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Jüdische allgemeine Zeitung · 1935-12-11 · 50 (11.12.1935) · page 6

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Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
15 (1935)
Issue
50 (11.12.1935)
Date
1935-12-11
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Jüdifche Indienfahrt Schickfale und Erzählungen jüdifcher Auawanderer In. Goethes Rahmenerzählung „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten", die eine rheinische .Edclmannsfamilic auf der Flucht vor den Franzosen zeigt, meint einer dcr.gchildcrcr, er wolle mit Geschichten unterhalten, die.den Verstand, das Gemüt berühren und beschäftigen, und die in der Erinnerung einen Augenblick reihor und ruhiger Heiterkeit gewähren. Der Schriftsteller Rudolf Frank, Dramaturg, Schauspieler und Regisseur a. D., hat mit seinem Roman „A1) n c n und Enkel" ein Gleiches angestrebt. Im Vorwort (dieses Schicksale und Erzählungen jüdischer Ausgewanderter umspannenden Buches hat er die Frage „Ist leicht und heiter zu sein .unjüdisch'?" zu Recht mit einem energischen Nein beantwortet. . Von Bingen bis Birma, vom Rhein und Main bis zum Jrawaddy-Fluß ' in Hintcrindicn führt der Weg ein Dutzend Menschen, die, in umgekehrter Reihenfolge der Bibclbüchcr, dem Exodus eine Genesis" folgen lassen, deren Indicniahrt in ein neues Leben der Gemeinschaft zwischen Bambushütten, Brotbäumen, Reisfeldern und Teeplantagen mündet. Diese schlichten, einfachen. Naturen, diq dio weite Reise ins Unbekannte auf einem -Schiff zurücklegen, das den symbolhaften Nomen „Sphinx" führt, sind geeint durch jüdisches Schicksal, den Boden des Landes verlassen zu müssen, auf dem ihre Ahnen gelebt und die letzte Ruhe gefunden haben. Nur der theater- und tiltnsüchtigc Fred Buchsbaum aus Vilbel zweigt unterwegs in das Reich des Films ab. Menschen aus allen Schichten und Berufen, aber von gleicher Gesinnung. Der ehemalige Spielleiter Jonny Frank ist darunter mit resoluter Frau und Tochter aus der Frankfurter Untcrlindnu, ein zielbewußter rheinischer Gürtucit, Koloß mit Wcinnasc, der von cinor Zigarettenfabrik träumt, die er im Lande Birma errichten will, Ruth Rubin aus der Fricdriclisdorfer Zwiebackfabrik und noch ein nahrhaftes Fräulein Herz und der Bingcj; Arzt Dr. Ewcrzhcim mit Haushälterin. Ein Spandnuer Anstrcicncrgescllc, der sich nach Palästina schmuggeln wollte, i'cdoch unterwegs wegen des fehlenden Zertifikats Bedenken bc-;ommcn hat, schließt sich ihnen an. Der Arzt aus Bingen ist das erste Opfer des neuen Landes. Mit der Sehnsucht nach dem uralten Vaterhaus und dem Friedhof der Vorfahren im Herzen erliegt er dem Schwarzwassorficbcr. „Mir hilft nur eins", sagt ■ Dieses sanfte Shaw-Spiel, das in der Bühnenwirkung nicht zu * Bornard Shaws stärksten Stücken, aber in der Problembchandlung zu den echtesten gehört, trug den bisher größten Lustspiclcrfplg der Berliner Kulturbundbuhne davon. Franz W i s t e n, in der neuen Rolle, des Regisseurs, darf ihn in erster Reihe für sich verbuchen. Er hat,- ohno die Sucht, sich durch ausgeklügelte Effekte bemerkbar zu machen, ein Lustspiel lustig inszeniert, frisch, hell, federnd, und 'er' hat die Darsteller dermaßen gelöst und gelockert, daß| einige von ihnen kaum wiederzuerkennen waren. Als Stimmungsmotoren, die alles andere Sntrcibcn, bedient er sich des Zwillingspaares Dolly und Philip. Wie diese beiden, unreifen Früchtchen vom Baum Shawscher Erkenntnisse in gleicher Sortierung und Packung kredenzt werden, wie sich in Jose Erncsto L