Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 15 (1935)
- Issue
- 44 (30.10.1935)
- Date
- 1935-10-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Synagoge der Auswanderer Gottesdienfl in Teheran — Gebete nach Wahl — In der perfifchen Synagoge — Der Mögen Dovid leuchtet in den Landesfarben Bericht für die „Jüdische Allgemeine" von GRETE BIAL Teheran; im Oktober. In weiter, weiter Ferne, unter völlig veränderten Bedingungen, aber,darum nicht weniger ergriffen, nicht weniger für jedes Gebet erschlossen, erlebte ich in diesem Jahre den Vcrsöhuungstag. Hin Besuch des Sohnes in Teheran sollte diesem nach Jahren wieder einmal ein Stück Familie, ein wenig Heimat bringen. Wir gehen gemeinsam in die kleine Europäer-Synagoge, die erst seit einem Jahr besteht, und die von deutschen, russischen, polnischen Auswanderern unter großen Opfern und mit vieler Mühe errichtet worden ist. Es ist eine ganz große Tat, diese Errichtung und Erhaltung der Synagoge, denn der Kreis der Beteiligten ist klein, und es sind fast alles Menschen, die schwer um ihre Existenz ringen. Sie gilt als deutsche Synagoge, und selbst Russen und Polen, obgleich sie bei weitem die Mehrzahl sind, sprechen dort in diesem Räume nur deutsch miteinander. Durch diese regelmäßigen Gottesdienste werden die aus aller Herren Landern zusammengekommenen Juden zusammengefaßt, es wird ihnen ein religiöser Halt gegeben, 'und im Laufe der Jahre wird sich gewiß in Teheran eine europäische Kchilloh bilden. Wir kommen wenige Minuten nach Beginn; es ist ein kahler, weiß getünchter Raum, an der Wand ein gelber Schrank, wie ein Küchenbüfett, als Toraschrcin, ein sehr bescheidener -^Vorhang davor, daneben das .Vorbeterpult, wie ein kleiner Stchsclircibtisch. In der Mitte ein Tisch, aut dem Lichter brennen, und um den Männer sitzen. Dort wird dann auch' die Tora vorgelesen. In einer Wandnische acht ganz große Kerzen aus dunklem, braungrünem Wachs. Der Raum ist fast voll, aber immer noch kommen Menschen, so daß schließlich etwa 250 Besucher anwesend sind und man ' Kopf an Kopf steht. Hechts die Männer, links die Frauen. Im Baume sind höchstens 50 Stühle vorhanden, die man beliebig zusammenstellt. Die Frauen sitzen in kleinen Gruppen, wie bei einer Naclimittagsunterhaltting. Sic sprechen auch dauernd. Die aus Deutschland stammenden kennen sich und begrüßen sich. Die anderen Frauen Bind manchmal etwas grotesk gekleidet und haben ■sonderbare Gewohnheiten. Z. B. nährte eine Frau neben mir, mitten beim Kol Nidrc, ihre Kindchen. Es'kommcn auch persische Frauen in ihren langen, schwarzen Schleiern, und schließlich sitzt eine Gruppe von ihnen, etwa zehn Frauen, in einer Ecke auf der Erde. Als Schammcs fungiert ein kleiner Busse mit langem Bart, der erst vor einigen Wochen von Kiew aus zu Fuß hierher 'gekommen ist. Er übt das Amt als Dank dafür aus, daß er von der Gemeinde erholten wird. Einige Herren stehen dicht am Toraschrcin, die Vorsteher. Ich verstehe so gut wie nichts von den Gebeten, die in polnisch-russischem Tonfall vorgetragen werden. Weder das Sch'ma noch das Koduusch werden irgendwie hervorgehoben, es geht alles gleichmäßig vorbei. Wenn eine wichtige Stelle.kommt, klopft der Vorbeter dreimal mit der geballten Faust auf das Vorbeterpult. Das ist auch das ltuhczcich.cn für die zahlreichen Kinder, die dauernd in Bewegung sind. Lcr Vorbctcr war früher der reichste Mann der Gemeinde ' Teheran und hatte damals die Ehre, vorbeten zu dürfen. Er hat unterdes seinen ganzen Besitz