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Jüdische allgemeine Zeitung · 1935-10-02 · 40 (2.10.1935) · page 3

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Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
15 (1935)
Issue
40 (2.10.1935)
Date
1935-10-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Beilage 2. Oktober 1935 JÜDISCHE AUGEMEINE ZEITUNG KOL NIDRE I Von Rabbiner Dr. NORDEN, Hamburg Die alten Lehrer des Judentums, deren Anschauungen und Forderungen in .dem großen Talmudwerk niedergelegt sind, zeichneten sich durch ihre peinliche Gewissenhaftigkeit aus und durch ihr stark ausgeprägtes Feingefühl. Besonders genau nahmen sie es mit Versprechungen und Gelübden: ein Versprechen muß unbedingt gehalten, ein Gelübde unter allen Umständen erfüllt werden. So fordert es ja schon die Tora: „Wenn jemand dem Ewigen ein Gelübde tut oder einen Schwur ausspricht, sich eyie Entsagung aufzuerlegen, so soll er sein Wort nicht brechen; nach all dem, was aus seinem Munde gekommen, soll er tun" (4. B. M. 30,3). Und: „Wenn Du dem Ewigen, Deinem Gott, ein Gelübde tust, so säume nicht, es zu erfüllen; denn fordern wird es der Ewige, Dein Gott, von Dir, und Sünde würde an Dir sein. Wenn Du aber vermeidest zu geloben, so wird keine Sünde an Djr sein. Den Ausspruch Deiner Lippen wahre und führe aus, so wie Du dem Ewigen, Deinem Gott, freiwillig gelobt hast, was Du mit Deinem Mund geredet" (5. B. M. 23,22 bis 24). Auch Koheleth mahnt: „Wenn Du Gott ein Gelübde tust, so säume nicht, es zu erfüllen; denn er hat kein Gefallen an den Toren; was Du gelobst, erfülle. Besser, Du gelobst nicht, als daß Du gelobst und nicht erfüllst" (Koheleth 5, 3 bis 4). In jenen Tagen nun, da unsere .Talmudlehrer lebten, wurden sehr häufig Gelübde getan, ,wir dürfen sagen: viel zu häufig. Das erhellt schon daraus, daß es eines'umfangreichen Talmudtraktats bedurfte, um das Thema zu behandeln; es ist der Traktat Nedarim, der Traktat über Gelübde. Die Gelehrten wußten, daß fortwährend Gelübde ausgesprochen wurden; das war den Menschen nachgerade zu einer täglichen Gewohnheit geworden. Da lag denn die Befürchtung nur allzu nahe, manches Gelübde könnte in Vergessenheit geraten und unerfüllt bleiben. Darum gaben sie den Leuten den Bat,', sie sollten zu Beginn eines neuen Jahres eine Formel sprechen folgenden vorbeugenden Inhalts: „Alle Gelübde, die ich im neuen Jahre tun und deren Erfüllung ich ohne böse Absicht, aus bloßer Vergeßlichkeit unterlassen sollte, ,<lic bereue ich schon im' voraus, sie sollen nicht "als- Gelübde gelten" (Traktat Nedarim 23 b, siehe auch Tosafoth daselbst 39 a und b). In späterer Zeit wurde diese Formel an den Anfang des Gottesdienstes für den Vorabend des Jaum Kippur gesetzt; und nach den beiden Anfangsworten der Formel erhielt der Abend seinen Namen, den Namen Kol Nidre. Wann das geschehen ist und wie es geschehen konnte, daß dabei aus dem „ich" ein „wir" wurde; daß man eine rein persönliche Angelegenheit des einzelnen Menschen zu einer Sache der Gemeinde und des öffentlichen Gottesdienstes machte, ja daß man mit dieser Formel, die doch überhaupt, kein Gebet ist, sogar das heiligste Fest des- Jahres einleitete, darüber besitzen wir keine genaue Uberlieferung. Wohl aber ist uns überliefert, daß bedeutende Gelehrte des Mittelalters über die Einführung der Gelübdeforrhel in den öffentlichen Gottesdienst ihre Mißbilligung ausgesprochen haben. Und für die heutige Zeit hat die Formel schon darum ihren Sinn eingebüßt, weil das Aussprechen eines Entsagungsgelübdes schon lange aufgehört hat, etwas Alltägliches zu sein, so daß von einer entschuldbaren Vergeßlichkeit nicht mehr gesprochen werden kann. r Vielleicht würde diese Formel. denn auchschon endgültig