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Jüdische allgemeine Zeitung · 1935-09-25 · 39 (25.9.1935) · page 2

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Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
15 (1935)
Issue
39 (25.9.1935)
Date
1935-09-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
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In Marokko; Religion—- Männerfache? Angesichts der .bevorstehenden' hohen; Feiertage dürfte die Leser der .Jüdischen Allgemeinen" folgender Bericht Interessieren, den eine Jetzt j In Marokko lebende Jadin aus Deutschland im vorigen Jahre hierher gesandt hat: ' Die Hohen Feiertage! Der aus Deutschland stammende Jude erwartet 910 zum ersten Mal fern der Heimat; mit Gefühlen verschiedenster Art. Er weiß, an diesen .bedeutungsvollen Tagen, werden Erinnerungen übermächtig ■ in ihm aufsteigen, er fürchtet ein wenig dos Neue, ober er hofft auch auf das oft vwrausgeahhtef Erlebnis, im Gotteshaus nicht Fremder Unter Fremden,' sondern Bruder untor Brüdern zu sein. Festlich gekleidet betritt er am Vorabend dos Bauschh'aschonohf es tea den kleinen Tempel, der einen starken Gegensatz .zu den mächtigen Bauten bildet, dio er von zu Hauso kennt, Welch buntes. Bild bietet sich ihm! Neben Mannern in der altüberlieferten Tracht des Judentums sitzen modern gekleidete Herren in hellen Anzügen mit Strohhüten, bunten Basken- oder gar karierten Sportmützen, fast alle ohne Gebetanantcl, ganz unfcicrlicll für unsere Begriffe. In der Frauen-Empore entdeckt der Besucher zil seinem Staunen nur eine einzige Betende.: es ist eine deutsche Jüdin, die die Tür oben ver-, schlössen gefunden und nur unter großen Schwierigkeiten Einlaß erlangt hatte. Religion Bchoint hier mehr Mfinncrsache' zu sein. Am Jörn Kippur sind wohl Frauen anwesend, phantastisch gct kleidet, in hellen farbigen Seidenkimonos, mit bunten Shawls und dem traditionellen Kopfputz, gestickte Pantoffeln an dcn_ Füßen;— dazwischen einige junge Mädchen in europäischer Eleganz — aber sie sind ganz unbeteiligt am Gottesdienst. Sic haben weder buch noch stehen, sie "auf, wenn sich dio Männer feierlich T?„ A-,. £»/VvjII*i -ntt im/i' R*f Grüppenwciso pflogen dio Frauen eifrige Unterhaltung, MhlHxi J±U)9I lUVlVbllfl f*ftvf* WIV MJlll^lV .n V\nd> ... l,An»1iR^4^Mt« nnU mitilinm tlfl/1 1-11 " ' — ein Gebetbuch erheben. x^ A _ kritisieren ihrc'Klcidung'una'' beschäftigen sich mit ihren Kindern, die in allen Altersstufen vertreten sind. SSuglingo kriechen auf der Erde herum und schreien in dio heiligste Handlung hinein. Wer sich in Deutschland über di« Unruhe auf der Frauen-Empore beklagt, der' würdo staunen, wie oft hier vom Synagogenaufseher zur Huhe, gemahnt werden muß.) .■'»'"' i Rausch-haschonoh hat hier nicht dio Weihe und Bcdeutung^die wir Juden aus Deutschland diesem Fest beizumessen gewohnt sind. Der AbcndgottcBdicnst, der knapp dreiviertel Stunden dauertj weicht kaum vom üblichen Sobbaf-Eingang ab. Dio Morgenandadh't beginnt um'acht und ist borcits um neun Uhr beendet. Selbst-, verständlich haben, wie am jedem Sonnabend, alle jüdischen Ge- Bchüfto geschlossen. Aber mit Staunen bemerkt man, daß einzelne Gememdcnütgliedor, z. B. die jüdischen Bankbeamten, ihren Dienst versehen. - Ganz anders am Versöhnung^sfest 1 Schon tagelang bieten die Straßen im Judenviertol ein eigenartiges