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Jüdische allgemeine Zeitung · 1935-12-18 · 51 (18.12.1935) · page 5

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Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
15 (1935)
Issue
51 (18.12.1935)
Date
1935-12-18
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Seilage 18. Dezember 1935 JÜDISCHE ALLGEMEINE ZEITUNG Feft der Lichter —Feft der Kinder Die Menora an der Haustür — Ifi Annakos Chanukka? — Die Kinderregierung von Hebron — Der unbekannte Dichter des Moaus zur Es ist noch gar nicht so lange her, daß Chanukka „modern" geworden ist. Die Stunde, in der man sich wieder an dieses Fest erinnerte, es nicht nur in der Synagoge, sondern auch im Hause zu feiern begann, sie datiert vom Augenblick, als die .luden mit der Erinnerung auch die Selbstbesinnung überkam. Chanukka wurde erkannt: nicht nur als ein religiöses Fest, sondern auch als ■eine historisch begründete Feier, deren tiefer Sinn diesen Gedenktagen zu hölicrcr Bedeutung und Weihe verhilft. Uralt ist dieses Fest. Die Bücher der Makkabäcr erzählen davon, Joscphus Flavius schildert es, die Geschichtsschreiber berichten ausführlich über die Entstehung und die Ursachen der Entstehung. Obwohl das Chanukkafcst bereits in ältesten Schriften erwähnt und beschrieben wurde, bezweifelten BibelkritUscr •den historischen Charakter. Wcllhauscn streitet ihn ab, Kittel meint, das Chanukkafcst sei nur. eine Umwandlung des phrygischen Festes A n n a k o s gewesen. Dieses Fest hieß aber richtig Nannakos, so daß nicht einmal die sprachliche Verwandtschaft stichhaltig ist. Zu den ältesten Quellen, die über Chanukka berichten, sind die Talmudstellcn zu rechnen, in denen die Vorschriften für ■die Art der Feier, den Gebrauch und die Weise dcB Lichtcr- Anzündcns, die dazugehörigen Bcnediktioncn gegeben und erläutert werden. Chanukka war stets als ein Freudenfest gedacht und gefeiert, das Anzünden der Lichter — neben der Erinnerung an das 01wunder — auch als eine festliche Illumination. Die Tora, die Lehre, ist Licht und Leben, Licht ist Leben und Freude, im Gegensatz zum Dunkel, das den Tod und die Unwissenheit — diese oft sinnig als geistiger Tod gedeutet — symbolisiert. Licht ist Freude — deshalb sollen alle Menschen an dem Lichte ihren Anteil haben. Alle sollen das Licht und die Freude sehen, deshalb wurde es Vorschrift und Gebrauch, die Chanukkalcuchtcr vor die Türen zu stellen, und zwar vor alle Türen, die das Haus als Straßencingänge besaß. Links sollten! -die Lichter stehen, denn rechts war an den Türpfosten die Mcsusu angebracht: es sollten sich an beiden Seiten der Türen religiöse Symbole finden. Später setzte man die Lichter an die der Straßenseite zugewendeten Fenster. Man zündet sie an vor Untergang der Sonne, und die Lichter sollen, damit alle sie sehen, so lange brennen, wie Menschen auf der Straße sind. Jeder männliche Bewohner des Hauses sollte seine eigene Menora hüben, und du9 Anzünden in der Synagoge und der Besuch des Gottesdienstes befreit nicht von der Pflicht, auch im Hause die Chamikkalichtcr anzuzünden. Im Talmudtraktat Schabbath 21 1) und anderen Stellen, in den Soferim (XX,5), im Tur, im Scliiilclian Anich (Or. Chaj. 671,7, 697 u. n. a. Stellen) findet man die ganzen kulturellen und rituellen Vorschriften. Schon in sehr alten Zeiten gab es Perioden, in denen die Juden cb nicht wagen durften, ihrer Chanukkaf reude durch öffentliche Illumination Ausdruck zu geben. Im babylonischen Exil hatten sie unter der Verfolgung der neupersischen Feueranbeter, der Gucbcr (haworim) zu leiden. Diese feierten zu gleicher Zeit ihr Feuerfest in ihrem