Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 15 (1935)
- Issue
- 47 (20.11.1935)
- Date
- 1935-11-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Beilage 20. November 1935 JÜDISCHE AUGEMEINE ZEITUNG Aüflöfung Von FRITTA Wiffen Sie, was Ihr Name bedeutet? Nicht alle jüdifchen Namen find jüdifclien Urfprungs Es gibt Zeiten, die prägen bedeutungsvolle Worte. Worte, ■deren Sinn plötzlich ganz anderen Wert, ganz anderen Inhalt bekommen Iiat. Eine andere Einstellung ersteht plötzlich .zum Sinn des Wortes. Dazu gehört das 'Wort „Auflösung**. Niemals ist dies Wort so oft gebraucht worden wie jetzt im Judentum und in der jüdischen Familie in Deutschland. Man kann es überall und in Familien hören, deren Ansehen und Besitz von jeder Auflösung ausgeschlossen schien. Ausgeschlossen so lange, bis der Tod die starre Forderung nach Auflösung stellte. Jetzt aber in unseren Zeiten wird an allen Ecken und Enden aufgelöst. Alto Haushaltungen und junggegründetc, Haushaltungen von einzelnen Menschen, die nicht mehr der Führung gewachsen sind, oder Haushaltungen mit Kindern, die in der Ferne in neuem Land wieder aufgebaut werden sollen. Immer war mit (der Auflösung Trauer und Kummer verbünden, aher wenn der Besitzer von uns gegangen war, auch Zärtliclikcit und Wclimut und jene stille, beinahe verklärte Heiterkeit, wenn wir den Nachlaß ordnen mußten und in wehmütiger Erinnerung durch unsere Hiindc geht, daran Menschen an Sachen gehangen haben, bei denen wir uns fragten: Was mag zum Aufheben Grund und Veranlassung gewesen sein? Jetzt aber müssen wir selbst an die Sichtung und Ordnung unseres Besitzes herangehen, müssen zu eigenen Lebzeiten 'diese Auflösimg betreiben. Jetzt ertappen wir uns selbst dabei, wenn wir das Wichtige vom Unwichtigen scheiden sollen bei diesen bedeutungsvollen Aufrüumcarbeitcn, daß wir uns mit zagem Besinnen fragen: fortwerfen oder aufheben, mitnehmen oder hier lassen? Oft wird uns die Trennung schwer, schwer wie von jenem Glück, das uns einst der Besitz bedeutete. Mit dieser Sichtung von Kisten und Kasten, von Fächern und Schubladen, zieht ein Leben an uns vorüber, dessen Glück wir gar nicht in seiner Grundtiefe erkannt und geschätzt haben. Wir wollen ja nicht an Vergangenem hangen, wir wollen ja mit dieser Auflösung ein neues Leben beginnen, hinter uns lassen, was uns zum Hemmschuh in der Fremde werden könnte. Mit diesen Dingen schon alle Sehnsüchte bannen, die uns angesichts dieser Sachen überkommen könnten — Sachen, an denen wir hängen. Sachen, die mit uns groß und alt geworden sind oder die uns, "wenn wir groß und alt würden, einmal das Leben vorüberführen .sollten. Was haben wir nicht alles aufgehoben: Bilder, vielleicht noch Alben längst vergangener Zeiten, darin noch die Brnutbildcr der Urcltcrn stecken! Oder die Brautbriefe der Eltern, vielleicht auch der Großeltern, mit rosa Bändern liebevoll gebündelt, in <lic wir in pietätvoller Hütung ihrer Geheimnisse nie einen Blick geworfen — sollen wir uns wirklich von ihnen trennen? Sollen wir eine junge Generation, die 'vorurteilslos und ungehemmt ihr Leben neu beginnen muß, mit der Erhaltung solcher Familicnheiligtümcr belasten? Wird sie selbst noch Wert darauf legen, sie zu erhalten? Aufbewahren oder verbrennen? Da fällt uns Schmuck aus der Kindheit, wertlos und doch erinnerungsschwer, in "die' Hand, da sind die Erstlingsschuhe des Attesten, der längst fest auf Männerfüßen steht,. da sind Haarlocken,' ' vöh~ Muttefs- HMd'"R<^ .