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Jüdische allgemeine Zeitung · 1935-11-13 · 46 (13.11.1935) · page 2

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Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
15 (1935)
Issue
46 (13.11.1935)
Date
1935-11-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
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,. unvorbereiteten, ungcschultcn Jugend, die . im Kampf gegen Wüste imd KranMicif,'unter größten Entbehrungen, ohne Mittel vollbracht worden seien und mnhnto den Kercn Hnjcssod an seine große Aufgabe. „Die größte Anstrengung," schloß er, „die für dio Aufbringung von Mitteln in Deutschland geleistet wird, ist noch zu , klein im Vergleich zu dem, was geleistet worden kann in Palästina, Wenn wir es wirklich wollen." Nach, Frau Dr. Siegfried Moses, dio für die Frauenarbcitsgemeinschaft für Palästina sprach, führte Friedrich Brodnitz im Namen des Rcichsausschusscs der jüdischen Jugendverbände aus: „Did; Arbeit, dio der Koren Hnjcssod leistet, hat immer in erster Reihe der Wcgbercitung der jüdischen Jugend gegolten.. Es ist nur eine Abtragung tiefster Dankesschuld, wenn dio Jugcndvcrbiindc ihre Verbundenheit zum Kercn Hnjcssod bekennen. Wenn wir die Aufforderung an die Jugend aller Richtungen richten, mitzuhelfen, so wissen wir, daß noch manche abseits stehen, aber wir sind überzeugt, daß es nicht mehr lange dauorn wird, bis die jüdische Jugend aller Richtungen in der Arbeit am Aufbau Palästinas steht." f Das, was bisher die jüdische Jugend unter Einsatz ihres Lebens für Paliistina geleistet habe, führte Dr. Brodnitz > weiter aus, gilbe ihr das Recht, zu fordern, das, was man für Palästina tue, nicht nur mit materiellen Opfern zu tun, sondern in wirklicher Verbundenheit mit der Sache, mit dem, was drüben geschieht. Es müsse das Gleichgewicht zwischen dem' hergestellt werden, was junge Menschen einsetzen, und dem, was wir tun. könnten. In einem eingehenden Referat gab sodann das geschäftsführende ■Prüsidialmitglicd des deutschen K. H., Dr. Michael T r a u b , eine Rückschau auf die 15jährige Arbeit des K. H. und einen Ausblick auf das, was es noch zu tun gilt. Als der K.H. im Jahre 1920 gegründet wurde, gab es in Palästina nur acht Siedlungen mit 180 Menschen bei 65 000 Juden. Aus den 25 Millionen Pfund, die der K. H. in fünf Jahren aufbringen wollte, wurden in fünfzehn Jahren nur fünfeinhalb Millionen, und doch liege darin ein großer Glaube an dio Zukunft Palästinas. Der wichtigste Posten bei den Ausgaben für Bodenerwerb, religiöse Institutionen, städtische Kolonisation, Handel und Industrie, Gesundheitspflege, öffentliche Arbeiten und Einwanderung sei die Ausgabe von 1 762 000 Pfund für landwirtschaftliche Ansicdlungcn. Aus den acht Siedlungen im Jahre 1920 wurden in diesem Jahre über fünfzig. Aus 180 Menschen wurden 11000. Auch 2000 jüdische Einwanderer wurden von den Siedlungen absorbiert und erhioltcn darin ihre landwirtschaftliche Ausbildung. Fast 700 Kinder aus Deutschland wurden vonihnen aufgenommen, und fast 400 Eltern fanden dort ihre neiio Heimat. Auf die finanzielle Lage des K.H. eingehend; bemerkte Dr. Traub, daß es gelungen sei, durch eine 5 0 0 0 0 0- Pfund-Anlcihc der Lloyds Bank die Grundlage für dio Weiterarbeit zu stabilisieren. Um dem Lande eine gesunde soziale Struktur zu gehen, müßten von den 60 000 bis 70 000 Einwandernden mindestens 15 00 0 Juden jährlich aufs Land. Ein Betrog von 500 000 bis 750 000 Pfund wäre notwendig, dieser elementaren Forderung zu entsprechen. Der Kongreß hat beschlossen, alle Mehreinnahmen des K.H. ganz für landwirtschaftliche Ansicdlung usw. zu verwenden, ferner sei aber im Laufe der nächsten zwei Jahre eine Million Pfund in allen Ländern aufzubringen, um dio dringendsten kolonisatorischen 'Aufgaben in Palästina zu verwirklichen. Da weitor beschlossen worden ist, daß die in Deutschland gesammelten K. H. - {leider in erster Linie für die Ansiedlung von Juden aus Deutschland in Palästina verwendet werden sollen, daß aber daneben für den gleichen Zweck aus den. allgemeinen K. H.