Bild: man sieht Scharen von Männern mit Hühnern umherziehen, und aus ollen Häusern gackert und kräht es laut: herrscht hier doch noch dio Sitte, daß am Vortage1 des Jom Kippur der jüdische Mann einen Hahn und dio Frau eine Hcnno schlachtet. . Am .Versöhnungsfest liegt tiefe Ruhe übor dor ganzen Stadt. Dio Banken haben geschlossen, ebenso dio Kinos und viele andere Unternehmungen. Jeder Bürger weiß, daß heute der höchste jüdische Feiertag ist, und es ist auch selbstverständlich, daß die „Hebräerinnen", die mit Vorliebe von nichtjüdischen Spaniern^ als Hausangestellte beschäftigt werden, von jeder Arbeit befreit sind. Dio' neuen Tempel der kleinen Stadt, sind vom frühen. Morgen an überfüllt, und auf den Straßen und Platzen hört man den überlauten Gesang der Andächtigen, dio mit tiefer Inbrunst an diesem heiligen Tage , ihre Gebete zum Himmel richten. In Palästina: Auf heiligem Boden Von Professor Dr. WALTER ROTH Haifa, im September. Hohe Feiertage? Die Ne.u j ah r stn go und das Versö.hnuhgsfest, die heiligsten Tage der Juden; sie unterscheiden sich in Palästina äußerlich kaum von den andern Feiertagen und den, gewöhnlichen Sabbaten. Es ist hier alles viel einfacher, primitiver, und ungezwungener. Wio die Synagogen Palästinas im Äußeren und Innern durchaus nicht mit den Prachtbauten zu vergleichen sindj die man in den europäischen Hauptstädten findot, so gehen auch dio Menschen in dio jederzeit geöffneten Tempel, selbst an den Feiertagen, in der hior in den Sommermonaten üblichen Tracht. Allerdings rasieren und dio Haoro schönmachen, läßt sich wohl jeder zum Sabbat und Feiertag, wenn er auch sonst sich in der Arbeitshost. manchmal vernachlässigt. Auch die F r a u e n,;die' in West-Europa zu den Hohen Feiertagen ihre neuesten Modeschöpfungen und Herbsthüte zur Schau trugen, treten hier bescheiden in ihrem Feststaate auf. Sie sitzen meist in unzulänglichen Nebenräumen des Gotteshauses, in denen sie kaum etwaB sehen,, noch gesehen werden; Emporen findet man fast gar nicht. Als vor einiger Zeit ein würdiger Herr, der aus Deutschland gekommen war, mit schwarzem Rock und Zylinder, in eine der Synagogen von Haifa ging, bildete dies noch tagelang den Gesprächsstoff. Dos Einfache, Ungezwungene/ das ja auch sonst in dem Leben und Treiben' in Paulstina zum Ausdruck kommt — keine Arbeit schändet) man wird nicht nach seinem Beruf und Beinem Amt beurteilt — hat natürlich auch seine Schattenseiten. An den Feiertagen z. B. zum' Gottesdienst möchte man etwas mehr Würde und Süßere Andacht hoben. Es gibt Juden.aus Deutschland, an Orgel- und Chorgottesdienst gewöhnt, die sich in den hiesigen, mehr traditionellen Ton nicht, hineinfinden können. Es sind daher mit Recht Bestrebungen im' Gange, auch ihren Wünschen zu entsprechen,. um sie nicht "dem Gotteshausbesuch ganz zu entfremden. In Tel -Awiw gibt es auch bereits eine deutsch-jüdische Gemeinde mit einem Berliner Rabbiner an der Spitze, der auch regelmäßig in deutscher und hebräischer Sprache , predigt. In den Übrigen Gotteshäusern hört man keine Predigten in der, in Deutschland gewohnten Weise. Denn die hiesigen/ Rabbiner spielen im Gottesdienst bo gut wie gar keine Rolle. Sie kommen vielfach gar nicht in die Synagogen, da sie meist in ihren Häusern eigeno Minjonim halten. Scherzweise sagt man in Haifa, daß die Rabbiner mit den Juristen die