Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 16 (1936)
- Issue
- 20 (13.5.1936)
- Date
- 1936-05-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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6- Guftav Mahler Znut 25. Todestu(; am 111. Mai / Von I1ANS FREYUAN Gu.-Unv Mahbr wäre jetzt 73 Jahn* alt. Ein Ih-rzl«-»!«*», hat «len Fünfzigjährige» hiuui’ggcraffl. |n*v«»r tli»* gri»ß»*n l inuv-laltungcn «!«•* «•uropäiH-h«*» Schich-nl-, «‘uwizl«*». So bli«*b h*»i Lelxii in firn Bereich «Irr Vorkrirgv/.iit gebannt. jrncr Zxil <l«*r Clwm-ifr im«! rinrr ohne »Ir« Druck de«. poliri'clicu und M»zi<»- loginhcn O.^cIicIm'h» »<*ch l:inu«am hcraufziehcmlru WVndr. Es »st als*» wonig«*r dir Zahl d«*r Generation«*!!-als vjidnu-lir «las Stark <itx:hi«I>tc xit M-iurnt Tnd«\ ’da* uns von Mahler tr«*nul und unserer Aii>«>age über ihn «Im Ab-lnnd gibt. Malilrr j-t lu-bc» Mcndcl-ohn — mul \i« JI**i«Iil S«hö»b«*rg — <lir n*praH*utaii\>j«* jüdin!»* GoinJl «l**r nrurrru Mudkvrsrliiriit«: im rjr«»riisaty zu «l«*r ruhig«*» und liariimuNeheii iVr-önlichkcil Mendcln-oh»’-;A»rr verkörpert rr, gh-bli llrinv. Tn -ich all«: Pruidnnatik «I«*-. »lodcnicn Juden. Es kommt .hinzu. «laß Mahler, ohwold zum Katholizismus übergeireten. nur in seiner iiK’iisrhlirlu’n I‘i>rliciuiiii" Hindern rIn?iiH»H*lir in sriiirm SVliaffeu durchaus als dudr cm|>fuii'h i> wunlr. Mahler, zu Lcbz«*il«*ii mit den .ciitgt:gcm'rs«*izt«*-l<-» Urteilen liedarlu. gilil auch h«*ul«; u<m-1i Rätsel auf; dir Frage narli «lern kiiustlrrisrhrn Wert seines Werkes beantwortet sich nieht cindrutig. und «11** Frag«* nach dem Jüdischen srinr r k’im>l »Iid »hh au'*h heule norli nicht . cntschcidi-iid kläre» Iji-h-». <la es noch nllzu-chr an ühcr>»*iitlicli«*ii. Kategorien hierfür fehlt. Gustav Mahler ist IdfJt als Sohn jüdi-Hicr \\ irt*lcule im infdirischen Kaliseht •»elmreu. Nach Ab»«i!\ici*mi" der Cvmua-ic» in Jgläu »ud Prag uml 'des Wiener Konservatoriums, wo ihm zahlreirhe Prein* zufalh u. fülirt sein Weg filnt \cr-chicd«*ji<* deutsche uml öslemicliisel^un»arisclic KapclhiicLtc rpo-t«'» nach llauihm-g und H'ljhYßhYJt nach \\ i r n, wo er rin Jahrzehnt als musikalischer ta'itrr «1er llofoper. zeitweilig auch der IMiilharnioiuselien Konzerte, tätig ist. Den Dirigenten Mahler, dessen Größe auch seine Gegner aiierkannleii.. lx»7.«*i«*hnc! ein letzter künstlerischer Ernst, eine fanatische K«>nipnirnißlosigk<-tL «lie schon «leu jungen Ka|H*l!im*ister in Kasnd «lie fxdlimg .einer ..Taii!iIiauHT"-Par«nli«*. * v«*nveig<:m ließ-uml die spater diesen grmidgülig«*» Mensch«*» zu den grausamsten''Härte» befähigte, wo es «lie Sache galt. ..Tradition ist Schlamperei“ — wenn sie den fiit<‘tilion<‘ii «!cs KotujKmLsten zuwhlerhuifl . «licH'in Ix*itspnich. der ihm unzählige Konflikte eint rüg, ist Mahler in jeder Rbhlimg Imigcblicbcn: er bringt Wagner -ungekürzt, läßt «len Znschnuerranm verdunkeln, duldet keinen Einlaß Zuspätkommender, schafft die Claquc ah, bekämpft Beifall auf offener Szene: in Hamburg klopft er ah. als er zu 'Beginn mx'Ii 'Unruhe hemerkt: .Jch kann warten.