geschwunden sein, wäre, nicht mit ihr die Melodie verknüpft, die zwar mit dem Text der Formel nicht das geringste zu1 tun hat, die uns aber in unnachahmlicher Weise in die heilige, weihevolle J.aum-Kippur-Stimmung einführt! Und so nennen wir •den Vorabend des Festes noch immer überall Kol Nidre, wiewohl in vielen Gemeinden die Gelübdeformel nicht mehr gesprochen und statt ihrer der Melodie der Text eines der schönsten Psalmen untergelegt wird, des 130. Psalms, dessen Worte, gleich der Kol-Nidre- Melodie, eine wunderbare Einführung in den Tag der Versöhnung bilden, Beginnt'doch der Psalm mit den Worten: „Aus der Tiefe rufe ich Dich, Ewiger"; und schließt er doch mit den Worten: „Harre, Israel, auf den Ewigen,* denn bei dem Ewigen ist die Gnade Und viel ist bei ihm. die Befrciurng. Und er wird Israel befreien von allen seinen Sünden." * * .*■■'.•'. Bei den Gelübden, von denen in den biblischen und den nachbiblischeh SchrifteiPgesprochen wird, ist immer die Bede von Gelübden des Mundes. Gibt es denn aber nicht auch unausgesprochene Gelübde, gibt es nicht auch Gelübde des Herzens? Und hören solche Gelübde etwa darum auf, Gelübde zu sein, weil wir sie nicht in Worte kleiden? Jeder Jude, der auch nur ein wenig vom Judentum yeiß, von der Beinheit seiner Gedanlcen, von der Lauterkeit seiner ethischen Forderungen, der wird wohl an jedem Tag in seinem Herzen das Gelübde tun/dem Judeiir tum Ehre zu machen, sich als einen Menschen zu bewähren, auf den das Judentum stolz sein kann. Und nun stellt der Versöhnungstag jeden von uns vor die Frage: „Hast Du Dein Versprechen auch innegehalten, bist Du Deinem Herzenseelübde treu geblieben?" [ Können wir diese Frage mit gutem Gewissen bejahen? Und wenn nicht, gibt es für uns eine Entschuldigung, eine Entlastung? Für das Versprechen, unserm Judentum Ehre zu machen und ihm die Treue zu halten, gibt es kein Vergessen, darf es kein Vergessen geben. Von jenen alten Gelübden, an die die Kol-Nidre-Formel dachte, jenen Entsagungs-Gelübden der verschiedensten Art, durfte es heißen:' „Wir bereuen sie schon im voraus, falls wir sie aus Vergeßlichkeit etwa nicht erfüllen sollten; sie sollen null und nichtig sein, ohne Geltung und ohne Bestand." Von unserm Gelübde aber, dem Gelübde, dem Judentum die Treue zu halten, müssen wir am Versöhnungstag bekennen: „Wir haben es uns nicht immer ernst und gewissenhaft genug vor Augen gehalten." Von diesem Gelübde, das zu jeder Stunde des Jahres hätte Geltung haben müssen, dürfen wir nicht sagen: „Wir bereuen, daß wir es gelobt haben",* sondern müssen umgekehrt sagen: „Wir bereuen, daß wir es nicht erfüllt haben/' Bei der Beue freilich darf es nicht sein Bewenden habeh. Beue ist ein Gefühl, das in die Vergangenheit weist. Nur dann hat Beue einen sittlich-religiösen Wert, wenn mit ihr ein Entschluß verknüpft ist, der der Zukunft zugute kommt. Und da sei erinnert an das Wort des Sängers Asaph im 50. Psalm (Vers 14): „Opfere Gott Bekenntnis, und entrichte dem Höchsten deine Gelübde." Zu diesem Satz bemerkt unser großer Erklärer Baschi: „Opfere Gott Bekenntnis", das will sagen: Lege Bekenntnis ab über deine Taten und kehre zu mir zurück, das ist das Opfer, an dem ich Gefallen habe; und hernach „entrichte dem Höchsten dein© Gelübde", dann werden sie in Wohlgefallen aufgenommen." So legen wir am Jaum Kippur reuevolles Bekenntnis ab über unsere Taten. Es ist das Opfer, das wir unserm Gott darbringen, ein Opfer, an dem er Gefallen hat. Und hernach entrichten wir ihm, dem Höchsten, unser Gelübde: „W ir wollen fortan unserm Judentum Treue halten. Wir wollen stolz auf unser Judentum sein; und das Judentum soll Ursache haben, auf uns, seine Bekenner, stolz zu sein." Gefchichte und Gefchichten um Akiba Zu feinem 