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Jüdische allgemeine Zeitung · 1936-08-26 · 35 (26.8.1936) · page 2

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Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
16 (1936)
Issue
35 (26.8.1936)
Date
1936-08-26
Page
– (sequence 2)
Language
German
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reuige Juden hielten, für ihre Weitsichtigkeit hätte j eher die Erkenntnis gesprochen, claln viele Wälller mit 1 der Abgabe ihrer Stimme, zugleich ihre jüdische» l'flii-hteii für die klimmenden ■ vier Jahre abgegolten haben und in Hulie gelassen werden wollten. Immerhin, falsch wäre es zu liehauplen, daß es '/.wischen dem religiösen Liberalismus und seiner Wählerschaft nicht auch eine i d e e 11 e ■ Verbindung gegeben hätte. Sie bestand in einem stillschweigenden Einverständnis mit seinen realen Voraussetzungen, nicht aber immer den refigiösen Forderungen. .Man applaudierte «lein Zeit- ' geist. Insgeheim meinte mau vielfach die Emanzipation. Durch nichts läßt sich der heutige Verlust seiner Popularität einlacher erklären als durch ilcn Verlust der bürgerlich-politischen Situation, in der der religiöse Liberalismus entstand. Der soziologische flinler- "gnuid ist eingestürzt. Indessen, was wahrhaft Stütze und was nur Kulisse ist. vermögen nicht die Zuschauer und Nutznießer, sondern' nur die Konstrukteure und die handelnden Personen selbst eindeutig zu beurteilen. Allein der religiöse'Liberalisnuis scheint selbst kein ungetrübtes Auge .mehr zu besitzen. Als eine von der Politik begünstigte, wenn auch nicht autorisierte Erscheinung des jüdischen Lebens, hatte er die Gtuist der Masse, geschmeckt und wollte sie nicht mehr verlieren. So entstand das Dogma von der Assimilation an den («eist der Zeit. Waren das Zeitalter der Aufklärung, die französischei Itt-vohitiou. die l'cr- Iüicr Salons der (»eist des \H. und Ii). Jahrhunderts der aktuelle Anlaß für die Entdeckung des religiösen Liberalismus, so schien der Zeitgeist schlechthin nun mehr zum prinzipiellen der lleform im Judentum werden zu wollen. Im Zeitalter des Nationalismus scheint der Zionismiis die konseijuente Konzession an den Zeitgeist. lici alldem soll keineswegs behauptet werden, daß ilie religiöse Reform im Judentum nicht auch ihre historischen Gründe hat. Mendelssohn ist so gewiß ein Schüler von Lcihniz.und Locke, der Aufklärung, wie Philo ein -solcher von'Plato. des Hellenismus ist. Auch die religiöse Reform vollzieht sich bei aller Eigenständigkeit ■ lies Stoffes in intimer Wechselwirkung mit den kulturellen Kräften der Zeit. Entscheidend ist aber die Frage nach dem S e Ii w c r p u n k t. Die Frage nach der Legitimität einer Reform ist die Frage nach der ökonoinischcn'Verteilung ihrer Elemente. Was;überwiegt? Die Sorge um die Möglichkeit einer. ungebrochenen jüdischen Existenz wird Eifer für die 1 Erlangung einer ungeschmälerten politisch.cn Existenz. Wer das -zweite will, der ist geneigt, in der Sicherung seiner politischen Existenz die allein seligniaehcnde jüdische Aufgabe zu erblicken. Mit der Mehrzahl der Zionistcn und. jener Juden., die aus politischen Gründen auch .,religiöse Liberale" waren, denen die Form ihres jüdischen Lebens die Konsequenz ihrer politischen . Meinung war, gerät er in die Versuchung^ die politischen Hintergründe mit dem eigentlichen jüdischen Drama zu identifizieren, die Frage seiner politischen Existenz für eine jüdische zu halten. Man kann ilie Entwicklung des religiösen Liberalismus, aber auch die des politischen