e w y (Ernst Lcnart) und Ellen .Moses entzückende Lauabühcrei, Schlagfertigkcit und Unbekümmertheit verkörpern, wie 1 sie tollend", tanzend,, pfeifend, singend, jagend durch das Stück wirbeln und das fragmentarische Familienleben in Bewegung halten, das ist von so erfrischender Wirkung, daß es auch über den ermattenden Schluß lünweghilft. Diese beiden in Freiheit dressierten Geschöpfe der Bücher schreibenden Frauenrechtlerin (Lilly Kann gibt ihr die Haltung gepanzerter Würde- und den Zug. verhaltenen Grams) und die von 3er Mutter auf Verstand abgerichtete Schwester Gloria haben sich der „unsagbaren Annehmlichkeit" lungegeben, vaterlos zu sein, bis sie plötzlich zu der nicht mehr zu erschütternden Erkenntnis gelangen, daß sie einen Vater haben oder wenigstens gehabt haben müssen. Sie haben. Vor achtzehn Jahren haben sich Mrs. Clahdoh-Naughtan und Mister MacNaughtan nach ebenso kurzer wie unglücklicher Ehe getrennt. Der Lustspiclzufall führt sie wieder zusammen, wobei er sich des in Familicnkonfliktcn beruflich erfahrenen Justizrnts Bohun, dem Herbort Grünbaum Robustizitttt, affektierte ' Überlegenheit und Schnauze leiht, und des Rechtsanwalts Comas (Martin Brandt mit reservierter Steifheit) und vor allen Dingen eines namenlosen Hotelkellncrs bedient. In Erinnerung an den weisen Shakespeare wird dieser wahrhaftet Berliner Konzerte Gemeinsam mit der Jüdischen Winterhilfe veranstaltete der Kulturbund im Bachsaal eine Feierstunde, die vom Intendanten ' Dr. Kurt Singer mit einer warmherzigen Ansprache 'eingeleitet wurde. Susanne Löwenstein (früher Stein) sang zu Erwin J o s p c s fesselnd registrierter Orgclbegleitung mit edel-getragenem Ausdruck das Arioso von Händel. Eine überaus präzise und klangschöne Wiedergabe der Hcbridcn- Ouvcrtüre unter Rosen stock warf ein helles Licht auf den großartigen Aufstieg, den das Kulturbunddrclicstcr seit seinem Entstellen genommen.hat; ein ganz besonderes Lob gebührt den Bläsern! — Den Abschluß des ernsten Teiles bildete die im Chorischen wirksam geballte, im Orchestralen etwas am Detail haftende Aufführung des Brahmsschcn Scliicksalslicdes unter Dr. Kurt Singer, die wir kürzlich schon in der Philharmonie hörten. ■— Nach der Pause hatte sich dann das Podium in eine Bühne verhandelt; und man ließ sich gern noch einmal von den KrSften der Wanderoper unter Ernst Ewald Geberts sprühender Stabführung Offenbachs pikanten, prachtvoll den tragischen Opcrn- »til parodierenden Einakter „Ein'Eh'mann vor der Tür" vorführen; die Einzellcistungcn wurden bereits gewürdigt; als besonders hervorstechend ist Lili Heinemanns Rosine zu nennen: Dir piano klingt bezaubernd, und ihr Spiel gibt an Beweglichkeit ihrer Kehle nichts nach. — Der reichhaltige, wohlgelüngcnc*Abcnd fand lebhaften Beifall. * - Der Liederabend, den Hermann Schcy als Dczcmbcr-Kulturbundkonzert in der Synagjoge Prinzregentenstraße gab, stand unter außerordentlich ungünstigen Raumverhältnissen. Es liegt uns -wahrhaftig lern, dem Kulturbund seine aufreibende Organisationsurbefc noch durch leichtfertige Kritik zu erschweren, aber hier wurde das künstlerische Ergebnis derart in Mitleidenschaft govtogen, daß davon dio Rede sein muß. Dor Raum erträgt nicht diese Musik, und diese Musik erträgt nicht diesen Raum; die Intimität von: Schümanns „Dichterlicbe" geht gänzlich verloren, und der Sänger, hinter einer Schranke stehend, kann einen inneren er kurz vor seinem Ende, „Flugschein nach Frankfurt am Main, Rebstock, und von da Fahrkarte nach Bingen." Doch bereits auf dem Schiff ist