1800. Todestag am Jaum Kippur 5696 I Von HANS LAMM Nicht immer sind die Helden der Legenden des Ruhmes würdig, den die Nachwelt um ihr Andenken webt. Ott bleibt die geschichtliche und menschliche Größe weit hinter der sagenhaften zurück. Rabbi Akiba, der — nach der Überlieferung — vor 18 Jahrhunderten am Jaum Kappur den Miirtyrertod starb, steht nicht allein im Mittelpunkt einer Fülle frommer Mären und Legenden und hat nicht nur wohl den abenteuerlichsten Lehensgang all unserer Lehrer, sondern gehört zu den überragenden Köpfen der Tannaitcn. Er bleibt der, bahnbrechende Systematiker des Talmuds. Zentral ist seine Bedeutung nicht allein bei der Konzeption der ersten Mischna-Tcxtc, sondern auch in der Auseinandersetzung mit dem jungen paulinischen Christentum. Welche Bewunderung die Nachwelt für diesen großen Lehrer des Volkes W Aufnahme: Hans Lamm Itubbt Akiba Illustration aus der Münchener Haggadah-Handschrift 1480 empfand, ist am knappsten ira Sifrc zu XI, 22 gesagt, das da lautet: „Ware nicht seinerzeit Rabbi Akiba erstanden, so würde in Israel die Tora vergessen sein". Die geschichtliche Größe des Lehrers Akiba erklärt jedoch nicht zur Genüge diq Volkstümlichkeit des Meisters. .Eine ganze llcilie von Momenten aus seiner Lebensgeschichte sicherte ihm diese besondere Popularität. Jahrzehnte seines Lehens verbrachte Akiba in Unwissenheit; er verachtete sogar dermaßen den Golchrtcnstand, daß er später gestand, er hätte als Jüngling vermocht, Gebildetore eigenhändig zu töten. Akiba war der Sproß einer Froselytcnfamilic und von großer Armut. Häufig fehlte ihm der kärgste Lebensunterhalt. Er wird geschildert als ein Mann von rührender Bescheidenheit und Menschenliebe. Aus den hundorten. von Stellen, an denen der Talmud R, Akiba ben Josef erwähnt',, greifen wie nur einige heraus, die — in mehr oder minder legendärer Form — das Leben dieses Großen in Israel beschreiben oder seine Bedeutung bezeugen. Als Moses' zum himmlischen Herrn gelangte, sah er diesen Kröjilcin und Strichclchon an die Buchstaben der Tora knüpfen, und er fragte ihn: „0, Herr, was hindert dich, deine heilige Lehre ohne diese Zeichen den Menschen zu geben?" — Da ward ihm zur Antwort: „Einst, nach vielen Geschlechtern wird meinem Volk ein Lehrer erstehen, der aus. jedem einzelnen dieser Zeichen eine Fülle gesetzlicher Vorschriften abzuleiten vorstehen wird". Da wollte Moses diesen Weisen erblicken und Bah sich in Akibas Lchrhnus in Bnc-Brack versetzt. Voll Bescheidenheit nahm er in 'der uchtcu llcihc der Schüler Platz, und nichts von Akibas Lchrvortrag war ihm verständlich. Der ihiv daroh befallende Kleinmut schwand erst, als Akiba ehrfurchtsvoll eine „Satzung Moses' vom Sinai" erwähnte. Moses kehrte in den Himmel zurück und richtete an Gott die Frage, warum er nicht durch diesen Weisen die Tora der Menschheit geben lasse. Da sprach der Herr: „Schweige, so ist's von mir beschlossen!" Als darauf Moses erfahren wollte, welchen Lohn diesem Gelehrten würde, erblickte er die Marterszene, da rohe römische Söldner dem lächelnden Rabbi die Haut lebenden Leibes abrissen. Akiba ben Josef, der ein Nachkomme des luiuaitischcn Heerführers Sisera gewesen sein soll, wuchs als armer und völlig ungebildeter Hirtc des reichen Jcrusalcmcrs Kalba Sabua auf. Hätte er nicht die Liebe Bolicls, Kalba Sahnas Tochter, errungen, dann wäre er vielleicht in der dumpfen Unwissenheit zeitlebens verblieben, die seine bisherigen 40 Lebensjahre kennzeichnete. Habel willigte in das Ehegelöbnis, das sie mit Akiba heimlich vollzog, erst, nachdem er ihr geschworen hatte, daß er sich fortan nur der Wissenschaft widme. Als Kalba Sabua von der Hochzeit seines schönen Kindes mit Akiba, dem Hirten, den er dieser Auszeichnung für unwürdig