Rollen getauscht hätten: Denn die Haupttätigkeit der Rabbiner besteht außer in dem Vornehmen von Trauungen und Scheidungen, auch in möglichst einfachen Formen, in der Schlichtung bürgerlicher Streitigkeiten, Während fromme Juristen an dor Stelle der Rabbiner an den Sonnabend-Nachmittagen Vorträge über religiöse Themen halten. Gerade das Fehlen dor Rabbiner in .den Gottesdiensten; der Mangel einer Autorität bringt' es i mit sich, daß der „Minhag" regiert, daß sich Gebräuche und Sitten in den Gottesdienst oft eingeschlichen haben, die sich kaum rechtfertigen lassen, und daß manchmal Aufregung und Unruhe in den Gottesdienst gebracht werdon,' die seiner Würde nicht entsprechen. Es ist daher; nur zu wünschen, daß die Juden aus Deutschland mehr Interesse als bisher an dem Gottesdienst und auch an den Verwaltungen der Gemeinden nehmen, um ihren Einfluß mehr zur Geltung zu.bringen- Dies gilt übrigens auch für die Beerdigungen, die vielfach sehr formlos sind. Jeder, dor zum ersten Male einen Gottesdienst in Palästina besucht, freut sich über den Anteil, den dio Jugend daran nimmt, die ja überhaupt in ihrem gesunden Aussehen und ihrer Ungezwungenheit den Stolz Palastinas ausmacht. Die Kinder beherrschen das Hebräische, so daß es ihnen keine Mühe macht, dem Gottesdienste zu folgen und sich daran mit ihrem Gesang zu beteiligen. Um so mehr ist zu bedauern, daß auch die Einsegnungen liier so weihelos vor sich gehen. Der Barmizwah- Knabe sagt dio Breche, violleicht auch die Haftaro, liest mitunter auch ein Stück, des Wochenabschnittes vor, aber sonst wird im Gottesdienst keine Notiz weiter davon genommen. Rausch-haschonoh ist der einzige Feiertag in Palästina, an dem zwei Tage hintereinander „gehalten" werden. An den übrigen FeBttageu wird in Palästina nur je ein Tag gefeiert. An den beiden, Neujahrstagen sind natürlich olle Geschäfte und sonstigen Unternehmungen geschlossen, und es wird, außer in den lebenswichtigen Betrieben, an beiden Tagen nicht gearbeitet; die Hohen Feiertage unterscheiden sich darin aber nicht von den gewöhnlichen Sabbaten und andern Festtagen. Am Versöhnungstng wird zu Mittag meist eino Pause in den Gottesdienst von ein bis zwei Stunden eingelegt. Der Gottesdienst selbst ist an den Hohen Feiertagen im allgemeinen, von kleinen Abweichungen ubgesehon, der gleiche wio in der ganzen jüdischen Welt. Und doch berühren einen hior in Palästina, auf historisch-jüdischem Boden, die heiligen Gebete, dio Vorlesungen aus der Tora und den Prophetenabschnitten mit ihren Schilderungen und Prophezeiungen, mit Ihren Mahnungen und Verheißungen, mit ihren Hoffnungen und: Drohungen ganz besonders. Mag auch manches Äußerliche im' Gottesdienst und Gotteshaus in Palästina reformbedürftig sein, für jeden ist es wbhl ein Erlebnis, zum ersten Male auf neiligem Boden andächtig sein zu können. Wünfche an das neue Jahr Daß alle Versorgten jetzt versorgt würden.;* Daß man. auch für die wieder etwas übrig haben kann, für die nian was übrig hat.; . i Daß man „sich wieder um die k ü m m e r n kann, die bekümmert sind, .!' ■ ■, * Daß wir wieder dem nachkommen können, was wir uns selbst schuldig sind. Daß wir denen nie, zu nahe treten, die uns nahe stehen. Daß wir vom Kleinkrieg des Alltags uns nicht kleinkriegen lassen. ■'.';'.. " Fritto. . Die Selbsthilfegruppe der jüdischen Bunden in Deutschland