Halb gleichgültig, uneinheitlich und' zunächst völlig ratlos stehen sie einer- Bewegung gegenüber, die, scheinbar gegen das Judentum gerichtet, in Wirklichkeit die Staatsform, die Verfassung bedroht. Aber allmählich entstehen | in den Köpfen einzelner Juden merkwürdige Gedanken, absonderliche Projekte. Die innere Unsicherheit wird schließlich" überkompensiert durch absurde Kraftgebärden. Und einem unter ihnen, der sich vorher seiner Zugehörigkeit zum- Judentum kaum [bewußt war. bleibt es Vorbehalten, auf die aktuelle Frage des Tages eine abrupte Antwort zu geben, die wider Erwarten 'ihre Wirkung weit über den Tag hinaus geltend machen wirdj Theodor Herzl, Journalist! Rechtsgelehrter und Schriftsteller; Verfasser ieichter Theaterstücke; und interessanter Reisebeschreibungen, lebt in Paris als Berichterstatter der „Neuen Freien Presse“. Der Fünfunddreißigjährige ist in politischen und literarischen Kreisen wohlbekannt und gern gesehen, ohne daß ihn jemand übermäßig ernst nimmt In seinem Innern ist irgendein Minderwertigkeitsgefühl wach"; dem starken Aktivitätsdrang steht das Bewußtsein entgegen, bisher keiner wirklich großen Idee gedient, geschweige denn eine solche begründet zu haben. | Da kommt die Affäre Dreyfus. Und der Mann, der bisher vom Judentum nicht viel gewußt von jüdischer Religion nichts gehalten, von jüdischer Geschichte keine Ahnung gehabt'hat entdeckt plötzlich seih jüdisches Herz. Mehr als das! Es genügt ihm nicht sich als Angehöriger einer verfolgten Gemeinschaft zu fühlen, sichin die Reiben der Abwehrfront einzugliedern — er muß sich an die Spitze stellen, er muß eine Fahne entrollen, er muß eine Parole für die Lösung der gesamten Judenfrage aufstellen. Die Judenheit leidet? Nun gut, man wird sie erlösen! Die Juden werden von fremden Völkern unterdrückt und verfolgt? Na, also, man muß sie wieder einmal aus Aegypten führen! Es geht ihnen schlecht in ihrer Zerstreuung in den verschiedenen Ländern der Erde? Sehr einfach, man wird für sie einen neuen Judenstäat schaffen! Daß der Gedanke nicht ganz neu ist, spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle, Daß Moses. Heß.-der „Kommunistenrabbi“, der [von Karl Marx so grimmig befehdete Romantiker des „deutschen Sozialismus“, schon im Jahre 1862 etwas Aehnliches geschrieben hat daß es bereits einen „Verein der Zionsfreunde“ (Chowewe Zion) gibt, daß Baron Rothschild zusammen mit Baron Hirsch eine landwirtschaftliche Kolonisation in Palästina betreiben — von alledem weiß Theodor Herzl nichts, als er sein Buch „Der Judenstaat“ zu schreiben; beginnt. Aber er geht ja auch von einem anderen Standpunkt aus an das Problem heran. Für ihn als politischen Publizisten - ist das historische Beispiel der europäischen Nationen maßgebend. Hat man nicht im abgelaufenen Jahrhundert gesehen, wie die Griechen, die Italiener, die Deutschen ihren nationalen Staat errichteten, wie mächtige nationale Bewegungen bei den .Völkern ganz Europas aufflammten?! Warum sollte man nicht etwas Aehnliches mit den Juden machen können? Und so schreibt Herzl kurz entschlossen: [ „Ich halte die j Judenfrage weder für eine soziale, noch für eiiie religiöse, wenn sie sich auch so und noch anders färbt. Sie ist eine nationale Frage, und um sie zu löseD, . müssen wir sie vor allem zu einer politischen Weltfrage machen, die im Rate der Kulturvölker zu regeln sein wird.“ Man lasse die Juden also, so wird in der Schrift weiter ausgeführt, als Nation auftreten. man schaffe für sie einen eigenen Staat! Schwierigkeiten? Der Buchschreiber geht leicht über sie hinweg! Die Frage des Territoriums ist ihm. gleichgültig, das Problem der Auseinandersetzung mit anderen Völkern (Araber) wird mit keiner Silbe erwähnt, über die Sprachenfrage macht1 man. sich ganz einfach lustig. Nur über die Finanzierung des Unternehmens verbreitet! sich Herzl des Ausführlichen. Und'noch etwas anderes liegt ihm am Herzen: die Verfassung des künftigen Judenstaates. Ganz unverblümt kommt hier die reaktionäre Geistesverfassung des Schreibers zum ~ Ausdruck. Die betreffende . Stelle : des Buches ist später ivon! seinen Anhängern verschwiegen, von seinen Gegnern wenig beachtet worden. Sie ist aber so charakteristisch, daß sie verdient, wiedergegeben zu werden. mm ■ i ■/M

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