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Jüdische allgemeine Zeitung · 1936-01-22 · 4 (22.1.1936) · page 6

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Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
16 (1936)
Issue
4 (22.1.1936)
Date
1936-01-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Gundolf — privat Während die schöpfensctiu Persönlichkeit Friedrich Gundolfs, des Dolmetschers und Vermittlers Shakespeares sowie des VeiRünders und Deuter* Stefan Georges, von allen Selten her beleuchtet worden ist, Ist der Privatmensdi vielfach unbekannt geblieben. Einige markante Zöge zu seinem Portrlt bringt ein Aufsatz in der „Frankfurter Zetlunß", ' dem wir folgendes entnehmen. Ms jm sicher der merkwürdigste Zug in Friedrich Gundolfs LcIm-ii, daß er, der üi alleu Meinen. - Schriften Standbilder verehrungswürdiger Männer /u errichten'strebte, — daß er, dickem .««einem erzieherischen Ziele zum Trotz, in Wahrheit die Offentliehkeit gescheut hat. Nicht etwa verachtet, sondern gescheut. Ks füllt nicht leicht, über die intimen Seiten des .Mannes etwas auszusagen (heinahe möchte icli .sagen: auszuplaudern), dessen vielleicht höchste und liebenswerteste Tugend die Diskretion gewesen ist. Indessen ist seine Art, sich bei öffentlichen Anlässen zu geben, so «ihr dem Mißverständnis ausgesetzt gewesen, daß es nun, da er tot ist, um der Treue der Erinnerung willen erlituliL scheint, eben davon zu reden. Viele, die bcinc Heide Iljcrger Vorlesungen gehört haben, fühlten sieh bei aller Verehrungdie sie zugleich für ihn hegten, doch im Innern kalt angerührt und mochten wohl, wenn auch schüchtern, einmal aussprechen, daß sein Hochmut gegenüber dem Auditorium den Eutzen der Hörer stark Ibeeinträchtige . . . Nein, es war nicht Hochmut, was ihn so^/eriPund kalt erscheinen ließ — wenn auch allerdings die Gesinnung des ..ndi profan mit volgtts*', die ihm von Stefan Georges Lehre überkommen war, seinem ganz anderen Motiven entspringenden IJedürfnis zur-^ Abschließimg und Isolation entgegenkam und — \ielleichl — eine willkommene Maske lieh. Ks war nicht Hochmut, Mindern — mag es auch paradox klingen — eine Art \<m Demut. Denn sein eigener Geist galt ihm nicht-* — die (bestallen, die er lx-H-hrirb, an sich selber alles. Freilich war er auch nicht so kokett, seine Bücher für schlecht zu erklären. In einer fast kindlichen "Weise .war er stolz: darauf, daß er sie gesehrieben halle, und daß sie ihn berühmt machten —■ clx-usn wie er literarische Gegner mit naiver AussehließÜcIikeit \crspottcle und beschimpfte. AIkji* das geschah nur insgeheim, zu Hause in vertrautem (Gespräch; öffentliche Polemik wäre iluu sicher als eine Verunzicrung der. Bilder und Namen erschienen, denen zu dienen und zu huldigen 2im der Zweck aller lüsloriseheit Bemühung war — Goethe, Dante, Hölderlin, Shakespeare.! ■ Jedermann, der ihm privat begegnete, rühmt seine Bescheid eimeit. Vntüchtig zu Geschäften, war er von hinreißender Hcrzliclikcit und Treue zu Freunden und Gästen nicht nur, sondern zu allen, mit denen er, sei es auch auf die alltäglichste Weise, Umgang hülle, zum Buchhändler und zum Friseur. Sinndcs- - bewußlscin oder ein Gefühl