Fcucrtcmpel, und niemand durfte in diesen Tagen Licht oder Feuer anzünden, nur im Fcicr- und Fcucrhausc war das gestattet. Man drang in die Wobnungen auch der Juden ein, und diese mußten ihre Chanukkalichtcr im Keller verbergen, um harten Verfolgungen zu entgehen. Bis vor kurzer Zeit mußten die Bewohner des Judcnvicrtcls in Hcbron ihren Chanukkawcin verstecken, weil die den Ort Hebron bewohnenden Araber als strenge Moslems den Genuß von Wein als religionswidrig ansehen. In Hebron ist Chanukka duB richtige Kinderfest, acht Tage lang läßt man die Kinder die Herren spielen, es bildet sich eine Kindcrrcgicrung mit einem gewählten Prinzen an der Spitze, und die Erwachsenen Chanukka im Land der Fjorde Von FRITZ LOWE Ich hatte Gelegenheit, einer erhebenden Chanukkafcier im Kreise einer befreundeten Osloer Familie beizuwohnen. Bei meinen Freunden hatte sich seit Jahren der Brauch eingebürgert, Chanukka bei den brennenden Lichtern der Menora in ihrem Heim im schneebedeckten Gebirge in der. Umgebung Oslos zu verbringen. Am Chanukkaabend waren die Berge von phantastischen Wolken umsäumt, lustiges Schneetreiben hüllte alles in festliches Weiß. Ringsum die Schönheit der stillen Gcbirgswclt. Vor der Tür meines Hotels harrt der Schlitten, der mich zu der Feier führen soll. Bald sitze ich warm verpackt in Decken und Pelzen. Unter lustigem Glockenklang geht es durch die Stadt. Auf tief verschneiten Waldwegen eilt der Schlitten der Winterpracht des Gebirges entgegen. Unter den Hufen der Pferde fliegen Eissplitter in die klare Luft. Aus blitzendem Schnechängcn lugen gleich-Gespenstern schwarze Felsen. Schnccgirlandcn umwinden die Elfe. In sausender Fahrt geht es vorwärts. Tief haben die Häuser am Wege ihre Schheckapuzen über djo Ohren gezogen. Nur das Hämmern der Spechte unterbricht die Stillo. Schon liegen tief im Tal die Häuser von Oslo. Mit eisigen\Banden hat der Winter die herabstürzenden GcwäsBcr gefesselt. -Der Wind spielt den Flocken zum Tanze auf. Wirbelnd umstäuben sie den Schlitten. Das Haus meiner Freunde Itommt in Sicht. Die untergehende Sonne wirft" feurige Goldperlen auf die wcißglitzernden Flächen. Die Fenster des gastlichen Hauses sind mit Eisblumen geschmückt. Wie funkelndes Geschmeide hängen vom Dach lange Eiszapfen. In den im norwegischen Stil behaglich eingerichteten Bäumen herrscht fröhliches Leben und Treiben. Große .Lüster verbreiten strahlendes Licht. Auf dem rcichgcschmückten Tische steht inmitten duftiger Blumen der Chanukkaleuchtcr. Während draußen der. Bergwind pfeift, verjagt jung und alt mit ihrer Fröhlichkeit den Alltag. Das lacht, das jubelt, das schwirrt durcheinander. Wie gemütlich ist dieser Chanukkaabend im norwegischen Ilcim.. Wällraid draußen der Wintersturm heult, die Wogen des Oslofjords donnernd an den .Strand schlagen, werden plötzliclf •alle Lüster gelöscht. Nur vom Kamin leuchtet ein roter Schein. Hell erstrahlen die Chanukkokcrzcri, criimornd an den Sieg der Makkabäcr und das Wunder, des 01s bei der Ncuwcihc des Tempels, unterwerfen sich freiwillig oder sogar unter gelindem Zwange der Herrschaft der Kleinen und Kleinsten. fl Chanukka ist auch bei uns hauptsächlich ein Kinderfest. Aber noch vor wenigen Jahrzehnten galt die Freude der Kinder nur den Lichtern, den Nüssen und Äpfeln, dem Trcndclspicl und dem mancherorts üblichen Spiel mit leeren halben Nußschalen, „Schcllc-Mcllc" genannt. Spaß machte es auch den Kindern, die abgcschmolzcncn Wachstropfen der Kerzen zu sammeln und daraus kleine Figuren oder Gegenstände zu kneten, wobei sich' manchmal bereits bildhaucrischc Begabung zeigte. Jüdische Kinder zu Weihnachten zu beschenken, wurde