Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 15 (1935)
- Issue
- 42 (16.10.1935)
- Date
- 1935-10-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Beilage 16. Oktober 1935 JÜDISCHE AUGEMEINE ZEITUNG y Schöpferifches Judentum Zum Tag der Gefetzesfreude Von Dr. ARTHUR GALLTNER-Frankfurt a. M. Kein historisches Ereignis, keine nationale Heldentat gibt den Festen im Monat Tischri die Weihe — sie sind in ihrem Wesen rein religiöser Natur und darum von ewiger Geltung. Wie die ersten Tage des Jahres Selbsterkenntnis und Selbstprüfung verlangen und diese prüfende, forschende Schau in die eigene Seele zur Selbstläuterung, zur Versöhnung mit Gott und Menschen und mit sich selber führen muß, so leiten die Tage des Hüttenfestes, des Festes der Ernte, zu den Wurzeln unserer Kraft, zur schöpferischen Natur, deren Segnungen wir in Dank und Demut genießen, leiten uns zum Schluß zur tiefsten Quelle unseres jüdischen Seins — zur Tora, deren letzte und erste Abschnitte wir am Tage der Gesetzesfreude verlesen: An den lapidaren Bericht vom Tode Moses wird das monumentale Bild der Weltenschöpfurig gefügt, — das „Stirb und Werde1' kann kaum grandioser zu lebendiger Anschauung gebracht werden. Mehr als an irgend einem anderen Feste erfüllt uns darum an diesem Tage das beglückende Bewußtsein von der unversiegbaren Quellströmung unserer Religion, der größten Leistung Israels, mehr als an einem anderen Feste wird hier die ewig lebendige Schöpferkraft des Judentums offenbar, enthüllt sich der Urgrund seiner Existenz. Denn eine Gemeinschaft besteht nur, kann nur dann dauernden Bestand haben, wenn schöpferische Kräfte in ihr wirken und aus diesen immer von neuem Aufgaben und Leistungen strömen. Dies gerade liegt im Wesen des Schöpferischen. Gewiß bleibt uns Empfängnis und Geburt der schöpferischen Tat ein ewiges Geheimnis, das Werden, Formen, Gestalten aus dem Nichts ein unerklärbares Rätsel. Wenn wir „Intuition'1 nennen, womit das Geniebegnadet ist, so ist dies doch nur ein Notbehelf und zugleich die Anerkennung überwirklicher Mächte, die im^menschlichen Geist sich offenbaren, die Anerkennung, daß der menschliche Geist befälligt ist, solche Offenbarungen zu empfangen und somit von göttlichem Geist erfüllt zu werden. So nur vermag der religiöse Glaube den erhabenen Schöpfungsakt der Gesetzgebung und damit der Religions- und Volkwerdung zu begreifen, als ein Zusammenwirken göttlichen und menschlichen Geistes, so auch konnte das gewaltige Werk der Tora nicht als Schöpfung eines Menschen — selbst nicht eines Mose — erfaßt werden, sondern nur als Inspiration göttlichen Geistes. Nur so konnte -— etwa im Zehnwort — ein ewig gültiger Inhalt die ewiggültige Form erhalten. Gewiß eine religiöse Schöpfung! Ihre ewige Geltung aber erlangt sie erst dadurch, daß sie zugleich auch eine ethische war. Es war eben nicht nur der Glaube an überweltliche Mächte, die menschliche Geschicke nach Belieben und Willkür leiten. Religionen anderer Völker des Altertums sind darum erloschen, sind ohne fühlbare Nachwirkung, ohne heutige Anhänger, während das Judentum in iVIillionen von Bekennern heute noch lebendig ist, weil eben hier von Anbeginn das Religiöse mit dem Ethischen sich unzertrennlich verband, weil hier keine Gottheit außerhalb der Sphäre der Sittlichkeit gedacht werden konnte, der uuf Gerechtigkeit gegründeten SittlichkeitI Gerechtigkeit! Der Ruf ertönt von Abraham, da er die Rettung Sodoms erfleht, bis Mose, der mit Wort und Tat Unrecht bekämpft, ertönt von Mose bis Arnos, von Arnos bis Jeremia, und er schwillt an in den folgenden Jahrhunderten