-Gcldcrn ein beträchtlicher Teil verwandt wird, ergibt sich, daß sämtliche in Deutschland für den K. H. gesammelten Gelder und ein beträchtlicher Betrag darüber hinaus ausschließlich für Juden verwandt werden wird, die aus Deutschland nach Palästina einwandern. Angesichts des Judcnschieksals in allen Ländern der Welt bedeutet dies eine Privilegierung, zumal auch eine maximale Ansohl von 'Zertifikaten, 20 o/0 der Gesamtzahl, für Juden aus Deutschland zur Verfügung gestellt werden. Palästina öffne seine Tore allen, Zionistcn und Nichtzionisten. Aber der K.H. werde in der kom-- menden Arbcitspcriode gerade deshalb verlangen, müssen, daß Juden, denen Baiästina Ausweg und Rettungsankcr'gcwordcn ist, ihre Pflicht dem Lande gegenübor erfüllten. Diesor Pflicht werde in Zukunft in vielen Fällen eine entsprechende obligatorische) Form gegeben werden müssen. Zum Schluß verlas Dr. Franz M e y o r ein Begrüßungsschreiben des am Erscheinen verhinderten Leiters der Zentralstelle für die Ansicdlung deutscher Juden in Palästina, Dr. Martin Roscnblüth, London, in dem er u. a. der Verdienste Oskar Wassermanns gedenkt, »und die Bedeutung eines jüdischen Palästina für Gegenwart und Zukunft Unterstreicht. Das Houptbestreben der Zentralstelle für die Ansicdlung deutscher Juden in Palästina, heißt es in dem Brief, war immer darauf gerichtet, den mittellos ins Land kommenden Einwanderern aus Deutschland, den Willen zur Arbeit und gewisse Vorkenntnisse in Landwirtschaft und Handwerk zu vermitteln. Unter den weiteren Leistunten wird auch die Abteilung von Miss Szold hervorgehoben, ie für die nun schon fast 1000 Jugendlichen aus Deutschlund sorget, die ohne ihre Eltern ins^Land kamen. Das Jüdische Nabonalhcim stehe vielen weiteren zehntausenden deutscher Judcif . offen, die in planmäßiger, organisierter Wanderung Jahr für Jahr dorthin überführt werden können. Die besondere wirtschaftliche und geistige Struktur des deutschen Judentums mache es notwendig, daß für ihre Einordnung und Scßhaftmachung in Eroz Israel neben den allgemeinen Mitteln der nationalen Fonds Sondermittcl zur Verfügung gestellt werden. Der Brief Dr. Rosenblüths schließt mit dem Wunsche, daß diesor Auftakt zu einer großen und erfolgreichen Aktion zum Wohle des jüdischen Volkes und der neuen Heimat in Ercz Israel werden möge. Mozarts G-Moll-Symphonio bildete Ausklarig der wirkungsvollen Kundgebung. Vermögensliquidationen and Paläftinawanderung Die wirtschaftliche Situation des jüdischen Mittelstandes und dio in dor Öffentlichkeit bereits mehrfach behandelte Häufungder jüdischen Gcschüftsv'erkäufe und sonstigen Vermögensliquidationen haben zu einem starken Andrang von Ratsuchenden bei den Beratungsstellen 1 des Palästina-Amtes geführt: Die Auswanderung dieser Mensehen und ihre wirtschaftuclio Eingliederung in Palästina setzt eine planmäßige Lösung des Liquidations- ■ Problems voraus. Zur Bewältigung , dieser Aufgaben nahen dio Zionistische Vereinigung für Deutschland und das Palästina-Amt die Schaffung eines Fachressorts beschlossen. Die Vorarbeiten zum Ausbau dieser Einrichtung sind bereits im Gange. Für diese Woche ist die Einberufung einer Konferenz von auf diesem Gebiet sachkundigen Persönlichkeiten vorgesehen. Die Gruppe Neue Synagoge im Synagogenverband Berlin veranstaltet unter