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Jüdische allgemeine Zeitung · 1936-08-26 · 35 (26.8.1936) · page 1

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Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
16 (1936)
Issue
35 (26.8.1936)
Date
1936-08-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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_____IN 26. Augus£l»a6 ßlffhki-^&^ßäi^ PREIS 2S PF, Nr. 35 / 16. Jahrqan« JÜDISCHE AUGEMEWE Schriftleitune. und Geschäftsstelle: Berlin-Charlottenburg *_", Blelbtreusiraüe 2. . C1 Steinpl. 3703. Bankfc.: KredlWereln \. Handel u. Gewerbe eGmbH, Berlin N 24. Püstscheck-K.:BerIin 25720 — Bezugspreis: RM. 1,— monatlich (zuzügl. RM. 0.10 Zeituncflfrehühr uod Bestellgeld), bei Streifbandreriand zuzügl. RM- 0.30. Verlas: Verltw*«emi*ieiu-cuaft m UeiiuculaoU ana&witfer Juden tu Berit« eümtill.. Hlo.-Clmrluttenl.urtf 2. Weiht reiutr. 2. Aotaigeopr.: Dia 12ew> mm - Zeile Rpl. S. hir rumilienanzeii-eq Rpl. 6. Iiir Stetlcnnesuche Rpl- 5 Bei unverschuldeter Nicbtbe'ieferuag bMteht kein Anspruch auf V«rgdtuog- NEUE FOLGE DER JODISCH-LIBERALEN ZEITUNG Um die Zukunft des religiöfen Liberalismus Von HEI*/ KELLERMA\.\ Der religiöse Liberalismus befindet sich in einer Lage, die nicht nur von seinen Gegnern, sondern ebenso" sehr \ on seinen Freunden bis zur Erschöpfung als .kritisch bezeichnet wird. Von übelwollender Seile wird sogar bemerkt, daß er sich —- zumindest in Deutschland — mit Hille eines kraft Dauer und Gewöhnung eingeübten Organisationsbetriebes am Leben erhält. Die liberale Organisations-Dvnastie verdanke ihre unangefochtene Beständigkeit lediglich der Gleich-' gültigkeit nicht etwa der Zustimmung einer Öffentlichen Meinung, der andere Fragen des jüdischen Lehens bedeutend wichtiger seien als die der religiösen .Formgebung. „ . Zweifellos, der religiöse Liberalismus genießt nicht die Gunst der jüdischen Menge.' Das ist im Zeitalter der Massenbewegung eine hochwichtige Erkenntnis. Die Frage ist, ob man in ihr lediglieh eine politische Kuriosität oder aber einen kulturellen Wert erblicken will, und die zeitgenössische Tragödie des liberalen Judentums liegt darin, dali die allerwenigsten selbst seiner Anhänger auf den Gedanken der zweiten Alternative bislnug gekommen sind: Mangelnde I' ii [i u I a r i t ä t bedeutet aber nie hl unbedingt auch ein ideelles Defizit. Daß 'die Erkenntnis seiner' kulturellen Mission nicht zum Gemeingutv des religiösen Liberalismus geworden ist. hat seine tieferen historischen Gründe. Der religiöse Liberalismus hat stets unter dem Fluch einer falschen Identität zu leiden gehabt. Als er vor 150 Jahren den europäischen Salon eroberte, verdankte er seine Anerkennung, ja mehr noch: seine derzeitige Form, zweifellos einer geschichtlichen Entwicklung, die mit Religion nicht unbedingt zu tun hatte. Der religiöse Liberalismus hatte den Zeitgeist für sich, und in der Luft der ..philanthropischen Freiheit" lernte er "nicht nur zu atmen", sondern sieh weitgehendst mit dem Zeitgeist zu identifizieren. Die praktische Folge war, daß sich der Politisch-Liberale gleichzeitig für den Religiös-Liberalen hielt und seine bürgerliche Emanzipation nicht nur zum Anlaß seiner Kmanzipatiou \ »in .ludculiuii (fort" nahm, sondern beides miteinander vertauschte. ltcligiösc Freiheit war ihm Freiheit \ o n der licligion. religiöser Liberalismus war gleich religiösem indillerentisuius. — Unter dicrer \ erwei hshiiig bat der echte religiöse Liberalismus am allcrschwersten gelitten. Die \ crdürhligung als ..minderes