zu einem vieltausendstimmigen Chor, der nie verstummen'kann, so lange es menschliches Unrecht auf Erden gibt. In dieser sittlichen Forderung, die zugleich als religiöse vor allem an die jüdische Gemeinschaft selbst gerichtet ward, liegt die ewige erzieherische Aufgabe, der wir verpflichtet sind. Es gehört, wie gesagt, zum Wesen des Schöpferischen, daß aus ihm immer neue Aufgaben und Leistungen strömen. So wie die Schöpfertat der Griechen, ihre bildende Kunst, nicht nur durch ihr Dasein wirkt, wie aus ihrer lebendig gebliebenen zeugenden Kraft immer wieder neue Werke entstanden, in hellenistischer und römischer Zeit, in der Renaissance und im Klassizismus, gewiß Neues, aber immer doch erfüllt von antik-griechischem Geiste — so hat die religiöse Schöpferkraft des Judentums weiter gewirkt jm Christentum und im Islam, in der Reformation unVl Gegenreformation — ja jede Glaubensbewegung wird in irgendeiner Form sich mit den religiösen Urelementen. auseinandersetzen müssen, wie sie m der Bibel lebenerfüllte Gestalt gewonnen haben. Es ist wohl richtig, daß im Verlauf einer mehrtausendjährigen Geschichte oftmals diese Strömungen . und Neuschöpfungen sich gegen die ursprüngliche Schöpfung und ihre Schöpfer wendeten. Fast scheint es, als sollte auch für die Welt der Bibel, für den Schöpfungsbereich der Religion überhaupt d a s Geltung haben, was bei der festlichen Eröffnung des internationalen Kongresses für Bibliothekswesen in Madrid der spanische Philosoph Jose Ortcga y Gassei erklärt hat: „Alles was der Mensch an Kultur und Zivilisation ins Dasein ruft, wendet sich schließlich gegen ihn selbst. Sobald die Schöpfung vollendet ist, stellt sie sich außerhalb des Kreise3 ihres Schöpfers, tritt in den Genuß des Eigenlebens, wird zur Sache, zu einer Welt gegenüber dem Menschen und wendet sich gegen den, der sie schuf. Das ist der Schatten über dem Schöpfcrgeisf. Gott schuf den Engel, und dieser lehnte sich gegen ihn auf. Er schuf den Menschen, und dieser lehnte sich gegen Gott auf. Aber auch gegen den Menschen erheben sich alle seine Schöpfungen." Ist dem wirklich so? Liegt die tiefe Tragik aller Zivilisation und Kultur wirklich in ihrem Kampf MOSCHES TOD Dem Mi drasch nachgedichtet von DAVTN SCHÖNBERGER Zum eisten Male widersprach der Todesengel Erneut gegebnem göttlichen Befehle Und hol) zu IHM empor die demutvolle Stirne. Indes sein Blick, darin die ganze Seele Der Hoheit, Wehmut, des Vcrstehens lag, Begegnete dem Auge, drin der ew'ge Tag! Dann sprach er langsam: „Nicht noch einmal. Herr, 'Entsende mich! Nicht abermals vermöchte ich zu nahu Dem Antlitz Mosches, das niemand vermag zu schauen, Ohne erschauernd zugleich dem Abglanz zu umfahn Von Deiner Offenbarung Sonnenstrahlen. — Warum strafst DU Samacl solcher Qualen! Ich kam zu Moschc! — Welch ein Mensch ist dies! Wie spiegelt sich der Schöpfung lichter Wille, Den Menschen zu erhöhn zu GOTTES Ebenbild, In diesem Einen wider! Welche heil'gc Stille Der Weisheit birgt der Stirne reiner Bau! Welch klare Willensglut bricht aus des Auges Schau! Ihm die Seele nehmen?! — Wie zerbrach Mein Auftrag vor dem Lächeln, voller letzten Ahnens. Das leis, von der Gedanken Tiefe lösend, Noch schwer fast, wie von Gottermahnens Last, sich mir entgegenhob, so groß, Als stiege es aus Deines Lächelns Schoß. Vergib, daß ich, Dein Bote, ganz befangen, Verwirrt zu Boden fiel, von Deines Ebenbildes Glanz umfangen." Samael schwieg, doch fühlte er der Hände Unendlich wohlige Verzeihgebärde Und dennoch staunend, wie zugleich das Alltimfassen Sich von ihm wandte niederwärts zur Erde, Dorthin, wo