Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 16 (1936)
- Issue
- 26 (24.6.1936)
- Date
- 1936-06-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage 24. Juni 1936 JÜDISCHE AUGIMHffi zutunc, Beobachtungen auf einer Paläftina-Reife Von MAX DIENEMANN III. . Die ■ Frage der religiösen J u g e n d e r z i c h n n g ist eine der brennendsten. Hier ■ klafft eine große Lücke. Es gibt eine religiöse Unterweisung auf den Schulen des Misrachi und der Agudas Israel. Sie ist der Gesinnung der Gründer entsprechend eine bewußt orthodoxe, und sic hat die Vorzüge und die Mängel jeglicher orthodoxen Haltung. Der Mangel bestellt in der Starrheit und Lebensfremdheit der Orthodoxie, daß sie. von einer bestimmten dogmatischen Auffassung des Wesens des Ileligionsgesetzes her,- eine Lebensform, die aus anderen Voraussetzungen stammte und ein anders geartetes Leben zu regeln berufen war, festhalten und verewigen will, daß sie also lebensfern ist. d. h. daß sie in der Regelung der durch das neue Leben und seine Erfordernisse aufgeworfenen Probleme versagt und dadurch der Lebensnahe ermangelt. Auf den anderen Schulen gibt es keine religiöse Unterweisung. Es gibt einen Unterricht in der Bibel, in Mischüa, Agada, aber diese Bücher sind dann Hilfsmittel zu einem archäologischen Unterricht, zu Geschichte und Heimatkunde, sie sind nicht ein Mittel, uni den zu Erziehenden eine Linie des Lebens, einen M egweiser zur Lebensführung, zur Etliik des Tuns zu vermitteln. Wie das kam? Am Aufbau des Landes waren ursprünglich im wesentlichen die Arbeiterkreise beteiligt, der Arbeiter ist in Wahrheit der Schöpfer des neuen Palästina, die Arbeiter aber waren, westeuropäisch erzogen und aus der Arbeiterbewegung Europas hervorgegangen, sozialistisch und entsprechend der allgemeinen sozialistischen Einstellung wenn nicht antireligiös, so doch zum mindesten arcligiös. So. sind die meisten Schulen zurzeit auch noch. Die Lücke, die hier klafft, ist auszufüllen. Es ist die Aufgabe eine» fortschrittlichen Judentums in Palästina, danach zu .streben, daß in den Schulen, deren Leiter sich dafür aufgeschlossen zeigen, eine Unterweisung religiöser Art begonnen wird, oder richtiger gesagt, dafür zu sorgen, daß der Unterricht im' ganzen in einer dem Leben •zugcwandtcn Art religiös motiviert ist. Die Erkenntnis muß aufdämmern, daß es mit der durch die Lebensform im Lande bedingten Selbstverständlichkeit einer Arbeitspause am Schabbat, ■ mit den Formen der Fcsttagsfeier nicht allein getan ist. so wenig wie etwa in Europa der durch staatliches'Gesetz bedingte Laden- und Fabrikschluß am Sonntag ausreicht, um religiösen. Sinn und religiös unterbaute Lebensgesinnung zu erzielen. Man kann ruhig sagen, daß die Träger dieses Bedürfnisses im wesentlichen die Kreise der aus Deutschland Zugewanderten sind. Sic vermissen cs am schmerzlichsten, daß ihre Kinder ohne Religionsunterricht a u f wachsen, sie verlangen danach. Nun wird man natürlich die Form des sogenannten Religionsunterrichtes nicht aus Europa nach Erez Israel verpflanzen können und dürfen. ■ Hier gelten andere Bedürfnisse uml Notwendigkeiten, aber man wird versuchen müssen, eine der hiesigen Lebens- und Bihlungsforni gemäße religiöse Erziehung zu erreichen. Ein besonderer Wert wird :— heute bereits — auf die Vo rb erei t u n g zur Barmizwah gelegt und auf eine würdige Form dieser Feier. Viele Eltern machen es. in Ermangelung der Möglichkeit, in einer der Jerusalemer Synagogen eine solche Feier zu haben — in Haifa liegen, wie geschildert, die Dinge anders — so. daß sie nach gründlicher Vorbereitung des Knaben in ihrem eigenen Hause mit ihren Freunden und Bekannten Gottesdienst abhalten uml eine Barmizwahfcier haben, wie wir sie gewohnt sind. Und was von der Jugenderziehung gilt: das gilt in gleicher Weise -von der