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Jüdische allgemeine Zeitung · 1936-02-05 · 6 (5.2.1936) · page 2

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Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
16 (1936)
Issue
6 (5.2.1936)
Date
1936-02-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
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M>)aiigc nicht die neue Iterierung die gegenwärtige K i n w andern ngs politik radikal ändert. Der kanadische EinwaitdcrungsmiuiiiUr T. A- Crcrurliabc erklärt, er habe bisher sehend der Organisation Sir I [erhert Samuels, die sielt bemüht, Mittel für eine großzügige Ansiedlung von .lüden aus Deutschland aufzubringen, keine Vorsehläge erhalten. ■ Gegenwärtig können nur englische Lntertuiim, v»n denen niclit zu erwarten tat, daß .sie der Öffentlichkeit zur hast fallen werden, nach Kanada kominrn. Kür Personen aus anderen Ländern ist in jedeni Kall eine l^swidere Kahüteltsorder erfurderlieh, außer für die Gattin und unter achtzehn Jahre alte Kinder einer Person, die sieh (»ereits rechtmäßig in Kuuuda niedergelassen hat. Kine weitere Ausnahme liest cht für Landwirte, die >rlmn in Ihrer lleiinitt <len landwirtM-haftliehen Hcinf ausgeüht halten und lausend Dollar für Vorbertilungszwcrlic l*esitzrn. Verfaffungskampf in Paläftina Unter dieser Cltersrlirift vcrüfTeiit licht die ..rrankfurter Zeitung*' vom 2lJ, Januar einen ausführlichen Artikel, <ler steh mit den Kämpfen um den legislative Council Im faßt. Nach einer eingehendeu Darlegung der Vorgeschichte der geplanten Vcrfa^sungsrefonn und einer Schilderung .der gegenwärtigen Situation heißt es: ..Inzwischen hat sieh das Schwergewicht <Ier O|iposijion verschoben, in dem Maß, in dem sich die englische Politik von der Haifour-Deklaration anwandte und der nalionularahiseheu Bewegung — -/.. H. hi «ler Definiliim des ..jüdischen Natif»)alheimsu — "/iigeslüudnissc machte. Außerdem halten sich die i n u v. r e n G « g e 11 s ü t 7. e im Lande sehr v e r s i: h ä r f t; man hrauchl nur an die hhtligen .Vnseiujitiderscizuugcn /wischen Jnrii-n und Aralteru vor \'wr .luUrett 7.» »lenkfn. Dir .hitien. welche früher dem Projekt nicht einmal so nhlclmend gegenüherstunilen. lehnen nun den Hat m Hauselt und itogen ah, weil sie darin .eine ständige .Minderheit bilden würden und immer nur durch die Hilfe amt- - lieber Stimmen etwas erreichen könnten. Sie Itefürchteu mich, im Hiuhliek auf die gewandell«;. englische Politik, in der Kroge des „j ü d i s e h e n National lt e i m eine undti-t he Mnjorisierung und die Antastung der Grundlage eines ..historischen Anspruchs'". Die A raher. welche zwar das Mandat an sich hekämpfeu, halten andererseits immer wieder, ht Nolen nach Genf und London die Kordermig nach gerechter parlamentarischer Vertretung erholten. Dir jetzt" zutage tretende Änderung des arabischen Standpunktes, die sich in einer größeren Diskussioushereitsehaft äußert. ■ ist in erster Linie durch eine Vrrsrhielmng der innerarahiseheii Situation zu erklären. Die Stellung der ..Arabischen Kxckulive", der Leitung der grsehhtsM'ni-n arabischen Hewegimg. ist nicht mehr unumstritten durch die Tatsache, daß durch die bisherige sture. Opposition nichts