verloren, aber dieses Ehrenamt hat man ihm belassen. Er versieht es nicht gerade eindrucksvoll. Am nächsten Morgen, um viertel zehn, sind gerade elf Männer und vier Frauen da. Es kommen nach und naen noch Menschen, ober zum Höhepunkt, zur Scolcnfcicr, zähle ich höchstens 8U - Personen. Ich erkenne die Gebete besser, das erste Oschamnu am Klopfen, später am Nigun, eben» das Owinu Malkcnu,' und vieles andere. . ' Mein deutsches Einlicitsgcbctbuch gefüllt außerordentlich. Ich werde gebeten, Gebetbücher aus Deutschland hierher zu schicken, denn man bekommt hier keine zu kaufen. Nach der Scclcnfcicr und nach dem Aufrufen dreht sich der Vorbeter plötzlich um und fragt: „Und was nunV" Daraufliin erhebt sich eine Debatte, welches ,G c b c t jetzt folgen soll. Immer wieder müssen die Kinder hinausgetrieben werden, manchmal mit erheblichem Schimpfen. . Es werden öfters Pausen eingelegt und in einigen dieser Pausen gehe ich in die persische Synagoge, die dicht nebenan, im selben Garten liegt. Das ist ein stattliches Gotteshaus, mit einer Empore für die Frauen, die, sämtlich in ihre schwarzen Tücher gehüllt, dicht aneinander gedrängt auf der Erde sitzen. Seitlich ist noch eine GalerieV die aber ins Freie geht, ein langer Balkon, auch da sitzen die Frauen dicht gedrängt den ganzen Tag. Keine einzige von ihnen hat ein Gebetbuch. Unten steht mitten im Räume ein einfacher Almemor, und etwa 600 Männer sitzen, ohne jeden Gang, ohne jeden freien Raum dicht gedrängt nebeneinander. Die Heilige Lade ist mit einem gewöhnlichen persischen Vorhang verhängt, der Davidstern darüber leuchtet abends in den Landesfarben, Glühlampen rot, weiß und grün. Auch die Torarollcn, die in riesigen Holzschachtcln ruhen, haben an ihren Mäntclchcn Schleifen in den Landesfarben. Es sind etwa zehn Prozent Soldaten da, sonst sieht man neben den Schülermützen, die wie ungeschickte graue Soldatcnmützen aussehen, sowohl graue Ileiscmützen wie weiche Filzhütc und Tropenhelme. Kein einziger trägt das weiße Käppchen oder den Kittel, ober fast alle haben einen Tallis. Bei „uns" zündet vor Ncila ein kleiner zerlumpter Mohammcdanerjunge frische Kerzen an. Als alles — auch Adonaj hu clauhim — nur so hcruntcrgcnuschclt ist, entsteht eine lebhafte Debatte darüber, ob man mit dem Schofarblasen noch acht oder noch zehn Minuten warten soll. Aber dann wird geblasen, nicht nur ein Stoß, wie bei uns, sondern viele Male und lang und so schön, wie ich es noch nie gehört habe. Die Eingeweiht*^ erklären dos. Der Schofar gehört dem Vorbeter, und es wird behauptet, daß er das ganze Jahr geübt hat. Mit der allgemeinen Begrüßung: „Gut Jahr" trennt man sich. Warum Fifch am Freitagabend? Sitten, Gebräuche und Tradition im jüdifchen Leben Das jüdische. Leben, wie das Leben des Menschen überhaupt, wird begleitet und beeinflußt durch vielerlei Dinge, Empfindungen, Gewohnheiten und Gebräuche, an denen der Mensch hängt, die er nicht gerne missen und die er sich nicht gerne durch sogenannte wissenschaftliche Erklärungen verleiden lassen möchte. Redensarten werden gebraucht, die einem lieb geworden sind. Man hört erstaunt, wie funatischc Atheisten mehr als einmal „Gott sei dank!" sagen, oft — leidcrl — bei sehr nichtigen Anlässen, zuweilen aber — in Stunden der Gefahr •— mit einem unbestreitbar religiösen Aufatmen. Doch von solchen krassen Fällen abgesehen, gibt es auch noch andere Redensarten, die man aus jüdischem Munde recht häufig zu hören bekommt, besonders dann, wenn es sich um von Kindheit her