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Jüdische allgemeine Zeitung · 1935-12-11 · 50 (11.12.1935) · page 7

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Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
15 (1935)
Issue
50 (11.12.1935)
Date
1935-12-11
Page
– (sequence 7)
Language
German
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damals alle nur hätten Haushalt und Kinder betreuen können, lebten wir alle nicht. Aus ihrer Judcnnot stammt der herbe, solide, praktische und spöttisch humorvolle Zug der jüdischen Mutter. Auch Glückcl hat manchmal Reibereien um Geld. Es gibt Prozcsso unter Juden. Doch in ihrer offenäugigen' Naivität beschreibt Glückcl unbewußt, zwischen den Zeilen das Element, in dem sie lebt und das sie kräftig fördert, die Gemeinschaft. Nicht nur weil die meisten Juden finanzielle Interessen gemein haben, nicht nur weil bic sich durch Kinder unil Enkel mit vielen Gemeinden und ihren Besten verschwägert, spinnt sie dos Netz der Gcmcinschaftlichkcit weiter und stärker: eigentlich gemein ist ihnen allen erst das Jüdische, und das heißt: ihr Leben im Judentum, also ihr Leben für die Kinder. Es hat gewiß größere Frauen gegeben als die glücklich unglückliche, wacker geschäftige, rechnende und gern frohc*GIückcl von Hameln, doch auch sie ist die jüdische Mutter. Teeftunde in Alt-Berlin Von Dr. OLGA BLOCH „Und wenn Emma nicht eines Tages das Tablett hätte auf die Erde fallen lassen, auf dem meiner Eltern schönstes Hochzcitsgeschenk, die gläserne Käseglocke aus dem Biedermeier, stand, dann hätten Sic heute noch allerhand Schönes mehr aus Alt-Berlin zu sehen bekommen'*« meinte Fräulein I. Bedauernd blickte ich meine liebenswürdige Gastgeberin an; denn die Käseglocke aus dem Biedermeier hätte ich herzlich gern gesehen, aber im selben Augenblick kam mir zum Bewußtsein, daß ja schon ein flüchtiges Umschauen in den Räumen mir die Versicherung gebracht, daß außer der berühmten Käseglocke noch anderes Altvaterisches zu bewundern sei. „Also sehen Sic hier die Familicntaasc mit dem Stammhaus in der Königstraße, betrachten Sie sie genau, da hnhen Sic das Dach, auf dem wir in Kinderzeiten die L a u b b ü 11 e errichteten, und da aus dictem Fenster wollte Blüchers Schwägerin, die Gräfin Walirsing, gern den Krönuiigsfcicrlichfccitcn Friedrich Wilhelms fV. zusehen. Und zum Dank verehrte sie uns diese schöne französische Tasse hier, ist sie nicht schön — aus echtem Scvrcs-Porzellan? Und diese Tassen hier,'* zeigte meine Gastgeberin, „diese beiden Tassen haben wir einmal da drüben an der Ecke bei einem damals sehr bekannten Händler gekauft, und er hat uns erzählt, daß ein Maharadscha in Indien zehn ebensolche besitzt, sonst keiner auf der ganzen Welt. Und überhaupt meine Tassen Sammlung! Die meisten haben wir ererbt, hier sehen Sie die Namcuszügc Abraham und Sara Bamberg, eine Gcdcnktassc." Ich nahm das zierliche Täßchcn in die Hand und las die Inschrift auf der Untertasse: „Geschwisterliche bringet liier — dies kleine Angedenken Dir", ganz altmodisch und doch so gegenwartsnah. Wenn einmal ein Chronist die Geschichte der jüdischen Bicdcrmcicrtassc schriebe, hier müßte er sein Material sunimeln! Aber er müßte sogar noch ein wenig ausholen, er fände aus friderizianischer Zeit die sogenannte „T r« m b 1 c usc", jene Einsatztassc, die auch zum Zittern neigenden Händen den Genuß von Kaffee oder Tee erleichtern wollte, oder den hohen zweihenkligen Schokoladcnbecher der Gotzkowskizeit. — „Das hier ist die Menü karte von der Hochzeit meiner Eltern", unterbrach mich Fräulein I., und es wur gut, daß wir von der Vitrine fort zu einer anderen Vitrine gingen; denn es schien mir einfach