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Jüdische allgemeine Zeitung · 1935-10-23 · 43 (23.10.1935) · page 5

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Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
15 (1935)
Issue
43 (23.10.1935)
Date
1935-10-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
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im Von Rabbiner Dr. LAZARUS-Wicsbaden Zusammenfassend, ohne auf Einzelnes einzugehen, soll liier nochmals unsre Stellung zum jüdischen Gesetz dargetan, die Frage erörtert werden, wie. in aHcm Wandcl dcr Anschauungen zwar das ' Grundsätzliche des religiös-liberalen; Judentums geblieben, aber unsre,.Einstellung zur Form, zum Gesetz, doch eine-andere geworden ist. .; ■ In einem ausgezeichneten. Aufsatz, den vor einigen Jahren Felix Wcltsch über die Kriaia', der Religion im Judentum geschrieben hat, laßt er die Gesamtheit des religiösen Lebens ans drei Quellen, hervorgehen, aus dem Erlebnis, dem Glauben und .der Form. Unter Erlobnis versteht Wcltsch „dio unmittelbare religiöse Erfahrung, das. Erlebnis, Gottes, genauer: das unmittelbaro, überzeugende und überwältigende /Erlebnis von Gottes Gegenwart". Diesem Erlebnis Gottes „steht die zweite Quelle des Religiösen, der Glaube, gegenüber, dessen Problem 'Wcltsch 'als eine Vcr- ..trtiuens-Entschcidung kennzeichnet: - Soll ich dem ganzen Universum, gegenüber .Vertrauet haben oder nicht? Die ablieben '■.Mittel,, solche Vertrauensfragen zu beantworten, Erfahrung, Wisscn- , Schaft, Argumente, Wahrscheinlichkeit, versagen. Was der kleinen Teil-Erfahrung zum Vertrauensurteil über das Unendliche ganz fehlt, ersetzt er durch freie Vertraucns-Entscheidung. „Der Glaube ist also die .Entscheidung,, dem Universum Vertrauen zu geben, auch ohne hinlängliche Argumente, und ohne, hinlängliches Erfahrungsmatcrial." Die Vertraucns-Entscheidung ist der Kern des Glaubens, auf. . dem sich das ganze Gebäude des Glaubens, die Dogmatik einer bestimmten Religion entwickelt. Der oft zitierte Satz , des Talmud „Allcji ist in der Hand Gottes, nur nicht die' Gottesfurcht" kann als ein Zcntral-Prinzip des jüdischreligiösen Systems gelten. Aus diesem U r p r i n z i p entwickeln eich dic'Pfciler des j.ü d i s c h - r c 1 i g 1 ö s c n' S y s t c m s . von denen nur Monotheismus, Mcssianismus, Optimismus, religiöse und sittliche Freiheit des Menschen, Ablehnung der Erbsünde, Reinheit der Seele, freies und unmittelbares Verhältnis zu Gott, Erlösung nicht im Jenseits, sondern im Diesseits in der kommenden ''Zeit, Wort des. menschlichen Tuns für^ Gott, Gott als Bürgte der Sittlichkeit, genannt'zu worden brauchen. '.Ein weiterer Schritt der Entwicklung ist dann dor Glaube an alles in'den heiligen Schriften ■ Berichtete und durch die Tradition Überlieferte. Hier ist Kernpunkt wiederum der Glaube an die göttliche Offenbarung der Bibel und der . Überlieferung. Daraus folgt',der Glaube an die ■strenge Geschichtlichkeit, alles Berichteten und an die strenge Verbindlichkeit'iedes.ieinzelnen: GobotcB.- -Damit sind wir schon ..hei:der. dritten: Quclloi des religiösen Lebens,-der Rcligions-Fqrm. Diese rcligiöso Form ist für die Entwicklung des Judentums höchst ' bedeutungsvoll geworden.: Es gibt wohl kaum eine Religion, in der das religiöse Gesetz dos Leben so sehr.