Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 12 (1932-1933)
- Issue
- 3 (1.5.1932)
- Date
- 1932-05-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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m! Orfiatt her ^erdniauna für ha* tifterafe Judentum e.#. Bezugspreis: Vierteljährlich 1,50 RM. zuzüglich Bestellgeld. Einzelnummer 0,25 RM. Abonnements werden bei allen Postämtern angenommen. Anz'eigen nacb Tarii. — Bei Nichterscheinen'.Infolge: Streiks oder höherer . Gewalt besteht kein Anspruch aui Nachlieferung oder Rückerstattung der entsprechenden Bezugsgebühren. Sie „JüDWlbrailß 3eitanoH etfdjetoi um 1. nnb 15. jeöes monate. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin SW 11, Hallesche Str. 1 Herausgeber: Hanns Loewensteln und Willi Tisch Verlag ~ Schrlltleltung: George Goetz_•_ Eernrui: F 5. Bergmann 3358, 3359. . Bankverbindung-: Kreditverein lür Handel um Gewerbe e. G. m. b.H., Berlin N 24. Postscheckkonto: Jüdisch-liberale Zeitung: Berlin 227 64. Vereinigung für das liberale Judentum e. V.: Berlin 1370 69. Oft VtnMgmg für du Ubtml* Judentum äbtntlmml pur für dlifaügvi Aaftätz», dt* audrtidtUch ati ln Btna Naa*n odu ja thnm Auflnqt nrjott jtkvuatkhMt M, di» Vtnahnrimy. Mh godtrtm AjWct, Awmßfymfg md Yorttkityt trtciti»»» mttr dt Vtnmtwvfwq 6t RtMtfoi. ,Nrt 3 Berlin, 1. Mai 1932 12. Jahrgang Wer zerstört unsere jüdischen Gemeinden? Zahlen beweisen. Unter dem Motto: „Wer zerstört unsere jüdische Gemeinde?“ hat in der vergangenen Woche die Jüdische Volkspartei ihre Berliner Anhänger zusammengerufen: ihre Redner verkündeten wie üblich, an allem seien die „Liberalen und. Assimilanten“ schuld, die bewußt zum Abbau aller jüdischen Werte treiben und in der Gemeinde ihre Mehrheit mißbrauchen. Rhetorische Phrasen sind ibillig, und, das-wissen wir aus der allgemeinen Politik, jedem Nationalisten geläufig. Wer in Wirklichkeit ein "skrupelloses Zerstörungswerk betreibt, das wird aus der Praxis offenbar. In der vorigen Nummer berichteten, wir, daß die'Zionisten um des Wortlauts . einer Resolution willen (denn in.der Sache war man ihnen-1 entgegengekommen: das Geld — 2000. RM. für Angehörige des Hechaluz — wäre gezahlt worden) die Notstandsumlage des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden zu Fall gebracht hatten, so daß der Etat einen Fehlbetrag von 120800 RM. auiweisit Der Größe Rat war den Beschlüssen des Verbandstages notgedrungen beigetreten, weil sdnst überhaupt kein formgerechter Etatsbeschluß vorliegen würde. Aber bereits in der Ratssitzung war die Frage gestellt worden: wie nun wirtschaften, mit einem Fehlbetrag von' 120800 RM.? Im Verlauf der seither verstrichenen Zeit sind dann allerlei Pläne aufgetaucht, man solle die Gemeinden bitten, freiwillig die Notstandsumlage von -/>*> Prozent des Steuer-Solls an den Landesverband zu zahlen. Es liegt auf der Hand, daß derartige Pläne undurchführbar sind und vom Dezernentenkollegium abgelehht werden mußten: grundsätzliche. Bedenken rechtlicher Art standen diesem Gedanken entgegen; die Etatshoheit des Verbandstages durfte ebensowenig angetastet werden, wie umgekehrt das Dezernenten-Kollegiüm nicht dem Verbandstag