unmöglich, alles auf einmal in mich aufzunehmen. Liebevoll betrachtete meine Gastgeberin die Federzeichnung, zarte Striche, höchste Delikatesse atmete das kleine Erinnerungsstück. Nicht nur, daß es damals 13 Gerichte mit obligaten Weinen, Früchten, Eis gab, amüsierte mich, nein, der Schöpfer dieser Speisekarte hatte symbolhaft Abrahams und Sarahs Lebensweg auf das Papier gebracht. Da kam der Engel zu Abraham und sagte: „Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein." Und Sarah steht hinter der Tür und lauscht, wie der Engel dem Abraham einen Sohn verspricht. „Haben Sic sehon einmal alte S t i c k t ü c h c r gesehen?" kam es aus dem Munde meiner liebenswürdigen Führerin. „Diese Tücher hier stammen von meiner Großmutter, aus dem 18. Jahrhundert noch. Das erste Sticktuch trägt die Jahreszahl 1785. Da können Sie erkennen, wie eine jüdische Hausfrau sticken lernte, wie sie in hebräischen und deutschen Buchstaben und Zahlen dachte. Auch die kunstvollen Ausbesserungen der echten Spitzen geben Kenntnis, wie man früher die Spitzen erhielt, und wie sie dann weiter durch Generationen vererbt wurden. Hier ist der Brautschleier aus echten Spitzen, den unsere Großmutter und Mutter an ihrem Hoohzeitstag trugen." „Und hier, um beim jüdischen Hausflciß zu bleiben, ist aus viel späterer Zeit das silberne Frivolitätcnsehiffchcn, und das dort ist der silberne Behälter für den Wollknäuel. Und das hier ist meiner Mutter Lorgnette mit den alten Gläsern noch, ganz bicdcrmcicrisch in Filigran der Halter der Lorgnette. Großmutter« Schmuckkasten I Ach Gott ja, da haben Sic ihn, und was lug da nicht alles an Erinnerungswerten darin! Vieles haben wir inzwischen dem Museum geschenkt; denn da kunn es der heutigen Generation jüdischer Menschen viel berichten." Ich wußte wirklich nicht, wie ich alles ordnen und bewundern sollte; es stürmte so vieles auf mich ein. Ich warf einen Blick noch auf die stattliche Reihe jüdischer Familicnporträts, alles Bilder von Menschen aus Alt-Berlin. Da hing der Ur-Urgroßvatcr meiner Gastgeberin. Er ruht auf dem alten Friedhof in der Großen Hamburger Straße ganz in der Nähe von Moses Mendelssohn. Und viele, viele andere! ' Beim Abschiednehmen mußte ich an die Worte der Bibel denken, an die mich der Chronist der Speisekarte erinnerte. Er hatte es crnBt gemeint, schien es. mir, und es hatte sich erfüllt dn diesem Hause das Wort des Engels: „Siehe, ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein." Zwischen Start und Ziel Ein jüdischer Sportroman von KÄTE WIENSKOWITZ*) Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums. Anmeldungen für die zweitp Hälfte des Semesters werden bis Donnerstag, den 12., Dezember, nachmittags von 6—7 Wir, entgegengenommen: Berlin N 24, vArtirtericstraßc 14. Um die judaistischen Studien der Hörer zu ergänzen, sind Vorlesungen und Übungen über Philosophie und Geschichte eingerichtet worden. Es lesen Dr. Arnold Berncy: Allgemeine' Geschichte der neueren Zeit, Dr. Hans Friedländer: Psychologie, Dr. Arnold Metzger: Geschichtsphilosophie und Kants „Prolcgomena" Übungen zur Erkenntnistheorie für Anfänger, Prof. Dr. Täubler: Epochen der Weltgeschichte, I. Präpistorie und Antike. Die Vorlesungen sind auch weiteren Kreisen zugänglich. Zwei, Konzerte des Orchesters der Kilnstlcrbilfc. Mittwoch, 11. Dezember, 20 Uhr 15, Populärer Abend , in den Rcsidcnz- Icstsälen Landsberger Straße, Donnerstag, 12. Dezember, 20.15 .Uhr,' im Brüdorverciiishaus. Das Orchester spielt unter Leitung .von Rudolf Schwarz und Fritz Wellenberg: "Schubert, Johann Strauß, Offenbach, Kaiman, Lehar und Adam. Mitw.: Fritzi JokI, Marion Koegol, JJax Ehrlich, "Wilhelm Guttmann, Willi