Mitwirkung der Herren Rabbiner Dr. Blumenthal, Dr. Swarscnsky, Dr. Warschauer und Dr. Weyl im Trausaal, ■ Oranienburger Straße 29, Vortragsabende „Aus der Welt des Talmud". Musikalische Umrahmung: Oberkantor Gollanin, Erster Abend: Sonnabend, den 16. November, abends 8 Uhr. ie rcllgiöie Situation heute Paläftina—ein Laboratorium Die Donnerstag-Vortragsreihe des Jüdischen LehrhaUses behandelt „Unsere religiöse Situation heute". Nach dem einleitenden Dreigespräch, mit dem wir uns in unserer Ausgabe vom 23.' Oktober auseinandergesetzt haben, sprach Isi Eisner über „Dio religiöse Situation in Palästina". Er ging dabei von einer Gegenüberstellung aus, indem er darlegte, daß nach seiner Ansicht aus der au, die Diaspora gebundenen religiösen Aufgabe, wie sie z. B. Hermann Cohen gesehen habe, aus einer akademisch theoretischen Fragestellung jetzt Praktische Wirklichkeit geworden sei. Darin stelle Palästina ein Laboratorium dar, in dem sich das Schicksal des Judentums entscheiden werde; es sei darum auch verständlich, wenn dort, wo sich bereits die Lcbcnskrciso vielfach zu übcrschricidcn beginnen, die Fragen schärfer gestellt und die Antworten radikaler gegeben würden. In diesem Koloniniland setzten sich die McnBchcn aus zwei großen Gruppen zusnmmcii, dem alten Jischuw imd 'der* Arbeiterschaft. Der alte Jischuw stelle, vor allem in Jerusalem, Sofcd, Tibcrias und Hebron eine rcligiöso Potenz dar gewissermaßen aus den „religiösen Botschaftern" der einzelnen" Landsmannschaften des-Diaspora-Judentums. Während dioscr alte Jischuw nach Eisners Ansicht die Kontinuität von Volk und Land aufrecht erhalten habe, sei dio Arbeiterschaft keineswegs religiös. Von dieser Warte aus solle das Volk nicht etwa zur Religion zurückgeführt, das Judentum solle vielmehr säkularisiert, rationalisiert und damit der Religion beraubt werden. Heute beginne zwischen diesen beiden großen Gruppen die Auseinandersetzung, in deren Verlauf man 6chon Vorwürfe wie den des „Klerikalismus" habe hören können. Dcmgcgcnübcr führtc Isi Eisner weiter aus, indem er kurz auf die „Wcrk- Icute" zu sprechen kam, gäbe es in Palästinn keinen-Liberalismus wie in Deutschland. Die Jugend, die dort glücklicher, gesünder und freier sei, werde, da die Arbeiterschaft dem Lande den Stempel schon aufgedrückt hat und es also für eine systematische religiöse Durchdringung dieser Generation schon zu spät sei, durch das — 40 o/o des gesamten palästinensischen Schulwcrkcs umfassende — religiöse Schulwcrk gesichert. Eisner' fordert für die Neubewertung des Berufs eine echte Synthese zwischen beiden großen Gruppen und Ansichten derart, daß ein gesunder Austausch zwischen den gegeneinanderstrebenden Kräften vorgenommen werde. Er wies u, a. darauf hin, daß der Sabbat von uns ja-nur aus der'Situation des Sonntag erlebt werde, daß der Arbeiter in Palästina aber keinen anderen Tag habe, an dem er z. B. Sport treiben oder Freunde besuchen oder sonstige persönliche Dinge erledigen könne. Und darum verlangt Eisner mit Hecht, daß die erstarrte Diskussion aus der selbst nicht erstarrten Halacha wieder aufgenommen werde, daß auch die Neues ans Ecuador Finanzielle und Politisch« Hindernisse für die Durchführung des Siedlungsplancs New York. Die Hebrew Shcltering nnd Immigrant Aid Society (HIAS) hat einen Bericht, ihres Pariser Büros veröffentlicht, indem festgestellt wird, daß die Durchführung der Pläne, Juden in Ecuador anzusiedeln, durch finanzielle und politische Schwierigkeiten aufgehalten worden ist. In dem Bericht heißt es u. a,: Wir hatten Gelegenheit, den Entwurf eines VcrtragoB.zu prüfen, der von der Regierung von Ecuador und dem Pariser Komitee unterzeichnet worden sollte. Dieser