erreicht winden ist. Das hotte eine .Wiederbelebung der altfii arabischen Parteien zur Kolgc, die, untereinander nicht vfillig einig, im Gesetzgebenden Hat eine Möglichkeit zur Stärkung ihrer arabischen Interessen sehen. Sic erblicket! heute im Gesetzgebenden Hat, der ihnen zwar keine große Möglichkeit gibt, an der Verwaltung des Mandatslande.s mitzuwirken, eine weilen* Möglichkeit zu wirksamer Propaganda und Agitation für ihre Ziele, also etwa gegen die jüdische Einwanderung jmd gegen den HiMlcnvrrkaut au Juden. , So starke Gegensätze und Widerstände auszugleichen und zu ftlterwinden, scheint im Augenblick fast unmöglich. Wenn sie weiterhin bestehen bleiben werden, wird es sicher noch zu lebhaften Auseinandersetzungen kommen. Aber die, Ln gl ander können darauf hinweisen, daß mich im Irak schließlich eine Verfassungsänderung anf ihre Initiative angenommen wurde — allerdings trat dort kaum eine Opposition in Krschcimmg — und daß der Kampf tun die Tndtcns sieh .über Jahrzehnte hingezogen hat. Auch dort besteht die religiöse Keindschaft zwisehrn Moslems und Hindus weiter, und in Palästina könnte das Parlament geradezu zum Komm der Keindschaft der heulen Hcvölkcrungsteile werden. Ks wird nicht leicht sein und der erprobten Staatsmann!sehen Klugheit Kuglands bedürfen, an ihre Stelle ein SinaLscmpfmdcn zu reizen, wie es ja auch als letztes Ziel der indischen Vcrfasstmgsrefonu vorgeschwebt hat." Eine Firmen-Änderung Eine bemerkenswerte Entscheidung des Kamro'crgerichts In der .Juristischen Wociicnsehrift" •wird ein Beschluß des Kamme ige rieh ts vom 21. November PJ35 veröffentlicht, ider feststellt, daß die Änderung einer unfeinen jüdischen Inhaber hinweisenden Firma, wenn sie lediglich zum Zwecke der Verschleierung der jüdischen Abstammung des Inhabers erfolgt, gegen die guten Sitten verstoßen könne. Eine im Jahre 1^27 gegründete offene Handelsgesellschaft bestand zunächst unter der Firma Lcvy u. Sohn aus zwei Gesellschaftern, die ebenfalls den Namen Lcvy trugen. Im Dezember PJ33 wurde zum Handelsregister angemeldet.- daß der im Jahre 1914 geborene Kaufmann Heinrich Lehmann als persönlich kartender Gesellschafter in die Gesellschaft eingetreten und daß aus diesem Anlaß die Firma in IL Lehmann u. (."o. geändert sei. Hei des wurde Iii das Handelsregister eingetragen. Lehmann ist ein Stiefbruder des einen Inhabers I-evy und ebenso wie die andere Gesell.-ehaflerin luthlarfechcr Abstammung. Im AtigiiBl 1934 wurde \om Hegistcrgerielil den Gesellschaftern angekündigt, doß beabsichtigt werde, die Firma von amtswegen zu löschen, weil ..sie. das Unternehmen nicht als nieJitarisch erkennen lasse und somit gegen § 18 Abs. 2 HCB. vertstoße". Kin Widcrs p r u e h der Gesellschafter wurde z u r ü e k g e w i e s c n' mit der Kegrüudung. daß die Aufnahme des Lehmann in die Gesell-, schaft nur den Zweck "chaht hüben könne, die Firmenänderung zu ermöglichen und deshalb als Seheingeschäft nichtig sei: Dem trat das Landgericht bei. Das Kanuncrgerieht hol) diesen Beschluß' auf. weil die Srhvinnatur des Grsrllscharisvortrage* nicht rechtlich einwandfrei festgestellt sei. ' Ks wies aber darauf Inn, daß die Firmenänderung gegen die guten Sitten verstoßen könne. Das Landgericht, an