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Jüdische allgemeine Zeitung · 1936-01-15 · 3 (15.1.1936) · page 6

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Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
16 (1936)
Issue
3 (15.1.1936)
Date
1936-01-15
Page
– (sequence 6)
Language
German
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DIE SEITE DES BUCHES Feß im römifchen Ghetto Von FERDINAND GREGOKOVIUS Ein Fest im Ghetto -- fä>l <-inr Ironie, wenn 111:111 Geschichte wir l.agc der Judeugeiii'-iiidr überdenkt —, ein solche* Schauspiel dürfte gerade in U o in lockend sein. wo «'in Erst da«, ander« drängt, wo ein schauprangender Tag den rrmüdi leu Fremden «Inn Andern. Festtage zuführt? iler seiner schon wartet. Wenn Hilf dm Straßen -Horns diese großartigen Triumph feste einherziehen, und alle Welt Iiewundcrnd. und fröhlich sie mitgenießt. und wenn da-- Geld mit Milieu llüudeu Von dem ül>cifluß ausgegeben _ wird, wenn alle Plätze und Siraßen in Blumen und Teppichen oder im Glanz der Lichter strahlen und \ou Karor-scn und Fußgängern wimmeln, dann sitzt dunkel, anlcillos und fettlos Israel in seinem Ghetto und näht im Schweiße seines Angesichts * an den I.umpcti. die vor .seiner Tür liefen. Nun alter kommen aueh seine Feste, der arme Hausierer legi seinen Plunder beiseite, /Jehl sein ltcsles Kleid an und «rhelit seine gclteugln tiestall, t'nd gerade hier.* so glaube ieh. ist die tiefste Poesie des Fehles und sein höchster Sinn zu fimlcu, weil der festlirhe Mensch aus den Sklavcuhandcn der Alltagsarhch und aus dem slutiltigcu Elend sieh erln'lM-n und zu einem idealen Menschenverwandeln soll, der nicht meiner engen Kammer, noch seinem dunklen Nahruugsgcschäfl, sondern dem l 'inversum angehört. Dies seltsame Volk kommt dann festlich zusammeu. und wo sie nur sitzen mögen, in welchem fernen und feindlichen Winke) der Knie, es sei, schiincn sie sieh als das alte Volk Israel an, als Abrahams und Jakobs Kinder und als die Hinte der Menschheit, welche Gölte.- eigene Hand mitten in die Well gepflanzt hat. Ich wohnte dem Pa-sahfcslc im (ihetlo l>ci. Zufällig kam iehzu der Kunde von dein Tage, well ieh. den Ghetto durchwandernd, vor jeder Tür hlank gescheuerte Kessel um) au jedem Brunnen die Gefäße reinigen sah. Man sagte mir, es geschehe um des Osterfestes willen, das in einigen Tagen gefeiert werden solle., Das Osterfest der .luden gilt «lern Andenken an die Auswanderung aus «Irin Agyph-rland. Dein wundersamen Volk ist es ideelles Frcibeitsfrst und rin tröstlieh prophetisches, zumal in Ghcttogefungcnsclmfl. Nach den großen kirchlichen Feierlichkeiten der Kar- und Oslcrwochc in St. Peter und in der Sixliiiisehen Kapelle, die im Verein so «roßer Werke und so großer Kräfte die allerhöchste; Produktion des christlichen Kultus sind. ist. <■;> ungemein anziehend, in jenem dunkeln Gheltowinkel einer Osterzereinome Itcizu wohne 11 und hier die uralten, kaum ' veränderten Grundlagen für jenen katholischen Kultus Roms aufzufinden. Es bind die Wurzeln dieses Kultus, und je prachtvoller der Kaum sieh entfalte: hat. desto tiefer begräbt sieh seine Wurzel tu die Nacht. Das Fest ward in der