-beherrscht und so sehr •bis in die kleinsten Einzelheiten form- und gesetzgebend eingedrungen ist wie die jüdische; Denn' gerade, weil die jüdische Religion eine „Diesseits-Religion" ist, weil es möglich iBt, im -Diesseits .Gott zu* heiligen, weil es Gott auf das Tun des , Menschen ankommt,. wird jede: Einzelheit dieses Tuns durch göttliches Gebot geregelt. Der Glaube an die göttliche Offenbarung der Bibel und der mündlichen Überlieferung sichert dann -drin vielen- Lebcnagcbotcu und -verboten göttliche Autorität. — Erlcbnis-Glauben-Form sind in. der Wirklichkeit in innigster Weise miteinander verknüpft; Ursprung und .Entfaltung, des Glaubens haben im religiösen Erlebnis ihren stärksten Antrieb, und ebenso ist das religiöse"Erlebnis die Quelle der religiösen Form. 1 Wenn Mir uns nun nach diesen theoretischen Erörterungen '.:■ der heutigen Lage des Judentums zuwenden, wird zunächst festzustellen sein* daß Epochen großer religiöser Erlebnisse,-Zeiten also, in, denen die religiösen. Erlebnisse Einzelner sich häufen und die Fähigkeit haben, sieh der Menschheit mitzuteilen, selten. sind. Das Mittelalter, wie es sich uns überliefert hat, stellt sich uns als eine Zeit starker Religiosität dar. Die Menschen dieser Zeit lebten ganz im Banne der Religion, waren-noch für rcllgiöse ErlcbniBsc empfänglich; aher dieses wirkliche ' Erleben. Gottes, diescB besinnungslose Erfülltscin von der .'Idee Gottes und von seinor Realität ist selten geworden.... Die grqßen•.Errungenschaften. der Naturwissenschaft r-uhd der Technik haben den , Menschen von , heute .'zu einem Tatauchcnmenschcn, zu einem Tatmcnachcn gemacht, der nichts 'anderes kennt als die Wirklichkeit: Bei: den Juden* wirkte dicac Borauschthcit von den modernen"-Errungenschaften weit stärker ah) bei den anderen •Völkern und minderte ihre Empfänglichkeit für: religiöses Erleben; Ähnlich war es auf dem Gebiete des Glaubens. Die Kenntnis der modernei-Wissenschaften', der. NnturwisBciiachaft soNyohl wie die. neuen," Bibelforschungen, :haben dem Buchstaben-Glauben ' einen "Schweren'iSchlag versetzt,"lind die gläubige Frömmigkeit wurde immer seltener. Man .hat nach.einer'Synthese, noch einem Ausr _ gleich, der Zeit ' und ihrer' Fragen mit dor. Religion gesucht. Aber mit, dieser Zeit kann man; keine. Synthese 'schließen, wenn mar» nicht unter -Synthese ein jämmerliches: Kompromiß versteht. Man hat versucht, die" Religion bequem zu machen. Es. half wenig. Mit der. Refprmierung 'des' Zercmonialgcsctzes . ging Hand in Hand der Versuch,, die Ethik der Propheten zum Korn, der. ' jüdischen Religiosität "zumachen, diese Ethik aher gleichzeitig als allgemeine McnschhoitEctliik, als Gesetz " der praktischen Ve'ri rtunft hinzustellen, den Glauben in Ethik umzuwandeln. Das, war gewiß richtig, .aber man' vergaß dabei, daß sio nichtdurch' ein Vernunftgesetz, 'sondörn nur' durch freie ' religio}«} Entscheidung ■ begründet werden kann. Und man vergaß, daß Religion nicht nur, ein rcligiösca SystomV sondern auch Erlebnis' und religiöse Form' 'ist. Die» zeigt sieh deutlich in der gerade im 19. Jahrhundert ' immer mehr Bichtbar werdenden Auflönmg und Abbrocklung der religiösen: Form. Und' /•■ > dieser Zerfall der Form wurde verhängnisvoll für die Entwicklung des liberalen Judentums. , , ■ Was Moses- Mendelssohnfür seine'eigene Person gefunden huttc, was aus seinem eigenen Leben, dem Leben eines Philosophen erwachsen war; (Jas wurde das'öffentliche Programm derer, du; ihm folgten, ■ Mendelssohn fand. semc. Rohgion mit all ihrem Zercmomaigesctz in iljjbcrenutfmmung mit. dem Zeitgeist; seine ■. Naclifolger fanden, das