- die Hochzcitsdopeschcri, Briefe von Freunden; da sind Bücher, deren geistiger Innalt längst-überholt, uns nichts mehr zu sagen vermag, aber die Widmung darin von , lieben Menschen. Da ist auch die rot-lila Barchcsdccke, verschossen und verschlissen,' schon aus dem Hause der Großeltern stammend, die, ach so selten, wenn überhaupt, bei den gelockerten Riten und Beziehungen zum Judentum, einen Freitagabend-Tisch bei uns schmückte. Da ist die alte Scderschüsscl '— — und die gute Stube bei den Eltern und Urgroßeltern ersteht im goldenen Schimmer mit den schönen Scdcrabenden, die uns Kindern immer ein heiteres Fest waren, mit Großvaters Gesängen vom „Lämmlein". Jahre haben wir nicht mehr daran gedacht, und nur die TJffnung von alten Kisten mit Urväterhausrat bringt diese Erinnerungen mit. diesen Gegenstünden wieder ans Licht. So lösen wir unsere Haushaltungen auf, uns wieder auf die Wanderung zu begeben. Nichts darf die Jugend als Ballast mit .-sich schleppen. Ihre Bürdo ist schwer genug auf dem Wege nach neuen Zielen, nach neuer Heimat. Immer ist es so' gewesen im Judentum, nie konnten wir die Schätze äußerer Kultur mit uns nehmen, nur die des Geistes und des Herzens. Schweren Herzens, aber .doch mit den glücklichen Stunden der Besinnlichkeit, lösen wir unsere Haushaltungen auf. Nicht in Wehmut ertrinken, stark in der Hoffnung auf neuen Aufbau. So mache ich mich selbst stark bei der Vernichtung solcher unwerten Werte, die oft nur Geltung und Ansehen durch das eigene Erlebnis haben, reiße Briefe und Blätter in kleine Stücke, verbrenne das, was Diskretion erfordert, verschenke, was nicht vorlohnt, criuncrungsbelastcnd weite Itcisen zu machen. Schicksalstücke. Mit einem lachenden und einem weinenden Augo trenne, ich jjiich von den jahrelangen Erinnerungszeichen eines wcchsclvollen Lebens in dem trostvollen Gedanken,: wenn wir auch aus der Heimat fort müssen: „Erinnerung \ ist ein Paradies, aus dem wir nicht, vertrieben werden können" — bo steht's in dem jiltcn Pocsicalbum, das ich eben den Flammen ' übergebe. Dela Lipinskaja Mit ilirer strahlenden Anmut hat Dela Lipinskaja (im Kähmen einer Kulturbund-Veranstaltung) dem jüdischen, Publikum Berlins' wiedor einen Abend erhellt. Es ist immer wiedar von neuem ein beglückendes Erlebnis, wenn diese tizianrotgclockte Grazie mit den blitzenden Zähnen und dem bczaubcrndenLüchcui die Kleinkunst mit ihrer Größe adelt. Es ist im Grunde ganz gleich, was sie vorträgt, ob sie als VcrwundlungBkünstlcrin einen' derben Kosaken und eine mondäne Pariserin einen Pakt eingehen: läßt, oder eine Hochzeil im Ghetto ausgelassen tänzerisch illustriert, ob sie keß kommt oder zart, melancholisch oder mit ihrem. Augenzwinkern einen Doppelsinn aufreißt, ob deutsch oder russisch,. französisch' oder jiddisch — stets Biegt sie durcli ihre Ccstolturigsgabc, ■ durch die glückliche Verbindung von künstlerischer Intuition und unaufdringlichem Intellekt, dje sie zur einzigartigen Diseuse machen. Erst nach