Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 15 (1935)
- Issue
- 44 (30.10.1935)
- Date
- 1935-10-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage ä 30. Oktober 1935 JUDISCHE AUGENEIME ICITUNC •f.« ■7 Im Laboratorium ifche Menfehenkunde für Befuch bei Heinrich Kuhn — Ein Untertertianer will Koch werden — Gefalzenes Öl ifi \j' Gefchmacksfache — Was fängt man mit finnlofen Silben an? — Wer hat den Erfolg? Vor die Berufswahl und die berufliche Umschichtung hat die Zcit_dcn Psychoteclihiker gesetzt. Hinter diesem .seltsamen Nomen verbirgt sich eine Art geistiger Botaniker, der Vorgänge der rdcnscfilichcn Seele bestimmt und sammcll und Idaraus ein psychisches Svstcm konstruiort. Ein Marui, der durch solche Erkenntnisse bei dem kühnen Sprung in einen Beruf cincoincndlich Wortvollo Hilfsstclluiig leisten , .kann. Psychotcchnischc Eignungsprüfuni heißt eine derartige Untersuchung, wobei es'sich, mehr um cino Technik der Psychologie als um eine Psychologie der Technik' handelt. Nach der Statistik haben sich diese Prüfungen zu 98 Prozent bewährt, Prüfungon, die. sich nicht au,f Herz und Niorcn, sondern aüf SinncBwahtrichttiungcn',' auf i körperliche- Äußerungen psychischer „Aclitungl Jetzt wird Strom gegeben!" Zustünde criticckcn, auf Anlage und Begabung, auf die es bei jeder Berufswahl in erster Linie ankommt. Wenn man Dr. Heinrich K a Ii ii s Psychotcchnischcs Laboratorium x betritt, wird etwa der Eindruck eines Physiksaals aus der Schulzeit wach. Da steht eine Tafel, mit Kreidekreisen und Krcidcstrichcn bemalt. Das wimmelt von Fläschchcn mit bunter Flüssigkeit, von Reagenzgläsern und Trichtern. Auf dem Schreibtisch ist ein Mikroskop aufgebaut. Neben einer Wage in _einer dunklen Ecke liegen ein paar Hanteln am Boden, die einen kräftigen Mann schwach machen können. Ein Schrank birgt geheimnisvolle Apparate. Was hat die „Seele" und die Tätigkeit cuics mechanischen Apparats mit Rädern und Scheiben und Griffen miteinander zu tun? Aber Dr. Kuhn braucht für seine Experimente nicht immer komplizierte technische Wunderwerke, oft genügt ein BlMt._Papicr oder eine Tabelle mit^.sinnloscn. Silben^oder ,:cin ^Likörgläsohcn, das 'niut Wa^er arigefüllCist. ' ,r; '~r In diesem Laboratorium herrscht der (wohlverstanden: beabsichtigte und planvolle) Bluff. Vieles ist auf Illusion berechnet. Es ist bekannt V so konnte man kürzlich in einem Berliner Blatt lesen —, daß Michelangelo die Figur seines David aus einem Marmorblock gehauen .hat, der auf dem Transport derartig gelitten' hatte, daß die Bauarbeiter ilin als unbrauchbar weggeworfen hatten- Aber Michelangelo wußte sich den Maßen des Blocks so anzupassen, daß er aus ihm seih unvergängliches Werk schuf. Die Statue war schon vollendet, als sie einem einflußreichen Mann namens Soldcrini zu Gesicht kam. Er lobte sio init Bedacht, fand aber, daß die Nase zu groß sei. Michelangelo führte ihn kurz entschlossen so dicht an das Arbeitsgerüst heran, daß er ihren Kopf nicht mehr sehen konnte, stieg mit «inigen- Hämmern .hinauf, schlug oben-einen Stein, den er zu diesem Zwick mitgenommen hatte, und ließ die Brocken'vor der Nase Sodcrinis zur Erdo fallen. Dann forderte er den Mailänder auf, zurückzutreten