nicht mehr. So nahmen sie den Zeitgeist als festen Pol und paßten ihm in Beinen jeweiligen I'Orm.. ihr Judentum an. Man lief dem Zeitgeist nach; man wollte das Judentum rationalisieren, vernunftgemäß orklüron und ordnen. Man glaubte, es genüge eine wissenschaftliche Erkenntnis von einer Suche, um sie dieser Erkenntnis entsprechend zu regeln; ca genüge eine Einsicht in das Werden und Gcwordcnscin einer Einrichtung, um sie als Mcnachcnwcrk selbständig zu regeln. „Was folgte — darauf Jiat Max Dienemnnn in seinem Vortrag: über die Bedeutung des Irrationalen für das liberale Judentum" (Liberales Judentum 1921) aufmerksam gemacht — „was fehlte, war eine tiefe Einsicht in das Irrationale, in dos Uiiauaaprcchbarc, was fehlte, war eine klare Einsicht in die unbedingte Notwendigkeit, Gcmütsw.crtc zu erzeugen und zu beachten." Deshalb ging tÄlca "Streben darauf aus,.das jüdische Gesetz auf die Brauchbarkeit und Zeitgemäßheit hin zu untersuchen.' Aber die Frage der inneren seelischen Stellungnahme, das Gefühl der Gläubigkeit, das religiöse Erlebnis wurden in den Hintergrund gedrängt. Heute ist eine Zeit gekommen, in der gerade auf dieses Erlebnismüßigc in erster Linie Rücksicht genommen werden muß, denn wie jede Religion will Judentum erlebt werden. Kein Wort braucht darüber gesagtzu worden, daß ca heute in Deutschland keinen Juden mehr geben' wird, dem nicht das, waa unsere Gemeinschaft erlebt, pcrsönlichatea 'Erlebnis iat, der nicht in der Geschichte seines Volke-) und dessen Hoffnungen die Geschichte seiner Seele v.:id seiner eigenen -Hoffnungen fühlt. Und deshalb ■ sollte heule der besondere Charakter unserer Bemühungen im religiös-liberalen Lager durin bestehen, den religiösen Gehalt des Judentums zu betonen, jenes tiefo Gefühl für Glauben, schlichte Gläubigkeit, das dem Judentum innewohnt und von unseren Vätern und Müttern durch olle Jahrhundertc hindurch geteilt wurde. Schon oft iat in'den letzten Jahren auf unseren lagungen auf den Fehler hingewiesen worden, dön das liberale Judentum begangen hat,- indem es zuviel Rationaliemus aufgenommen, zuviel Philosophie in sich bfrge. Darin Hegt auch der Grund, unseres Erachten»,- daß es auch jetzt noch nicht dem liberalen Judentum gelungen iats die Masse d;;a Volkes für. sich zu gewinnen. Wir haben uns immer viel zu viel um die kultivierten Leute, die geistigen und sozialen Führer gekümmert und dio Massen vernachlässigt. Religion ist mehr als ein intellektuelles Problem, ist eine Angelegenheit des Gefühl». „Religion ist mehr als Verstand." Hier hegt noch eine gcwallig'j Aufgabe für daa1 liberale Judentum der Gegenwart vor, gerade dem ejnfachen: Mcnß.chcn zu zeigen, daß Voraussetzung für alles religiöse Tun r e 1 i g i ö s c s E r I e b n.i 9 ist. Beim religiösen Erleben aber darf man .nicht stehen bleiben. Die natürliche Aiisdr'ueksweisc des religiösen Gefühls ist die religiöse Form. Das rechte Gott-Süclicn wird "aich immer von selbst zum Gott-Dicnen wandeln, und .unsere religiöse Begeisterung und unser rcligiöses-,Gipfühl; dof f4 nicht', nur .in sittliche und soziale Tätigkeit ausmünden.' Denn der'tiefste Sinn 'im ganzen Formsyatem der jüdischen. Religion ist auch für dos liberale Judentum irj einen' kurzen, Satz zu fassen: „Gott will es". Nicht in dem Sinn, daß wir nun unbedingten Gehorsam schulden gegenüber einem als göttlich empfundenen Gebot, sondern weil auch der liberale Jude wissen soll, daß in der religiösen Form. sich das Sehnen dc3 Einzelnen