Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 15 (1935)
- Issue
- 40 (2.10.1935)
- Date
- 1935-10-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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/" I . . Verkehrsunglück an der 3. Avenue Eine Jaüm Kippur-Gefchichte I Von I. M. BEN JONA Ah Mr. AI H. Green in seinem Packard die 147. Straße entlangsauste, jagten sich in seinem Kopf Gedanken und WünBchc, die ebenso himmelblau waren wio sein Wagen. Seine Finger glitten lüsaig^ über das Steuerrad, wahrend er daran dachto, doß Betty ihn sicher wieder in ihrer (schmollenden Art ausschclten würde, weil, er sie, „irgendwelcher dummen Gcsclialte wogen", wie sio es zu nennen liebte, wieder zohn Minuten hatto warten lassen. Dann ober würden Bio hinausfahren, weit hinauB, an den kleinen verschwiegenen See, dessen Namen sio nicht einmal wußten. Würden darin schwimmen, sich in die Sonne legen und so den Tag vorbringen. Abends vielleicht, wenn sio wieder in. der Stadt waren, könnten sie in ein „Movic" gehen, oder auch in eine Bar, würden sich treiben lassen inmitten des Stromes vergnügungsfreudiger Menschen, der den Brondway hinunterspült. * Als Mr. AI H. Green von der 147. Straße in die 3. Avenue einbog1, (kam von der entgegengesetzten Scito in rasender Fahrt ein Lastwagen angesaust, dessen Führer anscheinend die Macht über das Steuer verloren hatte, denn der Wagen trieb von einer Straßenseite zur andorn. AI JSrecn trat nüt voller Wucht die Bremse und riß mit beiden Fäusten die Handbremse zurück. Sein Wogen liiclt urplötzlich, so daß AI mit voller Wucht mit dem Gesicht durch die Windschutzscheibe geschleudert wurde. Sckundcnbruchtcila ■ spüter, hörte er ein Splittern und Krachen. Der Wagen wurde von der Seite eingedrückt. AI erhielt einen Stoß in den Rücken. * Miss Betty wartete vergeblich zwanzig. Minuten, eine halbe Stunde. Ärgerlich ging sie ans Telephon und rief in AI Grccns Büro an. Der Bookkeeper am andern Endo der Telephonlcitung bedauerte aufrichtig, Miss Betty nicht dienen zu können. Im übrigen möge sie doch noch warten, vielleicht sei Mr. Green durch etwas Unvorhergesehenes aufgehalten worden. Miss Betty dankte für die Auskunft und ließ sich erschöpft auf die breite Couch sinken. Als sie sich, was gar nicht so lange dauerte, wieder erholt hatte, führte sie ein längeres Telephongespräch mit Bobby. — Es würde sicher ein netter, Abend worden. * In der dritten Ausgabe des „Night Standard" stand an diesem Abend unter „Local News" eine Notiz folgenden Wortlauts: Schweres Verkehrsunglück an der 3. Avenue Lastwagen überführt Personenauto / Der Wagen völlig zertrümmert Fahrer schwer verletzt Gegen halb zwei Uhr nachmittags kam es an der Kreuzung zwischen 3. Avenue und 147. Str. zu einem folgenschweren. Verkehrsunfall. Ein Lastwagen, dessen Bremse plötzlich versagte, fuhr in voller Fahrt auf einen Privatwagen, der aus der entgegengesetzten Richtung kam. Der Privatwagen wurde fast vollständig zertrümmert. Der Fahrer wurde bcwuß'tlos aus dem zerstörten Geführt geborgen und in das benachbarte Jew. Hospital gebracht, wo man schwere Verletzungen feststellen, konnte. Wie unser Berichterstatter hierzu erfährt, handelt es sich bei dem Verletzten um den 29jührigcn AI H. Green. Die Schuldfrage ist noch ungeklärt. \ * „Cocktail for you", sang der schwarzhaarige Rcfralnsüngcr der „Hawaii-Bar". „Cocktail for you", intonierten synkop die Saxophone der" Jazzkapelle. „Cocktail for you", meinte auch Bobby