Rosen, Zeclandcr. Ein Hcine-Gcdenkabcnd findet Sonnabend, 14. Dezember, 20 Uhr; in den Räumen der Privaten Untcrrichts-Gcmcinschaft Grunewald, Jagowstraßo 35, statt. Dr. Erich Lichtenstcin hat eine Hörfolge ,;Heinrich Heine" verfaßt,, die von Erna Leonhard-Feld (Rezitation), Susanne Lnndsbcrg-Hollnender (Gesang) und Dr. Erich Lichtenstcin (bcgloitcndcr, Text) ausgeführt wird. sAm Flügel: Werner Fabian. .Voranmeldung erboten an II 9 1346. Alfred Auerbach veranstaltet zwei künstlerische Abende: am 4. Januar 36 in Offenbach a. M., am 11. Januar in Frankfurt n.M. im SüaLpdcr Unterlindau. Texte, und Leitung Alfred Auerbach. Darsteller die Gruppe Frankfurter Schauspieler. 3. Fortsetzung. „Franz", sagte sie mit einem leisen Schwanken in der Stimme, „warum zerstörst du unsere schöne Kameradschaft? Hast du denn nie gemerkt, daß ich mich innerlich schon lange an einen anderen gebunden habcV Du bist einer der besten und treuesten Menschen, die ich kenne, und ich achte dith nicht weniger als meinen Vater. Aber zu einer Heirat gehört mehr als Achtung, viel, viel mehr. Komm, laß uns diese Minuten vergessen, laß uns die bleiben, die wir gewesen sind." Mit dem sdhwachcn Versuch, die Situation ins Heitere umzubiegen, lächelte sie: „Wir wollen eine Fricdcnszigarcttc zusammen rauchen" und reichte ihm ihr kleines Etui hin. Es war ein wertloser Gegenstand, aber als Dodo dos Zigcrnttcnctui jetzt in der Hand hielt, war es ihr wie ein starker Halt. Benjamin hatte es ihr einmal geschenkt, und in diesem Augenblick fühlte sie mehr denn je, daß nur c r ihre Zukunft bedeutete. Der Mann starrte mit leeren Augen in ihr Gesicht. Er fühlte, was in dem Mädchen vorging. Das Wort, dns er Dodos Vater gegeben hatte, durfte er nicht brechen, aber er konnte versuchen,, die Störrische doch noch umzustimmen, um Unheil abzuwenden. Ehe er jedoch seine Werbung wiederholen konnte, bat Dodo gequält: „Lieber Franz, bitte, erspare dir und mir weitere Peinlichkeiten. Mein Entschluß steht fest. Du darfst mir nicht böse sein. Wärst du es dennoch, so täte es mir unendlich leid — ändern kann ich es nicht. Und jetzt — laß mich allein." Sic schloß die Augen und sab erst wieder auf, als die Ladentür hinter Franz Vanfcldcn ins Schloß fiel und das Glöckchcn, das jedes Offnen und Zuschlagen dieser Tür begleitete, leiste trcmoücrtc. VIII. llosi Bcercnstcin haue nicht einen Augenblick den Mut verloren, als das Bankhaus in der Mauerstraße ihrem Mann den Kredit gekündigt hatte. Nachdem alle in Frage kommenden Geldquellen ini Geiste gründlich von ihr überprüft worden waren, setzte die resolute Frau sich kurzcntschlosscn hin und schrieb einen ausführlichen Brief an Moritz "Bertini, Alexanders Vetter in Messina. Und schneller, als sie gedacht, war die Antwort da. Bargeld hatte Moritz nicht frei. Aber er erbot sich, dem Vetter sofort soviel Südfrüchte von seiner Obstfarm zu liefern, wie er verkaufen mußte, um den Zweilauscnd-Mnrk-Krcdit" abzudecken. „Zoll- und spesenfrei, versteht sich, das Geld, was dazu nötig ist, kann ich schon noch aufbringen." „Außerdem", schrieb Signorc Bciiario weiter, „bin ich gerne bereit, euch jeden Monat eine anständige Summe zugehen zu lassen, wenn Ihr meinen Jungen, der kürzlich achtzehn Jahre geworden ist, in euer Haus aufnehmen wollt. Er ist ein guter Sohn, nur recht leichtsinnig, aber geschäftstüchtig und anstellig. Seine Mutter und ich wären euch zu großem Dank verpflichtet, wenn Ihr unseren Manfrcdo mit eurem Prachtjungen wcitcrcrzichen wolltet. Es ist mir so, als ob euer Benjamin im gleichen Alter mit ihm steht." „Hat sich was, Prachtjunge!" knurrte Alexander, aber gleich darauf lenkte er wieder ein. Dns Angebot Moritz Hertinis wälzte