seiner eigenen geistigen Besonderheit kannte er nicht. Nie zeigte er sich auf Prestige, immer aber - auf Diskretion bedacht. So sehr in sich abgeschlossen, so wenig bereit seine Geistesart in Vortrag oder Buch -sich darstellte, Gcdpr&ch und Mcinungswcchscl zuzulassen, so restlos war er privat, zumal im eigenen Hause, für die anderen da. Ks ist nicht leicht, hierfür 'die rechten Worte zu finden, — deiui es ist nicht bloß dits, daß er ein guter Gastgeher und unterhaltsamer Wirt gewesen wäre. Er Itcschämle jeden, der seine Stube tat rat, denn sein ganzer Sinn war von dem Augenblick an, wo die Tür aufging, auf nichts andere» gerichtet, als den Besucher heiter und zufrieden . zu sehen. Kr. eilte ihm", entgegen, zeigte seine Bücher — die schönsten Stücke aus seiner Sammlung von Caesar-Ausgaben, Hölderlins Handexemplar von Kants ,.physischcr Geographie" , und sonstige neue Funde, die er getan harte —, erzählte die Gesehirhtc dieses oder jenes Kaufs, Ii orte aul alles, was der Gast . vorbrachte, ging darauf ein und lohte ohne Vorbehalt oder Hintergedanken —- denn er war nie bloß höflich —, machte Witze und improvisierte komische Verse. Immerbrillierte er, war so amüsant wie es nur möglich ist, und dabei war nicht.ein Grau von Selbstbewußtsein, gar Kitclkeit. Im Gegenteil, er neigte immer eher zu dem Glauben, man langweile sich in seiner Gegenwart, — obwohl die meisten seiner Gäste kaum selber etwas zum Gespräch beizutragen Neigung haben mußten, weil ihnen, bezaubert wie sie waren, nichts darüber gingj Uun zuzuhören. So ungewöhnlich lebhaft, erfinderisch und voller Phantasie. M*in eigener Witz war — in Kalauern, Schüttelreimen, allen Arien von Wortki inst stücken und Spruch ciuiilibristik tat er es den romantischen Meistern dieser Künste mindestens gleich (denselben, die er in der hohen, pathetischen Sphäre seiner literarhistorischen Betrachtung verdammte) •—so offen war er für alle Komik bei-andern. Im Anblick von Clowns oder grotesken Figuren im Film konnte er sieh wahrhaft ausschütten vor Lachen. In seiner letzten Zeit ging er oft mit dem Gedanken um, über Wilhelm Busch ein Buch zu sehreiben. Chaplin oder Karl Vitien- 1 i u und vor allem der Nicl>crgallsehe ..Duttcrich" mit seinen „gesehwollenen Sprüchen*', die Gundolf als Darmstädter völlig I>chcrrscl»le. waren ihm innig vertraut. Vielleicht ist im Falle des .;Daiterirh*" sogar etwas mehr im Spiele als die .Viizichimg der k<um*vhcn Spilan* — eine grheinu* innere Verwandtschaft, die im verschwiegenen Wissen um die Uiizulangliclikcil des wirklichen Mrnschen. das Krhabmr sellier darzustellen, ihren Grund hätte. 'Man müßte dies nur recht verstehen und alle angeborene Eitelkeil des Menschen - ljcisrUc lassen: so iM'deutcte es mir für diejenigen-eine Verkleinerung des geliebten und verehrten Mannes, die mit Statuen umgehen wollen — anstatt mit Menschen. Den übrigen alter würde e> die Erinnerung an Friedrich Gundolf mir teurer umrheu. springen sollte, wie er eifrig staubsaugt, ich habe also richtig gehört. Der Frühstüeksüscli ist bereits sauber gedeckt, und das Kaffeewasser brodelt auf dem Herd. Daneben steht der Quartaner Peler am — Plättbrett. Neben ihm liegt