Zionismus unter dem Gesichtswinkel dieser falschen Identität von objektiven Zielen und subjektiver Zielstrebigkeit verstehen. Heide, der säkularisierte ..Liberalismus" in der Form der Gemciudeparlei w ie in der des Zionismus - sind nicht denkbar ohne das po-litisr-he 20. Jahrhundert, aber auch nicht-ohne das. Ii). Jahrhundert, das die Politisierung selbst des von Geburt aus Unpolitischen eist ermöglichte. Die Frage wird an den religiösen Liberalismus gerichtet, w a s er n u u tu e h r z u tun g e «1 c n k t. Es ist seine Lebensfrage. Soll er sich aus deii Bezirken, in denen heute über'den jüdischen Alllag beschlossen wird, völlig zurückziehen und sich nur [noch dem Sehabbos und dem Festtag widmenV Keinesfalls! Eine solche Parole würde vermutlich weder praktisch sein, noch wäre sie grundsätzlich' zu billigen. Die Trennung von Religion und Leben (und. auch Politik ist: Leben!) ist zudem im Jüdischen nicht statthaft. Theoretische lleform ist nutzlos ohne praktisches Beispiel, ohne Verwirklichung. Es bleibt noch genügend an Arbeit zu tun, was'von der Anfangszeit des religiösen Liberalismus her seine Bedeutung hat. Es ist dem religiösen Liberalismus der vergangenen letzten Jahre nicht zum Vorwurf zu machen, daß er jüdische Politik getrieben hat. aber er ist ihm sehr zu verdenken, daß er sich mehr und; mehr auf . <liese Tätigkeit spezialisiert hat. Er ist der;Masse, die ihn zu \ erlassen drohte, nachgelaufen. Er hat sich „populär" zu machen versucht, z. B. dadurch, daß eisern mit den Tagen von Ztmz und Geiger beträchtliches kulturelles Niveau auf das Fassungsvermögen einer wissenschaftlich ungeschälten und größtenteils auch uninteressierten Anhängerschaft herabzuschrauben — versucht hat. Diese Spekulation a la baissc hat den Jieifall aller derjenigen Anhänger gefunden, denen der religiöse Liberalismus, namentlich in den Äußerungen seiner prominenten Interpreten stets-,.zu hoch" gewesen ist. Andererseits fiel es seinen verschworenen Gegnern, besonders wenn sie ihrerseits ein -wenig Niveau besaßen, nicht schwer, gegen die klassischen Argumente im religiösen Liberalismus zu polemisieren und seine Kronzeugen bei all denen von seinen Freunden "zu verdächtigen, die sie selbst nicht recht verstanden. Allen Angriffen gegenüber, die mit beson- THEATER, KUNST? LITERATUR In il-r Aiifliiliiuti-i tltj- ..(i o I <1 v n n n Kill cc' an *Ur Itt'ilinrr Ktilttiilinndljulitii' uirknt nüt: WuIIVauii tUruslriti. Martin Ünmill.- Martin ni;»«ifl, Nikulai Klja-cliuff. IIitIutI GrüiiLaiim. Wnlilii-r Ih-iz. C,ft,vi Jiituli-oJin Jolitr. Alrxaiulrr Kanliui. Fritz .Linn, SiüMiinrl NimW;:. Willy l'r;i»i*r. \V;jlier Oützki. Sifjifrird i Li-;«.-.. Fritz W L-ini. .It'itny hVnMein. Fnia VaAuu (Jcnla Klirin. - * -! Im \\u-v \*>\i ~M. .fahren Marlt ju Pari- Km«' K <t \ a I. il'-'r >ifli;tU fJpi-i'■Itcinlar.-H^Irr ilurrli tlir Srliaffnn^ Wno fj.üriK'ii (»cnivh i-inf dein .<><-hii'l <I<t Ojirri'ttr i:n;f «I<t KlnnkiuM ciiiiii Namen ■jniKielii hat.!>ir lSei-ei/unt; faml inilr-r -larker Itel.'ilinuni: der t)(IViii(irlik*it;ml dem IYi"*U«if l'eri: I^i< Uaire^laU. * i .In der A:ill"fiiiniiui der ..(', n I d <? u c n K e t t e" \o» IYViv. I führt Dr. Lnl/. \\ *• I l in a n n die Hc»ii\ * |)r. W <!lin;uui war als! l>iainaitn *j. und Spielleih'r .-cliun in Hrrliii an den HarninvskyjUünnvti -*»\iir rijii iVni-riicii \'«dk>tliealt"r in Wien täliü. Di;: ^zuii-rlie An--iji|liii!^ lii-iil in den Münden <\mi Urin/. ('oiuU'II. . * Itiehard T a n Ii e n unrdtnU $oIisl für da* nMc Calakoii/.-.