Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 16 (1936)
- Issue
- 23 (3.6.1936)
- Date
- 1936-06-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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BERLIN 3. Juni 1936 JÜDISCHE PREIS?5 PF. Nr. 23 / 16. Jahracm« ALLGEMEIN: •Schriftleitung und Geschlltsstelle: Berlin * Charlottenburg 2. Bleibtreastraüe 2. C l Steinpl. 3703. Bankk.: Kreditverein f. Handel u. Gewerbe eGmbH. Berlin N 24. Postscheck*K.: Berlin 25720 — Bezugspreis: RM. L— monatlich izuzfigl.- RM. 0.10 Zeituagdpehülir und Bestellgeld), hei StreifbaQdseiiand xuzügl. RM. 0.30. Verlug: Verlagagenoaieuschalt in Deütacblaod nnsdaaiger Juden au lierlis eGultli.. nin.-Cbarlotteol.urg 2. Bleihtrauatr. 2. Anaeigenpr.: Die 12(mp^- mm - Zeile Rpl. 8. für (*'amUten4nzeigen Rpl, 6, Itlr Stellengesuche Rpl. 5 Bei usverachuldeter Sicbthelleferunu tiestebL kein Anspruch auf VergQtoag N EU E FOLGE DER J ö D I S C H - L I B E R A L E N Z E IT UN G Von MAX DIENEMANN Unser geschätzter Mitarbeiter Hubhiuer Dr. Max D I c n c m a n n .der' sieh gegenwärtig in Palästina aufitält. sendet uns von dort eine Artikelserie, die wir nachstehend; beginnen. Wir \cröffcntliehen diese Aufsätze über die religiösen Probleme des Landes uni so lieber, als sie zeigen, vlaß .die jüdische Arbeit in Palästina, ungeachtet der Stömngsversuehc, weiter gellt. Tel Awiw. im Mai. Nicht von den allgemeinen Eindrücken soll hier die Hede sein, die man im Augenblick hei einem Aufenthalt im Lahde hat. Von diesen sei -nur eine Heohachtung wiedergegeben, nämlich die. daß die jüdische Position aus den Unruhen, die eben das Land erschüttern, gestärkt hcrVorgchen wird. Das Selbst-. Bewußtsein der .luden ist gekräftigt. ihr Wille, ihre Stellung zu behaupten, in nichts erschüttert, wirtschaftliche Positionen, die die Araber während des Streiks verlassen, werden von Juden eingenommen-, Tel Awiw wird in Dingen des Hafens und des Schiffsverkehrs unabhängiger von Jaffa und schickt sich an, dessen Holle einzunehmen. Jerusalem war bislang in seiner Gcmüsebelicfcrung in einem hohen Maße von den Arabern’ abhängig; der Ausfall der Gcmüsclieferungen wird dazu führen, daß die jüdische landwirtschaftliche Siedlung sich stärker darum bemühen wird, den Jerusalemer Markt, zu gewinnen. Die innere Zuversicht der Juden ist groß. Abei nicht von diesen Dingen sei zunächst die Hede, sondern von Beobachtungen, die mim macht, wenn man das re l igiöse I.cl» en ■studiert. Hcligiöses Lehen hat. wenn. dieser schiele Ausdruck gestattet ist, drei Brennpunkte: den Gottesdienst, die Erziehung, die ständige Praxis. Letztere ist die Angelegenheit des privaten Lehens, eine Frage der Führung des Hauses, ihr intimer Charakter verschließt sieh zumeist der Beobachtung, noch dazu der Beobachtung dessen, der nicht dauernd im Laude lebt. Aber wann immer man von diesen Dingen redet und sie von dem Gesichtspunkt des liberalen 'Juden aus betrachtet und prüft, muß man das eine wissen, daß die Grenzen zwischen liberalem und konservativem Judentum, wie wir sic vom europäischen Judentum her gewöhnt sind, sieh hier völlig'verschoben.