bereitet' ein Blindenjahrbuch vor (Blindenkalender). Dob 'Buch! enthält u. a. außor einem jüdischen und allgemeinen Kalender eine Novelle von Stefan Zweig, eine Reihe belletristischer Stücke über Blinde Von Blinden und Sehenden, Bowie einen Artikel, der über den Stand der jüdischen Blindenfürsorge unterrichtet. Die . Selbsthilfegruppe will durch den Verkauf des Jahrbuchs, das nur 0,90 RM. kostet, Mittel beschaffen, um ihren Schicksalsgefährten Weiter zu helfen. Das Jahrbuch ist zu . beziehen durch die jüdischen Buchhandlungen, und Herrn Eugen Krohn, 'Berlin- Wilmersdorf, Badensche Straße 21. Der Tag der Erneuerung Eine Legende von Dr. Martin Knim Das Licht der Morgendämmerung erhellte das Zimmer des Lchrhduses, als einer der Schüler, die während der ganzen Nacht mit dem Rabbi disputiert hatten, der Müdigkeit nicht mehr widerstehen konnte und einschlummerte. Der Schüler träumte. . Träumend erlebte er nochmals dio Disputation und hörte den Rabbi sprechen: „Die Neujahrstage/ sind die Tage des Gerichts. Man darf deri Satz auch umkehren. Der Tag des Gerichts ist der Tag der Erneuerung." Doch bald änderte sich das Traumbild. Der Schüler weilte plötzlich in einem großen Saal, vor einem riesigen, mit dunklem Tuch überzogenen Spiegel und vernahm den Ruf: „Heute ist der Tag 'des Gerichts. Was iBt das Gericht? Daß du die Folgen deiner Gedanken und Handlungen erkennst." Unsichtbare Hände entfernten das den Spiegel verhüllende Tuch, und der Atemlose erblickte im Spiegel die Folgen aller Gedanken, die er irgend gedacht, und aller Handlungen, die er irgend getan hatte: eine' nicht zu ermessende Fülle von Glück und Leid, von Segen und Fluch für unzählige Wesen, je nachjdem ob er Gutes oder Böses gedacht und getan hatte. Da erklang es: v „Das war der Tag des Gerichts. Du kennst jetzt.die Unermeßlichkeit deiner Verantwortung. Der Tag des Gerichts ist der Tag der Erneuerung." , n 1 Der Schüler erwachte. Ein .Geist der Feude und Verklärung senkte sich auf ihn nieder. Ihm war zumute, als habe er von Gott ein neues Herz empfangen. ' Das Berliner Jüdische Museum zeigt'seit Sonntag in einer Sonderausstellung des Werk eines altbekannten jüdischen Künstlers, das allein schon durch die Vielfältigkeit der Stoffgebiete und der Techniken Intercsso beansprucht. Emil Pottn e r beschränkt sich nämlich trotz seines Namens, der auf die Abstammung aus. einer .Familie hinweist, die zur' Töpferschcibo in Beziehung stand, keineswegs nur auf keramische Arbeiten, scino berühmten Tierplastiken; er ist zugleich Maler, Graphikor, Bildhauer und Architekt,, und wenn man dio Texte, die er zu Tier- , büchern geschrieben hat, berücksichtigt, Poet dazu. In dieser Ausstellung wimmelt es von Enten, Mövcn, Wildgänsen und Papageien; ciii weißer Truthahn aus Majolika beherrscht monumental weithin das Feld, und auf farbenfrohen Bildern tummeln sich Hühnor und andere gefiederte Hof- und Gartcnbowohncr. Wie ein Gewcbo aus. Farbe muten zwei Bilder an, die einen Einblick in ein Vogelhaus gowähren. Überall, prägt sich die starke Tierliebe des zweiundsechzigjührigen Künstr fers aus. ■ ■ Daß alle diese Schöpfungen aus getreuester Naturbeobachtung heraus entstanden sind, spürt mon deutlich, auch wenn man nicht wüßte, daß Emil Pottner in seinem kleinen Besitztum an der Havel über eine Vogclmenagerio verfügte. Aber Pottncr zeigt nicht nur