-ri;im Lini(hnn r ( n\<u( (iardni-Theaier \erpfliehtet. \\; Ielu^ ti'.iier ih in Fi tili ktm al Köllig Fdnard> .-tattfindet. * : Uhüo IIii>elis ()heieUe ..Dir. tolle Lola" e. hhte ihre Sehueizrr Fi>laufft'iliriiiiu am |fa?i'Irr Kfiehlin-'niejiti-r. * ..\) i e Ji 1 v v in vier A it f z ii ü <* n" liell.it -ine Operette ■\nii Dr. Lej» Siran.*.. - "nmi Huhn des K(iiii|>nni>len O-Lar Sir;uir. zn «Irr Kndnlf .Nelson die Mu-ik..-clireiht. * Dvr er;-lt: jialä.-linenMscIic Jieln äiselic Tonfilni ..(I i I> <> r y j Halali in" 'Helden der \Vo»eu) iVt M»;-|>en von der M.M.-Fümftesell.>.elial't ferti»»eBiilh wonlcn. Im .Miltelntinkt der Handlung des unter der L'eitimj; de» früheren lierliner Filmre^inscnr .Max Mack jrvdrelilru FilniH steht die Liehe eines städtisehen Lehen.sletlers \<itn fiir;inde von Tel Auiw und die Eifersucht eines XVhenhnhIrrs. Die Tel Awiwer-Sladtverwnltuiiir, der Hole Ma»en David. Tel Awiwer I*oli/islen uml städtische 'Leliensretter* hatten sicli als Mitwirkende zur Verfügung gestellt. Hemerkeiiswert siml die Unterwas.seranfiiahinen des FilinsT Der neue Tonfilm roll den . Ite^hm einer umfanjit-eiehen TonfilmjtrfMhikliiHi I'uläälinasi ilarste Hrn. Als näehstes Werk ist ein gm lief kunstleriseh-musikaliseher Film unter dem Titel ..Tel Aiviw — die Symphonie einer jüdischen Stadt", in Aussicht jicnonimen. Die Hauptrolle m>I| ein berühmter jüdischer Cei»cr .spielen. Die neue Leitung des Jüdifchen Central-Vereins Nachdem die, Satzuutrsänderunjien .des C-V. durch Eintrojiti»^ in das \ereiiisri-»jster leehtsMirksmii jjewoi'den ühid, ist die Leitung des Vereins vom Ilanptvorstand neu gewählt \vorden. Vorsitzender wurde Rechtsanwalt Dr., II e r z f e I <1 - Essen, der bisher ßteUveitreter dek Vorsitzenden gewesen ist. Die Herren. Dr. Rudolf C a 11 m a n n - Köln, Dr. Jlndnli' G e i g c r - Frankfurt jt.^L, Emst W a 11 a e h - IJerlin und Dr. Bruno Weil-Berlin sind, wie hirher Stellvertreter des \ orsitzenden. . * Dvr Arheitsaussehufj .hat mit Zustimmung des liauptvor>taudes zu - L'nterstützung der Gesdiäftsführuni; einen Beirat "cw-ühh tler-uu> dem Präsidium und folgenden Herren besteht: dr. Hau-. Friti Abraham-Berlin, Dr. Kurt A1 e x an der- Krefeld. Dr Friedrich Brodnitz - Berlin, Dr. Franz Eugen Fuelis -Berlüi Dr. Etieh Kry-Bieslait. Dr. Otto U i rs e h - Berlin, Dr. David Krombaeli-E^en, Karl L Ö w e n e te in - Aachen, Ferdinand S a in o j e - Berlin, Bahbiner Dr. Manfred S w a r s e n s k y - Berlin. Zum Vorsitzenden des \ erwaltungsausschusscs, d^-r in dieser Eigenschaft an allen Präsidial- und Beirais^itzinigeu teilnimmt, wurde Alfred P n n o fs k y - Berlin .wiedergewählt. Dkgesehäftsfuhrendeu Syndiei Dr. Alfred Hirsehherg und Dr. ^lans B c i c Ii - m a n 11 >ind in der Eigenschaft als ermächtigte Svudiei bestätigt winden. Ein Betraum in Groß-Breefen Eimveiiuings-Cutte.-ilii'i^l auT ilcni jüiliseiicn. Aiiswaiidcruiigs-Lclirgiil .Nailiiliin die Iwinlululi \'crän<li'nnigcn im GublKlus \tiil (I r o 15 - It ro <• 5 c n in -Sclilc-ic», die zur Aufnahme vua 1JU au»/.iiliil([eud<*ti jungen Menselieu erforderlirll waren, )>eendet sind, konnte der wtjieiianiilc;.stille It a u m". der sowohl für die -Alihallini^ Ann Cotlesdirnsten. aU iuieli für die geistige Arheit tler. (;ul?insa»en jreseliaffen wurde, seiner Bestiininung fibergeheu werden. Kill zweekmiiWg au^e^tatleter, sehflner lichter ltuiim mit <in«-m tiefliegenden lü'üer, in dem der Torasehreiii und das \nilielernult nnlerj;elirar!it sind, ist in würdigster Weise mit «inraehsten Mitteln ausgestattet worden.