“ Ferner: Besetzungen regelt er nieht so sehr nach mn stimmlichen Gesichtspunkten als nach «ler Möglichkeit.’ die betreffende Kraft in den -dramatischen Gesamtplan «*rf«dgrc»4i ein/.ugliedern: er befreit* dir Oprrmiimk ans ihrer geistlosen' Konventionalität, kurz, er Iiegnügt sich nicht mit «ler musiknüsijien Führung,' sondern er Ist .,G c s a ni 11 <» i t o r“ und w ird «larin. wie muh sonst in schier Stabführung. Vorbild einer ganzen Dirigentengcnefation. zu deren größten Vertretern »ler ihm menschlich ' naliestejteude. Bruno Walter und Otto Kleinperer gehören. — Man kann Iei«*ht ermessen, welchen Widcrspnieii im einzelnen «Icrartig«' Temlenzcu und .Maßnahmen l>ri jener Mehrheit von Künstlern und Hörem finden mußten, denen die Oper mir ein Fest stimmlichen Wohlklnngs bedeutet: vorletzte. Sängei^’ili^lkf^it lat «las ihre, um Mahler sein«» Arlieit zu erschweren. Nach langen Kämpfen seines Postens müde, gibt er dieseti um einer geringfügigen Angelegenheit willen auf und geht un«*h New-York, wirkt «lort .m der Metropolitan und in den l’liilliarmoniselien K<mzert<*ii. I<‘ht im ülirigen seinem Schaffen. F.in leiden (reiht ilui nneli Wim zurück, wo er 1911 stirbt. < Das Werk Mahlers umfaßt 9 Svm jdionlcn feine zehnte wimlo von -Ernst Krcnck v«dleinlet). «lie Svni[»honis«*lie Kantate. ..Ui«»«l' von «ler Kr«!«'4’ uml BO Ta«'d«’r. «iroßenti'ils mit Or«‘hesterlM»gIeitung. B<*kniintlirh fonlcrt Mahler <*ine mig<‘hcur«*‘ Besi'tzüng — 'die \HI.-hat 'man als ..Symphonie «ler Tausende“ .lM'/ei«hhct: .docli zeigen s*iiu' l«'tzt«*n Werke aiu-li in <li«>«»r llii'hlmtg eine Unic zum KaimiK'nniisikalisrlien. «li«‘ von «ler Moilrrnc f<irtg«'.sponne»i wurde. In k!angli«'her Ih'/.iehujig steht Mahler «kr Ijilwicklung «Irs von ihni mcn.xcJilicIi verehrten Schön- Ixts fern: im Gegensatz zu «1csm.*ii radikuler Ablösung von allen hidierigenJ,Gc>etz«,n «ler M«*Io«lik uml Ilannonik liat in.ut Mahler «?rn «len Vorwurf der Banalität und Trivialität gemacht. Und wi«* bei Scliönhcrg, so bedarf« es im umgekehrten Sinne, auch hei Mahler oft eine«. Spürsinns für «las Ethos <iir»er Musik, um über Bcfr«'miUi« lns hiuwcgziik«miui(*n. Man hat weiter von ein^r mangelnden Originalität Mahh.'i'.'» gesprochen; vielleicht war ein Künstler. «Jcr sich mit solcher In.tensitüt dem X a c h s c h a.f f «• n widmete, ah Komponist wirklich größeren Gefahren ausgesetzt als «in an«li*rer. Einen au-gepr.ägtcu Personalstil wird man.ihm jcihnfnlh ni«hl bestreite» können — und in H'inen reifsten Werken i-t er ein ganz Eigener, Einmaliger. Haus Mersmann, hat in Bü«’k<’ns Ilamlhiiclt «ler Musikwissenschaft) sehr scliön gez.eigt. wie in Malil«'r» Spälv.erken «lie Ansätze zu'einer neuen Linearität anfhrechcn. wi«* im „Lied von «ler Erde” ..Mahlers visionäre Ahnung au «li«* Grenzen der aln:ndlan<lis<*ju'ii Musik stößt“. Dh'H' Kantate auf Texte von Li-tai-pe ist wohl das Vollendetsle. w'a- Mahler gesrhrich«*n hat; in einem Gewand, «las all«* Zauber «ler Exotik birgt, legt Mahler sein persönlichstes Bekennen ni<*d«'i*. j*prirht er «las wun«lervoII<*' ‘..Dunkel ist das Lehen, ist «h r Tod". Mahler war ui«lit 'gläubig im Siiui«* «l;*s Dogmas einer bestimmten Ueligbm: H-ine Frömn»gk«*it -1- und er war «‘in tieffrommer M«*ns«*b — wur/«*Itein einer pantlieistischen XTalurverhim<Ieiih«»it und Sehh-ksnlsglünbigkeit: uimmstulMieh war ihm «lie Lehre von «ler Wi«*«h*rkimft «ler Seelen. Wieweit in seinen An.