eine große Last von seiner Seele. „Das hast du großartig gemacht, Rosi," lohte er. „Nie und nimmer war' ich auf den Einfall gekommen, nach Mcssinu zu schreiben. Und auf den Manfrcdo freu' ich mich direkt — wenn er anstellig und geschäftstüchtig ist, werden wir mehr von ihm haben als von unserem eigenen Sohn!" Mit diesem Ausspruch Alexanders war der junge Bertini seiner zukünftigen Pflegemutter von Anfang an gründlich verleidet. Trotzdem wollte sie sofort nach Mcssinu telegraphieren, daß Bcrtinis Vorschläge dankbar angenommen seien, als die Haustochter Regina mit einem Eilbrief das Zimmer betrat. „Aus Oberhciduk, aber nicht von unserem jungen Herrn 1" kommentierte sie zögernd, als sie das Schreiben in Alexanders Hönde legte. „Um Himmelswillcn", schrie Rosi auf, „wenn Kaschnitzcr schreibt, was seit Monaten nicht vorgekommen ist, dann muß dem Jungen etwas zugestoßen sein. Ich fahre noch mit dem Nachtzug weg! Sofort meinen Handkoffer vom Hängeboden, Regina.'" Die rundliche Frau hatte jede Fassung verloren. „Da siehst du, was du für einen Prachtjungen hast", ereiferte sich Bceicnstein, der inzwischen den Brief gelesen hatte. „Gesund ist er, aber rausgcflogen ist er bei Kasehmtzcr — da lies selbst, was dein Herr Sohn angestellt hat." „Da werden sie den armen Jungen schön getriezt haben* wenn er so rabiat geworden ist", verteidigte ihn die Mutter, nachdem sie den Bogen überflogen hatte. „Ich kenn' mein Kind besser als du, Alex. Und ich verurteile niemand, ohne ihn gehört zu haben. Benjamin mißhandelt kein Kind. Lächerlich, was der Kuschnitzcr da schreibt. Und außerdem möchte ich wissen, wie er dazu gekommen sein soll, Flora Kaschnitzcr zu kränken — verlaß dich drauf, sie haben ihn bis auf's Blut gequält, und da ist ihm die Geduld gerissen." Sie lief aus dem Zimmer, und Alexander vernahm, wie sie Regina auftrug, sofort das Zimmer für Benjamin instand zu setzen. „Wahrscheinlich kommt er noch mit dem Nachtzug an", hörte Bceicnstein seine Frau sagen. „Ich werde mich gleich bei der Bahnauskunfl erkundigen, wann er hier sein kann!" Dann fiel die Tür hinter Rosi ins Schloß, und Alexander blieb mit seinen unerfreulichen Gedanken allein. IX. Trotz der Eile, mit der er aus Oberhciduk abgereist war, war Benjamin doch zu spät nach Bcuthcu gekommen. Das Leihhaus in der Hindcnburgstraßc, dem sein Besuch gelten sollte,- war schon geschlossen. „Müssen Sic morgen früh um acht wieder hingehen, Herr", sagte der Schofför mit verständnisvollem Grinsen. Benjamin blieb also nichts weiter übrig, als für die Nacht ein Hotel aufzusuchen. Immer wieder fuhr er aus seinem unruhigen Schlaf auf, um den Pfandschein übor die beiden Kultgerätc zu prüfen, den er seit achtzehn Monaten nicht mehr verlängert hatte. Es mußte ein Wunder geschehen sein, wenn der Kidduschbcchcr und die Besomimbüchsc, die er bald nach seiner Ankunft in Oberhciduk versetzt hatte, noch in den Händen des Pfandlcihcrs gewesen wären. Mit zuckenden Lidern starrte Benjamin auf die Photos, von denen er Abzüge auch nach Berlin geschickt hatte, als er die Erbschaft Jacob Bccrcnstcins angetreten hatte. Dieser entfernte Verwandte seines Vaters war ein wunderlicher , Kauz gewesen. Als er zu Burmizwoh Benjamins von Bcuthcn nach Berlin gekommen war, hatte er dorn Knaben als Geschenk ein verschlossenes Kuvert überreicht. Es enthielt, die Abschrift einer Tcstamontsklauscl Jacob 'BcercnsteinB, durch die er dem Jungen von seiner Sammlung altjüdischer Kultgerätc zwei vermachte. ' Aus der Zeit, in der Benjamins Vater noch geglaubt hatte, Vorbctcr werden zu können, stammte auch Alexanders leidenschaftliche Liebe für dio ehrwürdigen Gerätschaften, die der reiche Jacob mit demselben