zuerst in Kindergärten, Waisenhäusern, Internaten üblich, bis man anfing, an Stelle des sehr stark üblich gewordenen Weihnachtsbaumes — es soll' auch beute noch Unwürdige geben, die sich damit bei der arischen Umwelt lächerlich- und verächtlich machen — die Figur des Chanukkamännchcns zu erfinden. Man sah aber auch davon bald ab, um das Chanukkafcst als solches ohne weitere Bedeutung als Anlaß zu nehmen, die Kinder unter den Lichtern'der Menora mit praktischen Dingen, mit Spielzeug und mit Naschwerk zu beschenken. Die Zeremonie des LichleranzündcnB gewinnt dadurch auch für die Kinder eine höhere und freudigere Bedeutung, und das alte Lied „Moaus zur jeschuossi" wird, wenn auch jetzt häufiger in deutscher Übertragung, mit großer Begeisterung gesungen. Die Anfangsbuchstaben der einzelnen Verse bilden ein Akrostichon mit dem Namen Mordcchai. Welcher Mordcchai war der Dichter? Man dachte au den Verfasser der Scmira ,,Ma Jofis", als der Mordcchai bar Isaak Halcvi bekannt ist. Aus einem seit langem nicht mehr gesungenen Schlußvers soll aber hervorgehen, daß der Verfasser ein gewisser Mordcchai gewesen sei, dessen Schwiegervater 1096 in Mainz den Märtyrertod starb. Doch in der Tosefta zu Niddah 36 a ist eine Andeutung, die einen dort erwähnten Schüler namens Mordcchai als Autor vermuten läßt, also der Text bereits in talmudischcr Zeit bekannt war. ■-J C h a n u k k a 8 p i c 1 e wurden von den Juden bereits im 14. Jahrhundert zur Aufführung gebracht. Das älteste bekannt gewordene — es braucht deshalb noch nicht das absolut älteste zu sein — ist das ChanukkoBpicl des Salomo Schabruth ben Elijahu. Es ist ein in hebräischer Sprache verfaßter Dialog zwischen Chanukka und Sabbat, in der jeder Vertreter die Heiligkeit und Freudigkeit des Tages hervorzuheben sucht. Aus dem 15. und 16. Jahrhundert werden verschiedene Autoren der Chanukkaspiclc genannt: z. B. Abraham l>cn Abraham, Salomon Runkel. Auä dem 17. und 18. Jahrhundert gelten als Verfasser Noah Abraham Ascher Selig ben Chiskija, Mcnachcm Mendel u. a. Die alten, frommen Chanukkaspiclc hoben alle den festlichen Charakter von Chanukka hervor, der jetzt wieder neuen Glanz erhält. Die Chanukkalichtcr werden zu Festkerzen, bei denen man nach einer alten Vorschrift „nicht arbeiten soll". Audi die Frauen sollen, so lange die Lichter brennen, sich nur mit der Fcstmahlzcit beschäftigen — denn eine FcBtmahUeit war früher immer übüch und . ist es im Orient heute noch. Gastlichkeit wurde geboten und angenommen und „Freude sollte herrschen in den Häusern Israels, so lange die Kerzen flammen". Es sind Festkerzen, die auch nicht zum profanen Erleuchten dienen sollen. Dazu ist der „Schammcs" da, daB Licht, mit dem man die anderen Kerzen anzündet und das allein die profane Beleuchtung geben darf — allerdings sind auch andere Lichtspender gestattet. Die Kerzen soll man nur ansehen und des Wunders gedenken, dus Gott an unseren Vätern getun hat. Und die Lichter sollen uns lehren, daß Gott sein Licht für uns nicht erlöschen läßt, möge uns auch noch so sehr Dunkelheit umfangen. Das ölkrüglcin des Lichtwunders wird nicht versiegen — das Chanukkawunder währet ewiglich. Dr. B. Seh—f. Feierlich erklingt, von allen Anwesenden gesungen, die typische Chanukkamclodic: Moaus .zur. In fröhlicher Stimmung geht es zur Tafel. Auf dem kunstsinnig gedeckten Tische glühen inmitten leuchtender Blumen farbige Lampen. Die Pause zwischen den einzelnen Gängen wird durch heitere Lieder gewürzt. Die ganze Fcstgescllschaft gleicht einer einzigen großen Familie. Mit dem fortschreitenden Abend wurde die Stimmung immer fröhlicher. An kleinen Tischen vergnügten sich