das die Sache vom Kummergericht zurückverwiesen worden war, hat eiueu solchen Verstoß für gegeben erachtet und demgemäß die sofortige Beschwerde der Gesellschafter erneut zurückge w i e sc n. Die. hiergegen heim Kamme rge rieht eingelegte weitere Beschwerde halte keinen Erfolg. Das K a m m e r g e r i c h t tritt dem Landgericht darin bei. daß als Grund für die Firmenänderung weder eine wirtschaftliche Notwendigkeit noch die zwischen den Beteiligten bestehenden Fainilieitheziehtmgen in Betracht kommen. Ks bleibe* vielmehr lediglich die Annahme übrig, daß die Gesellschafter die Absicht verfolgt hätten, au die Stelle des unzweifelhaft jüdisch klingenden Namens I#evy den indifferenten Namen Lehmann zu setzen und so den falschen Eindruck einer nicht jüdischen Firma hervorzurufen, zumiitdenslen aber die nicht arische Abstammung der Gesellschafter zu verdecken. Ein solches Verhalten verstoße, wie mich tlie Industrie- und Handelskammer annehme, gegen die guten Sitten. Der Inhalt des in Hcträcht kommenden Heehtsgesehäftcs der Firmenänderung, so führt das Kumme rge rieht weiter aus, gehe Itei den gegenwärtigen Yolksanseluntiingen Betlenken Anlaß. Wenn auch eiu Boykott jüdischer Geschäfte keineswegs im Sinne der StaalsFuhrting liege, die Firmenänderung also nicht deshalb unzulässig sein könnte, well sie einem solchen Boykott vorbeugen soll, so müsse es doch dem einzelnen Volksgenossen überlassen J ■ bleiben, seiner Stellungnahme gegenüber dem Judentum durch Ablehnung jeder geschäftlichen Beziehung Ausdruck zu geben. Danach bestehe sogar schon allgemein ein gewisses Bedürfnis nach einer Kennzeichnung jüdischer Geschäfte als solcher. Das Gesetz vcrlungc freilich eine derartige Kennzeichnung zur Zeit nicht. Ks werde aber noch nicht ausgeschlossen, daß auch eine dem Gesetz genügende Firmenbildung durch den Hinzutritt besonderer Umstände nach der allgemeinen Volksanschauung sittenwidrig werden. könne. Das gelte vor allem dann, wenn unter mehreren zur Wahl stehenden Möglichkeiten der Firmcnbildung eine ganz entfernt liegende gewählt werde und sie gerade die Abstammung des Geschäftsinhabers nicht in Erscheinung treten lasse. Wcuti hinzu komme, daß der Grund für die Firmenänderung in der bisherigen Erkennbarkeit der jüdischen Abstammung des Inhabers liegt und demgemäß ihr Zweck in der Beseitigung dieser Erkennbarkeit besteht, so laufe die Änderung darauf hinaus, unterden zah frei eben Volksgenossen, die den geschäftlichen Vorkehr mit .luden ablehnen, in Ausnutzung ihrer Unkenntnis der näheren Verhältnisse der Firma doch noch Kunden zu gewinnen. Ein solches Verhalten -müsse als gegen die guten Sitten verstoßend angesehen werden. Einfchränkiingen Antwort lies englischen Knliinicnministcrs anT ilic arabischen . . Forderungen Jerusalem. Sir Arthur W .111 c Ii o |i c. .1er britische Ohcrl.oiiMiii--.ir -in Palä.tina. heaul» ortete ein Memorandum, ilas ihm »im den arabischen |.iili(i-rlirii Parteien vorgelegt worden war, mit einer Krkläiiuig des englischen Knlnnicuminislcrs .1. Jl. Thomas. Das Memorandum einhielt ilrei Knill,.ungen: 1. rinc demokratische Itrgicrnug für Palästina. 