ein Stapel Taschentücher, weiche Herrenkragen, Unterwäsche, alles wirklich ©ehr nett gebügelt. Kr hat sich mit der Kunst vertraut, machen lassen, um mich zu überraschen und zu entlasten. Die Ufen sind geheizt, die Schlafzimmer der Juugens bis ins Kleinste aufgeräumt. Klaus hat seine Kräfte als Größter und Stärkster unseres Kleeblatts der anstrengendsten Sache gewidmet. Schön, dachte ich mir, als ich später über diese nette HüfsiKTrcilschaft nachsann. Das wird heute den Beteiligten Spaß gemacht haben* wo sie keine beruflichen Pflichten haben, und die Suche mehr als Spielerei betrachteten. Aber ob der Eifer vorhält? Er hat vorgehalten. Unser Tag beginnt jetzt eine knappe Stunde früher als sonst. Meine drei Jungens unterstützen mich nach wie vor" mit ihren jungen Kräften, befassen sich mit mancherlei Arbeiten, über die sie bestimmt früher die Nase gerümpft haben würden, und lassen mich die fehlende Tochter wirklich kaum vermissen. Ein Appell an ihre Alterskamcraden die sieh vielleicht noch vor Hausarbeiten, „drücken": Ihr könnt die Liebe zu euren Eltern jetzt weisen, als wenn Ihr überall zu Hause, wo es kräftig zur Verfügung stellt! kaum schöner beriot tut, euch tat- —tz. Zweimal Heimkehr Horst „faugt Staub", Peter plättet, Klaus räumt auf! Uwe MnitiT schreibt uns zu der häuslichen Umstellung \\ eiseinen Hmish'iH drei .Jahrzehnte lang niemals ohne Hilfe einer Angestellten geführt hat, wird den Stoß-Scufzcr verstehen, mit drin ich am 1. Januar aufwachte, "verwandte und Freunde hatten mich schon von Herzen bedauert: ..Du Ärmste, deine großen Zimmer, und die Menge Menschen, die ihr seid, keine Tochter zu deiner Hilfe. Jungens? Schön und gut. aber die kannst du höchstens noch imlbedienen. Menschenskind, allein die Herrenwäsche, die es bei Kuch zu bügeln gibt!" Also legte ich mir in der Frühe des ersten Januarinorgcns mein Programm zurecht. Einheizen, für Frühstück sorgen, aufräumen, Arbeiten, die der Tag mit sich bringt. Ein merkwürdiges, summendes "Geräusch lenkte meine Aufmerksamkeit ab. Das klang jn genau *o, wie sonst um diese Zeit, da schien ein' Staubsauger in voller Tätigkeit zu sein.. Aber ich unterlag wohl einem Hörfehler. Unsere Söhne konnten das unmöglich sein, die da am Werk waren.- Leiderhatte ich sie niemals häuslich geschult. Sic wußten nur, wenn etwas nicht in Ordnung war — die' Suppe mal ein bißchen zu viel Salz geschluckt hatte, oder der Braten zu viel" Hitze. Liebe gute Jungens die drei, aber so bequem, nur auf Beruf, Sport und Schule eingestellt, allenfalls einmal für ein paar Einkäufe zu haben. Aber der Staubsauger blieb weiter in Tätigkeit. Die Neugier siegte über die Müdigkeit — es war erst 8 Uhr früh — und trieb mich aus den Federn. ..Ooooooch Mutti, bleib* doch noch liegen!" Pctcr, der Jüngste, ist böse, ab ich in die Küche will. Im Speisezimmer habe ich inzwischen seinen Bruder Horst erspäht — der immer gemeckert hat, wenn er mal im Haushalt bei- Kin kleiner Juden junge - entläuft. dem Elternhaus. Er will zum Thealer, ein großer Sänger werden. Er leidet, er hungert, singt in finsteren Höfen Warschaus, um seinen kümmerlichen .Lebensunterhalt zu verdienen. Er tritt in den Chor eines