Vortrag bezieht sich auf einen K b 1 o n i - sationsplan, dessen Verwirklichung Millionen Dollar erfordert. Da diese Millionen fohlen, kann der Plan natürlich nicht verwirklicht worden. Seit' der Niedcrlogung des. Vertragsentwurfs ist der Präsident von Ecuador gefangen gesetzt worden Und eine Militärdiktatur wurde errichtet. Eine Anzahl Ausgewanderter, die wir individuell nach Ecuador schicken wollten, hat es im Hinblick auf diese Verhältnisse abgelehnt, dio Reise anzutreten. Hcilighaltung des Sabbat im anderen Sinne ermöglicht werden und daß man nach den hierfür vorhandenen immanenten Möglichkeiten suchen und dieso in Fluß bringen müsse. Man wolle sich z. B. nicht durch einen „Schabbosgoi" in Gestalt eines Arabers die Viehbchandlung auf den Siedlungen gefährden lassen. Und wenn infolge des Sabbatgesetzes, an einem Tag in der Woche dio Milch verderbe, so bedeute dasfür den Kibbuz außerordentlichen wirtschaftlichen Verlust. Darum geh« von dem Chaluziuth das Bestreben aus, die Rabbiner zu veranlassen, die vorhandenen religiös-fortschrittlichen Möglichkeiten auszunützen. Das gelte auch für lebenswichtige Betriebe wie Krankenhäuser, Elektrizitätswerke u. a. m. Was den Gotto'sdienst anlange, so spiele er sich — mit Ausnahme des sephardischen — in geradezu trostlosen Formen ab. Schließlich sei es eine Mizwoh, die Form des Gottesdienstes so schön wie möglich .zu gestalten. Die Ausführungen des Redners bestätigen die von uns schon oft zum Ausdruck gebrachte Ansicht, daß man auch in Palästina nicht ohne eine fortschrittliche Gestaltung des religiösen Lebens auf dio Dauer wird auskommenkönnen. Wobei es völlig unerheblich ist, wie man die Entwicklung nennt, ob Liberalismus oder sonstwie. Sicher ist nur, daß es eino Entwicklung geben muß. In diesem Zusammenhange muß kurz auf einen Vortrag eingegangen werden, der zur Eröffnung des R a m b a m - Loh rhauso's von Rabbiner Dr. Hoff mann gehalten worden ist. Dort wurde das Prinzip des religiös-liberalen Judentums das Prinzip der Prioziplosigkcit genannt, es wurde dem liberalen Judentum vorgeworfen, (C3. sei ohne geschichtlichen Sinn und ohne geschichtliche Vorausschau, «s sei ihm, da es ausgeprägte jüdischo Eigenart nicht habe, auch nicht gelungen, ein neues Judentum zu konzipieren. ', Es soll hier nicht im,einzelnen auf alle die Vorwürfe eingegangen werden. Aber hört man dio lebensnahen Ausführungen Eisners, so erkennt man gerade hierin Sinn und Ziel des religiösliberalen Gedankens, der für den religiösen Aufbau Polästinas entscheidend ist. Der lediglich auf „Lernen" gerichtete alte Jischuw wird' sich demgemäß entweder den berechtigten und durchaus verständlichen Forderungen der jungen Menschenfügen müssen oder man wird genau das Gegenteil der Hoffnungen erreichein, wenn — ja wenn der Liberalismus oder wie man ihn sonst jn Palästina nennen mag, nicht hier eingreift und Hilfe schafft. Gewiß: dos gesetzestreuo Judentum hat einen tiefen Sinn und seine Berechtigung, auch den Sinn der Wahrung einer Tradition, nach der immer wieder eine Ausrichtung erfolgen kann. Damit ist es aber zu einer gewissen Starrheit verurteilt. und tn dor Frage der Fortentwicklung des Judentums machtlos, wenn es nicht dem Anruf, den Dr. Hoffmann an es gerichtet hat, lebensnah zu sein, auch praktisch folgt. Wir wollen religiösen Aufbau in, Palästina, wir wollen, daß überall da, wo jüdische Menschen leben, auch ein jüdisches Gemeinschaftsleben und'wahre jüdische Religiosität sich entfalten, Iii diesem Rahmen hat auch das Verlangen „Zurück zur Natur" einen geiwissen ethischen und sogar religiösen Sinn und dem muß Rechnung getragen werden. Wio gut verstehen wir den Arbeiter, der, wenn er am Freitag nachmittag