glühenden Eifer1, aber auch den nötigen Mitteln zusammentragen konnte. Was Alexander Bcereu-, stein später. in seinem arbeitsamen, leider nicht allzu erfolg- •*) Der Anfang des Hornaus erschien unter dem bisherigen Pseudonym der Autorin: Karin Lund. reichen Dasein zu erübrigen vermochte, hatte auch er seiner alten Passion zugute kommen lassen, und so sah der Tisch, den seine Frau stets seihst zum Frcitngahcml deckte, ganz anders nus, als man es im Hause eines Markthnllcnhündlcrs vermutet hätte. Das Alter hatte den dreiarmigen hohen Silberlcuchtern mit den Löwenköpfen seine ehrwürdige Patina verliehen. Neben Alexanders Gedeck stand der reichverzierte, innen vergoldet» Kidduschbcchcr, mit dem schon drei Generationen der BcercnsteinB am Freitagabend den Segen über den Wein gesprochen hatten. Das einfache Tafclsilbcr, das Rosi Bcercnstcin ihrem Mann mit in die Ehe gebracht hatte, trug dieselbe Ornamentik, die der Becher aufwies, den Mögen Dovid. Auch die wunder-* schöne llawdolohbiichsc, die Alexander Bcercnstcin )am Ausgang des Sabbat zu benutzen pflegte, halte einst in Frau.Rosis Elternhaus gehört. Die heiligen Worte: „Der Herr lasBc sein Angesicht dir leuchten und sei dir gnädig!" waren in hebräischen. Buchstaben in das vergoldete Spruchband eingraviert, das sich rings um die durchbrochene silberne Büchse zog. Vier Fähnchen, in die die Wappen vier altbihlischcr Königreiche gestochen waren, krönten das uralte Stück, das stets das höchste Entzücken des kleinen Benjamin gebildet hatte. In Kaschnitzcrs Hause war weder dem Freitagabend noch dem Sonnabend besondere Bedeutung beigemessen worden. Nichts Weihevolles, keine festliche Stimmung lag darüber gebreitet. Gewiß, ein schöner, großer Barchcs lag vor dem Hausherrn, zwei Kerzen brannten auf dem Tisch, wenn man am Freitagabend aus der Synagoge heimkam, und das Essen war reichhaltiger als an den anderen Tagen. Aber die B'rochoh, die der Hausherr über das weiße Brot sprach, bevor er es nnstcilte, und die Worte des Tischgebets, die er murmelte, klangen kaum anders wie die Marktberichte, die er einem Bekannten täglich durch das Telephon zurief. Keine Spur wirklicher Andacht, wie Benjamin sie vom Kltcrnhausc her im Herzen trug, fand er in der Familie seines l.cbrhcrrn n'icdcr. Die geringe Harmonie, die zwischen Kosehnitzcr und seinem jungen Angestellten slets geherrscht hatte, war auch der Grund dafür gewesen, doß Benjamin niemals mit seinem (lief oder dessen Frau von der eigenartigen Erbschuft gesprochen, die er bald nach seinem Eintreffen in Oberhciduk angetreten halte. Eines Tages war er durch ein Schreiben seines Vaters überrascht worden, dem eine Mitteilung von Onkel Jacobs Testomentsvollstreeker beigefügt war. Sic besagte kurz, daß der Nacherbt:, Benjamin "lecrenstein, an dem uncT dem Tage die auf ihn entfallenden Teile aus dem Nachlaß des Verstorbenen in Bcuthcn in Empfang nehmen könne. Eine Vollmacht Alexanders, die 6cincm minderjährigen Sohn gestatte, sich das Silber uusbiindigen zu lassen, log ebenfalls in dem Brief. Tagelang hatten der ^schöne, alte Kidduschbcchcr, der noch aus der Zeit der spanischen Juderia stammte, und die venezianische Besomimbüchsc dann in Benjamins Kommode geschlummert. Dem Vater zuliebe hatte er einige Photos davon nach Hause geschickt und sich nicht weiter um das Silber bekümmert. Dann waren die verzweifelten Tage gekommen, in denen sein sportgestähltcr Körper sich nach der gewohnten Betätigung sehnte, die ihm jetzt fehlte. In Leinenhemd und Knickchockeis, schwere Straßenschuhc an den Füßen, hatte Ben versucht, wenigstens morgens, bevor im Hause Kaschnitzcr der Tag anbrach, in den Außenbezirken zu trainieren. Aber die