- ja fast, verwischt sind. Anschauung und Lebensform des" die Orthodoxie verkörpernden alten .Jischuw sind so grundlegend von der des westeuropäisch-amerikanischen Juden .getrennt, daß seine Front gegen all die auch gerichtet ist. die sich in Europa oder Amerika als konservativ empfinden, und daß beide Liberale und Konservative .gemeinsam gegen die Starrheit und Gebundenheit der alten Orthodoxie sieh verbunden fühlen. Es wird hei einer Auseinandersetzung das Gegensätzliche zwischen ihnen sich auftun. aber eben ist das gemeinsame Bedürfnis stärker als das Trennende. Man muß, wenn man die Fragen des Gottesdienstes erörtert, ferner wissen, daß Dinge, die in Europa und Amerika aufs lebhafteste umstritten sind, hier kein Problem darstellen. Die Reform in' Europa begann mit einer Kürzung des Gottesdienstes, dieser Kürzung fielen in erster Reihe die mittelalterlichen Einschaltungen. Zum Opfer, die den Gottesdienst unerträglich verlängert hatten und die in der Gekünsteltheit ihrer Sprache zumeist unverständlich waren. Grad diesen Einschaltungen aber hat der palästinensische Ritus nie jene Wichtigkeit zugemessen, die sic außerhalb Palästinas hatten: er kannte sie kaum. Die Reform in Europa nahm Anstoß an dem Widerspruch zwischen der hebräischen Fassung der Gebete und der mangelnden Kenntnis des Hebräischen bei den'Betern und verlangte darum die Berücksichtigung der Landessprache im Gebet. Hier aber ist für den Juden das Hebräische die Landessprache, die Frage der Gcbetssprache fällt also von selbst fort. Zugegeben, daß iin Augenblick in der Generation der eingewanderten Erwachsenen die Kenntnis des Hebräischen oft noch mangelhaft ist, diese also dem hebräischen Gebet nicht folgen können, ajier man stellt Einrichtungen, die man schafft und die ins Bewußtsein hincinwachsen sollen, die sich konsolidieren und zu einem Feststehenden werden sollen, ja nicht auT den Augenblick und die seelische Verfassung einer bestimmten Zeit ab, und ferner, die Jugend, die in den Gottesdienst hincimvächst. kann ihm sprachlich folgen, sie, die von der Schule her und von ihrem Verkehr unter sieh, hebraisiert ist, das Hebräische als Umgangssprache zu gebrauchen sieh täglich mehr gewöhnt, hat aueli heute schon nicht mehr die Empfindung, daß die Gcbetssprache nicht die Sprache ihres Lehens ist. Es gibt in Haifa einen Kern einer Cemcindehildung in neuzeitlichem Sinne, in dem Sinne, in dem wir modernes Gemcindeleben verstehen. Dabei ist ausdrücklich zu sagen, daß e.-» sieh um einen Zirkel innerhalb des Geinciiidevcrlmndcs von Haifa handelt — wenn man in Palästina nach der Eigenart der dortigelt Verhältnisse überhaupt von einem Gcmeiudeverhiiml reden kann-und nicht außerhalb seiner, abseits vmf ihm. Rabbiner Dr. Elk. früher in.Stettin, hat eine Anzahl von Menschen um sich gesammelt, mit denen er einen Gottesdienst und eine Jugenderziehung als regelmäßige Aufgabe sieh gesetzt hat. Der Zirkel •-Bel Israel sieh nennend — hat einen Saal .mieten köimcu — die Raumfrage ist eine der schwierigsten in Palästina —, einen .schönen,. würdigen Saal, in ihm findet regelmäßig um Freitagabend und-Seludibnt, an ilen Festtagen mul an d e u Tagen, die nuch der Lebensform des neuen Ercz fsruel besonders gehobene Tage sind, wie z. B.'Ghamiseha Assar hischwat, Gottesdienst statt. Kr ist gut. an manchen* Tugen ausgezeichnet, besucht. Das Gehet lehnt sich an den' überlieferten Text au. Trotzdem muß man, wenn man in' der — hier allerdings überholten — Terminologie’' Europas spräche, diesen Gottesdienst als eine fortschrittliche-Angelegenheit bezeichnen. Er grenzt sieh von dem Bisherigen durch die Würde uiul Ästhetik des Ganzen, durch den gomdnrtcn Gcmciiidcgcsuug ah. Und was das Wesentliche ist. die.hier Vereinten, für die dieser Gottesdienst ein. Ausdruck ihres religiösen Bewußtseins ist. nullen die religiösen Probleme in nicht-orthodoxer, imdognmtischcr, nicht gebundene.'