-chauimgcn etwa jüdisches, ‘vicHch'iit cliassidisehes Gut nacliwirkt. müßte noch untersucht wcnlen. Eine unendliche Xaturverhuiuh'iihcil, eine schmerzliche Sehnsucht nach «ler Schönheit «ler WYIt klingt uns immer wieder hei ihni entgegen, oft zu ekstatischer Inbrunst gesteigert. Ekstase, ja mitunter Krampf — und auf der andern-^citc Volksliedliafte Elemente — «las gibt seinen Wuii<h‘rhoriivcrtmiuugcn jenes merkwürdige Gepräge» jene Gebrochenheit, von der anfangs die Hede war. Die Zukunft wird cs «leuten müssen, oh in «ler Tatsache, daß der Meister sein Eigentlichstes in «ler orientalischen Welt «les ..Lieds von der Erde“ geben durfte, ja daß er hier zu einem niiht dekorativ, sonder» wesensniaßig orientalischen Stil fand, eine jüdische Seele gesprochen hat. Mahlers Werk, «las Bekenntnis eines Künstlers von unciidhYher Reinheit und Keuschheit, soll uns mit all seiner Problematik ein lmher Besitz sein! ' *. Als G u s t a v - M a h 1 e r - G e <1 ä e h t n i s f c i e r wird unter dem Elm*nse!mt7. des österreichischen Bundeskanzlers von den Wiener I>liilhannoiiik<*ni unter Leitung Bruno Walters und Mitwirkung von Kestiii Thorborg und Charles Kullmann am' 24. Mai im großen Musikvcrcinssnal in Wien «las ..Lied von d «: r Erde“ aiifgeführt. Worte Guftav Mahlers Wir kehren alle wieder, das ganze Lelicn hat niir Sinn «lurch «liesc Bestimmtheit, und es ist v«»llk«immeu gleichgültig. «>h wir uns in einem späteren Stadium «ler Wiederkunft an ein früheres erinnern. Denn cs kommt nicht auf «len Einzelnen' nn«l sein- Erinnern und Behagen an, sondern nur auf d_cn großen Zug zum Vollendeten, zur der Läuterung, die in jeder Inkarnation fortschreitet. Deshalb muß ich ethisch leben: mn meinem leb. wenn es wi«*«Icrkommt. schon jetzt ein Stuck Wegs zu sparen und um ihm sein Dasein leicht zu machen. * ' Ich hin ganz Musiker nn«I sonst nicht«; das ist mir gcg«*bcn worden, uivl-mir über «las hal>e ich Rechenschaft ahznlegwu . * Es gibt keinen sroßen Mcm-ehcn ohne Güte. Die Magie der Schrift Das Geheimnis der Buchflaben — Welches war die Urfchrift'? — Die Pflichten des Torafchreibers — Die Zunft der Soferim — Das Volk der Schrift' . Um kein Krz«*ugni> incii-rhlieher Kultur hat sich solch ein reich«:.« und buntes uitd my-ti-rhes Sacenscspinst gewoben, wie um «len l r?*prniig und «lie Erfindung der Sehriflzeichen und des?chreÜH*ns. Seil JahrtnuH'mlcn hat man filier diesen Ursprung «li-knth'rt um! Tlmorie» aufgcslellt: niythisrhe. religiös«', [ihilologis«;lw. Dit* gewaltigen Wirkungen, «lie nicht nur «las gesprochene.