Synagoge gefeiert ... . Fin Schriftgelehrter hatte mich auf den Abend in den Tempcl- ' saal. ringelnden, wo, wie er sagte, die Vesper gesungen würde und ich eiti-vortrefflich ausgeführtes Oratorium würde zu hören Itekomiueii. Am . Abend drängte sich demnach das Judcnvolk am Eingang ili'r Synagoge. Auch Römer, selbst einige Priester waren unter der Menge zu bemerken. Wohl eine halbe Stunde ließ mau! warten, ehr auf getan wurde, und es freute mich nicht wenig, zu warten und warten zu' sehen, weil mich dies als ein Zeichen . der Souveränität ergötzte,, geübt auch einmal von einer unterdrückten und verachteten Meiischensckle. Als min die Türen sieh auflatcn. stieg man ül>er enge Stiegen in den Tcnipclsaal . . . An der nördlichen Wand fällt ein rundes Fenster in die ■ Augen, welches 111 zwölf Felder verschiedener Farltcn geteilt istdies Symlml .-.teilt die Stämme Israels dar und ist das BIM der l rhu und Thunum, jenes aus köstlichen Steinen zusammengesetzten Schmuckes, den der Hohepriester auf »irr Brust zu tragen pflegte. Westwärts steht der runde Chor, ein hölzerne« Pull, für Vorsänger und Sauger, auf ihm der silberne Tenipcl- . Icnelitcr und andere verwunderliche Gefäße von Silltcr. die auf den Prnlatcüch als Schmuck gelegt werden. Gcgcnültcr steht an der östlichen Wand das Allerhriligstr. ein kleines Tempelfrotitispiec mit' herantragenden Stangen 'für das Tragen der Hunden lade bestimmt), auf korinthischen Säulen ruhend. Der Vorhang bedeck' dasselbe: auf ihm sind hi Goldstickerei Sprüche zu lesen und allerlri Werk von Üimh und von zierlichen Arabesken nach Weise des Tempels Salomoius. Die Spitze des Ganzen krönt der siebcnaimigc silberne Leuchter. In 'diesem Allerheiligsten ist der Pculateuch % erschlossen, eine große Pcrgamrntrolle. Ks wird in Prnzrs-inir durch den Saal getragen und von dem Pull nachallen vier WVUgegf iidrn «czeigt. wobei die .luden die Anno erhelH'ii und ein Geschrei ausstoßen. Dies ist gleichsam die Monstranz und Hostie der -luden. Fs ist der gewaltigste Gott der Erde.- welcher noch heule die Welt gefesselt hält, der Gott, welcher nicht das Wort ist. sondern der ..Buchstabe", ein fürchterlicher, po-iiivcr. iimerrückbarcr Gott der Knechtschaft. Das .Indernum ist dii* |»o»iiivste aller Religionen, darum dauert es noch heule. Den luxuriösen Formen und phnntnsirreichen Zeremonien der knihnlisclu'u Kirche gegenüber erscheintdieser starre, hildlose. phanla-ielnsc und gcstallcnharc .lehovadiensl I>cwunderuugswürdig in seiner ah-olulcu Einfachheit und furchterregend erhalten in iler nüchiernen Despotie des Gesetzes, welches beides schonungslos verschlingt — den Mcnsehengeist wie die Natur. Bedeckte:!' Haupte«. Hut oder Mütze auf dem Kopf, sitzen die Juden in ihrcnT Tempel wir Pairs vor Uircin Gott, oder als wären sie auf der llörse. und ziem liehe Ungcnicrlhcit herrscht beim Singen und Helen, da jeder singt, wann er will, oder mit seinem Nachbar plaudert. Der Vorsänger sitzt dältci auf dem Chor. "Mir fiel .die Ha-l auf, womit alle diese Gebete abgesungen oilcr ahgcmurmrll wurden. Die.Frauen sitzen in einer oberen Gallerte hinler einem Gitter, gleichsam im Harem, und sind nicht