- Form verstehen und .gestalten, sie wollen ein I ebonsn alles J u d e n t u in . sie wollen, daß das Gesetz und das Lehen einander bedingen und beeinflussen, sie stellen im Strome der Entwicklung und wissen das. In der fiebenten Woche Die Zahl der judifdien Todesopfer auf 28 gefliegen Wenn offiziell«“ Darstellungen in den letzten Tag.*» dm Eindruck erweckt halten, daß der palästtnrnsisvlu* Aufstand an Kraft verloren bah**. nachdem di? mit dem arabischen Streift verbundenen Terrorakte vor Beginn des Schonuaiis-Fc*fe> ihren Höhepunkt erreicht (intim, so wird diese Hoffnung durch dir Krt igui»«* der allerletzten 'Page, die auch wieder jüdische Todes- •opfer gefordert haben, leider zunichte gemacht. Trotz weiterer Verstärkung der palu.-linen-Isrlicu Truppen, die angesichts des mit steigender Erbitterung geführten Kleinkrieges eben-o wir die Polizei den BiTchl erhalten haben, scharfer als bisher- /uzugreifrn. scheint die Zahl drr IVurrubrrfallc. Bamhruabwürre. Braiidstiflimgcn und Baumfrevel n:cht ab/unchmrn. Schon dir Tatsache. . daN die arabischen Bürgermeister, also dir politischen Führer der ArabrrbrvÖlkerung. sich geweigert haben, den Streik abziiblasrn. und daN der nach: den letzten Meldungen ton acht arabischen Stadtverwaltungen angckuudigtc Streik fast lückenlos durrhgefuhrt wird, läßt nicht auf ein Abflauen des Aufruhrs srallrNen. Ein Bcutertelegramm berichtet aus Jerusalem. daN Broschüren gefunden wordrn seien, die die britischen Truppen zur Meuterei aufzjirciz en trachten. Hs wurden auch Flugblätter des ..Zentralkomitees der kommunistischen Parlri Palästinas" in hrhriisijhrr Sprache verteilt, in drnrn die jüdischen Arbeiter aufgefordc^l werden, dm Arahcrstrrik gegen den eng- Jisrhrn Imperialismus und Zionismus zu unterstützen. Wie die Jüdische Telcgraphenagcntiir erfuhrt, bat dir Palästinarfgicrung bereits den Text für die Proklamicriing des Stand rechts auj-gearbeitet. Die Proklamation soll veröffentlicht werden, wenn der Terror nicht naridaßt. Es wird auch berichtet» daN von der, Palästinarcgienmg die Krrirhtung eines Konzentrationslagers im Wüstengehirt der Halbinsel Sinai erwogen wird. 1 Ohne jede Einzjclhrit. der Ausschreitungen zu* verzeichnen, geben wir nachstehend einen fbcrblick über die wesentlichen Vorgänge der letzten Tage. Nene Terrorakte Jerusalem, 1. Ju ti. (JTA.j ^Der Beginn der siebenten Woche der Palästina-Unruhen war gekennzeichnet durch eine Heilte neuer arabischer Terrorakte, vereinzelte Zusammenstöße aufrührerischer Banden mit Polizei mul Militär, wobei die Terroristen Verluste erlitten, und die Lr nordnng von zwei weiteren friedlichen jüdischen Einwohnern liurch Schüsse aus dem Hinterhalt. Die Zahl der jüdischen Todesopfer seit »lern Beginn der Unruhm ist damit auf 28 gestiegen. Am 31. Mai Ist ilcr erst im vergangenen Jahr aus DcuLsrIi>f band cingewanderte »j'Jjährige Kranz Borclmrdt während eines Spaziergangs von der--Vorstadt Giwat Srhaul narb Jerusalem von arabischen. Wrgelagerrrn. die aus einem Versteck feuerten, getötet worden. Ks gelang noch am selben Tage, zwei Araber als der Tal verdächtig zu verhaften. * Da-i zweite Todesopfer fiel, am I. Juni bej einem Fcuerfihcrfnll auf Autobusse der Linie 'IVI Awiw Jerusalem. 