- -omh*r:i m«*hr noch dag«‘sehri«4M*ne \\*orl hat. machen cs licgreiflieh. daß mau «Irin A\r«irt einen geheiumi^voUen ZuuIht lie Hegte, «ler je nach seiner Wirkung 'S«»g«*n <>«lcr Fluch — in weiterem Sinn«* — im Gefolge linhen konnte und nach «ler täglichen. Erfahrung nucIMmtte. AN enu Indcntcndc F«»rH*h«*r auf «lern Gebiete des Schriftwesens zu «l«*r Meinung gelangt siml. «laß «lie Schrift von «len .Tudrn hcr- ' stamm«', dann st«*licn si«‘ auf «lein Standpunkt.'den von jeher die jftdi-ehett Ces«‘tzes!«»hr«*r eingenommen halM:n. Aber diese gingen natürlich. noch weii«»r mul nahmen an. daß elien. -wir alles in «le^r Mell, auch «lie Schrift eine Schöpfung Gotte*« sei. Nach der Mischna war«*» Griffel — «las älti'stc Iiokanute Schreilunstrument und «He Si-hrift g«*g«*n Aheml <l«*s sechsten Si’höpfungstagcs v«in Gott erschaffen, und war A «1 a ni «ler Gehraueh gelehrt worden. Dh'seu ülu'matürHchen Ursprung der Schrift verteidigten nachher nicht nur jüdische und christliche Theologen — cs" sei mir Augustums genannt —. Hindern auch Kültiirhistorikcr und Philosoph«*!!, uml «*in schwedischer Gclchrt«*r. Studnch, hat in sein«»m Werke: ».Die Urreligion und das Uralphnbct“ noch mn die Mitte des vorigen Jahrhundert eine üiiernntürlirhc Entstehung der Schrift angenommen. Daß cs eine Z«*it gegeben haben mag. in der überhaupt der Mensch noch keine Schrift besaß und nicht schreiben konnte, war gerade für «lie jüdischen Schriftgclehrten undenkbar und «lahcr unglaubwürdig. Nach talmmlisi'hcr uml später kabbalistischer Vorstellung war ja di«* T«irn bcr<»it$ zur Zeit der WcUschöpfiuig fertig. Zur Zeit «1er Erzväter konnte man wirklich lesen Und schroilien, und «las erscheint allerdings wahrscheinlich, denn die Hieroglyphen aus jenen Tagen lK*weiscn. daß es sclwm Sehriftzeichcn gcgclwn hat. In-der Schrift selbst aber — gleichviel oh sie zuerst Bilderschrift und dann erst Buehstalienschrift gewesen sein mag —, schien immer ein gdieinmisvoller Zaulier vcri>orgcn, der sich sehr oft auf die Person des Sehreilicrs übertrug. Das hat sich bis* auf die heutige Zeit erhalten. Fremdartige Schriftzeichen wirken‘auf den des Ilsens nicht. Kundigen immer etwas geheininisvoll...und der Analphabet steht ..Geschriebenem“ zumeist mit einer mit etwas Angst gemischten Scheu gegenüber. Er empfindet, daß aus ’ den für ihn unverständlichen Schriftzcichcn irgend etwas Gutes »der Böses entstehen könnte, und den Mißtrauischen .überkommt «•in heimlicher Zweifel, oh das, was man ihm voriiest, auch' den rhiitigen Sinn crgalic; A n a I p h a b e t c n waren aller bereits im alten Judentum selten. Immerhin — der Sehrcil>cr war eine Vcrtmiicnspcrson. Es konnte ilim ein Irrtum unicrlaulcn und solch ein Irrtum konnte schwere Folgen haben. Deshalb wurde schon frühzeitig Wert darauf gelegt, daß dem Schreiber he s ti m m t c P f I i c h - t c n aufcrlcgt wurden, die sich auf seine Arbeit bezogen: religiöse Pflichten und auch solche, «lie sieh auf seine -Schreibtechnik und nicht zuletzt auch auf das S«*hrcibmatcrial selbst erstreckten. Soweit cs sich um die Herstellung ..Heiliger Schriften“ handelte, war die «irößtc