sichtbar. T11-einem zweiten Saal wurde die Ycsj»er gesungen." Auch er war auf das lieste dekoriert und flimmerte reichlich von Lamjien. Nicht platt gedeckt wir der erste, erhob er sieh vielmehr stockweise öU-rrinander in einer bizarren Kup|>eHonn. Auf dein Chor saßen dir Sänger hinler drm Vorsänger. Die (Imrsäuger sangen die Vesper ganz vortrefflich, währrnd der Vorfiel er" pausen weis«* In-tete und das Gesicht in den Schleier barg.: bitterliches Weinen ausdrückend. Die Gesänge waren harmonisch, doch nicht von altem Gepräge, sondern doch viel mehr modern " und im Stil der Oratorien. Schöne •Knaltensli turnen, prächtige Bässe — und so war denn auch in dieser Vesper im Ghetto ,der Einfluß Roms zu erkennen, und auch das Judcnvolk halle sein Miserere aufzuweisen. Nicht wenig fühlten sich diese Menschen erhöhen und glücklich, daß auch sie in ihrem Winkel eine Kuiiblproduktion zu leisten vermochten. Gcs|iehdetcs Loh wurde mit sichtbarer Freude aufgenommen: der Gast, neben den sieh ein jüdischer Jüngling gestellt hatte, hörte mit Vergnügen, wie sein reichlich ausgesprochenes Tjob von diesem weitergesagt wurde. ..Was hat er gesagt?" ..Kr hat gesagt: .Herrlich ausgeführt l*en heue, cccellcnlissimc. ihr habt eine SiKlinische Kapelle'." Aus: „Das Ghetto und tflc Juden in Rom", von Ferdinand Grccorovius. Bd. 46 der Bücherei des Schocken Verlages. Berlin. , Wenn der Schock-cn Verlag Berlin jetzt als Band. 4G seiner vielseitigen und abwcchaluugsvollrii Bücherei den Aufsatz des . Historiker- Ferdinand Grcgoroviuü über Anfang und Ende lies! römi>cbrn Ghettos herausbringt-(..D e r Ghetto untl die Juden in Koni**), so öffnrl er damit einen interessanten Bück in eine der ältesten, wenn nicht die älteste jüdische Niederlassung, in Furnpa. Während die Juden der Antike zumeist im Arnicnw'crlcl von TruslcvLTc. wohnte», siedelten sie im J.'J. Jahrhundert aijl dalinke Tibenifrr über. Dort entstand, nach dem Vorbild Venedigs, auf Befehl Pauls IV., des finsteren Papstes aus dem gewalttätigen llnuse Garaffa. des ..grausamen Pharao für die Juden Ihluis", wie Gcegoiovius ihn nennt, im Jahre Jö83 das römische] Ghetto. I nueit \om Bogen des Titus, dem Sinnbild der dunkelsten Geschichte Israels, unmittelbar au der Stelle, wo Vespasian und Titus den Siegeszug über die Juden mit pomphaftem Gepränge eingeleitet hatten, und wo Flavms Josephus dem Triumph über sein eigenes Volk beiwohnte. - j LUr zwanzig Jahre hui (Iregorovius in Horn gelebt und dort seine. Geschichte der Stadt Born im Mittelalter" .geschrieben. Aber schon im zueilen Jahr seines römischen Aufenthaltes hat er, aijs Studien. Anschauung und Erzählungen die Darstellung des römisclK'ii Ghettos und seiner Geschichte verfaßt. So ist es wohl zii erklären, duü sich manche Ungenuuigkeileu in den Aufsatz . eingeschlichen haben und manches von einem Blickpunkt aus gesehen ist, der jüdischer Betrachtungsweise entgegengesetzt ist. „Wenn Gregoro* ins", hi meint Leo Hacek in seinem vornehm-' kritischen Vorwort, durch das römische Ghetto wandert.' oh hier d;i> Einst oder das- Heute zu ihm sprechen will, ist es wie ein rjuherschlendern in einem großen Anlhpiitäleusaal. Selbst die