hielt, vernuhm, verstieß er Tochter und Knecht. Beide hielten aber in den nun anbrechenden Jahren bitterster Not zu ihrem gegenseitigen Wort: Aldba bezog die Lehrhäuscr der Stadt, und Rahcl, seine junge Frau, harrte seiner Jahre hindurch in ihrer elendigen Hütte. Rührend war das Selbstvertrauen, mit dem der gealterte Hirt dem Studium oblag: uls er den Tropfen beobachtete, der den Stein genagt hatte, erkannte er: „Wenn das Wasser den harten Fels zu höhlen vermag, dann wird auch das eherne Wort der Lehrer in das weiche Fleisch meines Herzens eindringen können". Rahcl hing mit wunderbarer Hyigabc an ihrem Manne, und es ist überliefert, daß sie ihr schönes Haar aufopferte, um den Lebensunterhalt bestreiten zu können, während Aldba, ihrem Wunsche gemäß, das Bcs-hamidrasch besuchte Als er, lange danach, zu ihr zurückkehrte, umgeben von einer tnusendköpfigen Schülerschar, dio das ärmliche Weib, das sich zu ihm drängte, wegstoßen wollte, sprach er: „Laßt sie zu mir, denn was' ich bin und was ihr seid, verdankt ihr dieser edelsten aller Frauen". Und ein andermal sagte Aldba: „Um der Verdienste der frommen Frauen willen ist Israel aus Ägypten erlöst worden". Ab Rahel einen Sohn gebar, lernte dieser mit seinem Vater zusammen auf einer Tafel die Zeichen des Oleph-Bes. Uberhaupt sollen in den, ersten Lernjahren Akibas seino Fortschritte unmerklich gewesen sein. Zunächst hatte Akiba die Aufmcrksam- ' keit seines Lehrers R. Elicscr gar nicht erregt und dann nur durch dio Unzahl kleiner Fragen, die der ältliche Sehülor unablässig stellte, und so soll er ihn einst angeherrscht haben: „Steinhauer, was klopfst du stets die kleinen Steino vom Berg? Meinst du, daß der dadurch abstürzt und in den Jordan taucht?" — Aber nach sieben Jahren des Lernens stellte Akiba plötzlich eine Frage, die so klug und tiefschürfend war, daß alle -— Lehrer wie Schüler — verstummten; nur R. Josua rief frohlockend: „Siehe, der Berg ist in den Jordan gestürzt; unbeobachtet hat sich der Steinhauer unter den Fels gesetzt, bis daß er jetzt in den Strom tauchte. Nun geht hin und streitet gegen ihn!" Aber von da an war Akiba der größte Weise seiner Tage, und niemand wagte, wider ihn dos Wort zu erheben. Als R. Akiba, nachdem er, angefeuert durch die Standhaftigkeit ' seines Weibes, ein Dutzend Jahro studiert hatte und als gefeierter Gelehrter heimkehrto, traf er seinen Schwiegervater Kalba Sabua, der sich mit Rahel noch immer nicht ausgesöhnt hatte, und er erkannte Akiba nicht. Er erzählte dem berühmten Lehrer von seinem Gelübde, die Tochter und deren Mann nie mehr anzusehen und setzte reuig hinzu: „Wenn jener Hirto nur eine Zeile gewußt hätte, dann hätte ich auch dieso EIio verziehen!" Da gab der Meister sich dem Vater seiner Frau zu erkennen, und in überströmender Freude schenkte Kalba Sabua"~ scinon> beiden Kindern die Hälfte seines ungeheuren Reichtums. Als einst dio Not des Volkes groß geworden war, crliielt R. Akiba von einer begüterten Heidin ein reiches Darlehen. Als er sich beim RUckzahlungstcrmin zu ihr begeben wollte, erkrankte er, und vergebens harrte dio Frau seiner am Meorcsstrand. Plötzlich, äls sie ihre Schritte eben.heimwärts kehren wollte, sah Bie .auf den Wogon ein Küstchen, das voll Gold und Edelsteinen zu ihr getrieben wurde; dio Kaiscrstbchtor eines fernen Landes hatte es im Wahnsinn ins Meer geworfen. Als der wiedcrgenesciio Rabbi zur. Gläubigerin geeilt kam, orzählte sie ihm das wunderbare Geschehen und nahm die, Schuldsumme von ihm' nicht mehr entgegen. Einmal kam auf einer seiner zahlreichen Wanderfahrten R. Akiba /auch an den Ort der Verdammnis. Er hielt einen schwarzen Mann dort an, der mit der Geschwindigkeit eines

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