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Jüdische allgemeine Zeitung · 1935-10-30 · 44 (30.10.1935) · page 5

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Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
15 (1935)
Issue
44 (30.10.1935)
Date
1935-10-30
Page
– (sequence 5)
Language
German
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DER SCHEKEL Eine Erzählung von JOHAN WESSELINK Ruhens Tage waren vorüber. Sic waren dahingegangen in dem lärmenden Ghetto von Paris. Tanja, seine Krau, war hingesiecht vor Heimweh nach Polen. Kr war klagend zurückgeblieben, ollein mit seinem Sohn Isai, der sein einziger Trost war . Der Host seines armseligen Lehens versank zwischen den .verheulten Kesseln, den Kuptcrgolüßcn und Kannen, in dem Gerumpel seines Trödlcrladcns. Die Nachbarn hatten es bereits bemerkt, und in den Ghettostraßen wurde geflüstert, daß der alte Huben auf dem Weg nach dem ewigen Jerusalem sei. Er saß noch .immer in der dunklen Höhle seines Ladens, aber er gab sich keine Mühe mehr, Käufer hereinzurufen. Seine Hände zitterten, wenn der Besitzer des Hcstaurants ihm die Schale mit der koscheren Suppe reichte. Seine Augen suchten, über den bunten Schaufenstern in der Straße, über den schiefen, baufälligen Giebeln, den schmalen 1 limmclswcg. Die Ältesten aus dem Ghetto, die polnischen Freunde, pflegten Huben an-den Sonnabenden und des Abends zu besuchen, wenn das Geschäft ruhte. Schweigend begleiteten sie ihn so ein Stück auf seinem letzten Wege. Auch der Habbi kam gelegentlich. „Was wird aus deinem Sohn werden, Ruhen?" fragte der Habbi. „Er macht gute Geschäfte, auf den Boulevards", flüsterte Huben. „Er bleibt allein zurück, Huben." „Isai wird seinen Weg schon machen, Rabbi. Kr hat Verstand, und er hat Freude am Leben." „Hat er davon nicht etwas zu viel, Ruhen? Ist er nicht zu viel dort auf den Boulevards mit seinen gerösteten Nüssen? Es wäre cino Beruhigung für dich, Huben, an deinem letzten Tage, wenn Isai heiratete.'1 „Das habe ich ihm auch gesagt, Rabbi." „Und was hat er geantwortet?" „Er dächte nicht daran. Soll ich mir Sorgen auf den Hals laden, Vater? hat er gesagt. Der Rabbi faltete seine Hände und schwieg. Ruhen lächelte. Er dachte an sein einziges Kind, das stark und verständig war. Er sah Isai durch die breiten Straßen von Paris laufen, wo die Sonne war. Er sang hinter seinem Wagen und machte Spüßc mit den Mädchen von Paris. Sic drängten sich um ihn, weil seine Cacahouettes so frisch waren und Isai so hübsch und witzig. — Der Rabbi schloß seinen Mantel. Schweigend nahm er Abschied und verschwand im Schatten der Ghcttostraßcn. „Cucu—huettes—huettes — cacahuettcsl" — das war Isais Lied, wenn er des Abends aus der' Stadt in die dämmernden Straßen des Ghettos kam. Sein Wagen rasselte über das schlechte Pflaster, aber alles übertönte seine sangesfreudige Stimme. Die jüdischen Mädchen in den stillen Stuben hinter den Läden und hoch unter den Dächern sprangen auf und riefen auf der Treppe: j,Isai! Isai!" Sie eilten lachend aus den dunklen Toren auf ihn zu, und er teilte seine letzten Nüsse aus, freigebig zwei volle) Hände in ihre Schürzen. Mirjam, die Polin, mußte ihm Einhalt tun, sonst würde er ihr für einen Sou seinen ganzen Vorrat gegeben haben. Als sein Wagen schon leer war, sang er noch immer sein Lied