Menschen, die dort sind, werden, darüber wie zu Altertümern und,. er siebt dann bisweilen, mit Lessing zu reden, mehr die Scherben als <len Geist.'" Baeck macht auch auf einige Versehen aufmerksam, die dem Historiker unterlaufen bind. So wenn er von der Bundcsladc im Triumphzug des Titus spricht, die schon im zerstörten ersten'Tempel entschwunden war, oder wenn er das-Wort- Ghetto (Gregorovius schreibt der Ghetto) von der lalmudischen Bezeichnung - Gel für Scheidebrief ableitet. Trotz allem erwecken diese anschaulich und lebendig skizzierten reizvollen Bilder aus jüdischer Geschichte größtes Interesse. Als Gregorovius seine Skizze niederschrieb, waren die Mauern des römischen Ghettos noch nicht gefallen. Die Neuauflage erseheint zu einem Zeitpunkt, in dem die letzten Beste des allen Judcinpiarticrs, dessen Mauern seit 1870 \crschwuudcn sind, nach dem neuen römischen Bebauungsplan einem neuen Stadtbild weichen sollen. —ni. i Aus der Werkftatt des Bibelübersetzers 1 Zu Marlin Bubcrs „Band* der Preisungcii" , i AIs Moses Mendelssohns im Jahre 1780 für diejenigen, die sieh bis dahin mit schlechten' jüdisch-deutschen Übersetzungen bchclfen miitMeii, seine Übersetzung des Pcntatcuch und der Psalmen veröffentlichte, schrieb er: ..Bald verfuhr ich wörtlich, bald nach dem Zusammenhang, um so meinen Kindern nicht nur das : Verständnis des heiligen Textes zu vermitteln, sondern um sie gleichzeitig in den Geist der heiligen Sprache einzuführen". Auch Martin Buber. in dessen Verdeutschung jetzt als 14. Hand der' Bulier-Bosenzweigsehen Biliclübcrtragung dus ,,D 11 ch der P r e i s 11 11 g' c 11" erschienen ist, im schönen, klaren Druck des Schocken \ erlages Berlin,'hat sich in einer dem Buch beigefügten 'Beilage in bemerkenswerter Weise über die Grundsätze geäußert, die. diese neue Psalme«Übersetzung lwslimmt haben. Es ist >iel über die Eigcnwüligkcit der Wortwahl, des Satzbaus, der rhythmischen .'Gliederung des Buber-B ose nzweigschen Unternehmens, die Schrift zu verdeutschen, geschrieben worden, und es ist aufschlußreich, einmal Bültens Gedankengängen und Molivierungen .-eines Vorgehens zu folgen. . Er hat es sich und uns mit seiner DbcrsetziujgsläUgkcit nicht leicht 'gemacht. Schon die Wahl des Titels wirft eine Fülle von Problemen auf. Wenn Buber sich für die Bezeichnung ..Preisimgcn" entschied, hi macht er dafür geltend, daß zwar 57 Lieder als P s a 1111. als Mismor, d. i. Gesang mit instrumentaler Begleitung, bezeichnet werden, daß aber die übrigen 9«i Hymnen der älteren Bezeichnung Preisungen gerecht würden. Für die Wortwahl der Übertragung sei maßgebend gewesen, daß sie sich zum Ziel gesetzt habe, -nicht biblische Nationallileralur. sondern die Bibel zu verdeutschen, der es also um die Erfassung eines — gleichviel, aus wie vielen und wie mannigfachen .Stücken zusammengewachsenen, aber eben doch echte Einheit gewojdei;cu Ganzen zu lim ist". An einer ganzen Reihe von Bei- »spielen zeigt Buber. weshalb au die Stelle von Gruudworleii das prägnante, einprägsame Wort gesetzt wurde. Der Übersetzer, incinl Hnher. kennt die Macht der Trägheit, der Geläufigkeit, des Prübrrwcgh'H'iis. im Hebräischen wie