die Verantwortung für seine Beschlüsse abnehmen konnte, und schließlich wäre auch durch eine derartige Bitte um freiwillige Zahlung desjenigen Postens, den die Zionisten wegen der Hechaluz-Subvention abgelehnt hatten, der Kampf um den Hechaluz in jede einzelne Gemeinde getragen worden, denn überall würden ja die zionistischen Vertreter für dfe Bewilligung einer freiwilligen Zahlung ihre .Bedingung gesteht, haben. — Nein, es gibt kein Mittel, den zionistischen Sabotageakt rückgängig zu machen; vielmehr kann der . Ausgleich für das Einnahmedefizit nur-durch Leistungskürzung hergestellt werden. , Wäre die ganze Angelegenheit nicht so überaus traurig, man könnte es eine amüsante Ironie nennen, daß der Schatzmeister des Landesverbandes, der bekannte Zionistenführer Kareski selber die Grundsätze für diese von seiner eigenen Partei verschuldete Leistungskürzung aufstellen und auch selber die Einzelvorschläge ausarbeiten mußte. Es-, wird allgemein Beruhigung hervorrufen, daß . . die Unterstützungen an leistungsschwache Gemeinden und i die Beamtenzahlungen keine Kürzung erfahren. Nichtsdestoweniger bleiben die ins Auge gefaßten Kürzungen katastrophal genug. Sie zerfallen in zwei Gruppen. Erstens wird der Rat von den Etatpositionen, die er:selbst vorgeschlagen hatte und die ungefähr den Zahlungen früherer" Jahre entsprechen, erhebliche Einbehalte machen (der technische Ausdruck lautet: er wird von der. ihm durch Verbändstagsbeschluß gegebenen Auszahlungsermächtigung nur teilweisen Gebrauch machen); und zweitens wird der Rat dort, wo der Verbandstag Erhöhungen vorgenommeri,' bzw. neue Positioneneingesetzt hat,: diese Beträge überhaupt nicht zahlen. Es liegt in der Natur dieser Beschlüsse, daß manche Position dadurch zweimal betroffen wird. Im: einzelnen: ergeben Kareskis Vorschläge, an denen sich kaum noch etwas ändern wird.'folgendes Bild: ■ ' *■ ' J Nicht zur Auszahlung gelangen von den bisherigen Etatpositionen folgende Teilbeträge: (Die nachfolgenden Positionen sind also um die daneben stehenden Beträge herab gesetzt.) Baubeihilfen und Darlehen.. ... 10000 RM. Rabbiner-Blldungsanstalten (Hochschule . Berlin. Rabbiner-Seminar Berlin.' Breslauer Seminar) 2S UOO „ Lehrer- und Kantorenbildung (darunter Jawnc- Köln und Seminar Würzburg) . '. . . . . .6000 ,. Wissenschaft des Judentums (darunter Gesellschaft zur Förderung. Akademie. Frankfurter Jeschiwah) . . . . ..; . 5 000 ,. Gemeinnützige Anstalten (darunter Jugendpflege, Sportpflege. Arbeiterkulturvereine). 3600 „ Wohlfahrtswesen (neben Einzelstipendien hauptsächlich: Zentralwohlfahrtsstclle der deutschen Juden, Hauptstelle für jüd. Wanderfürsorge) . 27 000 „ Wirtschaftshilfe. (darunte. Gastenbaasciiulv Ahlem. Lehrgut Rodges. Siedlung Groß-Gaglpw i und vor allem Darlehnskasscn) \ . 7000 ,. Besondere rituelle Zwecke (darunter die Sehäclitsehutzstclle) .2000 „ II. Nicht zur Auszahlung gelangen ferner folgende vom Verbandstag vörgeschlagenen neuen Positionen bzw. Erhöhungen: Zuschüsse an Rabblnatspraktlkanten (..Vikariatsjahr“) — neu — ... . 4 000 RM. Fortbildungskurse für Lehrer und Kantoren -fr Erhöhung — ■..| . . 1000 „ Jüdische Akademie — Erhöhung — ...;.. 