von der Arbeit kommt, nun eine ihn religiös ansprechende Feierstunde erleben möchte, und der den Sabbat nicht -nur zu diesem religiösen ^Erleben braucht, sondern auch' zur sonstigen Erbauung und zur Erholung durch Sport und Spiel. Und was die Wirtschaft anbetrifft, ao ist es erforderlich, daß auch am ■ Sabbat: die Kühe gemolken werden, dio Krankenhäuser arbeiten und die Elektrizitätswerke im Betrieb gehalten werden müssen, um nur einige Beispiele herauszugreifen. Erst dann, wenn man versteht, solchen Förderungen Rechnung zu tragen, wenn man versteht, den der Religion bedürftigen Menschen den Wunsch 'nach einer wahren Feierstunde richtig zu erfüllen, wird nach den Worten Isi Eisners die religiöse Situation in Pulästina nicht mehr ein Problem, sondern eine Tatsache sein, die nicht zuletzt von uns freudig erwartet wird. w. s.: Religiöfe Erziehung Mit einem Drcigcsprüch über Religiöse Erziehung wurde die Donnerstag-Reihe des Jüdischen Lehrhauses fortgesetzt. Das Ergebnis war, um es vorweg zu sagen, überaus erfreulich.' In den einleitenden Ausführungen umriß Dr. E p p.stein, dcr-Dcbattoführcr, den Kern des Tbcmas: Die Möglichkeit der - religiösen Erziehung. Ehe aber hier eine Antwort gegeben werden könne, müsse klargestellt sein, was rcligiöso Erziehung bedeute. Und liier ergebe sich dio Verschiedenheit — je nach dem religiösen Standpunkt. Rabbiner Dr. A 11 m a n n legte klar, worin die Orthodoxie dos jüdische Erzichungsidcal sichl: Es schreibe sich nicht her aus der Wertsetzung des Menschen, des Volkes, sondern aus dem Auftrag Gottes. Der höchste Typus ist nicht der heldische, nicht der völkische Mensch, sondern der Gottesknecht. Deshalb fordere sie Totalität dew göttlichen Gesetzes in der Erziehung und verpflichte jeden Vater, jeden Wissenden den ilim Anvertrauten in die Religion hineinzuführen. Rabbiner Dr. Swarscnsky kann in vielem mit Altmunn zusammenstimmen; aber in der grundsätzlichen Einstellung klafft eine große Lücke. Von dem Religiösen scheidet er den A r e - ligiösen. Der Religiöse ist — nach der Auffassung des Liberalismus — ein Bürger zweier Welten; er steht im Endlichen imd im Unendlichen. Aufgabe ist, das Endliche einmünden zu lassen in das Unendliche, Ewige, eine Haltung zu erzeugen, die das Gefühl der religiösen Innerlichkeit schafft, aber auch die Kraft zur Bewährung im Endlichen, im Leben, in der Welt. Die alte Totalität des Gesetzes wieder zu schaffen, ist unmöglich, nicht mehr der Religion gemäß. Nicht vom Gesetz her ist das Leben zu gestalten, sondern von der Gesamtheit des Lebens. Der Begriff «Ter Offenbarung ist nicht mehr der alte. Gegenüber der Bindung von oben ist notwendig die Bindung von innen. Den Menschen immer wieder vor . die Entscheidung zu bringen, ist Aufgabe der Religion, und sie zwingt ihn immer wieder zum inneren Kampf. Nachdem so die Gegensätze herausgearbeitet sind, wirft Dr. Eppstein die Frage auf, ob jüdische Erziehung denkbar sei neben der religiösen oder auch außer ihr. Dr. Altmann verneint die Frage. Das „entheiligte" Leben versage die Antwort auf dio letzten Fragen nach dem Sinn des Lebens und Tuns. Jeder andere Weg als der des Gesetzes sei ein Ausweg, aber keine Lösung. ■ Es sei durchaus möglich, aus der Halacha heraus alle Fragen zu lösen. Auch Dr. Swarscnsky bc-_ zweifelt, ob die heuen — sozialen — Bindungen die alten religiösen ersetzen können; sie liegen außerhalb der Religion, im Endlichen. Nachdem Dr. Eppstein zwei Typen des jüdischen Menschen charakterisiert hat, den „Organisationsjuden" und . den . „Lern-.. juden", fragt er: Sind auch sie legitime Formen des Jüdischen? Dr. Swarscnsky nennt die Gegenwart eine durchaus' rel i-' giösc Zeit; in ihr sind Keime