und reichte Betty noch einen „Mannattan". „Nett heut' abend Iiier 1" rief Betty laut, um den Lüriii der Kapelle zu übertönen, Bob zu. ,;Urid obl — Wie kamst Du eigentlich auf die glänzende Idee, mich heute nachmittag, anzurufen?" „Ach, Du kennst doch AI, Green, nicht wahr! Und — ich weiß, Du nimmst es mir nicht übel — dor dumme Junge hatte sich heute mit mir verabredet und mich ohne die geringste Entschuldigung einfach sitzengelassen. Ich wollte mir aber nicht die gute Laune verderben lassen: Na, und ..." „Und da hast Du mich zum Erhalter. Deiner Launcv auserkoren", lachte Bob. „War lieb von Dir."-- „Night Standard! Third EditionI — Night Standard!!" riefen vom Eingang hör die ■ Zeitungsboys. Bob sprang auf. „Augenblick, bitte. Entschuldige mich., Will nur schnell eine Zeitung kaufen. Bin gleich wieder da!" Als Bob dos Blatt erstanden hatte und sich den Weg durch das Lokal bahnte, blätterte er schon ein wenig darin. Kurz , bevor er den Tisch erreicht" hatte, fiel sein Blick auf einen Namen. Er wurde bleich. ' Doch nur einen kurzen Augenblick. Als er an den Tisch zurückkehrte, hatte er sich wieder gefaßt. vj,Weißt Du, Betty" — Bob hatte plötzlich so ernste Augen, die gar nicht zu seinem jungenhaften Gesicht paßten — j,es ist schon spät. Wollen wir nicht gehen? Morgen ist ein arbeitsreicher Tag für mich. Für Verhandlungen braucht man gute Nerven." . . ' „Schon??" Betty war ein wenig enttäuscht. „Wir hatten uns doch gerade darauf geeinigt^ daß es hier so furchtbar nett ist!" „Wenn Dir willst, bleiben wir noch. Aber mir ist lieber, wenn ich Dich schon jetzt nach Hause bringen darf." 1 ' „Also gut. Wehn Du durchaus meinst, bin ich einverstanden." Die Nachtluft w,ehte mild vom Meere hör. Fast geräuschlos fuhr der Wagen durch das Dunkel. , . „Ich glaube", brach Bob das Schweigen, . „Du denkst , zu schlecht von AI!" ' 1 .. „Nanu!" meinte Betty, erstaunt, „Wie kommst Du mit cinemmal darauf?" „Ja, ich habe mir so die ganze Sache durch den Kopf gehen lassen. Es war durchaus möglich, daß er. heute nachmittag durch irgend .etwas verhindert war, Dich abzuholen. Daß er vielleicht eine Zeitlang überhaupt nicht imstande sein kann, Dich zu einer kleinen Spazierfahrt einzuladen." y „Du sprichst in 'Rätseln, Bob. Ich ' vorstehe nicht, was Du damit meinst!" '■ \ ■ \ - , . „Nun, Du weißt doch, daß die 3. Avenue, durch die. er immer kommt,' wenn er zu Dir fährt, sehr belebt ist. Und . . .", Bob drosselte den Motor des Wagens, „und ich" habe eben in der Zeitung eine Notiz gelesen . . ." •. ' * ' , . Als AI die- Augen aufschlug, fiol sein Blick auf den weißen Bezug des: Bettzeugs und auf aio blauen Buchstaben, die .darauf gedruckt waren: „Jewish Hospital"; ' ' i Er wollte' sich über dio Augenlider streichen, Aber es ging nicht, denn sein rechter. Arm lag in .einem Gipsverband. Er, wandte den Kopf zur Seite.' :, „O, das ist schön, daß Sio schon wach sind, Herr Grcon. Herr iDoktor wird in ein paar Minuten kommen.". „ „So, so", murmelte AI. „Dos ist hier also, das Jüdische Krankenhaus, nicht ,-jvahr?" . ■ „Freilich", meinte die Schwester. „Das ist; Ihnen doch recht? Man hat Sie luerhet gebracht, woil wir das nächste Krankenhaus waren, Und Sie sind doch auch Jude, nicht wahr?" „Ich bin; —' wie bitte?"V ., v"' ..." .'