Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 15 (1935)
- Issue
- 45 (6.11.1935)
- Date
- 1935-11-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage 6. November 1935 JUDISCHE AUGEMEINE WEITUNG Mystunden, Utende ' . •' ■ .!! >»>'-.M'r; v; machen Ein Schüler erzählt: „Ich habe neulich mal in dem Buch „Kindheil im Exil" gelesen. Do .schildert Shniarjn Levin, wie er während seiner Chcdcrzcit, in einer engen, muffigen Stube eingeschlossen, unter Aufsicht des Lehrers am Tag zehn und zwölf Stunden angespannt durcharbeiten mußte. Da haben wir's in unserer Schule doch bedeutend besser. Wir müssen auch nicht nur Hebräisch lernen. Die schönsten Stunden, die wir haben, sind Werkunterricht und Basteln. Dn darf jeder Junge arbeiten, was ihm Spaß macht. Wenn wir zum Beispiel Kästen bauen, dann macht der eine einen Kochkunst in der Schule wollten aber nichti recht fliegen. Dann feilen wir uns Schlüssel, hämmern Aschbecher und Schalen aus Kupfer. Die Schüler unserer obersten Klassen haben einen Kochkurs. Nicht nur die Mädchen. Auch die Jungen» lernen in einer schönen großen Kochstube kochen und braten und bücken. Die bereiten das Mittagessen für die Kinder, die nachmittags in der Schule Unterricht haben und in der Zwischenzeit nicht nach Hause gehen können. Aber meistens können die Juugcns und Müdcls schon etwas kochen, bevor sie in den Kochkurs kommen. Das haben sie auf den- Fahrten der Bünde gelernt. Schön ist auch das Arbeiten im Freien. Unsere Schule hat einen großen Garten. Früher wuchs dort nur Gras und Gestrüpp. Jetzt ' ist * fast der ganze Garten bepflanzt. Das haben unser öürtner und die Jungens der-Schule in mühsoligcr'Arbeit zuwege gebracht. Zuerst (iahen wir Gräben gegraben, in die warfen wir das dalnntcrliegcnde Gestrüpp und schichteten dann Sand darüber. Dann wurde das Land umgegraben,. von Steinen gereinigt und geebnet. Zuletzt wurden Ucetc vermessen und gesüut. Wenn gccnitcl wird, müssen wir zwar alle Ertrüge der Schule abliefern, Radieschen, Rettich, Tomaten, Kohlrnbi, Bohnen, Kartoffeln, Mc- Was man vom Itadio wissen muß "Werkzeugschrank, ein anderer einen Nälikastcn. Ich habe eine kleine Hausapotheke getischlert, und meine Mutter hat sieh sehr damit gefreut, weil sie' so viel Kopfwchmitlcl zu Hause hat. Jetzt weiß sie doch wenigstens, wo sie sie unterbringen kann, ohne sie mit Karlsbader Salz oder ähnlichem Zeug zu verwechseln. Manchmal machen wir auch Gegenstände, die wir in der Schule benötigen, Papierkörbe oder Regale, auch Tische und Stühle haben ■wir schon fabriziert. Einmal haben wir auch Roller für uns selbst gemacht. Viel Freude macht uns auch die Herstellung, von Spielzeug, wie Tieren und kleinen Figuren.' Wir sägen auch kleine Häuser aus, hauen Dörfer auf, die ganz bunt aussehen. ■ Jedes halbe Jahr wechselt die' Arbeit. Mal werden aus Ton Gesichter, Figuren und Tiere geformt, ein andermal. erklärt uns der Lehrer, einen Radioapparat, den. wir dann herstellen müssen. Auch mit Segelflugzeugen haben wir'B mal versucht.' Die Dinger Nühstundc beliebter als Rechnen 'U . . Auln. Sonnenfeld (3) Ionen, die in der Küche vcrwuudt werden, aber trotzdem ist jeder auf sein Beet stolz. Das sind Schulstunden, die uns nicht nur große Freude machen, sie raachen uns auch . mit Dingen vertraut, die wir später mal praktisch verwerten können." —n—r. ^y^m,4^B^^^ ' ••Von Dr. OLGA BLOCH '...' Als' das Berliner Jüdische Museum im Herbst 1934 ' jene Porträtallsstellung eröffnete, in der ein kleiner ^Raura dem Kennwort „Sephardische Juden'" eingeräumt war; ahnte mim 'nicht, daß kürz darauf ein doppolter Anlaß gegeben' Bchcint,: um übet ' die Amsterdamer jüdische S t a