- Kr biefet etwa 80 Personen Platz. An einem der letzten Sonnabende fand der Kiiiueihun^s. (latlesdienst auf GrolA-Ilreesen statt, l»ei dem die Torarolle inner llannoniiunspiel dureh zwei Mitglieder der Auswnmlerersehnle, . in feierlicher Weise eingeführt wurde. Die Ausgestaltung des' Gottesdienstes hatten, die.jungen Leute völlig selbständig, varliereitel. Die feierliche Andacht, in deren Mittelpunkt die Wirlesung aus der Tora das Mussafgcbet standen, gestaltete sieh für alle Heteiligtcn zu einem religiösen Erlebnis und ließ erkenn.'», daß die auf Groß-Breescn um ihre IiertifliciRvZiikimft ringenden jungen Menschen auch entschlossen tmd gewillt sind, eine religiöse Cbcrliefcnmg mit ins f.eben hinailszunehmen. die nicht im Dogma erstarrt, sondern ans dem Empfinden 'und dor geistigen lünslellung-jedes einzelnen heraus in harmonischem Zusammenklang zu einem in sich geschlossenen religiösen jüdischen Gemein- Zahlen ans Wien Wien. Die Israelitische Kullusgcmeindc*/"£ilit;Ziffcrn über - die Mcvölkerungsbcwcginig in der Gemeinde bekannt, die die charakteristischen .Merkmale der mitlclcuropäiseheii .ludenlicit zeigen: Die Zahl der Geburten sinkt beständig, die Todesfälle steigen. So betrugen die Geburten im Jahre U125 noch 2191, iiii .Tahre P.I35 dagegen nur noch 733. Die Zahl der Todesfälle bclief sich im .hdire 1925 auf 2497, im Jahre 1933 anf 2815.. Der - natürliche llcvölkcrungsabgang Iiclmg im abgelaufenen Jahrei licrcits 2U80..Scclcn. Die EliesehliefJmigcn, die seit den Inflatiousjahreu stark zurückgegangen waren-, sind in d,cn letzten drei Jahren etwas gestiegen.- Gegenüber nur 1065 Eheschließungen im Jahre 1932 gab es in den darauf folgenden Jahren 1933." «lerer Vehemenz in letzter Zeit etwa gegen 'Hermann Oihcn und gegen alle diejenigen vorgcmllt wurden, die das Jti<Ientinn angeblieh ..konl'essionalisiert". .,S[iirittialisicrt", -.rationalisiert" und ..protestantisiert" lialicu. allen diesen Angrjfren gegenüber, die Von ernsthalteii Tlieulugen, Politikern und -Ignoranten vorgetragen wurden, fand sieh kaum eine Stimme der Keelttl'ertigung. Der Liberalismus war-zu'eingeschüchtert, alicr — bedauerlicherweise! — nur auf dem ihm eigensten Gebiete der religiösen Forschung. Um so mehr versuchte er,-diese Schwäche auf dem Gebiet jüdischer Politik .auszugleichen. Zweifellos hatte er hier Erfolge. Aber das Entscheidende war. dalJ. die Leistungen des Gemeindeliberalismus in der Erfüllung von Forderungen bestanden, die von dem religiösen Liberalismus von ehemals nicht nur nie gestellt, sondern denen er sieh — gleichgültig, ob es sich um die jüdische Schule, den jüdischen Sportplatz öder die jüdische Schachecke handelte — stets mit Entschiedenheit und seinerzeit auch mit Berechtigung widersetzt hatte. Zu allen Vorwürfen kam nun noch der des Plagiats hinzu. Der Zionismus konnte deshalb mit einem Schein von Hecht erklären, dals die Leistungen der liberalen Genicindepolitik niemals früher auf liberalem Boden gewachsen wären, mit weniger Recht freilich. dai> sie mir von zionistischer Seite inauguriert wurden. Die Einrichtung -'jüdischer Schulen, jüdischer Theater, jüdischer Bildungsstätten lag in der Luft. Sie waren Notwendigkeiten für die Allgemeinheit und längst kein Parteiprogramm mehr. DalJ die .Männer des religiösen Liberalismus sie erkannten, war ihr persönliches Verdienst, aber für den religiösen Liberalismus keine sachliche Legitim a t i o n. Dazu war heute seine Existenz nicht vonnölen. Wenn trotzdem von liberaler Seite vielfach das Gegenteil behauptet wurde, so hatte man das . peinliche