von den Cacahouettes. Huben hörte ihn kommen, er lächelte und streckte ihm tastend beide Hände entgegen, denn der Laden war dunkel. Isai trug die Kleinodien, wie er ironisch die Waren seines Vaters nannte, ins Inncrc und schloß die Läden. Paris, die Boulevards, das Ghetto und sein Handel waren vergessen. Eine Öllampe verbreitete goldenen Schein. „Mein Sohn", begann Rüben, „es sind meine letzten Tage. Der Habbi war bei mir, auch er meinte, daß du heiraten solltest." „Vater, wen denn?" „Mirjam, mein Junge. Sie ist Polin, wie deine Mutter." „Sic ist schön, Vater, aber arm. Es werden Sorgen, mit ihr." „Sorgen haben wir hier alle." „Ich möchte keine Sorgen haben, Vater; ich heirate lieber nicht." 1 „Tanja, deine Mutter, war auch arm. Sie hat mich glücklich . gemacht." „Wenn sie nicht arm gewesen wäre, Vater, hätte sie es auch' getan." Ja, dachte Ruhen, das hätte sie gewiß getan. Und der alte Mann konnte seinem Sohn nicht unrecht geben. Segnend legte er ihm die Hände auf den Kopf. „Tu, was dir gut erscheint, mein Sohn", flüsterte er mit heiserer Stimme. „Cncahoucttesl" Wieder drang durch den dämmernden Abend Isais frohe Stimme in die Straßen des Ghettos. Doch die Mädchen eilten nicht an seinen Wagen. Mit ernsten Gesichtern standen sie vor den Häusern, und Isais Ruf erstarb in der drohenden Stille. Mirjam trat auf ihn zu. „Geh nach Haus, Isai. Es steht nicht gut mit deinem Vater." Isai ließ seinen Wagen stehen und rannte fort. Mit einem Blick sah er, daß es mit dem Vater zu Ende ging. Der Doktor schüttelte den Kopf,und ging fort. Der Rabbi, in seinem. Mantel fast verborgen, saß wie ein Buddha in einer Ecke des Zimmers. Huben, in einen Lchnstuhl versunken, winkte seinem Sohne'. Schwach klang seine. Stimme; i,Ich sterbe so arm, wie ich gelebt habe, Isai. Keine Schätze hinterlasse ich dir. Erhalte dir deine Lebensfreude, Isai. Und hüte das Gesetz. Nimm diese Dose. Du weißt, darin ist der Schckel Israels, die silberne Münze .aus dem alten Jerusalem, der Talisman von Tanja, von Tanjas Vater, von ihrem Großvater. Bewahre die Münze gilt, Isai, und denke immer an deine. selige Mutter." Der HanUi erhob sich. Ein Lichtschein fiel über HubenB ' Antlitz und ein Lächqln'glitt wfig in den.grauen Bart. Huben war erlöst von seiner Verbannung. Der Rabbi betete still, streichelte Isai die toten' Hände. Und in dem offenen Küstchon lag, dunkelsilbern, der Schekcl Israels.' * Isais fröhlicher Huf schallte. nicht mehr des Abends durch .die Straßen des Ghettos., Schweigend und langsam ging er jetzt nach Haus, nur auf das Gcrüusch'seincs ratternden Wagens kamen die Mädchen heraus und kauften wie .vorher für einen Sou seine Nüsse. Gelächter war nicht mehr um ihn, und Mirjam sali ihn mit ihren großen dunklen Augen ernst fragend an. Isai mußte vor diesen Augen die seinen niederschlagen. Demi es war nicht nur die Trauer um des. Vaters Tod, die ihn eo schweigsam und in sich gekehrt machte. Des Nachts, in der Einsamkeit Beiner armseligen' Kammer, bei , dem Gedanken an Miriam, befiel ihn eine tiefe Zärtlichkeit. Doch hatte sein seliger Vater ihn nicht immer seines Verstandes wegen gelobt? Er wollte seihen Verstand gebrauchen. v Der Großhändler in den Hallen, bei dem er seine Nüsse zu kaufen pflegte, hatte ihm geraten, sich ein kleines Kapital für einen Ladon zu beschaffen. Isai