Zugaben entließ sie das begeisterte Publikum. Starker Beifall galt auch Stefan Ant.al, der mit seiner pianistischen Kunst die Vc,rwandlungspauBcn ausfüllte, ' Shaw im Berliner Kulturbund. Um seinen Mitgliedern zwischen sehr ernsten Darbietungen eine Entspannung zu gewähren, bereitet der Bcrlinor Kulturbund inseinem Schauspiel einen Komödicn- . abend vor, und zwar ist die "Wahl auf Bernard Shaws Lustspiel „Ma « k a uii n i e wi s s e n" gefullon:' Die Erstaufführung findet Anfang Dezember statt. „Was ist ein Name? Schall und Rauch, umnebelnd Himmclsglut!" sagt Goethes Faust, und Shakespeare legt Romeo die Worte in den Mund: „Was ist ein Name? Was uns Rose heißt — Wie, es auch hieße, würde lieblich duften." Plautus, der römische Schriftsteller, aber meinte: Nomen atque omen: Namen zugleich Vorbedeutung. Judcnnnmen haben seit fast zwei Jahrtausenden dos Schicksal ihrer Träger gehabt — man hat sie geliebt und gehaßt, verehrt und verspottet. Altbiblische Namen hat man, namentlich in protestantischen Ländern — unter ihnen hauptsächlich Holland, England, Amerika — gerne den Kindern gegeben, es sei nur an Abraham Lincoln erinnert. Dickens nannte einen Helden Beines Romanos David Copperfield, der Dichter des „Robinson", dicscB beliebtesten aller Kinderbücher, hieß Daniel Dcfoc, und der große Mathematiker Newton trug den Vornamen Isaak. Die Beispiele ließen sich in die Tausendc vermehren. Man müßte annehmen, daß vor allem die jüdischen Namen und Vornamen jüdischen Ursprungs seien: besonders dann, wenn diese Namen sogar als ganz speziell jüdisch gelten. Da» ist nicht immer der Fall. Dagegen haben wieder andere Namen, die scheinbar deutsche sind oder dem Deutschen nachgebildet Bcheincn, keineswesg deutsche, sondern Ableitung von hebräischen Stämmen und Wurzeln. Auch bei nicht deutschen Namen, französisch oder italienisch klingenden Vor- und Familiennamen, laßt sich das ohne weiteres nachweisen. Der älteste Adel der Juden wird bekanntlich durch das Geschlecht der Aaronidcn repräsentiert. Die Nachkommen des llohcpriestcrs, des Bruders Moses, gehören der Priestcrklassc an. sie haben das Vorrecht, der Gemeinde die göttlichen Segenswcrte zu übermitteln, sie sind Kohanim, Priester. Das verrät in der Regel schon ihr Name: Cohn, in Österreich mit K, also Kohn, gcschriel>en, kohen Priester. Ableitungen davon sind Kalten, Cahn, Kahn, Kahanc und ähnliche, dann auch Zusammensetzungen mit deutschen Endsilben: Cohnberg, Cohnstein, Cohnheim. Nun gibt es aber einen durchaus deutsch klingenden Namen, der jedoch rein hebräisch ist, das ist der Name Katz. Er lrat nichts mit einer Katze zu tun, wie man geneigt ist, anziuichmcn, sondern ist eine Zusammcnziohung der Worte kohen zedek, frommer Priester, und aus den beiden Anfangsbuchstaben wurde der Name Katz, ebenfalls mit Anhängung deutscher Endsilben, sich in Katzenbcrger, Katzenstein u. a. wandelnd. Auch der fromme Stamm der Leviten hat sich in seinem Namen manche Änderung gefallen lassen müssen. Man keimt die verschiedenen Schreibarten: Levi, Lcvy, Lövi, Löwi, Löwy und natürlich auch die Ableitungen, von denen Levisolm und Lcvysolm die bekanntesten sind. Wenn man aber denkt, daß der tyimc Löwe — der auch unter Nichtjudcn verbreitet