•'' „Sie sind doch;Jude, Herr Green?" „Ich, ja'natürlich bin ich ■— bin ich Jude. Hm!" „Daß dies Unglück auch gerade am Kol-Nidre-Abcnd passieren mußte", sprach die Schwester weiter. „Nun können Sic noch nicht einmal zum Gottesdienst gehen. Wir haben nämlich unten im großen Saal für olle Patienten einen besonderen Gottesdienst eingerichtet. Oberkantor Goldman hat sich bereit erklärt, zu singen. Aber laBscn Sic nur", setzto die Schwester eifrig hinzu. „Wir haben nämlich in jedem Zimmer cino Ubcrtragungsanlagc. Und wenn Herr Doktor es erlaubt, können Sio den Gottesdienst durch den Lautsprcchor verfolgen." „DaB-würc ja — wirklich — sehr schön", brachte AI mühsam hervor. i * Eino Stunde vor Mitternacht fanden Sicherheitsbcdmto vor dem Portal 'des „Jewish Hospital" einfc Frau, dio reglos dalag. Später stellte man fest, daß es sich um eine Ohnmächtige handelte, die sich noch vor den Eingang des Krankenhauses hatto schleppen können, bevor sie nicdcrKlitt. Man hatto sie vorläufig in eines dor Zimmer gebracht und außerdem die Polizei vorständigt, falls die Frau als vermißt gemeldet wurde. — In der Ungewißheit über das Schicksal AI Grcens hatte sich Betty noch in derselben Nacht aufgemacht, um zu erfahren, wie es mit ihm stand. Dio Aufregung der letzten Stunden hatte sie so entkräftet, ihre Nerven waren bis zum Zerreißen angespannt gewesen, daß sie schließlich nicht mehr die Kraft gehabt hatte, am Eingang des Hospitals zu läuten. — „Sic worden sich bald wieder erholt hoben", meinte der Arzt, der sieht über Betty gebeugt hatte und sich nun wieder aufrichtete. „Aber", Betty richtete sich auf dem Ellbogen hoch, „ja, aber: Was ist mit AI? Sic haben AI hier. Lebt er noch? 0, ich muß wissen, wie es ihm gehtl Warum sagen Sic mir nichts? Warum schweigen Sic? Ich will wissen, wie es AI geht? Hören Sic: Was ist mit AI?" Der Arzt warf der Krankenschwester einen kurzen Blick zu. Dann beugte sie sich übor die Aufgeregte und sagte mit beruhigender Stimme: „Natürlich geht es ihm gut. Selbstverständlich! — Welchen AI meinen Sie bitte? Wissen Sie seinen Nachnamen? „Green, Schwester 1 AI Green." „Nun, dann wird es ja ein leichtes sein, NähcrCB über ihn in Erfahrung zu bringen. Sic werden bald unterrichtet Bein." * AI lag wach .in dieser Nacht. Er hatte ctVas erlebt, das ihn im Innersten aufwühlte. Sein Empfinden war durch die Gefahr, in der er geschwebt und der er dennoch glücklich entronnen war, geschürft worden, so daß alle. Eindrücke, die er in den letzton Stunden empfangen hatte, sich ihm besonders tief eingeprägt hatten. Es war ja eigentlich recht prosaisch gewesen, wie die Krankenschwester den Lautsprecher eingeschaltet hatte. JLr hatte das Stimmengewirr aus dem Saal in dem Stockwerk unter ihm vernommen. Die Rufe und Anordnungen der Ärzte, alle Vorbereitungen zum Gottesdienst hatte er akustisch miterlebt. Dann hatte die Schwester ihm ein Käppchcn aufgesetzt Und ein Gebetbuch in den linken, gesunden Arm gegeben. Dann war sie hinausgegangen. Die Schrift des Gebetbuches hatte or nicht lesen können. Und er hatte es wjeder aus der Hand, offen auf die Bettdecke gelegt. Als ober die Stimme des Kantors an sein Ohr geklungen war, kam jenes Erleben übor ihn, das or Bich selbst nicht beschreiben und deuten konnte. Es war wie eino Erinnerung. Aber, eine Erinnerung, w o i'a n mochte es gewesen sein? Er hatte sich nicht vergegenwärtigen können, je eine Stimme solche Worte sprechen, solche Melodien singen zu hören. Alles war ihm fremd. Und doch so vertraut. / In scihcni Elternhaus war er ohne das Bewußtsein seines Judeseins aufgewachsen. Heute, als die Schwester ihn danach aefragt, mochte es das erste Mal gowesen sein, daß