berechnete alle Möglichkeiten, er rechnete die täglichen .Verdienste in wöchentliche um, in monatliche, in jährliche, aber die Endziffer ergab noch immer, keine nennenswerte Summe. Die Berechnungen verwirrten seiho Gedanken. Er 'bcBaß nur den Silberschekel und das alte Gcrümpcl seincB Vaters. Er starrte in die Dunkelheit. Er sali Bich auf einem lierg von Cucahoucilcs stehen, und der Teufel warf ihn grinsend heran. Mirjam wollte ihn aulheitern, doch er flüchtete von ihr fort in einen leuchten Winkel mit Hatten und Schimmel, und der Tculol sah, durch ein Fenster und zeigte ihm eine blinkende Münze, einen Silborschckel. * Isai ging an der Seine entlang und betrachtete die Auslugen der liüchcrverküuicr. Er entdeckte einen Stand, in dem Denkmünzen unil Ijcldstückc lagen; ein alter Händler stand dabei. „was kostet so eine alte Münze?' fragte Isai. „Das kommt diaul an. Diese silberne, spanische, 18. Jahrhundert, 5UU Franken, diese kupterne, russische, auch aus dem lö. Jahrhundert — sehen Sic den prachtvollen Zarcnkopl? — kostet aou." „Haben Sie keine älteren?" „Nein, die sind zu teuer für einen armen Händler." „ich habe einen silbernen Schckel Israels, stammt aus dem ultcn Jerusalem, aus der Römerzeit. 2001) Jahre." „iBt das sicher?"' „Absolut sicher. Mit dem blühenden Stab Aarons, mit der heiligen Schale. Was ist der wohl wert? ' „Ein Silberschekel, 2000 Jahre, das ist ein KapitalI Dub sind bestimmt zehn Tausender." Der Händler sali Isai respektvoll an. „Würden Sic die dafür geben?" „Ich nicht. Ich habe kein Geld für solche Käufe. Aber in der Rue Richelieu, da gibt es reiche Antiquitätenhändler, dort müssen Sic hingehen. 20UÜ Jahre! Ein Kapital, mein Herr!" isai erschrak bei dem Gedanken, daß er üücr Tanjas Talisman gesprochen hatte, als ob es eine Handelsware wäre. Er fühlte, uub er gesündigt hatte, und mit gesenktem Kopf ging er über die Drücke nach Hause. Doch die Worte des Händlers an der Seine summten ihm durch den Kopf. Ein Kapital, ein Kapital, der Schekcl war ein Kapital! Isai schob sicli dicht an den Häusern , entlang. Die Straßcnbaluicn und Autos schrien: ein KapituI, ein Kapital! Ober Ihm aus den Fenstern wurde gerufen: ein Kapital, ein Kapital! Ganz Paris rief es und alles bewegte sich nach dem Rhythmus: ein Kapital, ein Kapital! überall, lnmicrwährend kreiste ihm der Gedanke durch den Kopf: Wenn ich den Schckel verkuufe, habe ich 10 000 Franken, habe ich ein Geschäft, kann Mirjam heiraten. in seinem Zimmer schloß er sich ein, machte Türen und Fenster zu, daß nichts von außen seine Überlegungen stören konnte. Er öffnete das Kästchen, doch plötzlich standen sein Vater und seine Mutter vor ihm. Tanja weinte und Rüben hob ängstlich beide Hände empor. Isai schüttelte die Vision von eich ab. Torheit, diese Empfindlichkeiten. Aberglaube, Beschränktheit war es, einem — Talisman Wert beizumessen. Er war ein Mann der Zeit, er wollte aus dem Ghetto heraus, dort mußte er sein, wo Geld war. Er nahm die Silbermünzc und putzte sie mit dem Ärmel. Das blinkende Relief der Schale, aus der das Räucherwerk schwelte, die hebräischen Zeichen: Scheitel Israels, und au der andern Seite der blühende Zweig und rund herum, silbern glänzend, Jcruschalajim, das heilige Jerusalem, diese Münze taszinierte ihn. Dieses kleine Stück Silber sollte ihm eine