verborgen, die eine spätere Zeit vielleicht entwickeln wird. Abzulehnen als zu oberflächlich ist der „organisationsjüdischc" Mensch. Im „Lernen" sieht jetzt vielfach insbesondere die Jugend ihre jüdischo Aufgabe; aber sie findet noch keinen Zugang zum Religiösen. Ernster zu nclimcn sind diejenigen unter ihnen, die gegenwärtig noch religiöse Abstinenz propagieren, weil die Religion noch ungeklärt sei. Ihr Weg ist ein Umweg; aber vielleicht führt auch der Weg über die Gemeinschaft zur Religion, zu Gott. Dr. Altmann lehnt den. Typus dcB „bewußten" Juden ab. Von dem „lernenden" sei zu hoffen, daß die Kraft der Tora in ihm wirksam! sein werde, wenn das Lernen kein passives .Hinnehmen bleibe. Wenn beido Herren bejahen — so faßt Dr. Eppstein zusammen —, daß in der Art der Gegenwart eine Chance für die religiöse Gestaltung der Zukunft liegt, so ergibt sich die Frage: Welches Bind die Faktoren der religiösen Erziehung? Dr. Swarscnsky kennt keinen direkten Weg der religiösen Erziehung; daraus.schreibt sich die Unfruchtbarkeit des früheren Religionsunterrichts her. Den jungen Menschen unbemerkt an die religiöse Haltung heranzubringen, ist der Weg der religiösen Erziehung scheinbar ein Umweg, aber der einzig wirksame, und dieser Weg führt über den Lehrer. Auch /Dr. Altmann stimmt mit ihm übercin, daß Roligion nicht direkt übertragen werden könne. Religion ist Ergebnis eines seelischen Reifung sprozesses., der nur im religiösen Milieu möglich ist, wie C3 das Ghetto des Mittelalters besaß, .wio es das gegenwärtige Palästina noch nicht .besitzt, weniger noch als Deutschland. Der wichtigste Faktor hierbei ist das Hnus-, Synagoge, Gottesdienst ist wohl geeignet zu erbauen, aber nicht zu erziehen; der erziehliche Einfluß der Predigt ist nicht Vorhanden. Der wirksame Typ des Rabbiners ist nicht der Prediger, 'sondern der „More", der Lehrer, und der Weg nicht so sehr die Kanzel als dio alte Form des „Lernens", des Schiur. Demgegenüber gibt Dr. Swarscnsky. zwar den bedeutenden Einfluß des Milieus im Elternhaus zu, wenn auch dio Kinder, besonders in der Gegenwart, dieses Mileu, besondors nach der religiösen Seite hin, verändern. Aber Gotteshaus und Predigt weist er eine höchst wichtige Funktion zu: den Boden für dio religiöse Beeinflussung zu lockern 1 Der Prediger hat die Aufgabe, das Zeitliche stets zu konfrontieren mit dem Ewigen. Durch das Erlebnis der betenden Gemeinde bringt dio Synagoge dem Einzelnen das Erleben des Bctena nahe und lehrt ihn auch beten, f Dio letzte Frage behandelte den Gegensatz zwischen dem religiös Bekennenden und dem Tuenden, don. Typ des rem Religiösen und den, dem menschliche Bewährung höher steht, und zuletzt die religiöse Form und ihre zukünftige Gestaltung. Dr. Swarscnsky bejaht dio Möglichkeit, daß aus den tastenden, zunächst noch wenig religiösen oder das Religiöse ablehnenden Versuchen neue gottesdienatliehe Formen sich gestalten können; denn Formen sind nicht Sakrament, sondern Erkcnnungs- und Erinnerungszeichen. Die Diaspora hat ja neue Formen geschaffen, und wenn auch dio Gegenwart Wenig' schöpferisch ist und allen heutigon Versuchen Mängel anhaften, so ist doch dio Möglichkeit nicht abzuweisen, daß auch das neue Palästina — trotz aller Säkularisiorungsbestrcbungen —' den Weg zu neuen religiösen Formen finden mag. Demgegenüber lehnt Dr. Altmann neue Formen ab. Mizwaus als Ausdruck der jüdischen Religion seien Erziehungsform, der einzig mögliche Weg sei der Weg durch das Gesetz- Dr. Eppstein schloß die mit regem Interesse verfolgte Aussprache mit dem Wortspiel: Wir sind, am Endel Wir sind' nicht; am Endel Wir sind nie am Endet . HrOFg.

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