Kantors ein, ohne es dort lange auszuhallen. Endlich gelingt es ihm, Slali*t in einem jüdischen Thcaterenscmblc zu werden. Einmal, hat er eine kleine Solopartie zu-singen, einen Hanswurst. Aber da er ihn mit der Würde des Königs aus „Aida" tungibt, wird ihm Jroin-*i:h der Spitzname ..Cospodiu Schaljupiu" angeheftet. \ In wilden Zickzacklinien. Itergauf, lx:rgab, verläuft Mcchcl Sterns7 LclR-nsweg. Kr führt ihn durch, alle Bezirke der Liebe ■ und', der Abenteuer, durch Not und Reichtum, bald verkauft er XciMingcn oder Speiseeis oder er arbeitet bei russischen Bauern nuf dem Felde, bald lebt er in der sorglosen, umhegten Atmosphäre .einer'reichen, liebessüchtigen Villenbcsitzcrin. Kommt er zu Gcldi wirft er es fort, winkt ilim daa jugendlich ersehnte Ziel, weicht er ihm aus. Immer in Furcht vor Karriere, Ruhm und Erfolg. | In diesem Chaos versinken ihm Elternhaus und Judentum. ''Doch als er einmal im Hause einer Gönncrin über Synagoge und Sabh'it sprechen'hört» erinnert er sich an Gebete seiner Kindheit, wie seine. Mutter aussah, wenn sie am Freitagabend die Lichte anzündete und der Vater das Kiddusehgebet sprach und die sabbatlichen Weisen sang. Eines Tages ist Mcchel Stern, Levys und Surclcs Sohn, gegen seinen Willen, MicImÜ Swjcsdow, laut Paß griechisch-katholisch, und Mitglied des Petersburger Marinski-Theaters' Um den qualvollen und schmachvollen Preis der Aufgabe seines Judentums. Als er zum erstenmal auftritt, als Boris Godunow, in Purpur gehüllt, „kam es ihm vor, als sei er in der Synagoge.^ Sic war voll von Juden tu weißen Ketteln und Gcbetmänteln. Alle knieten vor Gott und riefen „Schema jsrocl!" Swjcsdows Stimme war tief und erhaben. Er betete: „0 er- ' höre miciii, o mein Vater des Erbarmens*** Die Glocken läuteten. Unaufhörlich jubelte dos Volk: „Heil dir, Heil dir, Zar!" Niemand Im Publikum regte sich. Alles war in tiefes Schweigen versunken. Der Vorhang senkte sich, und noch immer saßen alle entrückt da. Aufs neue hob sich der Vorhang. Da fühlte jeder die schweren Leiden des Zaren Boris, als er sein Herz vor seinem Sohn Fjodor öffnete. Aus seinen tiefsten Tiefen drang es: „Doch wehe! Umsonst! Nicht Ruhm, noch Macht und auch nicht Ehre, das Jubelschrcicn 'der Massen — nichts freut,mich!" Zwei Jahre genießt Michail Swjcsdow den Ruhm des großen Sängers, den Lohn für alle die Leiden, die er erdulden mußte, ehe er im Marinski -Theater auftreten durfte. Seine Seele weiß nichts mehr von Zerrissenheit, bis ihn die Last seines Erbteils von neuem durch tlos Leben hetzt, ziellos, ruhelos, che er am Schluß, geographisch und psychisch, in die Heimat zurückkehrt. „Du sagtest", meint seine junge Frau Beile, bevor sie den Zug von Berlin nach Polen besteigen, „du warst Jude und wolltest wieder Jude sein, aber kein frommer, und nichts mit Dogmen zu tun haben! Ich aber habe bei dir alles erreicht, und jetzt heißt du wieder Mcchel! . . . Weißt du, was der Vater gesagt hat? Daß du mehr Jude bist, als alle frommen Juden zusammen, und daß in dir die Seele eines großen Heiligen wulinc!