dt ge 8 elvi ch te zu ■sprechen. In diesen ,, Tagen ( gedenkt die ,,H o c h d e u t e c Ii o Gemeinde" in Amsterdam ihres' 30öjührigeii Bestehens,;und zugleich' feiert das St udt musc um die '40.' Wiederkehr'-des' Tages, an dem sich durch dio Freigebigkeit der Bürger; durch Spenden privater und städtischer Natur, die Pforten einer der modernsten. und vielseitigsten holländischen. Sammlungenöffneten. Es ist zugleich ■ der Tag, an dem sich der durch sein Organisationstalent und vielseitigstes Wissen bekannt gewordene Direktor dieses Kunstinstitutes, C. W. Baard, wegen Erreichung der Altersgrenze von seinen Pflichten zurückzieht. Seine Nachfolgt übernimmt der Konservator der übrigen städtischen Sammlungen der Stadt Amsterdam, Herr van Regtcron Altena, dem also jetzt auch das 'jüdischhistorische Museu m unterstellt bleibt. Bildet es doch in drei groß augelegten Räumen einen wichtigen Teil des Museums, der alten „Waag" inmitten des lebendigen Judenmarktes auf dem Nicuw Markt, der holländischen Hauptstadt. '. . , ' i . in der Berliner Oranienburger Straße sah man damals" das Porträt'des ArztcB und Schriftstellers Abraham LusitonuB 'Zacutus, des Maranncn, der später wieder ins Judentum .zurückkehrte, von. Isaac A. da Fonsaca Aboäb, der im 17. Jahrhundert in Holland als Rabbiner tätig war, man bewunderte einen wunder-' vollen Farbstich mit dem Bildnis von Immanuel Capadoce,: dem Amsterdamer Mediziner. Zwei Genieinden drückten mit ilircn Gestalten und kulturell wichtigen Ausdracksformcn der Amsterdamer jüdischen Stadtgcschichte den Stempel auf: dos Geburtstagskind," die ''.-Hochdeutsche Gemeinde", und die;.maiannisclipbrtugieeiscne:'' Keih" Kunder, daß' 'die Stut^dcr' Itplehrung;1 das' Jüdische Museum, voller' stadtgeschichtlich wichtiger' Erinnerungswerte ist.' Ncb.cn dem K u l.t go r ä t , das zum Teil in Söndergcstaltcn; vorhanden,' typischere Färbungen zeigt, als das Gerät, das' iii Deutschland beheimatet, künden zahlreiche. Porträts von der reichen; Amsterdamer jüdischen. Vergangenheit. R c mb ra hdt s Künstlorauge fesselte Doktor Ephraim Bucno, der auch unter dem Namen Bonus bekannt ist'.' In manche Kunstausstellung gblangto dieses Porträt, und von mancher, kunstwissenschaftlichen Seit«'-aus wurde betont; daß die liebevolle .Auffassung:des Malers von seinem Modell.auf persönliche Freundschaft hindeute.; Dr. Ephraim Bucno war nicht nur ein großer Arzt (1599—1665), sondern auch künstlerisch interessiert, insbesondere für Verlagswesen. 'Oberhauptgab es. ganz hervorragende , Mediziner in den Mauern der holländischen Residenz, und gerade das Historische Museum hat sie im Bilde festgehalten. Wir finden, daß Juden soziale Einrichtungen geschaffen, lernen vornehmlich, den Armen-« arzt Dr. Hortog-, van Hirsch Lemon (^750—1823) kennen, der sich früher Herz van Hirsch-Wiener nannte, oder Dr. Samuel Sarphati (1813—1866), der gerade als Mediziner erkannte, wie wichtig gesundes •Wonnen igt, der. der Bevölkerung gesundes und billiges Brot beschaffte, ■ indem er die „Nationale Hypothekenbank'1 zur'Einrichtung billiger Realkredite jns Leben, rief. An seine Verdienste für die- Stadt Amsterdam gemahnen in unseren Tagen die Straßennamen und die 'Titel bekannter Institute im Stadtbild. Wer heute'den Jonas Daniel. Mcyerplein betritt, den Platz, au,f dem sich die Synagogen beider Gemeiiiden gegenüberstellen,'der wird vorstehen, daß in der Schau jüdischer Köpfe im Museum das Porträt des berühmten .Juristen (1780—1834) nicht fehlen darf. Denn er war ja Präsident des Konsistoriums der Hochdeutschen Israeliten und international' berühmt: durch Auszeichnungen und -Ehrenämter. Kaiser und Könige