Tiere hinter Gittern, sondern auch Menschen in Freiheit. Deutlich zu unterscheiden zwei künstlerische Epochen seines Lebens: eine frühe Münchener Zeit mit dunkleren Tönen (z. B. das Selbstporträt) und eine mehr aufgelockerte und lichtere Berliner Epoche („Plauderei"). Aquarelle, graphische Blätter, farbige Holzschnitte, Skizzen und Entwürfe zu keramischen ■Arbeiten geben einen schönen Uberblick über den breiten Schaffensbercich des Künstlers. Ein amüsanter „Anbau" zeigt einen spanischen Festeaal in der Größe einer Puppenstube, in dem vom Kachelofen bis zum Wandschmuck alles aus Majolika besteht. Emil Pottncr, der für seine Kunst nie die Reklametrommel gerührt hat, ist Jude. Er ist der Sohn eines Kantors. Ist aber seine Kunst deswegen jüdische Kunst?; Der Hüter und Mchrer der Schatze des Berliner Jüdischen Museums, Professor Dr. Franz Landsberger., hat in diesen Tagen im Philo-Verlog ein Buch erscheinen lassen, in dem er auch die Frage noch dem Wesen einer als jüdisch anzusprechenden Kunst, auch wenn sie keine jüdischen Motive behandelt, zu beantworten versucht. Während Rohöl WischnitzeriBernstcin in ihrem kürzlich an dieser Stelle besprochenen Werk^ die Symbolik in der jüdischen Kunst deutet und auf ihre Ursprünge zurückführt, will Landsberger in seiner „Einführung in die jüdische Kunst", wie schon der Titel des Buches besagt, erkennen lehren, inwieweit es jüdische Kunst und jüdische; Künstler gibt, deren jüdische Eigenart zu künstlerischer Gestaltung' drängt. Landsberger verzichtet dabei, im Gegensatz zu Rahcl Wischnitzcr-Bcrn- Btein, auf die gelehrte Darstellung der Wissenschaft. Er behandelt die Fragen mehr im Plauderton unprofessorolen Anschauungsunterrichts, wie denn auch dos Buch aus Vorträgen entstanden ist, die Dr. Landsberger in den jüdischen Kulturbünden des Reiches gehalten hat. In klarem, zwanglossich aus dem Stoff ergebenden Aufbau behandelt er die Architektur in der Form von Synagogenbauten als einen Ansatzpunkt für jüdische Kunstbetätigung. Er verbindet geschickt die Betätigung der Juden, im Kunsthandwerk mit belehrenden Hinweisen auf Kult und Kultur in Synagoge und Haus und durchforscht .das Leben des jüdischen Menschen von der Geburt bis zum Tode, von den mit Sprüchen und Ornamenten bedeckten Tafeln am Bett der Wöchnerin bis zu den Formen der Grabmalkunsr. An mittelalterlichen Handschriften wird die Liebe zur illustrierenden Darstellung dokumentiert; an Toraschmuck, Mcnora, Besomirnbüchsen, Sedertellcm, Jahizeitlonipcn, Trauringen der schöpferische Anteil der Juden an ihrem Kultgerät überzeugend dargetan. Landsberger macht aber mit Recht darauf aufmerksam, daß das jüdische Kunsthandwerk Bich nicht auf dio Dinge des Kultus beschränkt, sondern sich auf Teppichweberei, GoldBchmicdekunst, Glasarbeit, Miniaturmalerei, Medailleurkunst und Pctschierstcchcrei erstreckt. Auch als Waffenschmiede kommen Juden frühzeitig vor. Den letzten Teil seines Buches widmet Landsberger einer grundlegenden Untersuchung über den jüdischen Stil, über die Eigenart jüdischer Kunstwerke an Schöpfungen von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart. Zum Schluß spricht der Verfasser den' Wunsch aus, daß die jüdischo Kunst, die trotz ihrer zeitlichen Dauert noch eine junge Kunst ist, da ihr, erst seit dem neunzehnten) Jahrhundert große Künstlcrpersönlichkciten beschieden