und sich die Figur wieder anzusehen. Und Sondvrini fand, daß Gcdachtnisprüfung'mit sinnlosen Silben1' ihr Kopf jetzt wohlproportioniert se^ und einen lebendigen Ausdruck gewonnen/habe* :- < Auf ähnliehe Weise . arbeitet auch der Psychotccluiikor. Da . sitzt ein Junge von Dr. Kuhn: Drcizeliiieinlialb Jahre alt, Untertertianer eines Berliner Gymnasiums. Die lateinischen Brocken munden ihm nicht mehr. Er will Koch werden, oder Konditor. Worauf kommt'es dabei vor allem an? Auf den Geschmackssinn und den Geruchssinn. Dr. Kuhns Assistentin serviert ihm drei Likörgläschen, die alle mit einem weißlichen Getränk gefüllt sind. „Bitte probieren Sio und sagen Sie, wonach es schmeckt." Der künftige Koch läßt fachmännisch den Trank langsam über die Zunge nach hinten laufen, genießerisch, als ob er einen Palästinawein vor sich habe, überlegt cino Weile und meint otwus zögernd: „Wie nach' Wasser". So probiert er sich durch bitter, süß und salzig, ehe die Attacke auf den Geruchssinn beginnt. Die Gorüchc, Parfüm, Spiritus usw. werden, auf kleinen Glusplättchcn dargereicht. Eine Flüssigkeit bekommt er, um sie zwischen Daumen und Zeigefinger zu zerreiben. „Welches Gefühl haben Sie dabei}" „Wie wenn man Seife zerreibt, ganz glatt." „Und was ist es?" Großes Rätselraten. \ „Nun", hilft Dr. Kuhn ein wenig nach, „stellen Sic sich vor, man hat vergessen, die Flasche zu etikettieren. iWas machen Sic dann alb Koch, wenn Sic der Geruch nicht zum Ziel' führt i"' Der Prüfling möchte sicherlich im Augenblick lieber ein Extemporale schreiben, um der Antwort überhoben zu werden. Er weiß es nicht, und es dauert fast so lange bis ein Ei kocht, che ihm einfällt, daß man . . . gesalzenes Ol auch — schmecken kann. Nach einigen weiteren, auf anderen Gebieten liegenden Versuchen wird der Junge auf den nächston Tag bestellt. „Noch nicht berufsreif" lautet daB vorläufige Urteil des Psychotcchi nikers. „Für eine exakte Anlagen- und Bcgabtcnprüfnng", erzählt Dr. Kuhn, „sind vier Sitzungen von je einer Stunde erforderlich. Die Anlagon vor dem. Entschluß der Berufswahl und der BorufsuniBchichtung richtig einzuschätzen, ist eine wesentliche Vorbedingung für den Erfolg. Die drei Grundfragen bei jeder Prüfung — ich habe darauf auch in meiner Broschüre „Zur Bcrufsumschichtung der Juden" hingewiesen — sind die: Wie nimmt der Prüfling die objektive Außenwelt auf? Wie verarbeitet *qsTFT"i rr m'^i U - ^m"'"«X™"* ^,VV 4ww »s 5s» auch nicht. Mit undurchdringlicher Micno dotiert dor Psycliotechiiiker daB Ergebnis dieser Ablenkungsmanöver, um sio für dio GesamtnnalyBC des Prüflings zu vorwerten. Heinrich Kuhn erbot sich liebenswürdigerweise, auch an mir eine psychotcchnischc Eignungsprüfung vorzunehmen. Ich habe dos dankend abgelehnt. Vielleicht hätte sie das Ergebnis gehabt: „Zum Journnlistcn ungeeignet". Und das läßt man Bich nach einer' fast zwanzigjährigen Tätigkeit in diesem Beruf schließlich nicht gern attestieren. Eugen Tannenbaum*1 Der Dienft im Haushalt Die Würde des Hausgenossen im jüdischen Schrifttum Zu den Worten der Schrift: „Wenn du kaufst einen Sklaven, einen Hebräer, so soll er scclis Jahre dienen und im siebenten soll er unentgeltlich frei ausgehen" (Exod. 21,2) bemerkt der