neue Zukunft eröffnen. Aus dem Verbannten würde ein Parisei' werden, aus dem Hausierer mit Cacahouettes ein Händler in Südfrüchten. Er wurde in der Synagoge vorn in den ersten Reihen"; sitzen. Und er würde den Juden von Belleville Wohltätigkeit erweisen. Dies letzte bedachte er, um sein Gewissen zu beruhigen, das . in seiner Seele zu flüstern begann. War es Huben, sein Vater, der Worte aus dem Talmud murmelte? War es seine Mutter, die mit leiser Stimme mahnte? War es Mirjam, die von Pietät gegen die Toten sprach? Mirjam? Tat er es nicht auch um ihretwillen? Ihre großen, dunklen Augen drangen ihm vorwurfsvoll in die Seele. Erschüttert legte er die Münze in die Dose zurück. Doch am nächsten Tage war es wieder dasselbe Wort, das er von allen Seiten hörte: ein Kapital! Die Passanten sangen es, die Käufer flüsterten es ihm in die Ohren, summend tönte es aus. den Autos, es kreischte aus den Straßenbahnen. Das Wort bedrängte ilm unaufhörlich. Dort in seinem Zimmer lagen 10 000 Franken, und er stand liier und rief: „Cacuhoucttesl" Riet er es denu noch? Rief er nicht auch schon: „Ein Kapital! Ein Kapital!" Früher als gewöhnlich ging er mit seinem Wagen. nach Haus. Mirjam trat zu ihm: „Du bist doch nicht krank, daß du schon so früh und mit deinem halben Vorrat . . ." „Nein, ich bin nicht krunkl" fuhr er sie an. Die Mädchen zuckten dio Achseln, und Mirjam sah ihm erschreckt in das blasse Gesicht. Sic hörten, wie die Tür seines Zimmers mit einem schweren Schlag zugeworfen wurde. Die Mädchen sahen einander fragend an, und Mirjam ging schweigend ins Haus. Isai sank in Rubens alten Stuhl, sein Kopf fiel auf den Tisch, seine Fäuste ballten sich. Ein Kapital habe ich, ein Kapital habe ichl Plötzlich sprang er auf: Wer. rief da? Wer rief da: Isai? Da war wieder dio Vision, doch starker; Rubea drohte, Tanja, seine Mutter, sali ihn erschreckt an. So hatte ihn Mirjam vorhin auch angesehen. Dieser Wahnsinn mußte aufhören. Vater und Mutter waren tot, und was er hörte und sah, war nur seine Einbildung. Er schlug sich mit der Faust gegen die Stirn. Ich werde den Schckel verkaufen, morgen. Du Bah. er, bleich wie Schatten, Vater und Muttor, Hand in Hand, flüchten ... * Im Geschäft des großen Antiquars in der Riie Richelieu wurde der Schckel unter eine Xupc genommen. Gespannt sali Isai zu. Auf dem Gesicht des Kaufmanns lag völlige Gleichgültigkeit;, als er Isai dio Münze zurückgab. „Icji danke Ihnen, mein Herr. Ich habe kein Interesse an dieser Münze." „Mein Herr, sie soll zehntausend —", brachte Isai stammelnd' hervor. „Versuchen- Sio es bei. jemand anders." Höflich begleitete ihn dor Kaufmann zur Tür. Er ging zu einem andern Antiquar in der Gegend, Der besah den Schckel ohne Lupe' im Tageslicht vor dem Fenster. „Einhundert Franken, mein Herr.", „Hundert '— hundert — zehntausend ist sie wertl" Wie ein VcrzweiflurigsschVei kam es heraus. i Dor Händlerlachte spöttisch," öffnete die Tür, und bevor Isai sich Rechenschaft von seinem Unglück geben konnte, stand er in der stillen Straße. Nim fiel, grau und beklemmend, die Enttäuschung in seine Seelo. Das Haus seiner Zukunft stürzte über ihm zusammen und; er kroch unter -den Trümmern hervor wie-eine arme' Hatte.. Er ballte die Fäuste. Grinsten Teufel ihn an und kreischten sie spöttisch: „Ein KapitalI Ein KapitalI"? Dort, aus