2. Hcindigung der jüdischen Finwaudcriing tintl .'1. «las Verhol lies LaniKerkauf* an Julien. Knlimicnmintstcr .1. II. Thomas erklärt in seiner Antwort, <l;iti iler Forderung naeh l-'inTfilirtum einer demokratischen HctticnmgsHinn durch «Iii- Pläne für die Frrichlung eines Legislative Council Kcchuuug getragen wurde. Was die Frage der vollständigen Kinslelliliiü der jüdischen F. i 11 «• a 11 d e r 11 n g betreffe, fnr die stets der Grundsatz der wirlM-liaflliillen Aufnahmefähigkeit des Lande. imittgchciid war. so beabsichtige die Hcgicrung n i e Ii t, v o 11 diesem P r i 11z i |i a Ii 7.a»o h r n. Sie erwä»! die F.rrirhlung eines statistischen Amtes zur Feststellung der wirlsrhaftliehra V'eränderiin««!!. die sieh im T.andc vollxirlmi. Zu der araliisrlirn Forderung' naeli \Vrl»t des Hodenv.c rk a 11 fs erklärt Minister Tliomas, daß er iirnndsälzlieh de! \rrknildllnj: eines Keselzes /n^eslinimt halle, deiiizufolm' Itoilenri^rniiiinrrn. mit Ausnahme derjenigen im Distrikt Beer Sihewa. der \erkaiif miii Hoden nur unter der IlediiiLMUli; gestaltet wird. dnl> sie eine für ihre l'Ai-ten/. aii-reieheilde Kläi-lii! Inhalten. In jüdiselieu Kreisen giht man der Hesoriinis Ausdruek. daß die jetzt ge|ilanten Maßnahmen auf dem Gehiel «Irr HodrngesetzgeliiuiL' ein Aiizeieheu dnffir se in könulen. daß die Paläslina- Hegienm.!: auf Aiiwrisun-! des IColouienmiuisters in (xuiilun lieahsielitigl.- die. im .laluv l'UUI \..n Sir .lohn Hope Sim|isou formulierten GrundsätMsieh zu eigen zumachen. Der Simpson Ilcrielit. der auf Grund einer Landesaufnahme vom Fhiüzcng aus den Sehhiß z.02. daß es in Palästina keinen -freien auhaufähijrrn IWen iiichr gehe und in dem die Krtragsrahigkeit de.s palästinensischen Iloilens weseiitlieh unlerseliätzl wordeil war. hatte seinerzeit die jüdische ANeil zu lehhaflen Protesten veranlaßt. Während Sirnjison erklärte, daß nur noch die im Besitz jüdischer Körperschaft«! hrfilldUrllcll Bndcnrrseru-n für neue Kolonisation ohne Schädigung der gegenwärtigen landwirtschaftlichen Bevölkerung lic.rnnsc7.0gcu «erdenkönnten. Vurilr von den Fachleuten der .Icvish Agrney hetonl. daß die jüdische Kolonis.ilion die Möglichkeit bewiesen habe, ans wesentlich kleineren Grundstücken als sie den Fellachen durchschnittlich zur Verfügung1 stehen, weil höhere Erträge zu erzielen. Bei der Berechnung der Aufnahmefähigkeit dcä Landes müsse daher die Verringerung des für den Einzelsicdlcr .erförderlichen Bodciimiuimums durch Verbesserung der landwirt »•haftlieiicu Jlctho*Ien mitlicriicksichti^t -werden. Reichsminifter Dr. Frank über die Jndengefelzgebung Hehn zweiten Empfang des Wirtscbaftsratcs der Deutschen Akademie, der im Berliner Kaiserhof stattfand, sprach Rcichsminister Ur. Frank über Leitgedanken der litttiouuisozialistiscHcii Gesetzgebung. Zur Judengcsetzgebung Tührte Dr. Kranke der Tagcs|iresse zufolge, folgendes aus: Die J u d e n g e s e t z g cbillig sei vollendet. Der Jude könne in Deutschland' seinen Geschäften ungestört nachgehen, aber das deutsche : Volk .wolle nicht mehr durch jüdische Geistesctperinicntc behelligt werden. Zahlen -von der Jfidifchen Winterhilfe Frankfurt a. M. Die Zahl der von der Jüdischen Winterhilfe in Frankfurt a. M. .Betreuten betrug am 31. Dezember 1035 über 4000 Persuiien. Mannheim. Im Monat Dezember, wurden in