nach der Verbindung, mit Gott ausdrückt, mit Gottes Wilicn. Nicht;autoritativ von, außen kommend oder zwingend, sondern der Einzelne hat nach seiner freien übe'is'zcujüiigzu entscheiden, wie'.er am wahrsten Gottes Wil I o.n. n a c h k o m m c n kann. Jüdische Frömmigkeit aber, soweit sie sich im Kultischen auadruckt,''wirkt sich vor allein im G c mc i n s chaf t a g'c b e t aus und ist zugleich die G c b c t s f r_ö m m i g k'ci t des Einzelnen, Ücr sein Persönliches ins Gebet hineinlegt." Ein Hauntteil unserer Bemühungen -wird'.nach' wie. vor. darin bestehen, in Synagoge und Haus gerade die noch Fernstehenden, alle, dio jetzt zurückkommen, für rcliT giösea Judentum zu erwärmen,' sie zunächst in die Welt .unserer ' Gebete einzuführen, sie. wieder beten zu lehren, soweit das nur irgendwie möglich ist, Und zwar in der Sprache der Väter,', die ja gerade heute wieder zu ihrem Rechte kommt. Unser liberaler Gottesdienst wird weit mehr «1s bisher nieder daa He b r ä i s c Ii o in den Mittelpunkt stellen müssen und so 1 den Beter in die:Kette früherer Generationen einreihen. Hier kommt gerade das irrationale Element, das beim Beten in der hebräischen Sprache zum Auadruck kommt, in Frage, und alle logischen Erwägungen, £0 richtig und begründet Bic auch seien,' sind nicht im letzten entscheidend.' Selbstverständlich kommt es nicht auf die Fülle der Gebete an, aber der liberale Jude, der sich seinor Religion wieder nähert, wird je nach seinem Geschmack am Anfang sich die- Stücke auswählen, die als Gebete für ihn in Frago kommen, z. B. dio Psalmen oder andere Gebete dor Bibel . oder des Gebetbuches, und täglich sich so Ulis Beton w i c d er g e,w ö h n e 11. Dadurch wird sein!-, Haus, auchwieder die Weiho erhalten, die.-einem jüdischen Hause eigen sein muß. I« dickem Zusammenhang soll nur die Feier des Sob-bats im . Hause kurz , erwähnt werden und auch'' diemancherlei . Formen, :;die angetan" sind, -das Haus wieder zu einem: jüdisch-religiösen zu machen. . Die Erfüllung jeder Form, wolcho . es auch sein mag, soll.uns,zii.Gott liinfuhrcn,; denn,ein Gott ist da, und zugleich der Gott, d e r u n ». au s:c r iv^^äh 11 h a t. ' ■;, . .Damit.ist.der. zWoitc Gesichtapunkt angedeutet, von dem aus die Form, im. Judonturn angesehen werben soll. Das jüdische Gesetz ist nicht, nur Hiniülirung zu Gott, dient nicht nur dem Zweck,: ein gottgefälliges Leben zu. führen, sondern ist auch Wahr- . zeichen und Ii e s ta'nd t e i Id e r ,A u sc iw flh 1 u 11 g. Das jüdische Gesotz rütt nicht nur jedem Juden in jedem Augenblick zu: „Gedenke; daß «iii Gott da istI", sondern auch dem jüdischen Volke: ..Gedenke, daß Du Gottes auscrwahltes Volk bist" und daß Adel verpflichtet!" Hier braucht nicht über den Gedanken der Auserwählung' Israels irgend etwas gesagt zu werden, nur erinnert wird daran, daß den Juden'auf ihrem Zuge durch die . Welt Ihr reinen Gdticsglaubc» fnit all seinen Koiiaefjuenzen, für Erkenntnis, ..Sittlichkeit,. Kultur beispielgebend zu wirken, < ein . Sonderweg durch die Jahrtausende vorgeschrieben Vit. Diese. A"fr gäbe, einlicili(jca Volk zu sein, kann es nur in dor Isolierung, nur in der 1 Disziplin erfüllen,' die dieses Volk gegen daa wechselnde. Außen mit all seinen Wechselnden Vorsuchuiigen abgrenzt und ca aufbewahrt für seine große Zukunft-, Deshalb dio. starkcn Muuprn - nach - außen mit vorhämmorten, "Toren nach .. innen, deshalb das. Gesetz! ■ . So tue und lasse.