Vorsorge getroffen, daß in der jüdisch-birmcsischcn Kolonie der Nachwuchs nicht ausbleibt. Der geneigte Leser hat reichlich Gelegenheit, an Familiengründungen teilzunehmen. Selbstverständlich wird auf der langen Fahrt auch Birmcsisch gelernt, was fast ebenso schwer sein soll wie Hebräisch. Die Freitagabende aber werden mit dem Erzählen von Geschichten ausgefüllt. Eine davon, vielleicht die schönste, „Nathan und Napoleon", die den verschnörkelten Pfaden eines altfränkischen Fuhrmanns und Holzhändlcrs zur Bühne nachgeht, ist den Lesern der „Jüdischen Allgemeinen" bereits bekannt. Und noch eine andere hebt sich aus der Reihe der bald anekdotisch-knapp, bald mit bchoglichcr Weitschweifigkeit, teils besinnlich-heiter, teils dramatisch zugespitzt dargestellten novellistischen Scliildcrungcn aus der Vergangenheit jüdischer Menschen heraus. Das ist die Geschichte von Elc und der Ehe. Ein liebevoll hingcpinscltcs Miniaturbildchen aus der Zeit, da die Juden in Bayern sich deutsche Namen zulegen mußten und die Namenssuche in den Köpfen und Herzin zweier junger Menschen manche Wirrnisse hervorruft. Mit Gemüt durchwirkt auch die Novelle „Simcha und die zehn Gebote", die Überlieferung von einem Vorfahren des die Reise mitmachenden Anstreichers aus Spandau, on dem sieb der Spruch einer Zigeunerin: „Auf goldenem Boden wird er stehen mit Kindern und Enkclsldndcm" wundersam erfüllt. Nicht alle der mit dem rheinischen Humor und mainhessischen Dialekt ihres Verfassers gewürzten Erzählungen jüdischer Auswanderer sind gleichwertig. Manches jüdische Detail wirkt aufgepropft, anderes, wie z. B. die Schilderung des LcbcnB und Treibens in "der indischen Hafenstadt Rangoon hätte entbehrt werden können, da es als ein transferiertes Rciscfcuilleton wirkt. Aber einen wesentlichen Zweck erfüllen Rudolf Franks „Ahnen und "Enkel". Sic bringen Entspannung und erhellen seelisches Dunkel, sie sind traditionsgebunden und zeitnahe und schlagen, Akkorde an, in dur und moll, die in jüdischen Herzen Widerhall finden werden. Der Roman ist in der Jüdischen Buch-Vereinigung erschienen. Ein glücklicher Jahresabschluß. E. Ta. Musterdiener William gerufen.' Im Leben hört er auf den Namen Willy Präger. Er liebt es, nicht nur die Speisen familiär und feierlich zugleich zu servieren, sondern auch die flüssigen Weisheitsworte, die ihm Lebensklugheit und Bernard Shaw eingegeben haben. Das Fazit seiner Lebenserfahrung „Man kann nie wissen" begleitet die begeisterten Zuschauer aus dem Thcutcr. Die Rolle des unbekannten Vaters, nach dem das Stück ursprünglich hieß, ist Sigmund N u n b e r g zugefallen. Ein stachlichcr, brummiger, cholerischer Herr, den aas Leben arg zerknautscht hat, und der wild aufbegehrt, weil er von der wiedergefundenen Familie nicht in seiner patriarchalischen Würde geschätzt wird, die ihm seiner Meinung nach zukommt. Ein Mann ohne Humor, aber mit einem schüchtern sich regenden, fast rührenden Bedürfnis, Zärtlichkeit zu empfangen und zu gewähren. Hier kommt ihm dio verlorene Tochtor Gloria am ersten entgegen. Ruth Mannheimer (Reimer) versteht es sehr fein und anmutig und mit der gleichen Wandlungsfähigkeit, mit der bic ihre wechselnden Kostüme trägt, diese Gestalt zwischen anerzogener Herbheit und naturhaftcr Gefühlswärmc liin und her gleiten zu lassen, bis sich Herz zu Herz (Walter; bisheriger Künstlername Hcrtner) findet. Wobei dieser liebe Junge, Fünf-Schilling- Zohnarzt mit unbezahlter Wohnungsmictc, aber ungetrübter Laune, der mehr Praxis in der Behandlung von Frauen als von Zähnen