*" Um dieses Ringen einer Seele geht es Samuel Lewin in seinem (im R. Löwit Verlag, Wien und Jerusalem erschienenen) Roman ..Und er kehrte heim", den Mirjam Kcmp aus dem .Jiddischen übersetzt hat. Zu dem Buch des. im Osten geborenen Autors hat Franz Werfe! eine Einleitung geschrieben, in der er Lcwiu als einen Dichter Itezcichnct. Mit vollem Recht*' Snmuel Lewin hat sieh nicht darauf beachränkl, die Irrwege und Umkehr eines jüdischen Künstlers zu verfolgen. In seinem Roman wirkt sieh die große Kraft eines aus tiefem religiösen Erlebnis' schöpfenden künstlerischen Gestalters aus, der alle Saiten jüdischen Schicksals zum Tönen bringt, in Dur und Moll, mit seiner alles beschattenden Trauer und seiner Heiterkeit, mit seiner Sehnsucht und Erfüllung. Aber es ist nicht nur die aufwühlende und ergreifende Problematik des Buches, -die den Leser von der ersten bis zur letzten Silbe 7h Bann hält, es ist auch die Iwlmtsame, unaufdringliche und eindringliche Kunst der Darstellung von Menschen und Situationen, die den Roman weit filier die jüdische Buehprodiiktiou hinaushebt. Mit welcher Liebe. Schärfe und Anschaulichkeit sind diese Kaftauju<fcu und Künstler, diese biederen I fand werker und snobistischen Großstädter gezeichnet, wie lebensvoll und schattiert die. zahlreichen Frauen- und Mädchcngcstaltcn, die Michails Lcln-nwc« begleiten. Wie humorvoll die gastfreie Wirtin, bei.der Mcchcl seine Rechnung mit Sabbatweisen Iwim Festmahl und Liedern nach dem täglichen Abchdbrot iK'glcicht, und die ihn nach jeder Mahlzeit Iwsorgt fragt, oh er. auch wirklich satt sei und animiert: ..Essen Sie noch! Also Souilsehka, hol, doch bitte etwas'von dem Eingemachten". Oder die Tragikomrk der Schmiere, an der das Stück „Bar Koehba" einstudiert wird, während Mcchcl in seinem ThcntcrtFanatisimw durch das Schlüsselloch das Schreien,-Fluchen und Schimpfen der Bühncriprobo verfolgt. Wie erschütternd dagegen das Erlebnis in der russischen Synasogc, die polnischen Flüchtlingen als Asyl dienen muß, oder das Wiedersehen des heimgekehrten Mcchcl mit dem zerb röche neu Vater inmitten der verräucherten Ruinen des verwüsteten polnischen Städtchens. Auch Sorna Morgensterns Roman „Der Sohn des verlorenen Sohnes" ist ein jüdisches Buch der Heimkehr. Wenn euch nicht ganz so ül>crzeugcnd und .aus einem Guß wie das Werk Samuel Lcwins. Morgensterns Heimkehrer ist ein achtzehnjähriger Student, Sohn eines abtrünnigen Vaters, der zum. jüdischen Glauben teils zurückfindet, teils zurückgeholt wird, um narh einem „purteibe freiten"' Leben in Wien und Berlin im traditionsgebundenen Hause seines patriarchalischen Onkels Wclwel ein neues zu beginnen. Erlebnis und Entscheidung des jungen Alfred, der mit seinem nur unklar motivierten Entschluß die Anwartschaft erwirbt, Gutsbesitzer in Podolicn zu werden und sich in Wclwels Haussynagogc als Sussja am Sabbat zur Tora aufrufen zu lassen, ist zwar die treibende Kraft dieses Born ans. jedoch nicht sein Entscheidendes. Sein Reiz liegt vielmehr in der heiter-koloristischen Grundhaltung dieses jüdischen Zeitgemäldes, mit seinen kontrastreichen Charakteren, in der- Regie eines Ensembles jüdischer Menschen aller Richtungen, vom toratreuen Mitglied der Agudas Jisroel bis zum getauften Juden, in der unverkrampftcu Selbständigkeit, mit der. auf hohem