Korrektheit, die pcinlielistc Genauigkeit selbstverständlich. Der Schreiber hatte „Gottes Wrortu.wiederzugebrn. und daran durfte nicht gedeutelt werden; es durfte in der Wietlcrgahe «lahcr auch kein Wort, ja nicht ciumal der kleinste Buchstabe verändert oder unrichtig geschrieben werden. ’ Säufer (Sofcr) war die liauptsächHcIistc Bezeichnung des Mannes, der Schriftwerke hcrstelltc: entweder, wie das ursprünglich der Fall war, durch Einmrißclung in Stein, durch Eingravienmg in Ton oder jdurcli Sehreilicn auf Pfianzenstoffc, Leinen, Papyros, Palm- oder andere Blätter. Das Schreibmaterial wechselte mit der technischen Entwicklung, aber die älteren Hilfsmittel hhclien noch im Gebrauch, als man schon längst viel leichter auzufertigendes und daher wesentlich billigeres .Schreibmaterial zur Verfügung halte. Die.Dauerhaftigkeit, die „Reinheit“ und der konservative Geist, der die Tradition noch hoch halt, trugen und tragen noch immer dazu bei. «laß heilige Schriften zu religiösem Gebrauch nach wie vor auf Pergament und unter Beobachtung gewisser Vorschriften vom ersten bis zum letzten Buchstaben mit der Hand hcrgcstcllt werden müssen. Der Beruf eines Sofcrs war nicht leicht — er erforderte sehr viel Fachkcnntnis im Erwerb des Schreibmaterials, in dessen. Behandlung, und besonders auch nicht nur eine schöne und klare Handschrift, sondern auch die Fertigkeit, alle Texte fehlerlos niederzuschreiben. Der Beruf eines Sofers vererbte sich sehr häufig vom Vater auf den Sohn, und es gab ganze Generationen von .Soferim, die sich zu einer Art von Innungen Zusammenschlüssen, in die ein nicht „zur^Zimft“ gehöriger nur Wie einft im Mai ..Komte-si* .Mizzi“ tun! ..Ab^eliirdssoupcr” im Kulturhiuidthcatcr In «ler Koiiiniaiulantenstraße hat das Repertoire-Spiel der Smnmerlüfte begonnen. Die Wähl, die auf diese l>oi«leu Schnitzlersehen Einakter fiel, zeigt in erschreckendem Maße «lie Spiel plan-- Nöte, in denen tief Jüdische Kulturbund sich befindet. Wie ihnen niit einiger Aussichtauf Erfolg zu begegnen wäre, wurde-kürzlich an dieser Stelle eingehend behandelt. •/ Schnitzlers „Komtesse Mi/.zi «der Der Fainilientag*' ist ohne Frage ein amüsantes Gebilde dramatischer Kleinmul Feinktmst,, und das „Absehiedssouper“ ist auf den Bühnen so viele hunderte Male aufj:etisclit worden, daß seine Qualitäten nicht l»csonders gerühmt zu werden brauchen. .Aber diese Stücke einer gestorbenen Zeit in der Welt unserer Nute, «liesc malende Dilettantin, dieser sehl«*mmen«Ic Müßiggänger heute, da Arbeilsmögliehkeit «lie einzige Sehnsucht ungezählter jüdischer Menschen ist. diese vereinsamten Sehloßbesitzer in ciuec Zeit, «la für viele jüdische Familien zwei Zimmer eine Luxuswohnung bedeuten — «las ist .selbst als Himtin*rliehcs Zwischenspiel' eine mehr -als fragwürdige Angelegenheit. Es erinnert an «lie Situation von Menschen, die vor «lern Sehaufen-ter.eines DelikaleßwarengeseJiaftes stehen, ohne einen Pfennig für Brot in «ler Tasche zu häl>cu. Als «ler »Vorhang filier dem Familieutag nieilergega'ngen war. an dem «las