bekannte , und durch Kindhcitserinuerungen verklärte Gebräuche handelt. „Mein Vater selig" hat das so gehalten, „meine Mutter selig" pflegte so zu tun. Man kann bei dieser Redensart keinen theologischen, oder philosophisch-naturwissenschaftlichen Exkurs anbringen, was sich der sonst sehr freigeistig eingestellte Sprecher hei dem Wort „selig" denkt. Ob er jemals darüber nachgedacht hat, daß „selig" immerhin auch etwas nicht nur mit Seligkeit, sondern auch mit Seele — im theologischen Sinne genommen — zu tun hat, daß sich also an dieses Wort eigentlich' ein Unstcrblichkcitsgläube anknüpfen, ja mit diesem Worte „solig" verbinden müßte. Viele Sitten und Gebräuche haben es an sich und in sich, daß sie sich zu sezierenden Erklärungen ganz und gar nicht eignen. Gebräuche sind wie Schmetterlinge mit bunten, schimmernden, aber sehr zarten Flügeln — man darf sie nicht derb 'anfassen und unter das Mikroskop verschiedener Untcrsuchungsmethoden pressen — sie verlieren Schönheit und Glanz und werden zu unscheinbaren, farblosen Inscktcnlcichcn. Es ist notwendig, darüber einmal ein Wort zu sagen; denn das Thema jüdische Gebräuche und Tradition reißt niemals nb, es wird immer wieder von den Anhängern der verschiedenen jüdischen Glnubcnsrichtungcn aufgerollt und von diesen Anhängern und deren Gegnern zum Gegenstand nicht immer gerade erfreulicher Auseinandersetzungen gemacht. Man sagt „toi — toi — toi" und „unberufen" (in Österreich aagt man „unversehrten"), man gibt dem B a r c h e b eine, längliche, und während der Herbstfeiertage vielfach cino rundeForm, man ißt zu Purim am a n t a s ohe n", die underwo „Kreppchen" heißen. Am Vortage des Versöhnungstages gibt, es in Wien ein Gericht, das Zimnicj genannt wird. Icli) nehme an, das Wort ist eine Vcrballhornung von „Zugcmüs"1, woraus mit der Zeit Zigcmis und endlich bei schnellem Reden Zimmcs entstanden ist. Warum ißt man um Freitagabend Fisch? Warum zerbricht man eine Tasse bei der Vcrlobungsfcicr unter den Rufen „Massel tauw", und warum zertritt der Bräutigam vor der Trauung ein Glas? . Dos Ei spielt im Gcbrauchswcsen eine große Rolle: das Bruutpour ißt Eier noch der Trauung. Einem Trauernden sendet mau eine Schüssel mit gekochten Eiern, am Sederabend ist es ' bekanntlich Sitte, vor der Mahlzeit ein gekochtes Ei, zü essen — das steht in jeder Haggada. "* Zuweilen wurden für derartige Sitten und Gebräuche Erklärungen gegeben, manchmal richtige, viel häufiger falsche, wie ju. auch mancherlei als jüdisch, das heißt hebräisch geltende Worte, unrichtig erklärt wurden schon aus dem Grunde, weil es genügend „jüdische" Wörter gibt, die gar nicht aus dem Hebräischen stammen. Schon im Talmud finden sich viele, die lateinische, griccliische und andere Sprnchwurzcln haben. 'Es sei nur an das bekanntere Wort epikauros erinnert für einen Menschen, der zu mehr sinnlichen als geistigen Genüssen geneigt und es mit den Satzungen der Religion nicht Bchr genau nimmt. Der Name stammt von dem griechischen Philosophen Epikuros, dessen Philosophie dabei übrigens ganz mißverstanden wurde. Soweit kulturelle Bräuche in Frage kommen, haben der Liberalismus und noch mehr die Itcform sehr vieles ausgemerzt. Damit ist natürlich auch manche alte Gewohnheit und häusliche- Sitte uufgegeben worden und verloren gegangen. Dafür haben sich — allerdings noch sehr vereinzelt — neue Sitten gebildet, neue Gebräuche wurden eingeführt oder alte in veränderter, sozusagen modernisierter Form wieder zum Aufleben gebracht, ein Vorgeheu, das