hat, dieser Zwiespältigkeit ihres Wesens geschickt bcizukommcii weiß. Auch Heinz G o n d c 11 hat am Gelingen des heiteren Abends berechtigten Anteil. In dem zahnärztlichen Sprechzimmer, das er eingerichtet hat, muß es nicht nur ein Vergnügen sein, zu praktizieren. Es erweckt geradezu das im allgemeinen nicht sehr große Verlangen, sich darin behandeln zu lassen. Und dann hat er die Terrasse eines Hotels geschaffen, wo man wirklich, noch einem weisen Ausspruch William Prägers, „Schutz vor dem Familienleben" finden kann. Allerdings wäre dazu eine literarische Abstammung von Schnitzlcr oder Blumcnthal und nicht von Bernard Shaw erforderlich. Eugen Tannenbaum. Kontakt mit seinen Hörern nicht gewinnen. Schließlich aber ist die Akustik der Prinzrcgcntcnstraßc speziell für das Klavier geradezu katastrophal; an zahlreichen Plätzen entsteht durch Mchrfachhören von Tönen und Akkorden ein völlig verzerrtes Klangbild. Hermann Schcy, der sich in der Ausdrucksgcstaltung zweifellos etwas beengt fühlte, konnte stimmlich mühelos durchdringen . Wir haben wehig Sänger, die ihm an Fülle und Adel des Klanges gleichkommen. Sein Vortrag ist frei von aller Maniricrthcit und Effektsucht, ganz auf den Dienst am Kunstwerk gestellt; vorbildlich ist auch die gepflegte Sprachbchandlung. Unter den Gesängen auch ein moderner: Blochs 122. Psalm zeigt wenig Erfindung, dafür aber eine Thcatralik, dio dem Text nicht entspricht. — Die pianistisch sorgsam ausgefeilten Begleitungen von Werner Scclig-Baß kamen durch die Ungunst <lcr Umstände nicht zur Geltung. * Unter uiiscrn Pianisten verkörpert Stefan A h t a 1 einen ziemlich ausgesprochenen Virtuosentyp. Der hohe Stand seines Könnens und eine, beachtliche physische Ausdauer gestatten ihm die mühelose' Durchführung eines äußerst anspruchsvollen Cliopiii- LiBzt-Programnis. > In der Neigung zu großzügig konzentrierter Darstellung wird dabei, manches etwas summarisch -behandelt, sowohl in technischen Einzelheiten als namentlich in der dynamischen Abschatticrung. Grundsätzlich sollte Antul eine stärkere Nüancicrung im piano anstreben; seine etwas herbe,- klare Zeichnung der melodischen Linien erschöpft nicht das unendlich farbige Klangbild Chopinscher Klavierpoesie. Dagegen bleibt er dem Glanz Lisztschcr Kompositionen nichts schuldig; sein feuriges Temperament reißt ihn du zu packenden Leistungen empor. — Der Beifall legte sich erst nach zahlreichen Zugaben. ■ * - Ein Hauskonzort bei W o i 1 rechtfertigte sowohl durch sein Programm als auch durch den Rang der mitwirkenden Künstler das starke Interesse, das in dem außergewöhnlich starken Besuch seinen Ausdruck fand.. Einleitend kamen zwei Lebende.zu Wort: Korngolds Stücke für Klavier aus der Musik „Viel Lärm um Nichts", genießerisch zwischen Atonalismen und behaglicher Dur- Kantilcnc hin und her pendelnd, aber in jeder Hinsicht sehr gekonnt, dann Karl Wieners „Suite für Solovioline", gelungener in den Partien straff rhythnrscijcL Thematik oder musizierfreudigen Figurenwerks als in solcncn nlclir rhapsodischimprovisatorischen Charaktc'rs. In Werner Lywen lernte man einen Geiger von tadelloser Technik und einer besonders im piano nicht alltäglichen .Schönheit der Tongcbüng kennen;;wir hoffen, ihm öfter zu begegnen. Der Pianist Rudolf Schwarz und der früher im Klingler-Quarlctt wirkende Cellist Ernst Silberstein musizierten mit Konzentration und klanglicher Ausgewogenheit Brahms' Sonate c-moll und gemeinsam mit Lywen das d-moll- Trio von Mendelssohn; die temperamentvolle, präzise Wiedergabe hätte nur