älteste Kommentar, die Mcclüith: Damit du nicht glaubst, duß du ihn in verächtlicher Weise einen Sklaven nennen darfst, bezeichnet die Tora ilm als einen Sklaven gegen ihren Willen. Um ihm seine Würdo zu wahren, nennt sie ihn doch zugleich einen Hebräer. Aus dem Gefühl echter Humanität weist die Mcchilta auf die Parallclstcllc im fünften Buch Mose (15,12) „wenn sich dir verkauft dein Bruder, der Hebräer" mit der Frage hin: „brauchte es ,dcr Hcbiüer' zu heißen, da es doch bereits ,dein Bruder' heißt"?l — Dio Fcrnhaltung jeglicher entehrender Arbeit muß somit zum Ziel der Gesetzgebung wordon. Völlig Bituigcmüß verweist daher der Kommentar bei der Diskussion die Beschaffenheit der sechs Dienstjahro auf Lcviticus (25,40): „Wie ein Lühncr, wie ein Beisaß soll er bei dir sein", und fügt liinzu: „damit du nicht meinest, jeder Dienst, verächtlicher wie nicht verächtlicher, sei gestattet". An einer Reihe von Beispielen zeigt die Mccliilta Dienstleistungen, die ein tatsächliches Sklavcnvcrhäitnis ausdrücken. „Nicht soll er ihm seine Füße waschen, nicht darf er ihm Geräte nach dem Badchausc tragen und nicht darf er ilui tragen in einem Sessel und nicht auf einem Stuhl und nicht in einer Sänfte." Trotz der loichten Arbeit sollto die Bedrückung der Seele des KncchtC3 durch erniedrigende Tätigkeit vcrliindcrt werden. „Achte seine Seele, damit sie sich sclbor achte." Jede unterschiedliche Behandlung des Ncbcnmcnschcn in der Hausgemeinschaft solle vermieden werden. Von großem Feingefühl zeugt daher die Erklärung unseres Kommentars zur Begründung der Weigerung, nach dem Ablauf der sechs Jahre in die Freiheit zu ziehen, da es ihm wohl bei dir geht (Levit. 25,40): „Weil sein Herr für ihn Bein Essen und sein Trinken und sein Anlehnen bei Tisch nicht anders gestalten darf als daB scinige." In offensichtlicher Anlcluiung an die Mccliilta und Sifra, dem Kommentar zu Lcviticus, heißt es zur gleichen Stelle im Talmud (Kid. 20 a): „Mit dir beim Essen und mit dir beim Trinken. Du darfst nicht feines Brot und er grobes Brot essen, du darfst nicht alten Wein und er jungen Wein trinken, du darfst nicht auf Polstern schlafen und er auf Stroh". Die Wahrung der Menschenwürde bekräftigen die folgenden' Worte: „Wenn jemand einen hebräischen Sklaven kauft, sei es ebenso, als würde er sich einen Herrn über sich kaufen." Wie könnte gerade in diesem Verhältnis von Herr und Knecht die Gleichheit aller McnBchcn bcBscr zum Ausdruck gebracht worden. Die Ebcnbildlichkcit Gottes im Menschengeschlecht bleibt die Grundlage sozialer Gerechtigkeit. Nicht Mcnscncnfurcht, sondern Gottesfurcht soll seine Seele erfüllen. Von hier aus erscheinen uns die Worte des vierten Buches Mose erst ihren vollen Sinn zu empfangen; ja, sie bringen in, das Verhältnis von Herr und Knecht, in beschämendem Gegensatz zur Antike, die Bürgschaft humaner Gesinnung: „Wenn dein Bruder neben dir verarmt und sich dir verkauft, so lege ihm keinen Sklavendicnst auf, wie ein Löhncr, wie ein Beisoß sei or bei dir, denn meine Knechte sind sie, die ich aus dem Lande Mizrajim geführt habe." Hcl. ga. Der Psychotcchnikcr mißtdos Lungenvolumen Auln. SomrSnfeld (3) er diese Außcnweltrcize in seiner geistigen Innenwelt? Und