ungewohnte Kleidung ermüdete ihn dermaßen, daß er die Vormittage völlig erschöpft im Kontor saß. Das winzige Taschengeld, das Benjamin zur Verfügung stand, gab er nach und nach für allerlei Anregungsmittel aus, um nicht bei der Arbeit einzuschlafen. Es war unmöglich für ihn, sich mit dem Gedanken vertraut zu machen, daß er den geliebten Sport auf Jahre hinaus einstellen sollte. Er verstand den Vater nicht, der ilim die Sportkluft verweigert hatte. Er verglich sich mit anderen jungen Menschen seines Alters, die rauchten, ihr Geld für Mädels ausgaben, während er von den Trinkgeldern in der Markthalle, die er tausendmal lieber zurückgewiesen hätte, englische Stunden genommen, die Monatshcitrügc für den „JSV." bezahlt und seine Sportmontur in Ordnung gehalten hatte. Ein Brief an Dodo hätte genügt, um ihn in Besitz dessen zu bringen, woran sein Herz hing, an Trainingsanzug, Turnschuhen und Stoppuhr. Aber nie hätte er sich von einem Mädel aus der Patsche helfen lassen. So war er auf den verzweifelten Ausweg verfallen, das ererbte Silber in einem Bcuthcner Leihhaus zu versetzen und sich für das Geld alles das neu anzuschaffen, was in Berlin der Jüdischen Klcidcrkanimer überwiesen worden war. Die ersten Monate war auch alles glatt gogangen. Die Zinsen für die entliehene Summe waren von Benjamin auch pünktlich' gezahlt worden. Bis er eines Tngcs dazu nicht in der Lage war. Schließlich suchte er zwei Monate nach dem Verfalltag des Bechers und der Büchse das Leihhaus wieder auf. Beide Gegenstände waren wirklich noch da, und der freundliche Pfandleiher hatte augenzwinkernd zu dem jungen Menschen gesagt: „Eigentlich hätten Ihre Sachen schon längst mit zur Auktion gehen müssen. Aber ich hab' mir gesagt: Oschinski, hab' ich mir gesagt, mach' den jungen Mann nicht unglücklich. Denn man muß in sehr, sehr großer Not sein, wenn man als-(Jude solche kultischen Wertstücke ins Leihhaus trägt. Vielleicht ist er arbeitslos geworden und kann nicht einmul die paar Mark Zinsen für die Verlängerung des Scheins auftreiben. Nicht wahr, Herr —" — flüchtig traf sein Blick auf dns Papier, das Benjamin ilun zur Erneuerung hingereicht hatte — „Herr Becrcnstcin,_ Sic konnten nicht früher kommen, weil Sic keine Arbeit und keinen Verdienst gehabt liabcii?" Benjamin war blutrot geworden und hatte ctwas.von „Krankheit" gemurmelt. „Das ist dasselbe", lautete die Antwort dcs_ Lcihnnusbesitzers, der mit seinen Gedanken schon wieder bei dem nächsten Kunden wur. Auf die ihm damals bewiesene freundliche Gesinnung des alten Mannes hoffte Bcnjomin auch fctzt, nachdem er ihm sechzehn lange Monate hindurch kein Lebenszeichen mehr gegeben hatte. „Kann ich Herrn Oschinski sprechen?" fragte er den Un- : bekannten, der ihn nach der bangen Nacht im Bahnhofshotel amnächsten Morgen im Leihhaus den Schein abnahm. Der sah ihn : übcrruBcht an und lächelte ein wenig amüsiert. „Mein Großvater ist schon vor einem Jahr nach Breslau gezogen", erklärte er. „Aber verlassen Sic sich darauf, Sic werden! von mir ebenso gut bedient, nur nach moderneren Geschuftsgrundsätzen!" - Aber auch .die modernsten Gcschttftsprinzipien konnten dio; längst verfallenen und versteigerten Silbergeräte aus Onkel Jacob1! Erbschaft nicht wieder ' herbeizaubern. Oschinski junior wußto nichts weiter über ihren Verbleib, als daß ein polnischer Kunsthändler, der mit Amsterdam arbeitete, beides erstanden hotte. ■■. Benjamins Eigentum war ihm für immer verloren. Fortsetzung folgt. Das Goltlieb-Trio uns Leipzig bestreitet das. Programm des nächsten Abends im Rahmen der „Kulturellen Vcrfnataltuiigenbci Weil" am 14. Dezember, ubends 8 Uhr.

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