unbedingt zu bejahen ist. Für Juden ist eine noch so modernisierte Chanukkafeier immer richtiger als ein — Weihnachtsbaum. Eines ist über unter allen Umständen zu beachten: die alten Sitten und Gebräuche hatten alle einen Sinn, wenn er auch oft nicht gekannt und nicht verstanden worden ist. Aus diesem] Grunde hat man sie mit der Zeit fast alle als sinnlos gescholten und über Bord geworfen. Das wur falsch. Gewiß: viele von ihnen, besonders solche mein abergläubischer Natur, verdienten kein anderes Schicksul. Schon aus dem Grunde, weil gar t manche — weil alt — als echt jüdisch angesehen wurden, wus )sic gar nicht waren. Vieles, sehr vieles war sogar - gänzlich unjüdisch und anderen Völkern entnommen, allen Völkern, mit denen die Juden im Laufe der Jahrtausende in mehr oder wemger enge Berührung gekommen sind. An dieser Tatsache ändert nur zum Teil der llmstand, daß die Gebräuche gewissermaßen „verjüdischt" worden sind; aber immerhin: manche haben doch dadurch mit der Zeit ein gewisses jüdisches Gewohnlicitsrechl; erlangt und. darum sollte man ihnen das Gastrecht nicht verwehren. , ' - Wenn heute irgend etwas für die Juden wirklich aktuell ist, ja allein aktuell ist, dann lBt es das Judentum und alles Jüdische. Viele kommen - seit drei Jahren zum Judentum zurück und stehen erstaunt und verwirrt! wie die vier Fragenden in' der Haggada: „Der- Wcibc, der Böse, der Einfältige und der, der gar nicht zu fragen versteht!" Sie alle heischen Antwort auf ihre Fragen: „Was bedeuten diese Sitten und Gebräuche?" — „Was soll euch das?" — „Was ist das?" — Ihnen und auch dem, der gar nicht fragt, weil er noch immer nicht weiß, daß alle diese Dinge ihn doch (Bclir angehen und immer mehr angehen werden, ihnen allen soll eines gesagt werden: Mau 6oll vom Judentum wirklich etwas mehr wissen, als gar so viele,' die sich bisher für Jüdisches so wenig oder gar nicht interessiert haben. Wenn man in einem Verein ist, dann soll man wenigstens die Stututen kennen und das Zcremonial, unter dem sich .dio Sitzungen, sowohl die ernsten und feierlichen, wie. auch die heiteren, abspielen. . . Ernste find heitere Dinge — Sitten, Gebräuche, Traditionen —, echt jüdische und solche, die, wie erwähnt, erst verjüdischt worden sind, sollen künftig in zwangloser Folge in der „Jüdischen Allgemeinen" kurz geschildert und erklärt werden. Es wird unsere Leser fraglos interessieren, >wicso und warum, der „Großvater *elig" und dio „Großmutter selig" dies oder jenes getan haben, und warum man es selber gerne tut, wenn eich gerade eine Gelegenheit dazu bietet. Und man wird vielleicht erstaunt sein zu erfahren, duß weder „unberufen" noch „toi—toi—toi—" jüdisch sind. ... Dr. D. Seh. Nochmals: S. L. Steinheim Ml einem Schlullwort unseres H'K -Mitarbeiters zu der Erwldürung von Dr. Hans Joacmm sclioeps auf die Ausführungen übur Salomon Ludwig Steinheiui in Nr. 4i der „Jüdischen Allgemeinenschnellen wir die Debatte üD«r diese vielumstrittene Persönlichkeit, . Ich bin in der Tat Hans Joachim Schoeps für die Berichtigung meiner Darstellung, dankbar, soweit sie den Bcgrübnisplatz Steinheims betrifft. Es liegt mir daran, von vornherein zu betonen, daß ich in dieser Tatsache allein niemals einen den Wert des Menschen und Philosophen Steinheim herabwürdigenden Umstand erblicke. Wohl'aber wäre darin ein weiteres Kriterium für die praktische Distanz Steinheims vom jüdischen Gcmemdc- und Gemeinschaftsleben zu scncii. Ich sclust Müdunke meine Angabe der Lektüre von Gractz und