wie gestaltet er aus diesen inneren Vorgängen wieder die Außenweltwirkungen? Ein Prüfling hat z. B. dio Aufgabe, aus Droht einen Haken in Form, Grüße und Drahtstärke genau nach Vorlage zu biegen. Vor ihm liegen Drahtrollen' verschiedener Stärken, Zangen verschiedener Formen und andere Wcrkzougo. Es gilt nun zu beobachten, wie «r diese Arboitssituatiou auifaßt. Beobachtet or die Gegenstände einzeln der Reihe nach oder wahllos^ alle oder nur einzelne? Nimmt ©i' sie in die Hand?: Ist er impulsiv oder abwägend? Ferner: geht C£ sofort an die Arbeit oder denkt er erat nach? Wühlt er dio Stärke dos Drahtes durch vergleichendes Anlegen an das Mdstor odor durch Messen mit der Schublehre? Wie faßt er die Werkzeuge an, fest oder leicht, geschickt odor.ungeschickt, beherzt odor zaghaft? Macht er zweckmäßige oder unzweckmäßige Bewegungen? Aus derartigen Versuchen entsteht dann ein Anlagen- und, Bcgabtcubild, das, der Verhaltungswoisc im praktischen' iLcbcn-. wcitgehortd entsprechen 'wird. ' Wenn Sie. diese.-Listo hier anscheu",: fäTirt Dr. Kuhn fort, ' i,wcrdon Sie bemerken, wie vielgestaltig derartige Untersuchungen sind. , Sio erstrecken sich, um 'nur ein paor wenige herauszugreifen, auf die Sinncs^ahrachmungon, auf Gedächtnis," Krafteinsatz, Arbeitstempo, auf Auffassung, Interesse, Phantasie, auf - die Fäliigkeitjrmchrfache .Tätigkeiten zu. gleicher Zeit auszuüben. Handelt es sich ' um einen Vorstelhings-1 oder einen, ErlebnistypV /Natürlich spielt auch die körperliche Anlage eine große Rolle. Ich habe aus zahllosen Experimenten die Erkenntnis gewoimen, daß Berufsneigung der Ausdruck innerer Qrganlust. ist. Die Organkömploxc tendieren danach, sich in der odor jener Form beruflich ■ zu betätigen. Das zu wissen ist deshalb wichtig, weil die Eignung den Vorsprung im Beruf gibt. Der Geeignete und weniger Fleißige wird immer dem ' Fleißigen, aber. Ungeeigneten den Erfolg voraushaben." Inzwischen wird ein neues Versuchsobjekt gemeldet. Ein Mann in mittleren Jahren,, der sieh.einem technischen Beruf zuwenden will. Er steht am zweiten Tag seiner mündlichen .Prüfung. Eine Tabelle wird vor ilm hingestellt, die lauter sinnlose'Silben enthält. Er hat die schwierige Aufgabe, aib uuswendig zu lernen. In dieser Leistung wird or unversehens durch eine abseitige Frage des Experimentators unterbrochen, um dann, nach dieser Ablenkung, wie ein Schiiljunge nach t}cr Reihenfolge dor sinnlosen Silben abgefragt, zu werden. . _ ,, ' '. Um Bin auf seine 'Smjgcstibilitüt hin zu prüfen, auf die Art der geistigen Leistung bei körperlicher: Beeinflussung, gibt man ihm dio, Kathode und Anodo eines : Elcktrisibrapparatca in beide 'Hände. Vor sieh hat or als Lektüre, einen Text, der nach hundert Silben eingeteilt ist. Nach einer gewissen -Anzahlvon Silben wird das LcBßtcmpo gemessen.' Zwischendurch ortüut der Alnrmruf: „Jetzt wird Strom gegeben." Manchmal stimmt das, . manchmal Uic fiftbol im 6ü6c Die Sidra Nauach (1. Buch Mos. 6,9 bis 11,32) erzählt die Geschichte der Sintflut und des Turmbaus zu Babel. Die Hattara (Jesaja 54,1—55,5) behandelt den neuen Bund. :.;::-"vl^^^'j-a^ri^^M^^'^— iüi~ jj„-i.>j-<v—' ^tju.-yi~" r.-£^jiA Die Arche Noahs . (Aus Wr Haggada von Sarajewo), y .