durch intensiveres Ausspinnen der lyrischen Episoden noch gewinnen können. Der Beifall war sehr herzlich. H. Freyhan. Eine jüdifche Mutter Von EGON JACOBSOHN Nachstehend veröffentlichen wir aus einem neuen Werke des Vortrupp Verlags ,,J ü d Isch e Müt ter" von Egon Jacobsohn (Preis kort. RM. 2,80, geb. 3.60) Im Vorabdruck einen Abschnittaus einem Interessanten Kapitel über Qlückl von Hameln, die 1646 in Hamburg geboren wurde und 1724 in Metz starb. Wie uns der Verlag mitteilt, gelangt.das Buch an Vorbesteller noch vor Chanukka zur Auslieferung. Ganz deutlich sehen wir Glückcl vor uns als eine Jüdin vom besten Schnitt und Durchschnitt. Sic ist brav, treuherzig und fromm und kennt ihren Vorteil und den Weg dazu. Sic ist praktisch, nüchtern, solide und nicht ohne Humor. Sic hat Respekt und Liebe. Sic hat keine Sentimentalitäten und hysterische Anwandlungen. Sic strotzt, auch' wenn sie sich manchmal ein wenig zu lieb hat, vor innerlicher Gesundheit. Sie ist gelegentlich nicht ohne kleinen Aberglauben, doch immer voll Gottvcrtraucn und Glauben an die Menschen. Sic denkt immer vorwärts und immer geradeaus. Sic versteht im geeigneten Augenblick zu handeln und, .obwohl sie behaglich und gern erzählt, macht sie nicht viel Worte. Man kann sich ein Bild davon machen, wie stumm gesund ihr Verstand war und wie sie darum mit ihren Leuten umging, wenn man sie im Schreiben immer das rechte Wort finden sieht. „Die Bauernwagen hatten Pferde," schreibt sie einmal, „denen es nötig gewesen wäre, daß man sie selbst auf den Wagen gelegt hätte." Oder: „Ich bin nebbich gesessen im Winkelchcn und still gewesen wie ein Mäuschen." Ihre bezeichnendste Eigenschaft ist vielleicht die Anpassungsfähigkeit. Sobald sie verheiratet ist, sieht sie ihre Mutter wie mit den Augen ihres Mannes, im Gesichtswinkel der vorgeschriebenen frommen Pflichten. Sie lebt ihre Elle intensiv, mit Leib und Seele, mit offenen Augen und doch mit aller Herzlichkeit. Sie verehrt ihren Cliaim, sie sieht zu ihm auf, lmd vielleicht ist sie am glücklichsten mit ihm, weil sie an all seinen Geschäften teil hat- Er tut nichts ohne sie, und doch führt nicht sie das Regiment. Ihr Stolz: er ist allerdings „ein rechter Ausbund von einejtn frommen Juden". „So etwas Demütiges und Geduldiges wie der liebe Mann . . ." Er fastet viel, ist kränklich und stirbt jung und schwer; sie hält ihm viele Jahre lang auch als Witwe die Treue und bereut schließlich, dann doch noch einmal geheiratet zu haben. Aber ihr stündiger Trost ist doch, Gott hat es wohl so gewollt. Sic findet sich in allem ab. Dabei hat sie es nicht leicht. „Ich habe alle zwei Jahre ein Kind bekommen und mich sehr gequält, wie es natürlich ist, weim man so ein Häuschen voll Kinder — Gott behüte sie — beisammen hat, und habe mir immer gedacht, daß kein Mensch eine schwerere Last hätte und sich mehr mit Kindern quälen müßte als ich. Aber ich habe nicht gewußt, wie wohl mir gewesen ist, wenn ich meine Kinderchen wie Ölbaumschößlinge um meinen Tisch sitzen hatte." Der orientalische Vergleich mit den Ölbaumschößlingen in dieser norddeutschen Lebenslandscliaft stammt aus den Psalmen, Glückel ist in der Bibclwclt so recht zu Hause, sie ist voller antik fundierter Bildung in ihrer schlich' ten Jüdischkeit. Sic hat dreizehn Kinder, und alle sind ihre Lieblingskinder. „Locb ist ein prächtiger Junge, wie man auf der ganzen Welt keinen zweiten findet, Freudehen ist ein kluges, schönes Kind, wie kein zweites je gesehen worden ist, Zipora ist ein schönes. Kind, das nicht seinesgleichen