Dubnow. Bei Gruetz („Geschichte der Juden", Dd. 11> S. 437) lindet sich an der «iuschlügigeii Stelle folgende Bemerkung: „In Stcinhcim hatte sich das Selbstgefühl der Juden ermannt und liatte weiter geweckt,, über mciu zu voller Selbsterkenntnis; durum hielt er sich von dem noch in Kncchtsgestait aultrclcndcii Judcntumc praktisch zurück, und darum konnte er die gunze liefe desselben nicht ergründen. Es war nicht Zufall, duß teiiiCv Hülle in ein christliche! Grab in Zürich gesenkt wurde. Weil er seine Frau nicht zur Höhe der Priester- und Opicrschull durch werktätiges Oben erhoben hatte, war ihr das liCKcunuiis vielleicht noch mehr als gleichgültig, und darum mochte sie seine Hülle nicht den Stammesbrüdern übergeben." In c/jier Anmerkung lücrzu wird der letztere Vorwurf zwar bestritten. Ein Bericht des Rechtsanwalts Werburgs besagt nämlich, duß die Beerdigung. St.'s wunrond einer Erkrankung seiner Frau auf Veranlassung enristiiehcr. Freunde in Zürich orloigt sei. Allein es fragt sich doch, ob diese etwas ungewöhnliche Handlungsweise von St.'s Freunden zu seiner Wesensart bo sehr im Widerspruch steht. Unabhängig davon weist die von mir zitierte Gcigcrsclio Charakteristik auch im übrigen mit der Gracuschcn eine so frappante Ähnlichkeit aut, daß mir die Wahrscheinlichkeit der Graetzschen Gcdunkenlührung und Folgerung wenigstens nicht ohne weiteres und nicht total durch eine Fußnote von der 11 und zu weisen scheint. In Dubnows „Weltgeschichte des jüdischen Volkes" (Bd. IX, Seite 121) findet sich die Bemerkung: „In den letzten Jahren seines Lebens, die er in Italien und in der Schweiz zubrachte, neigte Stcinhcim unscheinend einem religiösen Synkretismus zu. Im[ zweiten Band seines eben genannten Werkes betont er geflissentlich den Unterschied zwischen dei* „christlichen Religion" und der „Religion Christi". Er starb in der Schweiz und w;urdc, du er keiner jüdischen Gemeinde angehörte, auf einem christlichen Friedhof bestuttet." Auch bei Dubnow läßt sich das, gleiche Bemühen feststellen, die sonderbare Wahl des Bcgiübnisories aus dem Charakter, der Gesinnung und insbesondere ueu christiunisicrciidcn Neigungen des Mannes bteinheim selbst festzustellen und keineswegs als bloßen und bedauerlichen Zulull zu erklären. Ol) St. — nach Dubnows Aussage — nun tatsächlich keiner jüdischen Gemeinde angehört hat, ist dabei nicht so entscheidend wie der von allen Biographen (Geiger, Gractz und Dubnow) gleichermaßen bestätigte Umstand, daß St. Zeit seines Lebens nur mit dem akademischen Teil der jüdischen Welt Gemeinschaft gepflogen hat, sich dagegen — wie Geiger meint: uns Gründen seiner aristokratischen Veranlagung — mit dem praktischen Geincindelcbcii niemals gemein gemacht hat. Warum also sollte er zur Zeit seines Todes inkonsequent werden? Es mag schon sein, duß seine Exliumierung bereits sieben Monate nach der Bestattung zum Zweck der Überführung auf einen jüdischen Friedhof erfolgt ist. Damit ist indessen nichts) gegen die Tatsache der nun cüimul unbestreitbar erfolgte« Beerdigung auf dem Kirchhof und nichts für ihre innere Unwuhrschcinlichkcil gesagt. Ob sich die Humburgur Freunde, die St. nach Altona überführten, im Widerspruch zu den Absichten St.'s befunden haben, und zwar in einem größeren, als sie selbst es ahnten, darüber steht ein endgültiges Urteil vielleicht der Nachwelt wirklich nicht zu. Im übrigen vermag ich in Dr.. Schoeps' Protest eine sacl^ liehe Berichtigung meiner Darstellung nicht zu erblicken. Hier steht Behauptung gegen