sind, ihre Eigenart noch stärker herausarbeite. Aber er warnt mit Recht davor, diese „Jüdischkeit" etwa durch die Wahl jüdischer Themen oder durch Kopieren altjüdischer Kunstwerke bewußt zu verstärken, da ein solches rein intellektuelles Sich-Vornehmen des Eigenen für den Künstler eher abträglich ab fördernd sei. „Wenn man diese Eigenart mehren will", schließt Landsberger sein Buch, „so kann das nur durch eine tiefere Versenkung in jüdisches Wesen geschehen, also durch Faktoren, die den gonzen Menschen orgreifen und von hier aus in das Schaffen des Künstlers einströmen. Eine solche Versenkung scheint dem Judentum unserer Tage beschieden. Darum sind die Aussichten günstig, der jüdischen Kunst eine immer stärkere Prägung, einen immer stärkeren Wert zu vorleihen." Ein reiches und gut ausgewähltes Bildmaterial, in mustergiltigcr. Anordnung erhöht noch den Wert des Buches, das als Einführung in jüdisches Wesen und jüdischen Geist weiteste Verbreitung verdient. . E. Ta. > Wichtig für die jüdischen Musiker. Die Rcichsvertretung der deutschen Juden teilt mit: „Alle Künstler, welche in den,, letzten ' Tagen ein Schreiben de.r Reichsmusikkamme.r betr. ihre Mitgliedschaft bei dor Rcichsmuaikkammer erhalten haben, werden ersucht, sich umgehend schriftlich, unter Mitteilung ihrer Adresse und ihrer bisherigen Berufsart, beim Reichsvorband' der: Jüdischen : Kulturbünde in^Deutschland '• (Sonderdezernat F.), Berlin SW68, Charlottenstraße 90—92, zu melden." , Judentum in der Welt 1 : . '' ' , . . Unter dieser Sanunelüberschrift ist das. SeptenjberrOktober- Heft des „Morgen" als Doppclnummer• erschienen. Sachverständige und kritische Betrachter jüdischen Lebens >'in Amerika, Rußland, auf dem Balkan, im Donauraum, in Frankreich und Nordafrika, in Holland, England und Skandinavien haben unendlich .wertvolles und aufschlußreiches Material zu dein Kapitel Jüdisches Schicksal beigesteuert. Die Aufsätze bringen keineswegs nur Material aus Daten und Zahlen; sie' lassen in fesselnder Weise aus Schicksalen und Gestalten, aus Verhängnis und Hoffnungen ein Gesamtbild kulturellen, religiösen und politischeil Lebens der Juden jenseits der deutschen Grenzen entstehen. „Unsere durch eigenes Erleben geschärfte' Beobachtungsfuhigkcit für die Entwicklungsrichtung der Judenheiten anderer Länder ', scheißt es im Leitaufsatz des Heftes, „kann nur dann fruchtbar gemacht werden, wenn sie nicht zerstört, sondern aufbaut. Sie darf sich nicht dazu verleiten lassen, waldlos zu verwerfen, was nicht durch die eigene harte Schulo gegangen ist' und sich auf einem gleichgerichteten Wege befindet. Vor der Wucht der indischen Existenz in allen ihren Erscheinungsformen, vor der Realität dieser 16 Millionen Juden in der Welt hat jeder einseitige Doktrinarismus zu verstummen. Aus der Torheit bedenken- . loser EntwicklunRsfrcudigkcit sind wir in Gefahr, in die entgegengesetzte Torheit zu verfallen: in dio Verzweiflung an jeder weiteren Entwicklungsmöglichkeit überhaupt. Mit einem Federstrich sind wir bereit, Werte preiszugeben, dio Leben und Zukunft < der großen jüdischen Masse umfassen, nur weil uns selbst vor der Zukunft hange geworden ist . . ." Verse, .eine Kolnidre- Novöllc, Glossen und Buchbesprechungen vervollständigen den V vielfältigen Inhalt des dokumentarischen Heftes.

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