gräfliche Fräulein nach achtzehn Jahren zu seinem in der VcrlHirgimheit herängereiften FriVhlchcn von Sohn kommt, der Herr Papa von seiner Lolo nach dito Jahren «len Abschied erhalt, weil ihr Herz für «len hochhcrrschnftliche» Fiaker sililägt und alle sich zu-einer Vergnügungsreise nai'h Ostende nnM'hh'ken, meinte ein Kiilttirlmndbesurhcr. wenn auch nh'lit in «ler gepflegte» Ausdrurksweise «ler adligen alten Herren, ahm* dennoch nicht ganz unzutreffend: „Ihre Sorgen möcht’ i«h haben!“ Zwei Regisseure teilten sieh in «lie Inszenierung. Währen«! Fritz Jcßn er vor. seinem Abschied ..Komtesse Mizzi“ in die' Gewandung der Jahrhundertwende gekleidet hätte.* wurde das „Absrhiodssnuper“ von seinem Regie-Nachfolger Fritz W i s t«‘ n serviert. In Si'lmitzlerischem Geist war keine der Fritziseheii Leistungen. Es fehlte «las-'.Wiener Blut iu (l«*n C«;st;ilten- «In* uns «ler Kulturbund im kommenden Monat ziize.iführen verspriT-ht. Der Abend-wurde von Jenny Bernstein (geh. Schaffer), zu einem Erfolg mittlerer Temperatur getragen. Als Rthler malende Mizzi bekundete sie Verständnis für die feineren Valeurs, entfaltete die Kunst «ler Ilalhtöiie und mischte in «Ins Lächeln des Ahncns «lie leise Tronic erkämpfer Überlegenheit. Rehr lustig dann* <üe Sehwipsstimiming «ler Tänzerin Amue. aus «ler zum Sehluß drastische Offenheit hervorhrieht. Wiste, n nahm «len leichtsinnigen M<*huu*I»<diker Aualo! nieht bucht genug und machte an« seiner Eiferst»'!» eine allzu ‘ pafhotisi’he Lci«lenschaft.' Als Helfer in seiner ’-Not assistierte Martin Brandt nieht ungeschickt — bis auf' ein kleine« Prcmicrenpech. Im ersten Stück war Wisten der zu legitimer Vaterwürdo gelangt«• Fürst Bavenstein. Sein siebzehn jähriger Sohn: Jose Emesto Lewv. frech, alicr fesch, wie Sclniitzlcr ihn haben will. Man glaubt ihm sogar, «laß er ..Klarinclt* ldasen“ gelernt hat. Als Tvolo Pnllestrini geli. T.anghuher. Exmaitress«; und küufligc Frau Wasncr trat Lilly Kann m Erscheinung. 'Den vom militärischen Dienst uml von der Liebe pensionierten osterrei- «•liiseh-unsarisehen Grafen spielt«* Arthur Lcwin. als oh sein •. Schloß nicht in Wien, sondern in «Icr U«*kcrmark läge. Die Mai-Tnszenierung des Kulturbunds war: A\’ie «*in«t im Mai. typische. Angelegenheit eines ' unzeitgemäße» GesclLchaftsthcatcrs. Für «len Juni ist ein Vortrag «Ics Tnlenclanten Dr. Singer filier, «las Thema- -Der Kulturbund ircstem. heute und morgen“ angekündigt. Er wir«! namentlich Im Hinblick auf «las morgen mit spanni*mleni* Interesse erwartet. E. Ta. sehr ausnahmsweise und hei lückenlosem Nachweis der Befähigung . Eingang fand. Man hätte solch einen Außenseiter auch kaum mit der Herstellung von auch umeinigermaßen als, wichtig angcseheneti Schriftstücken betraut. Ein Sofcr war aber nicht nur Schreiber, er war sehr häufig auch der — Verfasser der von ihm hcrgcstclKcn Schriftwerke,* er w;ar also .Schriftsteller, und als Soferim sind die Autoren manchen jüdischen Schriftwerkes anzuschcn. Wenn man unter Soferim „Schrirtgclehrtc“ oder „Schriftcrklurer“ verstehen' will, so stimmt das nieht ganz, denn ein Schrifterklarer ist ein mewin, und die mcwiuim waren cs, die das Gesetz deuteten iind das üblen, was man fachlich mit dem Ausdruck Exegese* bezeichnet — Sehrifterklärung. Im I. Chronik 27.32 wird Jonathan, ein Vetter Dvids, iierühnit als ein „iseh mewin w’snufer“, also ein gesetzeskundiger Simm und Schriftsteller.. Der Sofcr war aber auch ein gewöhnlicher Loliiisehrcibcr. .wie man solche Schreiber heute noch im Orient auf den Märkten sitzen und auf Kundschaft warten sicht. Der Sofer war auch Amtsschrcibcr,' Archivar und häufig auch S eh re i h 1 eh r c r. Seine Schule führte daher, den Namen bnjis saufer. Die Mischnnlehrer aber "nannten, ihr Lchrhaus bajis tnlnmd. Sic waren talmidc chachomim, was aber nicht ausschloß, daß sie sieh auch als soferim betätigten. Wieerwähnt, wurden an die Person des Sofcr große An- .fonlcrumien gestellt: er mußte von makelloser Geburt sein, mußte ein ««‘'wisscs Alter erreicht haben und einen religiösen Lcbcnswamlel führen, in . jTjder Hinsicht also möglichst Gewähr; dafür bieten, daß er der Herstellung heiliger Schriften auch würdig sei. Wer sich ntir 'dem Schreiben profaner Sachen widmete, -hatte keim* so strengen Vorbedingungen zu crffdlcn. Der Beruf «les Sofcrs war einrvorwiegend männlicher — Frauen >varen nieht zur Herstellung von Torarollcn. Mogillaüs, Mcsusnu«. Tefillin zugclasscn. Geschäftsbriefe. Verträge durften auch Frauen schreiben) doch gab cs nur sehr selten eine Frau., «lie sieli diesem Berufe widmete," wie überhaupt die Frauen ja viel spater lesen und sehreilicn lernten als die Alänncr. Das war der Grund und nicht etwa eine Mißachtung der Frau. Man traute ihr bloß nieht die durch lauge Erfahrung und Übung notwendige Fertigkeit und Genauigkeit zu. Auch vertrug sieh diese penible Arbeit nicht mit der Vielseitigkeit und der Ablenkung,.die häusliches Lehen und häusliche Pflichten für die Frau im Gefolge hatten. ... Die Schrift ist heilig, die Schrift ist geheimnisvoll. Sic ist es "cblicben. davon zeugt die moderne Wissenschaft der Graphologie. der Schriftdeutung. . Urscmitiseh sei- «lie Urs«*hrift gewesen, behaupten bedeutende Gelehrte. Und es ist nicht ohne Bedeutung, daß die Juden oft als. «las ..Volk «1er Schrift“ bezeichnet werden. Dr. B. Sch—f. Du* Monatsschrift für Geschichte und W isscusrhalt des Judentums veröffentlicht in ihrem soeben erschienenen März-April-Hcft einen thrfsehürfeuden Aufsatz von Martin Buhcr. der sich im 'Anschluß an die Veröffentlichungen von Benno Jacob und Lniberto. Cassato mit «len Problemen der Bibclwisscnschaft licfaßt. Das gleiche Heft bringt eine, lehrreiche Gegenüberstellung der Lehren jüdischer uml christlicher Scholastiker vom Sinn des Weltgeschehens, ferner einige Briefe von Jacob- B c r n ay s, die in Ergänzung zu den seither lickannten das Interesse des großen -Altphilologen für die Bibelforscbung bekunden, und einen wertvollen Bericht ülvcr volkstümlich jüdische Literatur, .insbesondere jdas sog. Masscbu«*]i. auf kulturvcrglcichriidcr Grundlage.