literarischen Niveau, jüdische Fragen der Gegenwart geformt werden. Feuillctonist und Romanautor sind hier eine glückliche Verbindung eingegangen, zu der Scluutzler für den wienerischen und assimilatorischen, und Karl Emil Franzos für den jüdisch tiefer fundierten Teil des östlichen Judentums ihren Segen erteilt haben. Aber während difc Personen des westlichen Milieus merkwürdig blaß geraten sind, mit Ausualunc , von Alfreds Vormund, dem nervösen, resignierenden und musikbegeisterten Journalisten Dr. Stefan Frankel, den sein Mündel „ein gutes Produkt einer guten Assimilation'" nennt, hat Morgenstern in den bodenständigen "Gestalten des Ostens Menschen geschaffen, denen unsere liebe und unsere Bewunderung gehört. Du ist etwa die „versorgte Pcsjc", ein mageres, knochiges, besorgtes, geschäftiges, bekümmertes und vergrämtes Faktotum. Da ist der sicher auf dem Boden seine» Landes und der Tora stehende Gutsbesitzer Wclwel, feierlich und humorvvjoll, streng, gütig und nachsichtig, Rabbi und Bauer zu- „ gleich. Die Prachtgcstalt des Buches aber ist Jankel, der ..Goi", der siebenzigjährige jüdische Gutsverwalter, der von den Fanatikern des Kongresses der gcsetzcstrcucii Juden in Wien nichts wissen will und sieh lieber Schönbrunn und die Mariahilfcr Straße ansieht, und dessen Wunsch, das Riesenrad im Pratcr zii schein durch tückische Umstände verhindert wird. Ein alter, gemütlicher Raufbold, der es sieh nicht nehmen läßt, unter dem Kaflan die Reithosen zu tragen, und wie eine Reliquie sein Holzköfferchen aus der Soldatcuzeit mit sich herumschleppt. Aber nicht nur diese Menschen leben in Sorna Morgensterns Roman. Auch das Dorf und die podoüschc Landschaft mit dem Gold und Sillwr ihrer weilen, reichen Felder finden in dem Autor einen stimmungs- und gemütvollen Sehildercr. Der ..Sohn des verlorenen Sohnes" ist Sorna Morgensterns erster Roman. Ks ist verständlich, daß darin noch die Reize des kultivierten Feuillctonistcn, der sich mehr auf subtile Einzelheiten-' als auf die Fähigkeit, sie zu einem großen, Ganzen einheitlich» zusammenzuschließen, versteht. Der Erich Rciss. Verlag, der sich mit der Veröffentlichung dieses Werkes ein großes Verdienst um die jüdische Literatur erworben hat, kündigt an. daß mit diesem Roman eine Roinanreihe Morgensterns I>cgmnl, die ein großes Gemälde des jüdischen Lebens" bringen soll. ..Der Sohn des verlorenen Sohnes" lierechtigt zu hochgespannten Erwartungen. Eugen Tannenbaum. * Unbekanntes von A. D. Bernftein Die Kutfche als Studierraum — Vom Talmud in die Redaktion — Das Stammbuch des' jiidifchen Eintagskönigs Von HEINRICH KURTZIG Unter dieser Uberschrift brachte die „Jüdische Allgemeine" kürzlich einen Auszug aus Aron David Bernsteins Novelle „Mendel Gibbor". Durch die vom Schocken Verlag neu herausgegebenen \«>|>ulüv gewordenen Kkinstadtgesuhichtcn „Vögele der Maggill" und ..Mendel Gibbor" istder Name ihres Verfassers Aron Ucrnstein ein halbes Jahrhundert nach seinem .Tode gewissermaßen wivdcr aktuell geworden. Einige wenig oder gar nicht bekannte Tatsuchen aus seiner Jugendzeit dürften daher allgemeines Interesse finden. Aron Bernstein hatte in seiner Jugend im Hause meiner