ist — immer etwas mit dem Stammesnamen Levi und der Leviten zu tun hat, dann wäre das ein Irrtum. Er ist eine Ubersetzung des hebräischen Arje (Ariel der Gotteslöwe, der Gottesstreiter). Welcho Veränderungen aber hat bUescr Löwe aus dem Hebräischen erfahren: 1 Aus dem „Sohn des Löwen" (Ben Arje) ist schließlich der ganz italienisch klingende Name Bcnario geworden, dessen Träger sicher nicht alle wissen, daß ihr Name ein rein hebräischer ist. Die Religion, welche alles übergreift, Leben und Tod, Leid and Freude, Individuum und Gemeinschaft, ist auch in der Krankheit eine einzigartig erfüllende Kraft, unvergleichbar allen anderen Reizen und Werten des menschlichen Daseins. Ja, sie tritt zu ihr in ein besondors enges Verhältnis. Viclt Menschen, die weltsüchti« und genießerisch sich dem Alltag überantworteten, wurden erst durch das iMedium der Krankheit religiös erschüttert, durch das Leid zum Licht geführt. Die abstumpfenden Eindrücke des Erwerbslebens verhärteten sio gegen feinere Schwingungen einer höheren Welt. Selbst die Festtage berührten sie nur sensationell wie vorfeinerte Genüsse, naturalistisch überhöhte Sicherheitsventile des Daseins.. Erst die Krankheit wurde die Triebkraft zu Gott. Wir verstehen unter Krankheit eine Störung des gewohnten und von der Wisscnschoft als normal bewerteten körperlichen oder auch seelischen Lebensprozesses in absteigender Linie durch äußere oder innere Kräfte. Also nicht die geistigen Erregungen des Genies,' die man als produktive1 Störungen' bezeichnen kann, wohl aber durch künstliche Mittel hervorgerufene narkotische Ubersteigerungen des Lcbcnsgefühls, auch wenn sie zu vorübergehender Erhellung des Bewußtseins führen. Erat diese Abgrenzung schafft Klarheit für weitere Betrachtungen. Während sonst Störungen des Lebensprozesses nur oder überwiegend negative Folgen haben, verhält es sich der Religion gegenüber ganz anders. Denn sie ist mehr als Leben, transzendenter Überschwang, Verbindungsweg zu heiligen Höhen, unaufhaltsamer Strom zu Gott und zugleich totale Innervation der Persönlichkeit, psychologisch faßbar in ihren Lobcnswurzcln, unfaßbar in ihrer überwältigenden Wesenheit. Die Krankheit nun ruft zur Besinnung; das Gewolinto hört auf, dus'Ungcwohntc kehrt ein. Die Stille und Helle des Krankenzimmers teilt. sich der Seele mit. Verborgene Schichten kaum bewußten Tiefenseins werden freigelegt. Die Empfindlichkeit für alle Eindrücke ist geschärft und überwach, die Reizsamkcit nicht nur von außen, mehr noch von innen wird rege, wir Bind,gleichsam Seismograph unserer Erschütterungen, die von innen nach außen sich kundtun. Und weil die Religion nicht im Posauncnschall des Tages sich ankündigt, weil Gott eich offenbart im SäuBeln des Zephyrwindcs, weil das Schweigen die Gcburtsstätto unerhörten Scelciigeschchcns-ist, wird die Krankheit' zum Humusboden religiöser Ergriffenheit. -Im Judentum freilich nicht, wie manche andere Religionen es wollen, zury übersteigerten Lcidensbojahung, nicht zur Ubcrbetouung des Leidens als eines , höheren Zustaiidcs religiöser Glttckscmpfängnis, sondern zur demütigen Hinnahme eines uns von Gott gesandten GcscliickeB, das es gefaßt zu-tragen, zu crtrageu und auszuwerten gilt. Das Judentum