hat, Hcndcle ist eine Jungfrau, die an Schönheiten und Tugenden nicht ihresgleichen findet, ein schöneres Kind als Mute ist in der Welt nie gesehen worden", und so ist jedes das schönste, das beste, schöner als die anderen und besser, ja so gut, daß es seinesgleichen nicht hat. Dabei macht ihr der eine Junge Sorgen, weil er mit Geld nicht umzugehen weiß, — er ist so gut, daß ihn alle übervorteilen. Er hat Schulden, die sie mit Not und Ärger zahlen muß, sie rechnet auf Heller und Pfennig vor, was er sie kostet, sie ist ärgerlich, ja verzweifelt über ihn, aber sie bringt es in Ordnung. Der ander« Sohn, von ihr in die Stadt der Gelehrsamkeit Lissa geschickt, wird du, statt zu lernen, vom Lehrer ausgebeutet und brennt zur Mutter durch. Dazu kommen Heiratssorgen um die Kinder, jede Heirat muß vermittelt, jede Partie geprüft, jeder Vertrag ausgetüftelt, jede Hochzeit „magnifique" ausgerichtet werden, und die Mitgiften spielen eine besondere Rolle. Sic gibt jede Mitgift so genau an, als wenn sie die Summen noch einmal ausgäbe oder quittierte. Das sei aber ein kernjüdischcr Zug, hat man ihr — und uns — vorgeworfen. Ja, sie liebt das Geld, sie ist stolz auf Reichtum, den sie hat oder den ihre Kinder erheiraten, und sie liebt sogar einen gewissen Prunk, nämlich den kernjüdischen. „Es ist nicht zu beschreihen," betont sie, „wie inognifiquo es auf der Hochzeit zugegangen ist, uud hauptsächlich, wie er Arme und Dürftige erfreut hat." Sic braucht viel Geld, nicht bloß um zu leben, vor allem um leben zu lassen. Kinder kosten Geld, jedes Kind lernt etwas, jedes wird versorgt. Ihre Lcbcnslialtung in Hamburg kostet mehr als tausend Taler jährlich. Jede Reise zu Hochzeiten und zu Messen kostet viel Geld, Glückel vergißt nie vorzurechnen, wievielo Taler. Als Jude zu leben, kostet erst recht Geld. Man muß Prozesse führen und Geld haben. Man muß Wohnrechte und mancherlei Rechte teuer bezahlen, weil man als Jude das allgemeine Recht nicht hat. Der Jude dieser Zeit, der kein Geld hat, ist von vornherein verloren. Der Jude dieser Zoit kann fast nur vom Handel lcberu Und Glückcl muß in Ehren leben. . . . Glückel liebt nicht das Geld au sieh und um des Geldes willen, das ist ganz klar. Und welche Mutter würde nicht alles tun, um ihren Kindern Wohlstand zu verschaffen ... Als Kind schon ernährt, Glückcl ihre Mutter und sich durch Gold- und Silberklöppclcien. Ihr Mann handelt mit Juwelen und Perlen, und sie ist in diesem Geschäft von vornherein so zu Haus, daß sio es nach seinem Tod fortführen kann. Die Taschen voll Juwelen und Perlen, reist sie nach Leipzig zu jedor Messe, nach Amsterdam und Kopenhagen. Gelegentlich leiht sie Geld auf Zinsen aus und wagt mit den Hoffaktoren des Kaisers in Wien, und der Fürsten im Reich große Transaktionen. Sic ist geschäftskiug und — verliert auch wieder. Dann jiimmert sie überaus weiblich und fängt männlich, von vorn an. Doch wenn ihr nicht Mißgeschicke der Kinder dazwischenkommen, hält sie-mit dem haus, was sie sicher hat. Geld ist eine ihrer mütterlichen Aktiv- Icgitimotioncn. Wäre sie. kerne Geschäftsfrau, so bliebe sio jämmerlich wie die Henne, die Enten ausgebrütet hat und ihnen im Wasser nicht zu helfen versteht. Sio ist Geschäftsfrau und darum erst recht Mutter. Ihre Zeit hat der jüdischen Mutter mehr Aufgaben erteilen, müssen als nur das Gebären, Säugen und erste Erziehen der Kleinen; sonst, wenn nämlich die-jüdischen Mütter ,J\lan kann nie wiffen" Bernard Shaw im Berliner Kulturbund

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