im Deutschen, er weiß, wie dir von Kind auf Bibel lesenden dieser Macht besonders leicht verfallen. - l'in dem Einhalt zu tun. habe er 'Worte wähle» müssen, die hei ihrer Wiederkehr sofort erkannt werden, und dazu gehöre, daß iler Übersetzer, wo es nottue und angehe, auch ein ungewohntes Wort nicht scheue, „wenn es die Sprache gern aus .einer vergessenen Kammer hergibt". Dazu gehöre ferner, daß er unler Umständen einen hebräischen Wortstanun durch einen einzigen deutschen wiederzugeben bestrebt sei, einen nicht durch mehrere, mehrere nicht durch einen. Interessant, au einem Beispiel, dem Wort mach, einen . Einblick in die Ühcrsrtzcrtrchnik zu gewinnen. ..Es war", schreibt Buber. ..von den Absichten dieser Verdeutschung aus unumgänglich, diesem Wort, das in einer elementaren Einheit die Bedeutungen von ..Gcisl" und „Wind" umschließt, seine Sinnlichkeit zu bewahren, dir dieses Umschließen ermöglicht, und das war die Sinnlichkeit nicht eines Dings, sondern eines Geschehens, und, mußte es bleiben: da aber das Wort ..Geist", das ursp'riuizljetj diese dynamische Sinnlichkeit besaß: sie längst verloren hat, mußte eines wie „Braus" herangezogen werden, das sich zu ..Geistbraus"' und ..W'indbrans" gältellr. Aber „Geistbraus"* war nur da angemessen, wo vom Geist als dem von Gott ausgehende«, schöpferischen begeisternden Gcistcsslurin die Bede ist. nicht wo es sich um den abgelösten' und in sich beschlossenen Mcnschengeist handelt, der eben yerdinglicht als ..Geist" auftreten muß: und eltenso war ..Windbraus" nur (außer hoch an Stellen, wo ..Geist" und „Wind" nah beieinander stehen und ihre Einheit nicht verloren gehen darf) da zulässig, wo der Nalurvorgang als ein von oben kommender, als einerin dem der Schö|ifuugshraus uachwchr. empfunden werden sollte, nicht aber wo lediglich der Ablauf der Naturerscheinung gemeint und also das bloße ..Wind" angefordert war." Bubcrs Nachschö|ifung' Itcdarf keiner neuen Würdigung. Aueh ..Das Buch der Preisungen** wird einen . Ehrenplatz unter den UlKTsetzuiigcu einnehmen. Vielleicht'wird sich Bubcrs Psahnenhaud eher einbürgern als seihe Übertragung der übrigen Schriftwerke, weil diese Lieder mit ihren Bitten und ihrem Dank, ihrer Kla*!C und ihrem Jubel sich zur Verlautbarung in der Gesprochenheit am ehesten eignen. Ob sich dabei das impoctische und nur mit Hemmungen auszusprechende ..Preiset oh Ilm4* an Stelle des ..HnJIeluja" eines großen Echos erfreuen wird, darf allerdings bezweifelt werden. —m. Liberales Judentum Eine neue Schrift Mav Dicneinaiiiis In weilen jüdischen Kreisen herrscht über «las \\Vscn des ' religiös-liberalen Judentums noch immer große Unkenntnis. Daher ist es trolz der *ehou vorhandenen Aufklänmgssehriften "rößeren oder geringeren Lnifangs ein Verdienst des Schocken-Verlags, eine Nummer seiner „Leschcfle" dem Thema ..Liberales Judentum" «ewidmel zu haben, üfl genug ist darauf hingewiesen worden, daß die Bezeichnung „Liberales Judentum" niehts weniger als glücklieh ist. Dienemanij, hat sie beibehalten, weil sie sich einmal eingebürgert hat. Er hat jedoch nicht versäumt, mit aller Deutlichkeit darauf hinzuweisen, daß die Bezeichnung ..liberal" hier