dem riesigen Gebäude, schrien sie ihm zu, und aus allen Fenstern Bleckten sie dio Köpfe. Der eine glich dem Händler an der Seine, d,er andere dem Antiquar mit der Lupe und wieder ein anderer dem mil den hundert Franken. Isai stieß einen Fluch aus und rannto an dem großen Haus vorbei, das in seiner düsteren Starrheit wie ein' Gefängnis die Straße beherrschte. , Plötzlich blieb er stehen. Dort an der Vorderseite stand mit goldenen Lettern: „Musdc de la Monnaic." Ein Hoffnungsschimmer fiel beim Lesen dieser Worte in seine Seele. Dort mußte man wissen, ob der Schckel 10 001) Franken wert war. Zögernd öffnete er die Tür, in ängstlicher Spannung schritt er durch die Säle mit den Vitrinen voll goldene- Münzen. Denn hier würde über seine Befreiung aus der armen Judcnstrußc von Belleville entschieden worden. Ein freundlicher Herr besah den Schekcl, den Isai ihm zitternd, bluß vor Erregung, überreichte. Er holte ein großes Buch aus dem Schrank und zeigte Isai die Abbildung eciues Schutzes. „Sehen Sie, hier ist ßic abgebildet. Aber es ist nicht die echte. Diese Münze ist im eiebzelinten Jahrhundert nachgemacht worden, sie hat wenig Wert. Hier daneben ist die echte. Ju, wenn Sic die hätten, dann wären Sie reich." Isai biß sich auf die Lippen und lehnte sich gegen die Wand. „Sic hatten sich viel von diesem Besitz verspix>cli)cn?" fragte der Herr interessiert. „Allci", nickte Isai. Mit gesenktem Kopf ging er durch die Säle zurück, klein und armselig zwischen den goldenen Kaisern von Rom und den stolzen Königen des Ostens, die an beiden Seiten von ihm in den Schränken schimmerten. Zusammengesunken saß er in seiner Kammer. Er hatte vergessen, die Tür zu schließen und die Lainpc anzuzünden. Im Dunkeln klügle er. Er würde wcilerrufen: „Cacahouettes — cocuhouctlcsl" auf den Boulevards. Aus dor Heirat mil Mirjam würde nichts werden. Ja, auch noch die Sorgen für Mirjam, für Kinder. Aber war der Verlust eines Ladens, eines stofflichen Besitzes, eigentlich das Schlimmste? Er fühlte plötzlich, daß er mehr verloren hatte. Er hatte den Segen von Ruhen und Tanja verloren. Krampfhaft drückte er den Schekcl Israels in seiner Hand. Der Talisman von seinen Eltern und Großeltern, er hatte ihn entweiht. Er hatte die schöne Illusion zerstört, die Tanja gehabt hatte, und Huben, die Illusion, daß sie etwas aus dem heiligen Jerusalem besaßen und ihrem Sohn lunterließcn. Und hatte er durch seine Tat nicht auch Mirjam" verloren? Mirjam wur so gut und cdeldenkend. Er mußte sich vor ihrem Antlitz verkriechen wie ein verächtlicher Mensch, der ausgestoßen wur. Isai weinte und bat seine Eltern und Mirjam um Gnade. Auf seinen Kopf legten sich sanfte Hände, er fühlte eine Welle von Zärtlichkeit um sich, „Ich bin ein schlechter Mensch, Mirjam." „Und du weinst darüber, Isai? Dunn ist dir jode Schlechtigkeit vergeben." „Durch meinen Vater?" „Ja." „Durch Tanja, meine Mutter?" „Ja." „Durch — dich?" „Ja, Isai. Laß mich nun die Lampe anzünden." Berechtigte Übersetzung aus dem Holländischen von Willi Bloch er Talmudifche Weisheit im Traume Zwei Schüler saßen vor Hawa. Der eine sprach: Man las mir im Traume das Schriftwort vor: „Wieviel ist dein Gut / das du aufgespart htutt / den Dein Fürchtigen . . ." (Ps. 31,20.) Der andere sprach: Mir las mau im Traume dus Schriftwort vor: „Aber