holten den Rat . dieses Rcchtsgclclirtcn ein, der eine Zierde „Klcin-Jcrusalcms", wie man Amsterdam genannt hat, gewesen ist. Wie bedeutsame Rabbiner die Stadt an der Amstcl hervorgebracht, weiß' jeder, dem' die Geschichte des Landes vertraut geworden. Neben den aBchkcnosischcn Gelehrten R. Mozcb/ Joel und R. Mozcs LöwenBtamrn hängt aber dos Porträt des Bankiers Tobiaj .Bons . des Inhabers des Haagcr Bankhnusc» von europäischer Berühmtheit, ■ das unzählige tüden verbanden mit dem Judentum Hollands, mit den Geistlichen, den Akademikern, den Kaiiflculcn. Trotzdem bleibt die wirtschaftliche Führung in den liündcn jener sephardischen Juden, denen das Berliner Museum in seiner Ausstellung einen besonderen Platz einräumte. Ihnen verdankt Amsterdam den finanziellen Aufschwung, sie waren entscheidend, als es galt, den holländischen Kolonialbesitz in Ost- und Westindien zu erschließen. Wir entnehmen den holländischen Presseberichten, daß der neue Leiter der gesamten städtischen Kunstsammlungen durch geschmackvolle ' Ausstellungen' von sich reden-machte. Die holländischen Juden wünschen ihm, der nun auch ihr Museum betreut, in fruchtbarer Zusammenarbeit mit ihnen weiteren Ausbau dieser kulturellen Sammlung. Jüdifche Kunft in Berlin Neue At^tclfifbg^i im» .löjllisclwn Mjiseum Die wechselnden Ausstellungen im Berliner Jüdischen Mubcuia werden zu einer vorbildlichen Einrichtung im jüdischen Kulturleben. Gerade die neue macht das recht deutlich. Eine unprogrammatische Ausstellung, die Programm ist. Da hängt von Paula N c u f e I d , deren Bild „Die» ist die Lehre!" in dem Wettbewerb jüdischer Künstlerinnen ausgezeichnet worden war, ein „Hofen von ßornholm", eine gediegene, gekonnte Arbeit, ein BewciB dafür, daß es für den jüdischen schaffenden und aufnehmenden KunBtmensolien noch andere Dinge gibt, als nur die Judenfrage, während die „Katja", die vor einem Zelt auf der Violine präludiert; eine Chaluznh sein könnte. Da hängen zwei Aquarelle von Henry (tapp, „Fabrikgebäude" und „Rote Dächer", welche die neue Schönheit der Technik und der Sachlichkeit ohne romantisierendes Staunen als selbstverständliches Milieu festhalten. Da hängt von Melitta Schiffer aus Gera ein stark zeichnerisch empfundenes Itlumenstillcben in kalten Farben, und ein Selbstbildnis, dessen Farbgebung, ob bewußt oder unbewußt, das Schwarz-Grau der Bluse, das Weiß des Musters, das Rot der Knöpfe, das Lack-Schwarz lies Haares vor bläulichem Grund, au die Buntheit jüdischer Volkskunst erinnert. Diese Leihgaben, die einer jüdischen Künstlerin aus dem Reich Gelegenheit geben, sich der Öffentlichkeit vorzustellen, klingen seltsam zusammen mit einer orientalisch-jüdischen Kelubah und einem Iluntsdicrcnsehnitt aus Karpathorußland, der ein Amulett für Wöchnerinnen sein soll. Neben der Kctiibah sieht man Pallcnbcig als Zawadil und nicht weit von dem Amulett den volkstümlichen, dabei so hintergründigen jüdischen Schauspieler als Schönherrs „Snugflaselieumundcrl", zwei Blätter von Charlotte Bcrcnd. der Witwe Lo\is Corinths. Und er wirkt in dieser Nachbarschaft. Von Struck ist ein Blatt „Der Schriftgclchrtc" zu sehen, von dem unser Blick sich unwillkürlich auf den „Jüdischen Knaben" von Regina Mundlak richtet, der ebenfalls ein Buch trägt. Von Ccnc Sehncidcr-Kaincr gibt es eine farbige Lithographie mit einem Amsterdamer Grachtenmotiv zu sehen — Bomholni. Amsterdam-. . . auch das ein Kapitel jüdischer Kunst der Gegenwart, das Schicksal des Wandcrns jüdischer Familien, das den tatsächlichen Hintergrund solcher Reise-Motive oft bildet. Eine Neuerwerbung ist das „Haus am Bodcnscc" von Eugen Spiro', ein reifes, stimmungsvolles Werk, in