ausschließlich religiös und nicht etwa politisch zu verstehen ist. Es ist mm erstaunlich, wie viel Wissenswertes und Wissens- _ notwendiges Diencmauu auf etwa vierzig Druckseiten über die Idee des liberalen Judentums, über seine G e s e h i e Ii t e und seiuiT Organisation zusammengetragen hat. Nachdem er die Berühruugs|iunkte des liberalen mit dem orthodoxen Judentum aufgezeigt, schildert er die wesentlichsten Punkte, in denen sich der Liberalismus von der Orthodoxie unterscheidet:, die Stellung zum Begriff der Offehharung, zur Bibel und "zur Bibclkrilik. sowie zum uachhiMischen Schri flltun. Er beleuchtet den für den Liberalismus grundlegenden Begriff der Entwicklung, zcigl seine Anwendung auf die religiösen. Ausdrucks forme 11 und betont das Beeht. das der Liberalismus der persönlichen 'Ülierzeugung des Einzelnen einräumt. Daß durch dieses Recht die liberale Lelicnsführung sich weniger einheitlich gestaltet als die orthodoxe, will Dicuemann keineswegs bestreiten. Doch erblickt er hierin mit Beeht keine Schwäche.' Die Mannigfaltigkeit in der religiösliberalen Betätigung ist eben '» der liberalen Idee begründet: es zeigt sieh in ihr „die Lebcnsencrgie. die Stärke der persönlichen Ergriffenheit". Einmütigkeit herrseht dagegen in hczug auf die Grundidee des Liberalismus. Mit einer einzigen Ausnahme, der Stellungnahme zum Zionismus. Dicnemann nimmt persönlich keine Stellung y.ii "dem Problem, er braucht es auch nicht. Denn der religiöse Liberalismus kann seinen Bckcnncrn in ihren poli-- tisch-natioualeu Überzeugungen durchaus freie Hand lassen. Tm zweiten Teil seiner Schrift zeichnet der Verfasser mit. knappen Strichen die Geschichte des liberalen Judentums, angefangen mit der Kullusrcform von Israel Jacobsolm untl mit der Gründung des Hamburger ..Neuen Israelitischen Tcmpelvereins" bis zu der vor einigen Jahren erfolgten Schaffung des liberalen „Einhcilsgehctbuehs". Der dritte und letzte Teil gibt eine kurze Ubersicht über die verschiedenen Organisationen des Liberalismus. Nachdem sich in der unmittelbaren Gegenwart, besonders 111 den Kreisen der Jugend, eine größere Bereitschaft zeigt, sich einer Autorität unterzuordnen und feste äußere Ausdrucksformen des Judentums anzuerkennen, sieht Dienemann die Aufgabe des laberalismus darin, „unter Wahrung des liberalen Grundgedankens der Entwicklung und ihres Rechtes die Bereitschaft zur Geineinschaft, zur Autorität und zur Einordnung ... fruchthar zu machen, um eine religiös-liberale jüdische Lchcnsordnuug zu gestalten." Das Heft ist klar und allgemeinverständlich geschrieben. Wer nicht Zeit und-Möglichkeit hat, sieh mit ausführlicheren Werken zu befassen, der greife zu Dienemanns Schrift. Er wird dort in -gedrängter Kürze das Wesentliche über das rcligiös-liberala Judentum finden. Rabbiner Dr. Nordrn (Hamburg). Von Kindern, für Kinder Alcph Bellt, Pclcr und Bcnni Int'Miltcl|»uiikL: (Ins KiniL ,.K c n ti c n . S i e IN-lcr'^ fra«l Camilla S|>irn. a)>i:r tiit'ltt als Kaharcttiätin, .sondern als Mutter, die in knappen Slrii'lten und. Zeichnungen (*nl Vorlnipp- Wrlatr, licrlin"; ein Porlräl ihres Filins entworfen hat. der mit anderen Burschen