bejaht das Leben als Bewährungsprobe der Gebote Gottes1, als edles, geweihtes Gefäß seiner Gnade, gleichsam akt ilio endliche Projclrtlonuflüche des unendlichen Ruaclihakaudesch. Auch die Krankheit ist Leben, wenn auch ungewohntes. Sio ist dem Gofüge des Lebensprozesses eingeordnet, ja, häufig Wissen alle Damen, die Mizzi, Mary, Marion heißen, daß ihr Name eigentlich von Mirjam stammt, woraus später Maria und Marie wurde? Wissen die Trägerinnen des NamcnB Marion, daß Marionette eigentlich nichts anderes ist als eine Verkleinerung .011 Mirjam, also etwa Mirjamchen? Elsbcth ist auch hebräisch — Elisabeth kommt von Eliscba oder Elischabetb (die Gott vereidigte, die Gottgcschworenc). Auch die Abkürzungen Else, Elly, daB englisch-französische Alice und davon Lizzi gehen auf den hebräischen Ursprung zurück. Wie verhält es sich aber mit den „richtigen jüdischen" Vornamen, die in früheren Zeiten gebräuchlich waren? Sind Belc (Beile), Reise, Fradcl, Perl, Golde, Süsscl, Taube, Tüubchc jüdische Namen? Keineswegs! Belc und Beile sind lateinisch: bclla: die Schöne, Reise ebenfalls: rosa, die Rose. Fradcl ist deutsch: die Freudige, Perl, Golde, Süsscl, Taube sind es gleichfalls: die Perle, die Goldene, die Süsse, die Taube, das Täubchcn. Den Damen wurde der Vorrong gelassen. Die jüdischen Münnernamcn unterliegen aber ähnlichen Irrtümern. Es gilt als ausgemacht, daß Ignaz und Isidor jüdische Namen seien — Bic werden als solche auch bespöttelt. Al>er Isidoras ist griccliisch und bedeutet Geschenk der Isis — es ist also Bogar ein durchaus heidnischer Name, ebenso wie Ignaz, aus dem lateinischen Ignatius, das heißt der „Feurige", stammt. Das ginge aber noch hin. Was soll man aber zu dem „rein jüdischen" Vornamen Amschel sagen (Wem fällt dabei nicht der alte AmHchcl Rothschild ein?). Amschel, ein beliebter jüdischer Name, der neben dem „deutschen" Rufnamen „Hans" gegeben wird. Hans stammt aber von Johannes ab und Johannes ist ursprünglich Jochanan, ein Name, der wiederholt im alten Testament vorkommt. Amschel jedoch? Dieser Name kommt von Anselm und stammt aus dem Altdeutschen: ans ~ Gott, heim Schutz, also ungefähr der Gottbeschützte oder auch der Gottschützer. Unter dem Namen Anseimus, der latinisierten Form, ein häufiger katholischer Name. Manch kleiner Irrtum unterläuft noen hei Auslegung der Namen. Es gibt einen jüdischen Vornamen Seew. Nicht selten wird dieser Name einem Knaben zugleich mit dem biblischen Namen Joseph beigelegt. Nun gibt es eine süddeutsche, besonders österreichische Koseform von Joseph, die Sepp, Scppcl heißt, und auf dem Lande wird gewöhnlich jeder Joseph Sepp oder Scppol gerufen. Das hat zu der Meinung Anlaß gegeben, daß Jausscf Seew eigentlich nicht« anderes sei als Josef — Sepp. Das stimmt aber nicht. Seew ist hebräisch und heißt Wolf, so daß der jüdische Joseph Seew sich als Joseph Wolf entpuppt. Der Beispiele gäbe es noch viele. Auch in fremdländischen Sprachen. Der kürzlich verstorbene Oberrabbiner von Italien, Sacerdoti, hieß sicher ursprünglich (oder seine Vorfahren hießen so) Cohen, denn sacerdote heißt zu deutsch Priester. Die Lyons, Lions, manche Lyoneis stammen von braven Arjcs ab, manche ohne es noch zu wissen oder — auch das gibt es — ohne es wissen.zu wollen. Fnmilienförsohung und damit NamcnsforBchung wird jetzt mit Recht eifrig betrieben. Es schadet nichts, wenn man dabei erfährt, was der eigene Name — Vor- und Familienname — eigentlich bedeutet. Dr. B. Seh—f. selbst ein vorbestimmter Gesundungsfaktor zum Dasein, ganz gewiß aber, wenn recht erfaßt und bemeistert, durehlittcn, durchfühlt und teilnehmend durchdacht, zu Gott, zum verinncr- 1 ichten Judentum. Besonders eine zentrale Lebensform religiöser Haltung, das Gebet, wird von ihr auf das tiefste durchdrungen. Das Gebet des Kranken ist erfüllt von Inbrunst und Sehnsucht, ist chrfürchtend-zitterndc Zwiesprache mit Gott, ist das Wissen lcidvoll Gott suchenden Lebens um den Tod, der durch seine Begrenzung das Leben intensiviert, durch das stärkere Bewußtwerden seiner Möglichkeit es den ewigen Werten näher bringt. Die Sehnsucht nach Erlösung ist dem Kranken gleichsam immanent. Auch die Andacht des Kranken, das still-gesammelte Gerichtctscin auf dos Heilige, gewinnt oft eine Tiefe, Innigkeit und ans Mystische grenzende Flutungskrnft, wie sie sonst fast nur dem großen Einsamen religiöser Versenkung und Schau, den Erleuchteten unter den Rabbincn und den Zaddikim zuteil wird. Ins Grenzenlose verfließen die Strebungskräftc, ' sprengen die engen Fesseln des räum- und zcitgcbundcncn. Ich, weiten die Seele, daß sie fähig wird, sich dem Heiligen hingegeben zu öffnen. Wer als Kranker etwa in den Jomim nauroim einsam abgeschlossen iBt von der Schar der Tausendc, die in den Tempeln sich einen, wird freilich nicht teilhaft jener beseelten Gemeinschaft und jener Gcbctsdynamik, durch Kultus und Ritus unterbaut, wohl aber der Andaelitsbcsondcrung einer einsamen Seele, die die Gottunmittolbarkeit noch, erschauernder, erschütternder erfährt. Er muß sich allein aus seinen Niederungen emnorringen. Krankheit ohne Religion ist Lebensstörung ohne Lieht. Einzig die Religion, als zur Erkenntnis auskristallisicrtcs Ubcrwelt- und Gottcsbewußtscin, entsprungen den tiefsten Quellen heiliger Scelcnkräftc, die nie versiegen und sich ständig erneuern, vermag es kraft ihrer Eigenart, aus den natürlichen Niederungsprozessen in Scclo und Bewußtsein zu entheben, sie zum Stimulans des Gottesdrängcns werden zu lassen und aus ihrer unbegreiflichen Scolcnfülle selbst die Krankheit in eine höhere Seinsordnung hineinzustellen. Wer bedürfte ihrer nicht in seiner Zerrissenheit und Verstörtheit, in der kranken Unruhe seiner Seele zu Gott, der uns aus der Krankheit der Seele erlöst, daß wir iu ihr gesunden zum rechten Leben. Der Roskinaelic Gemischte Chor bereitet gemeinsam mit dem Roskinschen Kammer-Orchester (im Reiclisvcrband .der Jü- ' dischen Kulturbünde iii Deutschland) unter Leitung von Janot S. Roskin das Oratorium „Saul und David" von G. F. Händel, in der Bearbeitung von Fr. Chrysander, vor. Da» Werk wird Endo Januar 1936 mit prominenten Solisten zur Aufführung gelangen. Stimmbegabte Damen und Herren, welche dem Chor als aktive Mitglieder beitreten wollen, werden noch aufgenommen. Anmeldungen beim Dirigenten Roskin, Berlin W15, Bleibtreustraße 26; Telephon: J 2 Oliva 6672 (täglich von 8—10 Uhr morgens). . ■ Krankheit und Religion / Von BERTIIOI.D AUERBACH (Berlin).