Mannheim durch die Jüdische Winterhilfe 760 Personen betreut. Diese Zahl, ist im Januar 1936 gestiegen, so. daß jetzt ein Fünftel bis ein Sechstel der Mannheimer Gcmcindcniitglieder von der Jüdischen Winterhilfe unterstützt werden. Köln. Die Jüdische Winterhilfe in Köhl betreut gegenwärtig etwa yOO Familien mit. über 2500 Köpfen. Im Febcuar werden u. a. VI 000 Pakete ffazzaus verabfolgt. GcscknrNslellc der Jüdischen , Atlswamlcriiugssrhulc verlegt Die Jüdische Auswuuderuugsselude bittet uns mitzuteilen: ..Wegen Erkrankung von Dr. S 0 in m e r fe I d mußte die Geschäftsstelle dec Jüdischen Auswandcrungsschid^ verlegt werdi-'n. Sic iK'findet sich jetzt Berlin W. Kiirfürstcndamm 200, in einem vom HjF zur Verfügung gestellten Haum. Während.der Verhinderung von Dr. Sommerfeld hat Professor Dr. (jirt . II o n il y selbst . die Geschäftsführung übernommen. Wir bitten alle Hcwcrlier und Interessenten, bis auf weiteres sich mit ihren Anliegen an die neue Adresse zu wenden, und zwar nur auf schriftlichem Wege." Fortsetzung von der 1. Seite. Gemüt wirkt, haben wir weit mehr geleistet, als es unserem Bevölkerungs-Prozent entspricht. Und auch weil der wissenschaftliche Idealismus, wie ihn Hermann Collen nennt, das Forschen als Trieb, ohne äußere Nebenabsicht, unser Urelcment seit der talmudischen Zeit ist. Der Jude als Jurist, tiIs Mathematiker, als Philologe konnte groß-werden. Der Jude als Ethiker war auf seinem eigentlichen Gebiet. Am wenigsten konnten die Juden Deutschlands auf dichterischem Gebiet schöpferisch sein. Dagegen waren sie auf dem Gebiete des Feuilletons bemerkenswert, weil hier das Künstlerische sich mit dem Virtuosenhaften, das Spielerische mit dem Ernsten vereinigt. Es ist nicht paradox, wenn man — ein wenig verallgemeinernd —■ sagt, jüdische Homanc sind oftmals romanisierte Feuilletons, jüdische Dramen dramatisierte und jüdische Gedichte lyrisierte Feuilletons. Innerlich gesehen, wäre es ein Gewinn, wenn unsere bedeutenden Talente zur jüdischen Welt zurückkehren, aus ihr schöpfen und hier befruchtend wirken könnten. Aber unsere modernen Juden leben sich häufig nur schwer ins eigentlich Jüdische hinein. Jüdische Belletristen werden wir wohl gar bald bekommen, jüdische Dichter sehr schwer. Alles in allem: unser Lebensraum ist enger, aber nicht innerlich ärmer geworden. Wir sind ärmer an Äußerlichkeiten geworden, der Kampf ums Dasein ist ungemein erschwert, aber wir sind im Kern gesund. Wir haben, äußerlich gesehen, große Verluste zu verzeichnen, aber — sind es wirklich.Verluste, oder ist es ein Armerwcrdcn an Illusionen, ein Erwachen aus Träumen? liei vielen ist es auch ein Erwachen zu neuen Erkenntnissen, zu neuem Lehen. Denn neben den Verlusten sind auch Gewinne zu verzeichnen. Wir sind zwar nicht wie unsere Väter Nurjuden geworden — das kann es im modernen Leben kaum geben —, aber wir sind in erster Heihc Juden, und wir wissen heute, daß hier unsere Stärke, unsere Zukunft ruht. Wir suchen in der Enge eine Weite und bauen uns, Wo so viel zusammengebrochen ist. eine neue eigene Welt auf. Wir bauen nicht nur mit unserem .Material, und wir bedienen uns auch solcher Instrumente, die unseren Ahnen fremd waren, aber wir bauen mit jüdischer Architektur