-', damit Du bleibest und werdest, was ich will, das Du bleibest und werdest I'' Gerado wir liberalen Juden haben die Aufgabe, diesen religiösen Sinn im Gesetz immer wieder zu betonen, denn auch wir wissen, daß ohne religiöse.! Gesetz, ohno jüdische Lebensform kein Judentum möglich ibL Der ganze „Betrieb" in unseren Tagen im jüdischen Lager, so wichtig und so anerkennenswert er auch sein mag, darf( nicht darüber hinwegtäuschen, daß auch liberales Judentum — so paradox es auch manchem klingen mag — steht rund fällt mit dem Gesotz. Im Grunde genommen ist dieses Judentum wirklich GcBCtzcs-Religion, auch wenn wir genau wissen, daß religiös sein nicht bedeutet 1 eine Reihe von Gesetzen erfüllen, eine Reihe von Geboten und Verboten, auch wenn wir zur Tora und zur Bibel, insbesondere zum Talmud und zum Schulchuu Aruch ein anderes Verhältnis haben als etwa der Orthodoxe. Aber: „Keine Zeit und keine Richtung des Judentums wird je vergessen können, welchen Platz dieses Buch oder diese Sammlung von Büchern in der Geschichte eingenommen hat . . . Die Tora oder das Studium der Tora haben die Juden, davor bewahrt, moralisch, geistig und seelisch 'der Verfolgung und Erniedrigung zu erliegen . . . Um der Verehrung willen, die wir der Tora um dieser vielfachen Dankesschuld wilicn zollen, dürfen wir jedenfalls in diesem Sinuc auch heute noch das Judentum mit Recht als „Religion dca Gesetzes" bczcicbcnen. (Montcfiorc: Umrisse des liberalen Judentums, Seite 185 ff.) Trotz aller Widersprüche, die man crhcl>cn könnte und erhoben hat, iat und bleibt Judentum doch die Religion des Gesetzes, denn 'dieses' Gesetz ist „die dem jüdischen Geiste entsprechende Form, um die ewigen Werte in den Alltag zu überführen". Gewiß ist dieses Gesetz für den liberalen Juden 1111 buchstäblichen Sinne nicht göttlichen Ursprungs, für una ist das Gesetz nicht Selbstzweck, c> ist veränderlich, aber das M 11 ß des Gesetzes bleibt, wenn nicht das Judentum aufhören' will, Judentum zu sein., Im Gebot der Schaufädcn iat der Sinn aller Gebote ausgesprochen: „Ihr sollt sie sehen und an alle Gclwtc des Ewigen denken und sie üben, und nicht nach eurem Herzen und euren Augen gclieu, denen ihr so gern folgt, damit ihr denkt und übt alle meine Gebote und heilig werdet eurem Gölte". (4. Buch Moses 15. 39, 40.) Im 19. Jahrhundert büßte das GcsclzlichkcitHprinzip, wie v erwähnt, ebenso wie der Offcnburungsglunbc,' seine alte Stellung ein. Es gnlt nicht mehr als absoluter Wert, sondern man suchte es" zu begründen bzw. es zu rechtfertigen und zu entschuldige^. „Rechtfertigung aber", sagt Felix Goldmann, auf dessen Ausführungen über „Die Grenzen des Liberalismus" (Montcfiorc- Festschr/ft) und über „Objektiver und subjektiver Liberalismus" {Liberales Judentum 1922) wir besonders hinweisen, „ist ein Zeichen von Schwäche." Eine ratiorialiBtischo Erklärung des jüdischen Religionsgcsetzcs wird seinem Wesen nicht gerecht, denn sein Ursprung verliert sich in der fernsten Vergangenheit,, die geschichtliche Forschung nicht aufhellen kann, und alle Versuche, an denen ca zumal im Zeitalter der Aufklärung', dca Deismus und der Naturwissenschaften nicht gefehlt hat, die es als eine künstliche Konstruktion, eine Erfindung der Priester mis Gründen der Zweckmäßigkeit erklären wollen, müssen als gescheitert betrachtet werden. Die Ursache und daa Ziel des jüdischen Ritualgcsctzcs liegt im Irrationalen und ob letzter, tiefster Schöpferwillc mit dem Prinzip der Gesetzlichkeit,'.das ja in seiner