1 000 ,. Gedebkbuch des R. i. F. für die Jüdischen Kriegsgefallenen — neu —.! . . 2 000 .. Jugendpflege—Erhöhung — 1200 .. ., Arbeiterkulturvereine — Erhöhung — . 1000 .. Weltverband Schomre Scbabbos — neu — . .1000 „ Förderung der Selbsthilfebestrebungen jüdischer . Erwerbsloser — neu —.. . . 5 000 ., Unterstützung des notleidenden jüdischen Mittelstandes — neu — ........ .1 . . 5 000 ,. Besondere rituelle Zwecke (SchächtsChutzstellc) — Erhöhung —.J . . 1000 ,. ■ Alle diese Beträge werden nicht jzur Auszahlung gelangen; sowohl die Zahlen als auch die Zwecke, für die sie bestimmt waren, zeigen, daß! lebenswichtige jüdische Kultur- und Gemeinschaftsarbeit durch den zionistischen Radikalismus an den Rand des Abgrunds geführt worden ist. Dabei ergeben " die aufgeführten Zahlen nur'einen Gesamtbetrag von, 110800 RM. Es werden noch! weitere 10 000 RM. eingespart werden müssen, .um einen Ausgleich für das durch zionistische Silbenstecherei. geschaffene: Defizit herzustellen; dabei werden auch Gehälterkürzungen nicht ausbleiben können. — Wir brauchen'nicht zu betonen, daß wir aufs tiefste erschüttert sind, das zahlenmäßige Ergebnis der zionistischen Terrorpolitik'vor uns zu sehen. Aber diese aufwühlenden Tatbestände können uns nicht davon zurückhalten, der jüdischen Oeffentlichkeit deutlich Antwort zu geben und vor allem der Jüdischen Volkspartei den Spiegel1 hinzuhalten, wenn sie fragt: „W e r zerstört unsere jüdischen Gemeinden?“ Noch weiß niemand, wie die betroffenen Einrichtungen und Anstalten ohne die oben genannten Beträge existieren werden. Jeder Wohlgesinnte! aber wird wünschen, daß es gelingt. Katastrophen zu verhüten. Und jeder Denkende, jeder Klarsehende wird seine jüdischpolitische. Tätigkeit darauf abstellen, den Einfluß der Jüdischen Volkspartei 1 zu zerbrechen, um das jüdische Gemeinschaftsleben zu erhalten. Beachten Sie die Voranzeige des 1. Abends der^lddisdi-liberalen Zeitung* auf der. ersten SeHe der Beileget Vom andern (Jfer. Der Seder als Aufklärüngsmlttel. Von lls-e Leutz. Die Eindrücke meiner Kindheit und Juge’---1 slni etwas weltfremder und einseitiger Art gewesen: ich bin in’ einem von Kaiserswerther" Diakonissen geleiteten, in jeder Hinsicht streng konservativen'Stift erzogen wbiden. Romanlektüre war für uns heranwachsende. junse Menschenkinder verpönt; die Bibel gab man uns unbi denklich in die Hand. Der Inhalt des Neuen. Testamen s war mir von Schule und Kirche her geläufig. Ueberdh s war ich kaum genügend reif für j.seinen geistigen Gehalt, um zu freiwilligem Eigenstudium in Mußestunden bereit zu sein. Anders das Alte Testament! Ichwurte nicht müde, mich in die fremdvertraute Welt, die iih lesend betrat, zu versenken. Ich wurde heimisch in der orientnahen Mittelmcerlandschuft, j heimisch in_den ve - sunkcncii Tugen, in denen Salomonis Tempel noch n Herrlichkeit erstrahlte. In aller Stille entwickelte sh h iii mir, die ich keine Ahnung von . Rassengegeusätzi n. und dem Komplex damit zusammenhängender, heu :e brennender Fragen hatte, eine seelische Wahlverwant tschaft mit dem Orient, dem ich an und für sich fremd bi n. Man wird mir nach'dieser Einleitung, deren