Judentum" kam von dorther jmtl seine Verfluchung gleichermaßen. Dieser Entwicklung würdevoll liberaler Seile her selbst Vorschub geleistet. Diel'olitisierung des jüdischen Lebens rückte die Kehillah. die ..menschliche .Gemeinschaft um Gottes willen", iii die gefährliche Nähe einer öffentlichen Körperschaft politischer Selbstverwaltung. ■ ' In einer solchen Institution konnte sich der religiöse Liberalismus'durch seine wissenschaftliche Tradition allein nicht legitimieren, liier galt der Stimmzettel. So kam es. daß der religiöse Liberalismus, wollte er seine unpolitischen Forderungen durchsetzen, sich politischer-Methodik bedienen mußte. Diese groteske "Strategie trug ihm neben allen bisherigen Nor-' würfen nun aiich noch den der heimlichen liuaufrichtigkeit ein. Denn der religiöse Liberalismus sanktionierte vor der jüdischen Öffentlichkeit die religiöse Indifferenz, indem er sich mit ihr' politisch verbrüderte. Die falsche Identität m>i> ideeller - Forderung und politischer Itücksiehtnahme charakterisierte den inneren Widerspruch zwischendem. religiösen . Liberalismus und seiner Anhängerschaft. Über diesen Widerspruch waren sieh viele nicht im klaren. Es.macht der Gutgläubigkeit mancher' religiös-liberalen Führer alle Ehre, wenn" sie diejenigen, die sie mit dem Stimmzettel' für die Gcmeindewahlen bewaffneten, auch -für bekehrte und Eugen Tannenbaum zum Gedächtnis Noch können wir" Worte nicht finden, die unsere Empfindungen aussprechen können. Zu grauenhaft plötzlich ist eiii volles Lehen daliingerafft worden, ist ein lieber Kamerad und Mitarbeiter uns genommen. Mit dem erschütternden Gefühl unserer Ohnmacht stehen »vir an der Bahre eines Menschen, den wir lieb hatten. Das ist bei Männern, die miteinander arbeiten nicht so. daß man sich von seiner Freundschaft zu erzählen pflegt. Am Anfang, als Eugen Tannenbaum neue spezielle Probleme des religiösen Liberalismus unserer Zeitung übernahm, haben wir wohl tätlich mehrere Male miteinander verhandelt und bis ins Einzelne uns ausgesprochen. Je mehr er in das Wort hineinwuchs, je sicherer er wunde, desto seelischer wurde seine Gründlichkeit, das Herz enthüllende Aussprachen. Und doch wußten wir. es sitzt einer da, dem dieses Werk sein Werk ist und der nach anfänglichem Tasten auch vom Jüdischen her seinen festen Standpunkt gewonnen hatte. So konnte man ihm vertrauen und wir haben " ihm vertraut. Eugen' Tannenbaum, der aus der allgemeinen Journalistik zu uns kam, hat sich bewundernswürdig schnell in Eüuclfrügen eingearlteUct. Das aber ist die Sache jedes großen Menschen. „Was mehr war": daß er das Steuer der Zeitung nach einem bestimmten Ziele, hinlenken wollte. Er empfand, obwohl er die Zeitung _ einer Ixistimmtcn jüdischen Richtung führte, durchaus gesamt jüdisch, fühlte die Einheit des Judentums und stellti* mc hoch ül»er das Partcigctriebc. Er halte Verständnis für du*. Umfassende jüdischer Religiosität, und wußte, daß über alles Trennende und trotz aller Schwierigkeiten des Weges die prophetische Verkünduug der Einheit - Gottes und des Menschengeschledits nicht nur eine Phrase, sondern eine Wirkliehk'-it unseres Leben? zu sein bat. An den großen Schwierigkeiten tcehnix'her uml wirtschaftlicher An. die seine Zeitung trafen, hm er tief gelitten. AUt nicht einen Augenblick hat er die Pflicht versäumt. Gütig.: freundlich, mit dem Charme des IIerzen=, den er he-aß. hat er ausgehalten, bis ihm der Tod im huclistüblichen Sinne des YS orl;-s die Feder aus der I fand nahm. Tief trauern wir mit denen, die er zurückläßt. Ihr