Mosche, auf zu Nebos Höhe, Stieg, daß er die Täler der Verheißung sehe. ■ Und Mosche sah der Wolken Schattenflügel Vor eines Sturmhauchs Wallen wild sich klüften, Er sah, geblendet fast, ein Meer von Sonnenfunken Ihr Licht vermählend mit den fernen, blauen Lüften, Und dann ward Stille. — Grenzenlose Stille, Hinbreiteijd über Kanaan die Hülle Des Gebets. — Da wards, daß GOTTES Mund In eines Augenblicks erschreckend sel'gem Kusse Die Seele aufwärts trug zu längst beschwornem Bund. Doch wie des Gottknechts Dasein so sich einte Des Schöpfers Kuß, zu solchem Sterben, Da weinten Horebs Höhen, ju, Gott'selber weinte Die Frage in die Welt: „Wen setz ich ein zum Erben?" werde die Erde von Gotteserkenntnis wie die Fluten, die den 'Meeresboden bedecken". Dieses Endziel der Menschheit ward dem Judentum ewige Aufgabe, sie ward ihm zum Quell seiner Kraft, zur Gewähr seiner Existenz. Es gibt keinen, stärkeren Beweis für die immer noch wirksame schöpferische Kraft des Judentums als seine Existenz, seine Existenz nicht durch das Mittel realer Macht, sondern nur durch das Mittel seelischer Kraft, die aus der Welt des Religiösen, der Welt der Bibel ungetrübt und unverändert wie seit Jahrtausenden auch heute noch strömt. Aber — wir wissen es wohl — der Mensch lebt nicht nur in dieser religiösen, metaphysischen Welt, auch nicht der jüdische Mensch. Die Yielgestaltigkeit unserer Gemeinschaft hat — wie der Daseinskampf — in allen Bereichen des Lebens auch bei ihm schöpferische Kräfte zur Entfaltung gebracht, in der Wissenschaft und in der Kunst, in der Technik und in der Wirtschaft. Es bedarf liier nicht der Namen, sie stehen in jedem Lexikon. Sie künden von zahllosen jüdischen Menschen, deren schöpferische Leistungen der Gesamtheit Segen gebracht. Diese Wohltäter der Menschheit, die wahrhaft schöpferischen Leistungen von Juden sind es, nach denen der Wert der jüdischen Gemeinschaft zu beurteilen ist, wie auch sonst niemals die Kraft eines Volkes an seinen Schwächlichen, die Moral an seinen Verbrechern, die Religion an seinen Abtrünnigen gemessen werden kann. Jedes Volk, jede Gemeinschaft, will — und dies mit Recht — nach seinen Höchstleistungen und seinen größten Geistern bewertet und geachtet werden. Schöpferische Kräfte, geniale Intuitionen lassen sich nicht erzwingen, sie sprudeln hervor wie der Quell aus verborgenen Tiefen, sie sind aber auch nicht uuf die Dauer zu unterdrücken. Wie hinter einem Damm stauen sie sich auf und bahnen sich schließlich — gibt der Damm nicht nach — einen neuen Weg für ihre Wirksamkeit. Und wenn ein Teil unserer .Jugend diesen neuen Weg zu schöpferischer Leistung in Palästina sucht und findet, so verkennen wir nicht das' Großartige dieses Tuns, das in glühendem Sonnenbrand kargen Boden fruchtbar macht, um hier nicht nur für sich selbst, sondern einer größeren Gemeinschaft eine neue Existenz zu bauen. Aber wir dürfen dennoch nicht vergessen, daß der Fortbestand des Judentums immer davon abhängig bleibt, daß genügend Kräfte im Reiche des Geistes, in der Welt des Religiösen schöpferisch wirken. Es ist dies das Lebenselement des Judentums, das ihm Hoffnung und Glau- ■ ben verleiht und die Kraft, auch das härteste Schicksal zu meistern. Daher die „Freude an der Tora", der Tag des Gesetzesfreude. gegen sich selbst, in ihrer Selbstvernichtung? Es ist keine Fraget so manche geniale Leistung der Wissenschaft, manche schöpferische Erfindung der Technik hat sich gegen den Menschen selbst gewandt, hat ihm Tod und Verderben gebracht. Aber damit hört die Leistung auch 1 auf, „schöpferisch" zu sein. Denn gerade erst