Erwachsenenbildung. Auch hier ist alles noch zu schaffen. Es gibt Ansätze in den Städten, aber auf dem Lande ist Hunger nach Belehrung, nach Lernen und Lehren. Für das Land wird von den städtischen Zentren aus gesorgt werden müssen, d. h. soweit nicht die Arbeitersiedlungen ihr eigenes Bildungswesen halten: und in den Städten müssen die Gruppen, die sich dafür interessieren, die Aufgabe in die Hand nehmen, eine Erwachsenen- Bildung. modernes Lehrhaus, zu organisieren, in einer Form, die die religiösen Probleme des Landes erörtert, sie anfgreift und für sie Verständnis erweckt. Das ist eine Angelegenheit des fortschrittlichen Judentums, weil, wie. geschildert, die Orthodoxie alle religiösen Fragen nur aus dem Gesichtswinkel anschaut, aus dem sic einstmals unter anderen Verhältnissen ungeschaut und kodifiziert waren. . Diese Erörterung führt aber nun weiter dazu, überhaupt über die Rolle und Aufg oben eines fortschrittlichen Judentums — man muß das Wort ..liberal“ vermeiden, weil es mit-zuviel Er-. innerinnren aus Europa und Amerika und mit zuviel dort gemachten Fehlern belastet ist — zu reden. Ein Main! aus der Misrachi-Gnippe, sehr aufgeschlossen für alle modernen Fragen, und einst in Deutschland einer der stärksten Namen der zionistischen Krzielumgs- ’ arbeil — Namen werden mit Absicht nicht genannt —. hat kürzlich den charakteristischen Ausspruch getan: Es ist einer d e r gro ßen Mflnge 1 des palästiu e n s i s e h e n Lebens, daß ein liberales Judentum fehlt. Es gibt die Orthodoxie des alten Jischuw, jetzt verstärkt durch die Invasion der Agudas Israel: es gibt die Misracln-Kreise: ihnen gegenüber . stehen die Kreise, die ganz betont von sich sagen, tlaß sie agnostisch ist. -daß das Religiöse sie nicht intercssierl. Sie sägen das ohne schlechtes Gewissen. In Europa und Amerika haben diese Kreise ein schlechtes Gewissen. Sie verdecken dieses schlechte Gewissen oft durch eine irgendwie geartete Ersatzhnudlung: Betätigung im Abwehrkampf, in sozialen Aufgaben war ihnen ihre Religiosität, mau frequentierte che Synagoge, um sozusagen Bekenntnis der Zugehörigkeit zur Gemeinschaft und ihrem Lebens- und Zukunflsziel abzulcgcn. Hier aber, in Palästina, wissen diese Kreise, daß das ganze Leben jüdisch geprägt ist. es kömmt ihnen noch nicht zum Bewußtsein, daß diese Prägung eine äußerliche ist: daß Hebräisrhsprechen, Sabbatruhc, wenn sie n u r sozial gewertet wird, und alle sonstige in dieser Richtung sich bewegende Lebensäußerung nur ein Firnis äußerer Art ist. Es sieht ihnen so aus. als ob für die Erhaltung des Judentums an sich gesorgt ist. sic können also jüdisch sein und dabei religiös ganz uninteressiert sein. Das heißt ajso, es treten bisher nur die Orthodoxen und Arcligiöseu in Erscheinung. Die Masse, die beides nicht ist, stand bislang außerhalb der Problemstellung. . Die Orthodoxie mit ihrer Starrheit und Lebensform kann sie nicht ergreifen, sie kann nur abstoßen. Sie stößt ab nicht nur wegen ihrer Lebensform und mangelnden Ästhetik, sondern weil sic keine bewußte - Verbindung mit der Ethik hat. Man mißverstehe mich nicht, ich werde um Gotteswillen nicht etwa sagen wollen, daß die Orthodoxie keine Verbindung mit der Ethik hat. Aber es ist nun einmal so. daß nirgendwo die Orthodoxie so nur auf das Festhalten am Alten konzentriert ist und so wenig die Ethik des Lebens im Auge hat, wie im alten Jischuw in Kiez Israel. ' Es ist bezeichnend, daß einer der führenden Männer des Landes mir sagte, daß, als für seine Kinder die religiöse Erziehung in Frage kam. er sie dazu nach Amerika sandte. Das ist nun die Rolle des fortschrittlichen Judentums, die religiösen Probleme zur Erörterung zu stellen. Man empfindet es in weiten Kreisen schon als Anomalie, daß man in Erez Israel, iii dem Lande, von dem d;\> Wort galt; -Aon Zion geht die Lehre aus und das \\ ort Gottes von Jerusalem", religiöse Probleme gar nicht erörtert: als seien sie unwichtig. Es gibt eine Erwachsenenbildung. Kurse werden voran-_ stabet, aber religiöse Probleme werden nicht erörtert. Diese Kreise gilt es zu sammeln, die ein Interesse daran haben, religiöse Probleme in Angriff zu nehmen, nicht beschwert vom orthodoxen Dogma und seiner Gebundenheit. Ein fortschrittliches Judentum hat. tun es so zu formulieren.