charakteristischen Ausdehnung und Strenge üMei' allen Religionen der Welt allein dem Judentum eigen ist, und mit den einzelnen Vorschriften praktische Absichten für daB Leben verbunden hat, wird der Einsicht'klcinor. Menschen, deren Denken über den Kreis dca Men.schlich-Irdischen nicht. hinausgehen kann, niemals offenbar werden. Die Vernachlässigung des Gesetzes aber war lediglich, wie Goldmannmeint, ' die Folge einer unbewußten Anerkennung des Christentums ah eines oborsten Richters in allen Tragen der Sittlichkeit (vgl. dazu Vogclstcins Ausführungen im „Lib. Judentum 1922). Der das Gesetz befolgende Jude galt dem 19. Jahrhundert als daa Produkt einer Zeit, die man durch die Ethik des Christentums überwunden glaubte. Wie dem auch Bein mag, im Grunde genommen stellt auch jede Begründimg des jüdischon Gesetzes als zufällige historische Erscheinung, das im großen und ganzen eine wohltätige Wirkung ausgeübt hat, nichts als emo nachträgliche Entschuldigung für das Vorhandensein des Gesetzes dar. Mit Recht weist Felix Goldmann immer wieder darauf hin, daß das Gcaetlichkeitsprinzip ein charakteristisches und unentbehrliches Merkmal des Judentums ist, daß es ein J 11 d e 111 u m ohne GcB'otz nicht geben kann. Zum Unterschied von der Auffassung der Orthodoxio wird aber dor Libcraliamua immer sich vor Augen halten müssen, daß: das Gesetz ein Instrument der Entwicklung war und ist, dazu bestimmt, die Forderung dor göttlichen Offenbarung je nach der Zeit zu verwirklichen, daß es darum veränderlich ist, daß der Umfang des Gesetzes von der historischen und religiösen Gcscliichtsforscliung, von ,dcr persönlichen Gewiaaenflcinstollung und den Forderungen der Zeit mit abhängig ist. So bietet die Anerkennung des Gesetzlichkeita- Prinzipes als Grundlage der jüdischen Lebensform und der Vor? wirklichung des SittcngcsctzcB keinen Verzicht auf den Eutwicklungsgcdankcn, auf dem der ganze religiöse Liberalismus aufgebaut ist, und unsere Aufgabe in unsorcri Tageii wird darin'-bestehen,. "das Gesetz so fortzuentwickeln, daß es den modernen Juden an die jüdische Lehre fesselt, ' ihm ein ständiger Mahnruf zur Aktivität, zur Arbeit ist. .TJberflüsaig ist zu betonen,'daß für den liberalen Juden"das Sittenposetz im Vordergrund steht, und daß die Form ihm' hur zur ' Bekundung des GcmcinBchafts'willciiB. als Weg des Gott-Suchens '".-dienen,' daß."der. liberale Jude hur die Form'anerkennen '.kann,.- in der er sein religiöses Gefühl "und seinen jüdischen Willen auch wirklich ausdrücken kann. „Nicht darf die Form'der Form halber. . getan werden, sondern die religiöse Überzeugung führt den Menschen bei allem, was er tut." „Tue nur das, was Du nach .Deiner Überzeugung tun kannst, das aber tue auch" (Bicho auchl ' ' •Dicricmonh, ' ..Morgen« 1930, Seile'.-151).. 'Freilich . bjeibt hier für den liberalen Juden die große Schwierigkeit bestehen, daß er auf der einen Seite die Bestimmungen, von Talmud und Schulchan Aruch nicht ala göttliche'Gebote werten kann, aber auf dor anderen Seite der Form doch ein Autoritatives zuschreiben. muß, - das er im '.Religiösen sucht und in »ich selber, in seinem Gewissen findet. Deutlich sehen wir t gerade in unserer Jugend die Sehnsucht nach dem Autoritativen, - nach der freiwilligen Gebundenheit im Bezirk dca jüdischen Lebens! auch diese Jugond ringt um das Gesetz. Bei ihrer Bemühung um das Jüdische geht es ihr um den .Ansch.luß a 11 die. Go»

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