Län:;e ich zu entschuldigen bitte,- hoffentlich glauben, daß i :h die Einladung, den diesjährigen Sederaöend im Rahm m einer vom Liberalen Verein für die Angelegenheiten dir jüdischen Gemeinde'veranstulteteri Feier zu verbringt mit einer innerlieh tieferen Anteilnahme-Bereitschaft bloßem, wissensdurstigem Interesse angenommen liafy Und ich bin nicht enttäuscht worden! Allein der Gesa ig des Kiddusch wird mir unvergeßlich bleiben. Vielleicht mag!;tfsich (Jer Jude, der diesen'vom Kantor gesungen iQ, Segeil über die zu genießende Speise hört, nicht kl ir. wie stark die Wirkung auf einen Fremden , sein mi ß. Wir waren eine fröhliche Fcstgcmeinschaft. die pkudernd um blumenguschmücktc. von Kerzen beleuchtete Tafeln saß. Mit .einem Schlage , befand. man sich einem geweihten Ort. Wir anderen, wir Christen, si entweder im Hause Gottes "— oder im eigenen, profan|cn Heim. Dem Juden wird sein Heim.zum Tempel jedem Sabbath ersteht in jedym einzigen jüdischen Haifad der Tempel Zions neu! Die Freunde, in deren Gest «- schaft ich mich befand, erinnerten sich vergangener Scderabende im Elternhause. — und jetzt erst Avur Je mir richtig klar, daß die Feier, an der ich ttßmehinen durfte, nur ein schwacher Abglanz: des im. i I i e L n, i iS kreise verbrachten Festes zu sein vermochte. Alle, e. EINLADUNG zur ordentlichen Hauptversammlung am 22. Mai 1932 in Berlin / Die Hauptversammlung findet am; ' . .., i Sonntag, 22;'Mal, vormittags lö llhr, Im .Kaiser-Hotel*, Frlodrldutrago 178 - (Nahe Untergrundbahn Frledrldutedt), statt. -Tagesordnung: ■— ’ 1. Geschäfts- und Ftnanzberlcbt 2. Entlastung des Vorstandes & Neuwahl des Gesamtvorstandes - 4. Neufestsetzung des Beitrages . 5. Aussprache über die künftige Verbandsarbei! 6. Anträge und Verschiedenes . Die Tagung ist als rein geschäftliche Verhandlung gedacht ’ Anträge mdssen bis zum 15. Mal ln unseren Händen sein TelloahmeberecbUgt an der Hauptversammlung sind slmtllcho Mitglieds ' .der . Vereinigung für das liberale Judentum E. V.“ und ihrer Ortsgruppen sowie .die Mitglieder der Jüdisch-Ilbeialcn Juceadvertriue. Auswärtig« Elnzelmltglledcr können sich durch Abgeordnete vertreten lauen* di« soviel Stimmen abgeben dürfen. als der Zahl der von ihnen vertretend Mitglieder entspricht. § 7/Abi. 4 3 und 4 unserer Salzungen» lauten In dex Hauptversammlung bat Jedes Mitglied eine Stimme* Das SUmm recht von Mitgliedern der Ortsgruppen wird durch diese ausgeflbt. Jedt Ortsgruppe bet soviel Stimmen wie Mitglieder, Die Ortsgruppen iia< berechtigt, ihre Stimmen unter ihre Vertreter zu verteilen, - Jeder der .Arbeitsgemeinschaft Jüdischer-liberaler Jugendyerelm Deutschlandst ngehörende liberale Jugendverein bat soviel Stimmen als ihm Ober 16 Jahre alte Mitglieder angebören Die Legitimation, der Delegierten wird von-der Versammlung geprüft Die Vorstandsmitglieder babeu als solche, eine besondere Stimme, ’• Die Anmeldunzen zur Teilnahme .an der Tagung bittet wir . bis zum 15. Mai an die Geschäftsstelle der Vereinigungfür das liberale Judentum, Berlin SSf ti Hallesche Str. 1, zu Hcbten. : Vereinigung für das-liberale Judentum £V.! sez. Rechtsanwalt Heinrich Stern-, Vorsitzende * J