diese Frage direkt an ihn gerichtet worden war. Er hatto Bio bejaht, weil ihm irgendwie Sellien, daß es notwendig war, es zu tun. Und in dem Augenblick, als jeno Töne an sein Ohr klangen, als dio' Stimme des Chasan sich erhob zum Gebet, als das inbrünstige Flehen sich, zu einem Aufschrei um Erbarmen steigerte: „Kol nidre, weesore —, wacharomo —, wekaunome —, wechinujel —", in diesem Äugenblick war es, als klängen die . Töne in seinem Innern "wieder. Als gebe es etwas, das auch flehte um die Gnade des Allcrbarmcrs, das die Vergebung auf ihn niederrief. , ' Und er lauschte der Stimme, die in ihm klang, flehentlicher noch und demütiger ah der des begnadeten Chasan, inbrünstiger noch und von Schmerz erfüllt ... Was war es, das so in ihm widerhallte, das auch, jetzt noch tönte, ah er überwach dalag und Beine Augon vergeblich das Dunkel um ihn zu durchdringen suchten! Immer mehr wuchs das Tönen, immer stärker wurde es. Hatte er nicht allen Gründl Gnade zu erflchnl War es nicht an ihm, nach Erbarmen zu schreien! O, er .wußto genau, daß für ihn dio Zeit gekommen war, mit seinem Leben, das ohpio Glauben gewesen, abzuschließen. Daß er ein neues beginnen müsse, wollte er auf Gnade rechnen'. i Und 'er begann, seine Lippen zu bewegen,- und sie formten die Worte, die er vernommen hatte, deren Bedeutung er - nicht kannto, deren Sinn er aber in seinem Innersten erfühlte: „Kol nidre — weesore * Nein, sie brauche sich nicht um AI zu sorgen, hotte der Arzt zu Betty gesagt. Es sei kein Anlaß zu ernster Besorgnis. Er sei ja noch jung und stark, und dor gebrochene Arm und dio zwei Rippen würden schon wieder ausheilen. Betty war glücklich, um bo mehr, als sie schon gebangt hatte, daß aio AI nie wiedersehen würde. * * ■ Ein poar' Monate waren vergangen. AI sollte aus dem; Krankenhaus entlassen werden. ' Mit Bob fuhr Betty zum ■ Hospital. Bob ging hinauf, um AI abzuholen. Er begrüßte, ihn freudig, ■ „Betty iBt auch mitgekommen. Sie freut sich furchtbar — nicht wahr Betty?" ' '■■■'. llettystreichelte Als rechte Wange und strich über die Narbe hin.' „Du siehst aus, als kämBt Du aus einem Kampf", .meinte sio scherzend. ", , ', ' AI blieb ernst. „Ich^kommc auch aus einem Kampf 1" .—; Sie gingen gemeinsam durch die, Straßen, um dann die Wicdcrgcncßung zii. feiern. Plötzlich blieb AI stehen und blickte an einem großen, schlichten Gebäude empor, über dessen Eingoug ein Satz in hebräischer Schrift angebracht war. . „Wart Ihr schon einmal da drinnen?" fragte AI. Betty schwieg. Bob > meinte, daß er schon einmal in einem solchen Gotteshaus gewesen sei. Das sei ober schon lange her, ' - als er noch ein Junge war. Der Tag seiner Barmizwah stelio ihm noch im Gedächtnis, als sei es gestern gewesen. Jetzt aber sei er' scHon viele Jahre in keinem Gotteshaus mehr gpwesijn.-. , „Wißt Dir", und wieder wurde AI sehr ernst,'-„bevor wir unszusammensetzen und eine WiedorgeneBungafeier; machen, möchte ich mich bei einem, bei IHM bedanken,; ohne dessen. Wirken ichwohl kaum noch so vergnügt mit Euch Spazierengehen würde. Meint Ihr nicht auch, daß es recht und billig ist?" Bob sah ihn verwundert an. Hatte AI sich inzwischen bo gewandelt? Aber, dann faßto er sich und sagte: „Aho gutt AI. Wenn Du meinstl" AI. sah auf dio Uhr. „Ich glaube, wir kommen gorado zu Mincha zurecht. ■ Und dann schritten sie die Trcppo hinauf, durch die schworo Eingangstür. Und traten ins Gotteshaus. Hebräifch mit Honig Wie man früher das hebräische Alphabet lernte — Dio Bibel in der Wiege — Talmud für Mädchen verboten — Geld bei I der Ehe nicht ausschlaggebend In dem von uns bereits besprochenen Almanach des Schockenverlages auf das Jahr 5696 ist auch .ein Aufsatz von Leopold Zunz, „Aus dem Leben der Juden im Mittelalter", enthalten, aus dem wir nachstehend einige kulturhistorisch Interessante Abschnitte veröffentlichen. Schon in dor frühesten Erziehung der Kinder war jede Handlung der väterlichen Religion zugewandt. Sollte der Knabe dio heilige Schrift zu lernen anfangen, wurde or gewaschen und reinlich gekleidet von einem Lehrer, der ihnj unter den Mantel nahm, nach der Schule begleitet und zu dem Schullchrer hingeführt. Hier bekam er mit Honig und Milch eingerührte Kuchen, Obst' und andere Leckerbissen; sodann wurde ihm auf einer Tafel von Pergament oder Holz das hebräische Alphabet, vorwärts und rückwärts, vorgezeigt und vorgesagt, und die. mit Honig bestrichenen Buchstaben von dem Knaben abgeleckt, worauf er wieder zu seiner Mutter zurückgebracht wurde. Der Tag, an welchem er in der Schrift zu lernen anhob, wurde als ein Festtag mit einem Gastmahl gefeiert. Man begann mit dein dritten Buch Mose, demselben Buche, das dem Knaben, als er •den bürgerlichen Namen erhalten, in der Wiege unter den Kopf gelegt worden war. An einigen Orten geschah die erste Übung in der Tora am Wochenfeste mit Tagesanbruch; man deckte die Kinder sorgfältig zu, um sie auf dem Wege nach der Schule vor dem Anblick unreiner und störender Dinge zu bewahren. Nachdem der Knabe dem Lehrer auf den Schoß gesetzt worden, ließ man ihn die Worte nachsprechen: „Die Lehre hat uns geboten Mose", „die Lehre sei mein Geschüft." „Er (Gott) rief Mose." Auf dem Honigkuchen — dergleichen nn diesem Feste auch die Erwachsenen aßen — den einige nur von den Händen einer Jungfrau bereiten ließen, stunden die Verse Jcsaia 50,4 5: „Gott der Herr bat mir eine Zunge für Lehrlinge gegeben, daß ich den Müden zu stärken wisse mit dem Wort; er erweckt je am Morgen, erweckt mir das Ohr wie Lehrlinge zu horchen; Gott der Herr hat mir das Ohr geöffnet, und ich sträube micli nicht, weiche* nicht." Auf der Schale eines gekochten Eis standen die Worte aus Ezechiel 3,3: „Er sprach zu mir: McnsclicriBohn nähre deinen Bauch und deinen Leib fülle mit dieser Holle, die ich dir gebe. Ich aß und sie war in meinem Munde wie Honig so süß." Beide Bibclstellen mußte der Knabe dem Lehrer Wort für Wort nachsprechen, worauf er Kuchen und Ei zum Essen bekam; man versprach sich von dieser Speise, daß sio dem Kinde Fassungskraft verleihe. ... In dem Alter zwischen dem fünften und siebenten Jahr fing der regelmäßige Schulbesuch an. Der ganze Tag, selbst ein Teil der Nacht, ward in der Schule zugebracht. Dem Lehrer war es verboten, mehr als vierzig Knaben zusammen zu unterweisen, oder sich eines andern ZüchtifjungsmittclB als eines kleinen Riemens zu bedienen; einem Jähzornigen wurden die Kinder abgenommen, einem Unverheirateten gar nicht unvertraut. Gegenstünde des Unterrichts waren: hebräisch Lesen; Ubersetzen der täglichen Gebete; Auswendiglernen der üblichsten Segensprüche; Ubersetzen des Peiitatcuchs, auch der Psalmen; Vortrag des akzentuierten Textes; Verständnis der leichteren Kommcntarien; Einübung der Mischna, wohl auch schon einzelner Gcmara- Abschnitte. Für Schreiben, Grammutik und anderweitige Fertigkeiten mußte in der Regel sonstwie gesorgt werden, und für dio Studien des vorgerückteren Alters gab es eine