die Alteren am Schach oder' „Zieg und Wolf", einem beliebten Kombinationsspiel. Die Kinder trieben allerlei Kurzweil und ergötzten sich au dem am Chanukka traditionellen Trcndclspicl, bis lockende Klänge zu einem Tanz riefen. Ich habe mich einsam auf die Diele au den rotglühenden Kamin mit seinen geheimnisvoll knisternden und knatternden. Uuchcnschcitcu zurückgezogen. Tiefer Friede Hegt über der majestätischen Bergwelt, Ruhe und unsagbares Wonnegefühl - dem Herzen gebend. Wie ein unberührtes Reich voll blinkender Mäiclicnpracht liegt die Landschaft. Still ist es hier. Die Gegenwart^ versinkt. Vor meinem geistigen Auge steigt die stolze Vergangenheit des jüdischen Volkes auf. Mir ist es, als erblicke 'ich Juda Makkabi auf seinem ' Siegeszug, wie im Traume erscheinen mir die Scharen der Makkabäcr auf ihrem Marsche nach Jerusalem, ich höre den Jubel erschallen aus dem wieder gereinigten Tempel. Klaviermusik reißt mich in die Gegenwart zurück. Helles Schcllculäutcii mahnt dann ans Abschiednchmcn von den lieben Freunden. Die Gläser klingen: Auf Wiedersehen 1 In scharfem Trabe geht es nach Oslo zurück. In der Tiefe flammen zahllose Lichter auf, /klettern bis zu den steilen Eclsenkuppcn, schlingen einen glitzernden Gürtel um Hafen und Stadt. < Die Leuchttürme an der Hafeneinfahrt werfen rote und grüne Streifen auf die zitternde Flut. In der Ferne erglühen Feuerzeichen. Wie zu frohem Fest geschmückt winken von allen Bergen die hellorlcuchtctcn Häuser. Von Holmcnkollcn grüßt die feurige Silhouette der Bergbahn. Uber all dieser Schönheit spannt sich das klare nordische Sternenzelt. Die Erinnerung an diese einzig schöne Chanukkanacht inmitten der Fjelde und Fjorde wird stets in meinem Herzen lebendip bleiben. Chaniikka-IIaussammlung am 22. Dezember Sonntag, den 22. Dezember ist Chanukka-Haussammlung. Zu dieser Sammlung benötigt die Jüdische Wintcrliilfe, besonders im. Westen, zur Entlastung der an diesem Sonntag berufstätigen Sammler, Aüshilfssanlmler, die nur an diesem einen Sonntag zu sammeln brauchen. Moldungcn an Roscnstraße 2/4, Zimmer 23 (Norden, D 1, 6711, Apparat 50), erbeten. CQanukkaUaxditG* cQaffiMfcQcc IBunöetrabbiö Aufn. (4) Sonnenfeld 1. Leuchter mit ölgefäßen aus „gcbcnschtcn", d. h. vom Wiindeirabbi gesegneten Münzen. 2. Messinglcuchter mit'der Inschrift „Ki ucr mizwoh wetauro ncr" („Denn ein Licht ist das Gebot und die Tora eine Leuchte"). 3. Menora aus Zinn in gotischem Stil. 4. Ein schönes Stück polnischer Silbcrsclinucdckunst. Sämtliche Leuchter sind im Besitz des Nationalmuscums in Jerusalem. •-t-;-T".- ......;!.' fi,..^i'... ,< ll'H i'.l Chanukkawunder Von II. SCHALOM Chanukka' spielten Josef, Schmuel, Aren und ich Trendel. In der Nähe eines Moschaw war es, auf freiem Felde, dort wo ein glatter Fclsblock wie ein viereckiger Tisch liegt. An ihm saßen wir und trcndcllcn: „Nun, Gimmel, He, Schin" — „Ncss gadol haja schäm". — Und wir vergaßen alles um uns. Ein Esel schrie. Ein Schäfer kam mit seiner Herde vorüber. Ein Flugzeug, zog hoch oben durch dio Luft. Ein Auto fuhr über die, Landstraße. Ein Polizist ritt vorüber. Ein Lehrer — oder wer es sonst gewesen sein mag —Team heran. Wir standen nicht auf. Uns kümmerte nichts. Wir saßen da und trendcltcn . . Alles um uns war vergessen. Da plötzlich fuhr mit einem Satz Schmuel hoch. Kreidebleich starrte er. auf etwas iiin und stieß leise hervor: „Eine Schlange!" — 0 Gott, wirklich, eine Sehlunge! Da liegt ihr Schwanz! Wie ein Strich liegt sie da*. Sie hat nichts Gutes vor. Wen wird sie beißen? :• ■ _ Zähneklappernd stehen wir da. Keiner sagt einen Ton. Da

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