Behauptung, und wenn schon ich es mir versagen muß, das Zeugnis von Jeremia, das Dr. Schoeps für sieh zitiert, für die Verkennuhg meiner Absichten in Anspruch! zu nehmen, giuubc ich doch die überpointisierte Auslegung meiner kritischen Bemerkungen bezweifeln zu müssen. Weder der von Schoeps so häufig gröblich angegriffene . Hermann Cohen noch Abraham Geiger, noch alle diejenigen, die Schoeps einer „optimistischen Überbewertung der Vernunft" verdächtigt, haben die Vernunft etwa mit dem Glauben identifiziert. Insbesondere hui die Deduktion Hermann Cohens, sein Versuch,. die Religion auch (!) aus der Quelle der Vernunft herzuleiten, ihre methodischen Gründe. Cohen hat niemanden darüber in Zweifel gelassen, daß auch noch andere Quellen denkbar sind. Aber er trat allen solchen Einwänden mit der Feststellung entgegen: „Alle Bedenken, die eich hiergegen erheben könnten, müssen vorerst zurücktreten. Es darf kein Anstoß an der Vernunft, als der Quelle der Religion, genommen werden. Es darf nicht gefragt werden, ob sie., die einzige eei, oder ob noch, eine andere Quelle ihr zur Seite gestellt oder ihr übergeordnet werden müsse. Alle diese Fragen dürfen uns nicht beirren: sie würden uns nur von dem methodischen Wcee ablenken ..." Und; weiter: ' ' Ulul ca 8tcl,t a«c» nicht etwa so, daß, wur \\ isBcnschaft-und Philosophie hut„duduroh und darin auch Religion besäße; vielmehr hat auch die Religion ihren Anteil on der Vernunft. . ." Soweit Cohen. Nicht anders aber, eher weit stärker Abraham Geiger. Das, ganze erste Kupitcl-semcs Geschiohtawcrkcs, bcliundclnd das Wesen der Religion", ist nichts underca uls der \ ersuch, die Religion au den Grenzen der Wnunft zu entdecken und sie von dort her zu begreifen. Dort U auch der Satz <zu linden. „. . . welche Geltung kann der An ipruch haben, den, doch eigentlich das Judentum erhebt und nach ihm andere Religionen, der Anspruch auf Offenbarung, wonach diese Wahrheiten an den menschlichen Geist, herangekommen sind, nicht aus ' ihm erzeugt der Anspruch, duß auf eine ungewöhnliche Weise diese Wahrheiten m der Menschheit erschienen seien uund so sich .fortgeerbt haben, ohne von jedem Geschlecht neu erzeugt zu werden.' Und weiter: „Der menschliche Geist wird nicht bei der blinden Kraft steh beruhigen, nicht sich damit befriedigen, daß er endlich, zu irgend einem Punkt gelangend, stille steht; er wird immer ,1c, ordnenden Geiät, der es in solcher AVcise; hingestellt haben muß^ ahnend durchblicken. Diesem Drange kann der Mensch, »einer eigenen Vernunft eich bewußt, Op. -v. Verf.) nimmer widerstehen." . Zu meinen, daß die „Inhalte des jüdischen Glaubens: Gott, Schöpfung und Offenbarung", wie es Schoeps ich weiß nicht .wessen Ansicht zuzumuten scheint, „Wulm und Widersinn" seien, 'scheint mir angesichts, dieser Zeugnisse geradezu absurd. Weder Cohen V noch Geiger haben dieser Kategorien entraten können oder gar Bich einer solchen Blasphemie schuldig gemacht; sie wußten beide um die Grenzen der Vernunft und um den Wert der Offenbarung, genau so wie Steinheim den Wert der Vernunft erkannt' hatte, 1 schon um sie selbst mit ihren eigenen Methoden zu bekämpfen. Auch die Antwort von llippncr, auf die Dr. Schoeps hinweist,' war mir bekannt. Wenn Dr. Schoeps sie für „angemessen" hält, so mag das für die Urteilskraft RippncrB zutreffen, weniger freilich für den Weit der angegriffenen Darlegungen. Im übrigen genügt mir dos Bewußtsein, daß sie von Abraham Geiger stammen, und die Ehre, sie Wer zitiert zu haben. II. K.