- den neuen Humanismus zu s e li a f te-n . der in diesem Lande frei erwachsen soll, nach de_u Gesetzen dieses Landes. . . . ' Es wird sieh dabei ton einer Sünde des alten Liberalismus frei halten müssen, von der iiidnidualistiseben Regellosigkeit des religiösen Lebens. Man kann und muß gegen die Starrheit und Lebensform des kodifizierten Ileligionsgesetzes. gegen die. Verständnislosigkeit in Dingen der notwendigen Entwicklung der Eliegesetze. gegen die Starrheit der Anwendung des Sabbatgesetz.es in seiner gliettomäßigen Ausprägung, man muß für Entwicklung und Lebensnahe streiten, aber man muß wissen, daß das religiöse Leben eine Ordnung und eine Hegel haben muß, daß nicht jeder narb seiner eigenen Art undseinem Denken leben mul gestalten kann. Das heißt, daß die Gesamtheit eine Realität ist. und daß "die -Ordnung des Lebens dieser Gesamtbeit das Ziel ist. Nur so wird es möglich sein, -die Kreise zu interessieren, die bislang - deshalb abseits stellen, weil ihnen Religion und Gebet als identisch-erschienen, und weil sic am Gebet nicht interessiert sind ans «dem Gefühl heraus, sie könnten als Agnostiker nicht beten. Mim hat vor der Inangriffnahme dieser Aufgabe als einer Aufgabe iles fortschrittlichen Judentums eine große Augst. Man kämpft gegen sie. indem mau sieh des'Kunstgriffes bedient, diese Kreise dächten daran, die Orgel in den . palästinensischen Gottesdienst zu importieren. Es drückt sich in dieser Kampfstellung . ein schlechtes Gewissen'aus. Man weiß ganz gut, daß alle fortschrittlichen Elemente wissen, daß palästinensischer Liberalismus art gemäß sein wird mul'muß. und man bedient sieb der Bebauptting, weil nmii weiß, daß nichts so fest und sicher ist als der Wille, alle. Formen des Westeuropäischen im Religiösen uml seiner Ideologie nbzulehiien als eines angeblichen Irrweges uml eines Mittels der Zersetzung. - Es wird von . der Energie der fortschrittlichen Gruppe, die siek. gebildet hat, abhängen, ob es ihr gelingt, .diese Mißverständnisse zu beseitigen und unbeirrt die religiösen Probleme mich ihrer Art zur Erörterung zu stellen und die -Erörterung int Fluß zu . halten Oie Aufgabe ist groß, uml das Fehl ist, weil hier der nationale Gedanke nicht tmikämpfl ist. sondern weil ein naiv-selbstverständliches jüdisches Leben erblüht, doppelt lohnend. Man wird hier den Liberalismus in einer neuen Form ausliaiien. ■ Von der religiösen Praxis, um den Problemen des Landes, d. Ir. diu- Arbeitersiedlung, ist mich zu berichten: davon in einem närhstcii Artikel..^ Die Herrin von Friederikenhof Friedcr-ke Kciupttrr — Celrgcnheitsdirfitrrui und Philanthrop!« ' Vor ein paar Wochen aclirirh teil folgenden Brief an eine in /«uriin lebende Nichte der’ ah* Verfasserin \<m Verben unfreiwilliger Komik bekannten Friederike Kenianer, die >or 11)0 Jahren, am ^5. Juni 1836, in Opalow geboren wurde: ..Vor nur liegt ein Buch. in dem ich ültcr Ihre Fra« Taute lese: .Al** Gutsbesitzerin und Dichterin auf Friederikcnhof bei Kcichtul in Ihnen erwarb sie stell durch soziale Bestrebungen, wie Leichenschau. Gefummi.