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Jüdische allgemeine Zeitung · 1935-09-25 · 39 (25.9.1935) · page 1

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Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
15 (1935)
Issue
39 (25.9.1935)
Date
1935-09-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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BERLIN 25. September 193S F^tkUf^^khiß^u^ PREIS 25 PF. Nr. 39 / 15. Jahrgang JÜDISCHE ALLGEMEINE Schrlttleltung und Geschäftsstelle: Beflln - Charlottenburg 2, BlelbtreustraOe 2. C 1 Stelnpl. 3703. Bankk.: Kredltveroln I. Handel u. Qewerbe eOmbH, Berlin N 24 Postscheck-K.: Berlin 25720 - Bezugspreis: RM. 1,- monatlich (zuzflgl. RIA. 0,10 Zoltnngsgebuhr und Bestellgeld), boi Btroltbandvonoud zuzflgl. RM. 0,30. NEUE FOLG DER JODISCH-LI Vorlag: Vorlagagcnoaflonachaft In Deutschland ansäaaigor Juden zu Borlln cGmb!!., Bln.-Charlott onburg 2, Btoibtrouetr. 2. Anzoigonpr.: Dio 12geap. mm - Zelle Rpf. 8, für Famlllenanzelgen Rpf, 6, rür Stellengesuche Rpf. 5 Bei unverschuldeter Niohtbellofoning besteht kein Anapruch auf Vergütung, ERALEN ZEITUNG Rausch haschonoh 5696 Neuaufbau jüdifchen Lebens Das neue Arbeitsprogramm der Reidisvertretung In der Haftara des zweiten Rausch-haschonoh- Tages läßt Jeremia den ewigen Gott Israels sprechen: „Halte ein deine Stimme vom Weinen und deine Augen vom Tränen." Die Loslösung der Juden aus der deutschen Volksgemeinschaft ist durch die Gesetze von Nürnberg eine vollendete Tatsache geworden und somit unserer Diskussion entzogen. Diese Gesetze ziehen den juristischen Schlußstrich unter eine Epoche von etwa 125 Jahren. Es wäre Heuchelei zu verschweigen, daß wir durch die nunmehr ausgesprochene Trennung aufs tiefste berührt sind. Aber es ist nicht die Stunde, sich schmerzlichen Gefühlen hinzugeben und Vergangenem nachzutrauern. Wir stellen nicht nur am Beginn eines neuen Jahres, sondern einer neuen Zukunft. Unser Blick muß nach vorwärts gerichtet sein, auf einen Neuaufbau jüdischen Lebens innerhalb der nunmehr umrissenen gesetzlichen Grenzen. Der neue Staat, der durch grundlegende Gesetze das deutsche Blut und die deutsche Ehre schützt, will auch der jüdischen Minderheit einen Lebens- und Wirtschaftsraum lassen, in dem sie sich betätigen kann, und in dem vor allem unsere Kinder als ehrliebende und selbstbewußte jüdische Menschen aufwachsen können'. Gerade die junge Generation, die von vornherein in jüdischem Geist und jüdiseher Tradition erzogen wird, und die es vielfach leichter hat, zu den Quellen des Judentums zurückzufinden, war auf der anderen Seite der Möglichkeit ausgesetzt, in einer Atmosphäre der Gegensätze leichter ihr Gleichgewicht zu verlieren. Die jetzt erfolgte Abgrenzung wird, wie wir bestimmt hoffen, das erträgliche Verhältnis zur Umwelt schaffen, das die Führung des Staates erwartet, und unserer Jugend die Möglichkeit geben, sich zu aufrechten Menschen zu entwickeln. Auch für das Wirtschaftsleben geben die neuen Reichsgesetze, so schmerzlich der Trennungsstrich für uns Juden auch ist, eine gewisse Klarheit für die Zuktuift. Da Juden Reichsbürger und damit Träger der vollen politischen Rechte nach Maßgabe der Gesetze nicht werden können, ist ihr politischer Einfluß völlig ausgeschaltet. Im Gebiet der Wirtschaft jedoch sind die bisherigen Bestimmungen bestehen geblieben. In der mehrtäusendjährigen -jüdischen Geschichte haben sich ständig Epochen abgelöst, in denen die jüdische Gemeinschaft den Einwirkungen der Kultur der Umwelt besonders zugänglich und aufgeschlossen war, und andere, in denen sie zu ihren eigenen ewigen Werten zurückkehrte und sich auf die Wurzeln ihrer Kraft besann. Wir Juden in Deutschland stehen an einer solchen Wende. Wir werfen einen Blick zurück auf das Wertvolle, das uns deutsche Kultur und deutsches Geistesleben in. fünfviertel Jahrhunderten gegeben haben. Wir gehen der Zukunft entgegen in dem Bewußtsein, daß the Besinnung auf unser eigenes religiöses," geistiges und kulturelles Gut uns 'die Kraft geben wird, innerhalb des Gebietes, das man uns zugewiesen hat, ein Leben der Würde und der Ehre zu führen. .Eine planvolle Gestaltung jüdischen Lebens ist freilich nur möglich, wenn alle geschlossen, (unter Einsatz persönlicher Opfer, mit eiserner Disziplin und unter Hihtanstellung von Einzelinteressen an die gewaltigen Aufgaben herangehen, die uns in der historischen Stünde des deutschen Judentums gestellt sind. Die Reichsvertretung als die verantwortliche Füh-> mng der Juden in Deutschland, als diejenige jüdische