Großeltern., in Inowrazlaw gelebt, wohin der damals" 16jülirigc als Talmudjüngcr gekommen war, um dort bei dem hochbcrünmtcu Rabbi .foske Spiro sich in die talmudischcn Wissenschaften zu vertiefen. Ein Studierzimmer konnte dem Lernbeflissenen in dem kleinen Hause allerdings nicht eingeräumt werden. Bernstein ließ sich in einer in der Wagenremise stehenden alten klapprigen Kutsche häuslich nieder. Diese wurde für ihn ein geheiligter Raum, in dem er abgeschlossen und ungestört arbeiten konnte. Dort lernte er auch deutsch lesen und schreiben, denn bis dabin kannte er nur die licbriiisi-hc Schrift.- Durch unermüdliches eifriges Studieren eignete er sich allmählich ein umfassendes -Wissen an. das ihn zu seinem späteren Beruf befähigte. Bernstein ging 1832 — 20jährig — nach Berlin. Eigentlich sollte er sich dort zum Rabbiner ausbilden. Er interessierte sich aber inelir für die deutsche Literatur und versuchte sich an kleinen Aufsätzen, die in verschiedenen Zeitschriften — meist unter dem Pseudonym- ..R e he n s t c inI£" — erschienen. Die damaligen Berliner Litcraturgrößcu wie Adalbert v. Chamisso. Willibald Alexis n. a. erkannten sehr bald die schriftstellerische) Bcgnbung des jungen Mannes, ermutigten ihn zu weiterem Schaffen und ließen ihm allerhand Förderung zuteil werden. Rcllstab übergab ihm sogar während einer Reise vertretungsweise die Redaktion der „Vossischcn Zeitung". Dadurch wurde Bernstein mit dem Zeitungswesen vertraut und gründete, bald selbst, ein Blatt, die ..Urwühlcrzeitung", die schnell großen Einfluß gewann, aber 1853 verboten wurde. Daraufliin begründete er die -„Volkszeitung". die noch heute in Berlin erscheint. In diesem Blattekamen Bernsteins aufsehenerregende naturwissenschaftliche Abhandlungen zum Abdruck, die später gesammelt in 21 Bänden als „NatuWiäsemehaftlichc Volksbücher" herausgegeben, in fast alle europäischen Sprachen übersetzt wurden und sehr großen . Erfolg halten. Von schöngeistiger Produktion, mit der er sich in jungen Jahren beschäftigte, Jwollteer später nichts mehr wissen. Nur die ■ beiden jetzt heu erschienenen Novellen ..Mendel Gibbor" und „Vögele der Maggid" ließ er gelten und freute sich immer,- wenn sie Beifall fimden.. Bernsteins Stärke lag aber nicht traf belletristischem, sondern auf wissenschaftlichem Gebiete. Ein Beweis dafür ist, daß die Universität Tübingen ihn durch den „Doctor honoris causa" auszeichnete, eine akademische ^Würde, deren Verleihung, besonders an einen Juden,' damals nicht häufig war. Meinen. Darstellungen möchte ich noch anfügen, daß dem jungen Bernstein die Geschichte vom „König für eine Nacht" tatsächlich in der Torrn, wie er sie in „Mendel Gibbor" der alten blinden Malko in den Mund legt, erzählt worden ist, und zwar von einer würdigen Ahne, die ihre Jugendjahre im Hause eines Urenkels von Saul Wahl in Kutno verlebte, wo sich noch! ein von dem Eintagskönig eigenhändig geschriebenes, mit goldenen Buchstaben auf dem Einbanddeckel verziertes Stammbuch befand, in dem sie oft genug geblättert hatte. Leider ist dieses wertvolle historische ■ Dokument bei einem Brande in Kutno zugrunde gegangen.

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