-- reform. Tierschutz u*w„ große Verdienste . . ,4 Jeii wurde e** sehr begrüßen, .wenn Sie mir von Friederike Kenianer einigel tut daun t-als udt der alteu Dame eines TTaj'i's gegenüber. einzige, die Friederike Kempner noch gekannt bat. leb halt** in Bibliotheken gc-toberl und die vielen Titel der Schriften studiert und auswendig gelernt. Xun kam ich ab« gerüstet zuu* luterncw und muß gestehen, daß ich fast ein wenig unsicher wurde ob der Hille der Berichte und tmee-uäits der lutsache. mir erstand.' nicht nur die Mel belachte und auch verspottete (iele'geuhcitsdiehleriu. als die wir Friederike Kemjuicr keimen, als di**- Vertreterin unfreiwilligen Hwnor-. ..\Vi-M*n Sie eigentlich”, meinte Frau F„ ..«laß meine Taule. be.-omleres Inleres-e. an biblischen Stoffen gehabt hat. daß sie ein Drama verfaßte: ..Jabel”, in' dem .-Je ans dem Buch dri* Hiehler geschöpft, das ihr Vater schon so gern hl:*’? Auch die Jumbcu-Tragudie „Berenice.** interessiert uns Juden stofflich, denn da stellt im Mittelpunkt die Gestalt des Flavins Josephus.” Man erfahrt, daß es außer den Odieliten um Friederike Kempner u, a. noch Novelle» und ein Lu-tspid ..Der fault* Fleck iin Staate Dänemark oder Fine lustige Heirat'4, das seinerzeit \i‘*l von sich reden machte, gibt: Auch „Auszüge ans den berühmtesten Philosophen \ on Plato blauf unsere Zeit in beliebiger Iteilicn- ..Die schöngeistigen Interessen”, erzählte Frau ff. weiter. ..hatte sie ans der mütterlichen Familie, der Großvater Kempner. einer der angesehensten judi-dicii Burger in Kempen in Posen, war mit der Tochter des österreichischen Juweliers. Marie Asehkcna-i aus Wien, verheiratet. Die Schwester der Mutter Friede rikens batte in Wilna einen berühmt gewordenen geselli*»eu Berührung kimF laus, da** im Stil der Berliner Henriette Herz zu denken ist. führenden griMi -Auch Napoleon 1. «oll. * persönlich gekannt haben. j _ J * .| f räumen”, meinte Frau' II. „Das Besitztum von Friederike K«uipner. jenes FneJerikeuliof, lug nicht in .Posen, sondern In Seblesieu. bei Namslau. Ms ist ein niischnlielie.s Hiltergiit gewesen, dader Vater der unverheiratet gchhYH'fir« Tochter «che«hfe. während er sellKT mit der übrigen Familie in Drosclikmr in Schlesien wohnte. Von dieser Zeit in Fiicderikenhor i»t gerade sch.* vir! zu henrlum. wenn, da** Bild meiner Tante nicht imlollslüudig bleilmi soll.” Uh kleine alle Dame wurde nun tiialMeliendiger, ab* über' dicNotwcndigkeil einer K i » f ü h r u n p von hi ir || ** Iitiuuscrir 'Breslau 1867; mul da» andere hieß ..Das Büchlein >«h ‘der Menschheit“ iiul. eiiirm Anhang „Gegen die Kinzelhafl «der da- Zellcngrfäiig|jis,\ ..iN mag Ihnen' »ewiß hochtrabend erscheinen, m\rh cm 'nie! aber Fricderik**- Kempner war «frr Ansiehl, daß dnV .scrU-chr Belmdcn der Gefnngeneii InW.r Wnrde^wcim »i* grinrin- Ti'tef'der . D*-nk-cl,.ifi” i-t >i*-Ueielit ein wenig pathetisch.^ »her nämlich das Scheintodprobicm. Si./^tzte «ich für die LehW verbreimmui ein und ließ »uf ihrem Gut da* ernte LrieheiiHehni*- bauerbauen. Auf wir fruchtbaren Boden die. Anregungen fielen ", beweist dir «ruße Zahl der Anerkcinningdiriefo, die Friederike' Kempner erreichten. F.s interessiert Sie gewiß., daß Alexander \nt, Humboldt. Napoleon Ui. Alexander If. vo« HiiUlawJ, Leopold f. \on Belgien, der Obcrrahbmer Fastsei m Gr.-Kamischu m Lngnru. «Irr .Stifter de* dortigen Lejrljciibniisc*, sieb mit meiner' Taiit»* damals in Ycrluiuhtng setzen, Tel» will* auch nicht ier. gc-scn zu berichten, «hiß die LrnjHddii»is*rli-Knrolini*rIn- Akademie der Naturforscher -je dafür zu ihrem. Mitglied* ernannte.“ , Das ist ja .wirklich alles sehrmt«tes*anP‘,.meinte1 ich. uml ich Var fest eiiMilo>-ni. eine Art KhmircUung für Friederike Kempner zu .sehreilx*n. ...fa. und dann erzählen Sie bitte, «laß meine Tante für mcIi *»*ll»st der an-p»uehdoM**tc Meiwh gewesen, daß sh: seile*! »» BreiterbaiL* wohnte und ihr Pächter in Friederikcnhof im Schloß; daß de große Kohlemorrute »len Armen de* Orten sUflele, dal* shhiebt «lul.ktc, daß auf ihrem (int Tiere gwli'»«» wurden, «laß -ii* -ich für Maßnahmen cin*eUi«s die heutzutage längst unter