freuen werden sich alle, / die sich an dir bergen, / in Weltzcit werden sio jubeln / jauchzen werden / die deinen Namen lieben" (Ps. 5,12). Da Bprach er zu ihnen: Beide seid ihr vollendet fromme stcr, der eine aus Liebe, der andere aus Furcht. Meister Feßkonzert des Singerfchen Chores Manchem Hörer dieses Abends wird beim Anhören der beiden Bach-Kantaten der Wunsch aufgestiegen sein, Bolchen Werken doch öfter in unseren Konzerten zu begegnen. In der Tat bietet Bachs Kantatcnschaffcn eine reiche Auswahl alttestamentarischcr Stücke, und man darf gerade vom Standpunkt eines religiös bewußten Judentums aus fordern, daß wir uns an dieser ganz großen religiösen Kunst immer wieder ausrichten, daß sie uns Maßstab, aber uueh Grcnzbewußtsciu gebe. Kurt Singer, emst dem Kreis um Siegfried Ochs nahestehend, bringt für Bach den Enthusiasmus mit, dazu ein gutes Stück wertvoller Tradition; er besitzt vor allem das Empfinden für die Weihe dieser Musik und weiß es zu verwirklichen. Im Einleitungschor von „Du Hirtc Israels" wurde der chorischio Eindruck durch die allzu breite Anlage und durch dio ungleichmäßige Beziehung der Scchzchntcl aul die Trioion etwa», beeinträchtigt; um so stärker kamen dann die Chöre der zweiten Kantate zur Geltung. Die Mitwirkung des modernen Flügels bei Bach muß freilich, auch wenn er von Gertrud Marcus meisterlich betreut wird, stets wieder konsequenter Ablehnung begegnen; in Ermangelung eines Cembalos hätte man die Orgel benutzen können Das Bohr schöne Programm brachte dann eine namentlich im Schlußteil außerordentlich klangschöne Aufführung des Brahmsschen „Schicksalsliedes", zu der auch das Kulturbundorchcstcr nicht wenig beitrug. Den Schluß bildete Mendelssohns „Walpurgisnacht", - im Lyrischen bisweilen etwas blaß, um so reicher in den mehr illustrativen Teilen. Wie Singer hior alle Reize der prächtigen Partitur lebendig zu machen, wie er seine Schar durch allo Blocksberg-Klippen sicher hindurchzustcuern wußte, das hinterließ den Eindruck 'einer starken Leistung und rief den begeisterten Beifall des überfüllten Saales hervor. Unter den Solisten zeigte der Tenor Nahm mehr Eignung für den kantoblen Mcndelssohnstil als für Bach. Paula Lindls c r g bewies' erneut ihre . Meisterschaft als Oratoriensttngcrui, und Julius Pe i s s a ch o w i t s c Ii bot stimmlich und vortroglich eine in jeder Hinsicht erfreuliche -Leistung. II. Freyhon. Channa Martha Wertheimers Schauspiel im .Kulturbund Rhein-Ruhr Köln. Dieses Schauspiel von Martha Werdicimer, das bei seiner Frankfurter Uraufführung bereits besprochen wurde, gelangte jetzt im Kulturbund Rhein-Ruhr in einer viel gestroffteren Neufassung, wozu die Regie durch Kürzungen noch das Ihre ^tat, zur Aüffulirung. „Channa" ist ein Stück, um das es eichslöhnt. Dem Schauspier hegt stofflich dio schöne aiamia-Lcg<!hd6 aus dem Buch Samuel zu Grunde, aber nur als stoffliche ühd.zeiN' geschichtliche Basis. Alles andere hat dio dichterische Phlintasio -von Martha Wertheimer um diese -Gestalt hinzu gedichtet; In einem Hahmen prächtiger Bühnonbilder von Egon Marcus und in herrlichen Kostümen von Malla Hamburger, beides zum ersten Male" aus eigener Werkstatt des Kulturbundes Rhein-Ruhr, wurde das Schauspiel außerordentlich, wirksam iur Geltung

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