Talmudschulc, ein Bet hu-midrasch, wo die Jünglinge, tcilb aus eigenen Mitteln, teils durch die Unterstützung vort Wohltätern und Tora-Vereinen, bei einem oder mehreren Gcsetzlehrcrn sich in den talmudischcn Kenntnissen tüchtig zu machen strebten; denn die Gesetzesstudien galten nicht nur als pflichtmäßig, heilbringend, für eigene und fremde Vervollkommnung unentbehrlich, sie bahnten allein den Wctr zu dem Lehrer-, Rabbiner- und Richtcrumte und zu Ansehen überhaupt. ... War auch nicht die gesamte jüdische Jugend solchen Studien zugotr.n ,so hat es doch von jener, der Religion allein zugekehrten ersten Erziehung nur wenig Ausnahmen gegeben; in der Heranbildung der Knaben zur Kenntnis des Hebräischen und des väterlichen Glaubens machte Reich und Arm so wenig einen Unterschied, wio gelehrte und ungolehrte Bestimmung. Die Mädchen erhielten freilich keinen eigentlichen Unterricht, und ihnen Talmud zu lehren war sogar verboten; dennoch lernten sie hebräisch lesen, viele selbst den Pcntutcuch, und zur Übung der jüdischen Gebote wurden alle von frühester Jugend an angehalten, daß auch die Frauen in der Glaubcnstroue den Männern nicht nachstünden ... Der Umgang mit den Frauen hatte einen Charakter, <lor heutiger Sitte fast .entfremdet ist. Beide Geschlechter waren überall, auch in dem Gotteshause, scharf voneinander getrennt; das Tanzen von Jünglingen mit Mädchen wurde stet» gemiß-, billigt, oft verboten, war selbst bei der Hochzcitfeicr nicht' gestattet, indem man auf solches Tun den Vors (Spr. 11, 21) anwandte: „Hand mit Hand bleibt nichts rein." Mit einem erwachsenen Frauenzimmer allein zu sein oder einer Verheirateten dio Hand zu geben, war verboten; besonders Frommo sahon weder ein Weib noen dessen Putz an, ja mancher Rabbiner wohnte und Bpoisto getrennt von seiner Frau, dio er aber liebte und chrto, in einem besonderen Hause. Verkleidungen, welche ilic Geschlechter zu erkennen hinderten, gestattete man nur in Gefahren, höclistcnB zur Lust am Purim, nicht bei Festgclagen. Bei der Ehovcrbindung sollen dio Besseren nicht auf Geld allein, sondern auf dio guten Sitten des Mädchens und den Lebenswandel seiner Brüder, und man zog eine fromme und rechtliche Prosclytin einer Jüdin vor, der, diese Eigenschaften gebrachen- Eine Verbindung, dio der ■ Neigung der jungen .. Leute zuwider, oder bei welcher das Mißverhältnis des Älter» groß war, wurde nicht gebilligt. Jüdisches Lchrhaus. Die Donnerstag-Vortragsreihe und dio \ Morgenfeiern werden in diesem Winter gemeinsam von dem . Jüdischen Lehrhaus und der Bialik-Lchrstütte der Berliner Zionistischen Vereinigung durchgeführt.' Dio Eröffnung deB Wintersemesters erfolgt am Donnerstag, den 17. Oktober, 20.15 Uhr, im Großen Saal des Birüdervereinshauses, Kurfüratcnstraßo 115/116, , mit einem Dreigesprüch zwischen Jugendrabbiner Dr. Hein- ' rieh Lemmie-Frankfurt a. M., Rabbiner Dr. Ignoz Maybaum- . Frankfurt a. d.1 0., und Frau Dr. Bertha Badt-Strauß üben- ■ „Unsere religiöse Situation heute". ■ Küslin, Hier verstarb der langjährige Vorsitzendo des Vorr Standes dor Synagogengemeinde, Karl Sabatzky,_ nach langem, . schweren Leiden im 75. Lebensjahr. Der Verewigte ,hat sich:1 um dio Aufrechterhaltung,.de9 Gemeindolebens große Verdienste erworben und nahm auch im allgemeinen Leben der Stadt eino geachteto Stellung «in, so gehörte or eine Zeitlang dem Kuratorium der Stadtbank an. In seiner Grabrede würdigte Prcdigor Mose» aus Greifenberg die Verdienste des Verewigten.