Verlust' ist unersetzlich. Aber auch für uns 'bedeutet seih Heimgang mehr als der Verlust einer ..tüchtigen Kraft", ein Freund, ein jüdischer Mensch i-t von uns «-esanzen. den wir lieb gehabt haben.. Nur sein Irdisches geht von hinnen, sein Unsterbliches -lebt In uns fort. Hein rieh Stern. » Als ich um letzten Sonnabend mit Dr. Eugen Tannenbaum sprach und ihm die Hand gab, glaubte ich nicht, daß es da« letzte Mal sein würde. Und nun ist" er plötzlich für alle Ewigkeit von uns gegangen, und mit ihm ist ein Mensch ans unseren HvÜh-h ' ' - l'tiva:.iuin*hme geris-n» uinth'i». d;-r der Treuesien Einer uur. Wir. dir wir mit ihm lienifHeh .zu-iinimi'uarl*eileii durften und in dieser Gemeinsamkeit \on "i'inem gütig:*n. Iivbr willen Wesen lief lieeiudmrkt Freunde -geworden waren, wi^-en. wie >ehr die-er einzigartige, bejahte. arl<e:t-ireudige und treue Men-ch gern immer sein per-önHelics Wohl reinen PflMiten im Berufe iiintangc.-clzt bot und wie sehr er von seinen Bern f-pf lichten bjin die letzte Ileminü *eitu> Herzenerfüllt war. 'Wir verlieren in ihm nicht nur den. herufserfahrenm llauptnelfriftleiter mv*Tcr Zeitung, wir \crlierciL in ihm einen Freund und, wus vielleicht alle« nagen will, einen wahren Menschen. Und das gilt für alle, die für die Zeitung miig waren, für Mitarbeiter cben»o wie für dru Buchhalter, für den Selzer elien-o wie für den Drucker. Alle lieht im und .schätzten wir ihn.; Er war Jude, und dies war ihm nicht ein leerer ^Hegriff; er hat diesen Werl mit persönlich jüdischem Leiten erfüllt Iii*, in;*iiie lctttcn Tilge. Wir danken ihm für Heine viele Mühe und Arbeit, für tf-in« Treu«', die er uns oft bewiesen, und für seine schlichte Einfachheit, die trotz großer Begabung und umfassendem Wi***en nciii Bild prägte. Mit% ihm ist nicht nur in unsere Reihen chic Lücke gerissen, das .ganze deutsche Judentum und das Judentum Übcrhaupl ha*i mit ihm Unersetzliche-* verloren. Da* Andenken an Engen Tannenbaum wird uns immer ein Mahnruf bleiben. Keiner von denen, die ihn kaunlen. wird ihn Acrgenweii köiuirn. Werner Simon. Die Jüdische Telegraphen-Agentur widnu-t Dr. Eugen Taimenbauni folgenden Nachruf: ' . . „Der WV'.torlieiH', der erst im 46. Lebensjahr stand, war früher an der Seberl-Pre.-se tätig pnd hat sieh nielrt zuleUt durch M-ine Wirksamkeit als Kritiker und Publizist einen Namm gemacht. Von H'inrii zahlr'hheii Veröffentlichungen Ut dos im Jahre l'll-t cr-chiriiene Werk über „Friedrich Hebbel und da-» Theater4*, die im. Jahre UH.V herinisgegrlienen ..Kriegsberichte, ileut-eher und «-1 erre ich Ische r Juden*' und der im .gleichen Jahre er-ebieneiie Gcdii ht*hand ,..Landsturm, Lyrik von der FrouLi. herwirziihchcn, Dr. Tunueiiboum war weiterhin Mitarbeiter de* Jüdi-<hrn Lexikons und arbeitete-bis zulcizt au.cinem jüdisehen Werk, das denmiieh-t hcrauAomiiicu wUtc. Itei der Arltcit uti die-i'm Werk üU'rra>fhte ihn der TimI. Kr nahm einen Men-tehen hinweg i|iM-*'n freund liehe-, und liebenswürdige* WirM'ii ihm dir Svmpathie all ilerjcnigen s-ieberte. die ihm Iiegeguelrn und tl;'Bs<-n Kenntnisse und Fähigkeiten ihm in weitesten Kreis*-n'Achtung und Beachtung »er^ehaffteii. Der Tod von Eugen Tannen bau in hat l>ei allen, die ihn in^bcjiimdenr aus .-»einer Tätigkeit ab Houptschriftleitcr der. ..JüdL-dien Allgenieineu Z<'ilimg"' kannten, großes Bedauern hervorgerufen.' Resf>nd'*rs ni den Kreisen d"er Mitarl»citcr der jüdi-ehen Presse hat der. frühzeitige Heimgang von Dr. Eugeii Tuim-'nhaum aufriehtine* -Mitgefühl gevieekt."

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