dem des Künstlers Zug nach dem Süden sich mit der südlichsten der deutschen Landschaften begegnet, ein reizvolles Schwellen zwischen „Umdichtung" und Wirklichkcitstrcuc. Von Max Liebcrmann ist eine kräftige Gartenlandschaft ila und eine Fassung der „Heimkehr des Tobias", eine andere war in einer früheren Ausstellung des Museums zu sehen, im Freien; der alte Tobit, der, wie die sophokleischc Antigene, aus Menschlichkeit das Bestattungsvcrbot der Obrigkeit übertreten hatte, schleppt sich aus der , Hütte, das Hündchen springt ihn an, die Mutter liegt in den Armen des Sohnes, dahinter, blau, wie in mittelalterlicher Tradition, der Engel. Vcrschwimmcnde, abendliche Farben aus Gelb und Grün, die Gestalten in Grau und Braun. Ein, charakteristisches Spätwerk in der Art der Komposition und der'Farbenbindung. Die beiden Bilder sind, wie das helle, freundliche Knabenbildnis Josef O p p e n h e i m e r s , Leihgaben von Snlman Schocken. Von Gemälden Bind noch ein großzügiges, wuchtiges Selbstporträt von Eugen H e r s c h und von Josef Bato ein Porträt des Geigers Tclmany hervorzuheben, in dem das Erlebnis des un'gnriscScn. Landsmanns und seiner Musik stark mitschwingt. Aus-- : dem Biedermeier ein Frauenbild von B. Lipschütz und ein männliches Bildnis eines unbekannten Meisters aus jener Zeit, da die, Juden sich in den geschlossenen Lebc'nBstil ihrer Umgebung charaktervoll einordneten. Erfreulich die Plastik: ein weiblicher Torso von Viola Böhm, eine Schreitende von Wnlthcr Cohn, dessen Bronzekopf von dem Reformrabbiner Dr. Roscnthal gulc Fortschritte des jungen Künstlers bekundet . . . man braucht keine Predigt dieses Mannes gehört zu haben und wird aus diesem an Herder entfernt erinnernden Antlitz edle Klugheit und! jüdische . Humanität-llicrauslcscn.; (Leihgabe aus dem . Jlcsitz von . Frau ' ,\ Geheimrat Minden.) . Dazu fesselnde, ansprechende Kultgcräte, eine italienische Mazzoh, wie Goldarbeit „geflochten", Seder.tcllcr, Scliofarhom, Bcsomimbüchscn und eine vielleicht osteuropäische, vielleicht orientalische Sabbatlampe, deren Adler und Unterteil dem -Kunsthistoriker manche Nuß, zu knacken aufgellen und deren Art in die allgcmehjo Kunstgeschichte einmündet. (Lcihgube von Dr. Sprin- '* "or ''Stbttiü.) '' ' ' ■ ' Or. Lutz Wellmann. "; .'•••'■ . - * Bilder, von Arthur Segal-, " Frau Helene London, die unermüdlich tätige Patronin judiscuer Künstler aller Kategorien, hat ihre Räume in der Jöachimsthalc,r Straße zur Verfügung gestellt, um mit einer vom Damenkomitee der Künstlcihilfc der Jüdischen Gemeinde veranstalteten Aus7 Stellung von Werken A r t Ii u r S cg a Lb. dem jofcct auf der spanischen Mittelmeerinsel Mollorca lebenden' scchzigjährigCii Künstler cino nachträgliche Geburtstagsfeier zu bereiten. 51 Ölgemälde und Holzschnitte, darunter vieles aus Privatbesitz, von Dr. Max Oaborn kunstverständig zusammengebracht, / umfaßt,diese Schau, die einen instruktiven Überblick über Scgals sich ständig wandelnde. Anschauungen vermittelt. Wenn man diese Bilder betrachtet, von dem pointillistischen Stilleben mit Apfelsinen und dem Interieur aus dem Joliro 1907 bis zu den Gemälden aus den letzten Jahren,-die den Künstler ganz von der Schönheit der natürlichen Erschcinungswelt ergriffen zeigen, von den expressionistischen „Booten im Hofen" (1910) bis zu den Wdrken exakter Schlichtheit, den sachlich erfaßten rlcuhaufcn, den in-monotones ■ Grau getauchten Klippen von Bornltolm, den etwas süßlichen - Halbakt eines"': Mädchens, den :Natureindrücken' von Hiddensen, dann istes wie ^mo illustrierte Kunstgesclüclite der ' letzten dreißig Jahre. Aus temperamentvoll verfochteneh Theorieh' und