Gefühl, dalä der religiöse Liberalismus mit llilfe der Politik ..aufgefrischt" werden sollte. Man wollte ihn gewissermaßen wieder ..salonfähig" machen. Zum Beispiel ist das Interesse für Palästina auf liberaler Seite so lauge durchaus legitim, solange es ein soziales und religiöses und kein politisches ist. Aber der Baum, der dieser Sorge auch in der W orld Union bei. der letzten Tagung freigemacht wurde. lälSt fast das Gefühl für.die rechten Proportionenverjnissen. , » N im allen Vorwürfen, ilie gegen den religiösen Liberalismus heute erhoben werden können, bestcjit einer zu Hecht: Der religiöse Liberalismus ist verpolitisiert. Das Prinzip des religiösen Liberalismus ist aber nicht die Politik und darf es niemals werden. Der religiöse Liberalismus ist deshalb keine Angelegenheitder jüdischen Masse. Darüber muß er sich nicht nur stets im klaren sein, er muß auch bereit sein, im gegebenen Augenblick auf die Gunst der Masse verzichten zu können. Das hat er bislang nicht gekonnt. Er hat verlernt, nein zu sagen. Ein klares deutliches Ncinl' das nicht hier ein Nein, dort ein halbes Ja und an dritter Stelle ein ganzes ist. Der religiöse Liberalismus muß sich darüber klar werden, daß ersieh tundurch sich selbst legitimieren kann. d. h. nicht durch die Zahl seiner Anhängerschaft, sondern durch die auf seinem klassischen Boden gewachsene eigenständige Leitung und Leistung. Das Entreebtllctt des religiösen Liberalismus in das. Judentum der Neuzeit war zuerst die .Wissenschaft des Judentums und .'die Beform tles Gottesdienstes. Beides, eines nicht ohne das andere. Nur eine wissenschaftlich fundierte Reform und nur eine verwirklichte lebendige und lebensnahe Wissenschaft sind legitim. Es ist der Unscgen zeitgenössischer Reformen, daß sie ohne ernsthafte und wissenschaftliche Begründung exerziert werden kraft einer Inspiration, die oft aus ganz anderen als religiösen Bezirken stammt. Zuweilen liegt auch leere Betätigiingssiicht vor. Auf der Tagung der World Union sah es bisweilen, so aus, als ob der Liberalismus, nachdem er das nieisjte abgeschafft hat, nunmehr wahllos-beginnt, allmählich wieder alles anzuschaffen. Die Parole, die der religiöse Liberalismus einzig und allein, heute Wie immer abzugeben hat, kann nur lauten: Zurück zti echter Forschung und von tlcr echten Forschung zur echten Verwirklichung! Der .religiöse Liberalismus, der heute, um seine Existenz ringt, und die World Union for Progressive Judaism. die in diesem Kampfe seine organschaftliche Vertretung ist, müssen;sich über die aus dieser Erkenntnis erwachsenden Aufgaben klar werden. Sie sind nicht an ein Land, nicht an eine Zeitepoche und nicht an eine Methode gebunden. Es kommt nicht darauf an, es anderen Richtungen gleiclizutun und ebensowenig, anderen etwas entgegenzusetzen. Der Liberalismus empfängt seine Aufgaben aus sich selbst. Den Gegner mit den eigenen Waffen und auf eigenem Feld zu schlagen, ist eine politische Taktik! Wenn sich der politische Zionismus als sein Gegner gebärdet,, so kann es nicht die Sache des Liberalismus sein, seine politischen Offerten _ noch politisch zu überbieten. Die Behauptung des politischen Zionismus aber, daß Erez Israel der religiöse und kulturelle Mittelpunkt der jüdischen Welt sei, wird durch keine Gegenbehauptung entkräftet, sondern nur durchLcistuii!;. Der religiöse Liberalismus muß seinerseits für Neuschöpfungen sorgen, deren Wert und Existenz nicht durch politische Agitation ausgeräumt werden kann. - „ .

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