seines iittljeschwcrtcn . AHers eine erfreuliche Ähnlichkeit aufweist. In -/.waiifiloscnt Plauderlon erzählt sie Krlehnissc. Ahenteuer und t.anshültcreicn aus Haus und Schule, kindliche Aussprüche im Tempel und altkluge rteohaclitiingcn ' im Großen Schausjüelliau^, die auch nicht verkalkten Erwachsenen ein Schnmir/clu . ahlocken und den Wunsch rege werden las.scu. auch noch einmal am Treppengeländer herohzurutschen oder Held einer Gcburtstagsgcscllsrliaft zu sein. Daß dieser Peter im Deutschen die Note mangelhaft redlich verdient, wird durch ein drastisches Beispiel seiner Hechtsehreihung l>clcgt. Verschwiegen -wird, oh und in welchem L'mfang er Kenntnisse der hehräiselicu Sprache besitzt. Vernrinendenfalls ist ihm ein reizendes huntes. lehcitdiges hehräisehes Spirl- und I.esehnch zu empfehlen, das der Graphiker Hermann Kechenhaeh im Schocken Verlag heraus-; gebracht. hat. Für sein I c p Ii I! e t Ii" hat dieser schlichte Künstler .und Freund der Kinder, der Fchon früher. starkes Interesse an der jüdischen Jugendbewegung genommen hat, von den Tieren aus der" Arche iVoali zweiundzwanzig ausgewählt, sie in die Ställe des Alphabets eingeordnet und sie mit ihren hebräischen Namen bezeichnet. Aber er will nicht nur durch die bloße Anschauung dieser Tiere den Kindern die Anfangsgründe des Hebräischen beibringen. Er hat den bunten, zwar nicht lchens-, aller seitcngrnßen Originalen Zwillinge hinzugescllt, die sieh zum Anmalen, Ausschneiden, Durchpausen und Aussägen eignen und dadurch einen spielerischen Anreiz zum Lernen schaffen. Eine künstlerisch wie pädagogisch gleich wertvolle und amüsante Fibel. - Für die älteren Kinder hat Mirjam Singer ihr Buch ..11 c n n i fliegt ins Cclolitr Land" geschrieben. Der kleine Held empfängt von einem erfinderischen Onkel ein zusammenlegbares und im Köffcrchen zu transportierendes Flugzeug als Geschenk, mit dem' er aus dem europäischen Westeu nach' einer abenteuerlichen Fahrt am Strand von Tel Awiw landet, dort irleieh neue Freunde findet und mit ihnen im wahrsten Sinn des Wortes ..Ausflüge" macht. So lernt er und damit der Leser Land und Leute kennen, jüdisches Gegcnwartsleben und jüdische Vergangenheit. Das besonders Reizvolle an dehl mit Hildcrn und Zeichnungen von Franz Rcisz hübsch geschmückten Band ist. wie die Realität Palästinas mit Jhrcm malerischen Straßcnleben Jerusalems, der harten Arlicit der Chaluzim in den Kwuzoth. ihren Festen und wechselvollcn Stimmungen und Landschaften, mit -Staudämmen. Fabriken. Elektrizitätswerken und Kii'.dcrkolonicn von nachdenklichen Legenden und anmutigen Märchen durchsetzt ist. Da reden die Steine an der Klagemauer und am Karmel: die Höhle Elijahus tut sich auf, der Kincrcthseo enthüllt seine Geheimnisse und das Wasser aus dem Qilell Mirjams begleitet die Wanderer durch die Wüste. Es ist. als ob sich in der Darstelluni Mirjam Singers Märchen in \^ irklichkcit und Wirklichkeit in" Märchen verwandle. Ein schöneres Lob ist einem Kinderbuch nicht auszustellen. Der Verlag R. Löwit. Wien und Jerusalem, -hat für eine dem Inhalt entsprechende schöne Ausstattung gesorgt. ct"

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