und wir wollen im neuen Heim die jüdische Seele heimisch werden lassen. Die Judcnhcit Deutschlands hatte iti den letzten 50 Jahren die Linie der jüdischen Geschichte verloren; sie glaubte. losgerissen von der Geschichte, Neues aufbauen zu können. Solche Versuche gab esoft in der schicksalsrcichcu jüdischen Geschichte, und alle sind sie gescheitert. Ein großer Teil der deutschen Judenheit hat durch Not und bitlere Erfahrung die sichtbare — nicht immer gerade — Linie, die durch Jahrtausende führt, wieder gefunden. Meute wissen diejenigen, die überhaupt denken, daß eine Zukunft für den Juden in Deutschland nur eine jüdische Zukunft sein kann, daß die Lösung nicht vom Fortschritt der Menschheit, sondern von unserem Willen, von unserer Tatkraft ab-, hängt. Glauben heißt nicht, tatenlos dastehen und auf Wunder warten: sondern den Gedanken, der in uns lebt, durch Einsetzen aller Kraft fördern und verwirklichen. ' Und wie immer in Israel ist damit eine Erstarkung der Religiosität verbunden. Die verblaßte, erkaltete jüdische Religion hat auch in Deutschland wieder Wärme und Farbe angenommen. Nicht nur, 5laß unsere ISethäuscr wieder gefüllt sind, auch das religiöse Empfinden, das innere Bedürfnis, mit dem Göttlichen in irgend einer Form verschmolzen zu sein, ist wieder lebendig geworden. Auf dem Wege des Gefühls oder des Denkens gelangt man immer wieder zu dem Resultat, daß der .Jude ohne Religion nicht fertig wird, daß, wie der Talmud es austlrückt, „Gott, Israel und die jüdische Lehre eine unzertrennliche Einheit" bilden. Das muß zur Einheil der Judcnheit auf breiter Basis führen. Wo die große, gewaltige. Frage des jüdischen Lebens in .ihrer ganzen Furchtbarkeit sich offenbart, da verstummen alle Mißklänge, da weichen alle Differenzen. Wir sind Juden, welche Beinamen wir noch hinzufügen, ist unwesentlich. .Mag jeder seihe ' abweichende Meinung tragen, wie er will, in erster und letzter Reihe ist er Glied des von Vorsehung und Geschichte geschaffenen Organismus. Allein, auf sich selbst gestellt, ist er ohne Kraft, allen Wandlungen hilflos preisgegeben, stark ist der Jude nur in der "Gesamtheit und durch den Geist der Gesamtheit. Eiu Gewinn unserer Notzeit ist auch der .Aufbau Palästinas. Gewiß. Palästina wird nicht die Judenfrage restlös lösen, und Wir brauchen noch zwei bis drei große jüdische Zentren, um die 5^—0" Millionen leidender Juden aufzunehmen. Aber es bleibt etwas Großes, daß das Land unserer Väter vielfach zum Lande unserer Kinder geworden ist. -Ziehen wir so tlie Bilanz in der Buchführung unseres Schicksals, dann sehen wir auf der eben Seite Leid und Kampf, Überwindung und Verzicht auf vieles, was uns lieb und teuer war. Aber auf der anderen Seite konstatieren wir,-die wachgewordene Erkenntnis unserer Kraft, das Erstarken eines bescheidenen Stolzes auf das Jüdische in uns. Mit dem Worte ..Wir" aber müssen wir den Begriff des geschichtlich denkenden, jüdisch fühlenden Menschen verbinden. Waswir verloren haben, muß überwunden werden, was wir seelisch gewonnen haben, bleibt unser Gut. Alle Schicksale sind wandelbar, ewig aber bleibt das jüdisch-ethische Ideal und sein Träger: die Judenheit.

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