'Uni -sechs Uhr abend-« wurden Autobusse an zwei verschiedenen Stellen der Slreeke hesehos-m. Hierbei wurde der 2'ljahng«* Student «Irr I Minii-ehm I ui« ersiiiil Itm liiiian K o I u ii I a t «jAv loillich gctroflen. iler tJiaiiffeur Meir Si’hnrhman wurde *«“hwcr. der Passagier ( liaiiu Vulow-ky leicht verlel/.l. Sofort nach »lern rhcrfall wurdm Mi|ilür-ilr«“ifrn «*ing«\se|/,t. um das I lijgclgchmdc nach ' Si bulzemiesiern zu durch.neben. In einem später ausgrgrhnicn amtlichen (jimimumpir wird nriigetcili. daN Spuren von dem Schauplatz der Mrinorduiig Frau/ liorrhaidi* in <la-> schon im. den Lurmt'u des Jahres IV2ft berüchligle Araberdorf Ljfia fühlten. Io Jaffa worden am 31. Mai ein Araber mul zwei ArnlH-rimini gelötet, als Soldaten in' rin Haus feuerten.;m. dem Bomben auf die Trtip|K*u geworfen w'ordeu waren, ln einem Dorfe hei -Tuikcrcm versuchten die Mimvolmer, den Truppen, die «lic Ortschaft narb Waffen durchsuchten. Widerstand zu leisten. Sic eröffneten «las Feuer, das von den Truppen erwidert wurde. Min Araber blieb tot auf-dein Kampfplatz. z.tmVk. In llaifn wurde ein Araber verhafte!, »ler in eia jüdisches Haus cim* Bombe geschleudert Imtlc, Ferner wird aiutlieb inilgi'leilt. daN immer wieder Truppen aus dem Hinterhalt beschossen, Tclrphomlrfihtc durchschnitten und Hindernisse auf die Haluigclcise gelegt werden. Alt vielen Stellen des Luinlr-. dle-nial hmiptsäelifieh in Südpal äst in ii. haben arahi-rher Bmiiiifr«>v<l mul Brniidstiffungen umfangreichen Schaden!uigericliti,t. Der Wert ilrs bisher insgesamt auf—diese Wrisr vernirhiftrn jüdisrlim Kigentiiuis wird auf rmni «“ine .Million Pfmul gesrhälzl. Als die Tel \vviw er Feuerwehr mich Jaffa kam. um «len Brand auf «lei»» große»,, zwischen Jaffa und Tel Awiw geiegenen jüdischen 1 lol/.lagerphit/. zu ]ü»rlH’it, wurde sir mit B o m b v n w ü r f «• n «‘inpfangeu. Die Lösrhzüge mußten sieb zimuelist zurückzicbeu, tiahmeu aber kurz, darauf unter Polizei- Ixrdeckuug die Lösebarlx-iten wieder auf. Die Häuser tler mgennimlcn Warschauer Landsmannschaft *wweiten Jaffa und Tel Äwtw sind elxuifalls in Braml ge-leekt wonleu. In Itamlrb wurde «ler Vor hu eii gemacht, britische Militärflugzeug;* zu vernichten. Die SVhirNcmcn und Bombenwürfe nahmen iuslx*sondere in «len Abendstunden zu. Hierbei wimlcn anrli mehrere Schüsm; nneli Tel Awiw nbgcgeben._lu Kumnfcn bei Beer Schewa wurtle ein englischer Polizist namens AI freu (Harke vcrwumlet mid mich Jerusalem gebracht. JJer llalink<*frper lx*i llcisau wurde, wie in einem amtlicbeu Commtmiipi«: mitgeteilt winl, von Araitem leicht beschädigt, ln Akraba \tc\ Nnhlun wurden )x*i einem Angriff auf enpH'>rhe''sTruppen ein Aralx*r getötet uiul zwei verwundet, fn Tel Awiw wurden ehemalige jüdische Polizisten zwecks eventueller Mobilisierung registriert. Weitere Palästina-ISachrifhten r-?