dadurch erweist sich die Echtheit und ffiröße einer wahrhaft schöpferischen Leistung, daß sie der Menschheit zum Heile gereicht. So haben die Erben des heiligen Gutes, die Propheten und Gesetzeslehrcr, die Welt des Biblisch-Religiösen verwaltet und mit glühender Seele ersehnt, daß Friede werde auf Erden, daß die Schwerter umgeschmiedet würden zu Pflugscharen, Kriegsgeräte zu Werkeil friedlicher Arbeit, daß „daB Recht ströme wie Wasser", und „voll Vom Bäckerlehrling zum Bibelforfcher Zum Tode Benjamin Donaths In Budapest ist der ungarische Bibelforscher Ii e u j n ni i n D o n a t h zu Grabe getragen worden. Wie die „Neue Freie Presse" in Wien schreibt, war er der Solui armer Eltern und hatte das Bückergcwcrbc erlernt. Dor Drang nach geistiger Bercichcriuig war in ihm jedoch so groß, daß er in seinen freien Stunden. Gymnasialstudien trieb und mit 18 Jahren mit Auszeiclmuug maturierte. Mit einer wahren Besessenheit warf er sieh auf das Studium der alten luid neuen Sprachen. Dmilc seinem phänomenalen Gedächtnis und. seinem außerordentlichen Sprachcntalcnt beherrschte er in verhältnismäßig kurzer Zeit das Hebräische, Altgriechische, Lateinische, Deutsche, Französische, Englische, Italienische und Slowakische. Er korrespondierte mit dem gelehrten Bisehof Ottokar l'rohaszkn lateinisch, mit dem lirzbischof von Cantcrbury altgriccliisch. Italicnische Gelehrte, mit denen er in Budapest zusammenkam, lüellen ihn für einen Dante-Forscher, denn er zitierte ganze, Gesänge Dantes auswendig. Er kannte die Bjbcl in sämtlichen von ihm b c h e r s c Ii t e n S p r a c h c n uuswondi g. Wiederholt führte ihn der Zufali nüt hohen geistliehen und gelehrten Theologen zusammen. In diesen Diskussionen verblüffte er seine Zuhörer durch sein überlegenes Wissen. Der Höhepunkt seines Lebens war die Holle, die er in Horn vor der Bibelkommission spielte. Durch tiefgründiges Studium war er zur Überzeugung gelangt, daß der Begriff des Itachcgottes, der aus dem Bibeltext abgeleitet wird, falsch, beziehungsweise auf irrige Auslegung der betreffenden Bibclstelle zurückzuführen sei. Die Stelle, wonach Gott, die Sünden der Väter an den Kindern räche, sei dahin auszulegen, daß Gott in seiner unendlichen Gerechtigkeit die Sünden der Vütcr den Kindern mildernd anrechnet. Die Aufgabe, den Hachegott und die daran geknüpften Folgen aus der Bibel auszumerzen, beschäftigte ihn die letzten 15 Jolirc seines Lebens. Er hatte ein ungeheures Material gesammelt und beschloß, es der in Horn unter dem Vorsitz des englischen Erzbisehofs Gasquct tagenden Bibolkqmmission vorzulegen, die vom Papst mit der Bestimmung eingesetzt worden war, die strittigen Bibcllcxte zu überprüfen und zu läutern. Der damals in der Kodifakationsabtcilung des Vatikans tätige Justhüan Scrcdi, der heutige Fttrstprimas von Ungarn, interessierte sich für dio Entdeckung Donaths und ermrkte ihm einen Empfang in Horn. Nach längerer Diskussion faßte Kardinal Gasquct die Ansicht der Bibelkonunission in folgendem zusammen: „Ii senso e veramento nmbiguo." (Der Sinn ist wahrhaftig zweideutig.) Benjamin iDonath halte, wenn auch-nicht einen vollständigen, so doch einen Teilsicg errungen. Dio letzten Jahre seines Lebens waren der Fortführung seines Lebenswerkes gewidmet, durch das er sich ein Denkmal in der modernen Bibolforschung gesetzt hat. Dio Sprechstunden der Schulabtcilung der Koiclisvcrtrctuiig finden, wie, dio Pressestelle der Bciclisvertrctung der Juden in 'Deutschland mitteilt, statt: Montag bis Donnerstag vormittags von 11—12.30 Uhr, nachmittags von 5—6 Uhr, Freitag nur vormittags von 11—1 Wir.