Instanz, hinter der fast das gesamte deutsche Judentum steht, hat Maßnahmen in die Wege geleitet, die auf der Grundlage der neuen Rcichsgesetzc für eine solche planvolle Gestaltung jüdischen Lebens von entscheidender Bedeutung sein werden. Das Arbeitsprogramm. der Reichsvertretung, das wir nachstehend veröffentlichen, setzt eine moralische und wirtschaftliche Existenzmöglichkeit der Juden in Deutschland voraus. Es bedeutet in vielem eine geradlinige Fortsetzung der bisherigen Tätigkeit dieser Spitzenorganisation, insbesondere auf dem Gebiet des Schulwesens, in der Bildung der jungen Menschen zu jüdischen Charakteren. Die Reichsvertretung hat auch die Vorarbeiten geleistet, die für .eine Auswanderung von Juden aus Deutschland erforderlich sind. Sic wird der Auswandererfrage in einer Zeit, in der dieses Problem für eine immer größere Anzahl von Menschen von Bedeutung wird, erhöhtes Interesse schenken und dabei dem Äui'bau Palästinas als der Kraftquelle der Gegenwart und der Hoffnung für die Zukunft ihre ganze Hilfe zuteil werden lassen. Eine Voraussetzung für die zielbewußte, sinnvolle Gestaltung jüdischen Löbens im engeren Raum wird auch eine engere Zusammenarbeit und Zusammen^ fassung der jüdisohen Organisationen erforderlich machen, und es werden auch da, wo es notwendig ist, personelle Veränderungen nicht ausbleiben. Nicht die Person soll dabei entscheidend sein, sondern die Sache, die kraftvolle Selbsthilfe bedeutet. Die Reichsvertretung, hat die Neuordnung der Dinge energisch in Angriff genommen. Daß sie dabei auf die Unterstützung, die Disziplin und Opferbereitschaft der allerweitesten Kreise des Judentums in Deutschland rechnen kann, zeigen die Unterschriften all der maßgebenden großen jüdischen Organisationen, die durch ihre Unterschrift die Entschließung des Präsidialausschusses der Reichsvertretung sanktioniert haben. *' . Die Erklärung der Ilciclisvcrtrctung veröffentlichen wir auf Seite 2 25 Jahre Köpenicker Synagoge Anläßlich des 25jülirigcn Bestehens der Synagoge Köpenick (Freiheit 8) findet am, Vorabend des Rauach-haschonoh-Festeä Freitag, 27. September, abends 6 Uhr, in der Synagoge eine Gedenkfeier statt. Dio Synagoge wurde, nachdem sich dio Gemeinde Köpenick bis dahin mit ßetsülen beholfen hatte, am 25. September 1910 eingeweiht. Die Weihepredigt hielt der auch heute noch amtierende Prediger Sally Frank. Die Gemeinde Köponick wurde erst vor einigen Jahren auf ihren Wunsch in dio Jüdische Gcmcindo Berlin eingemeindet. Dio Gedenkrede anläßlich der Jubiläumsfeier wird wiederum Herr Prediger Frank halten, der sich um den Gemeindebezirk Köpenick große Verdienste erworben hat. Die höhere Wirklichkeit Von Rabbiner Dr. HERMANN M. SÄNGER Die hohen und gewaltigen Tage, die am Beginn des jüdischen Jahres stehen, scheinen eine Abkehr von der Wirklichkeit zu sein. Dem Fluß der Zeit und dem Ablauf der Tage setzt der Mensch eine Pause, ein Innehalten! . Die Forderung der Seele, der Schrei des Herzens ist beim Juden stärker als der Ruf der ungebändigten Zeit. Nach all dem Schweren, dem Zusammenbruch mancher Träume an harten Wirklichkeiten, den uns das letzte Jahr gebracht hat, kann man vielleicht einwenden, daß doch die Wirklichkeiten und Tatsachen des Lebens stärker sind als aller menschliche Wille. Alles wird von ihnen widerlegt: Ideologien, die ein ganzes Weltbild zu stützen glaubten, Überzeugungen, die. für manchen von uns die Grundlage seiner moralischen Existenz gebildet haben, sind erschüttert worden. Im wahrsten Sinne J'me teruoh, Tage der Erschütterung sind die ersten Tage dieses Neuen Jahres für uns alle. Erschütterte stehen in den Gottesdiensten, jüdische Menschen, die bis ins Innerste aufgewühlt sind .durch ihr Erleben. Erschütterung ist freilich die Wirkung alles großen Geschehens, Kennzeichen des Augenblicks echter Geschichte. Aber es kommt heute in dem Herzen vieler Juden nocli eines dazu: das ist kein Positivum, das ist Enttäuschung, Müdigkeit, die schlimmer ist als tätige Verzweiflung, ein Sichabfinden, lähmende Resignation. An diesen Tagen steht der Jude seiner Wirklichkeit gegenüber. Es ist eine Wahrheit, wie die Paradoxic des jüdischen Wesens es will: jenseits der Wirklichkeit jeden Tages. Der Jude trägt ein doppeltes Gesicht, das dem Haß anderes sagt als der verstehenden Liebe, die seine gefurchten Züge enträtseln will. Es ist ihm nie gegeben gewesen, Mensch wie alle zu sein, Alltagsmensch, er war seit jeher der Andere, der ewig Andere, und es ist vielleicht diese Stellung im Zwielichte des Unverstehens, dies Martyrium jeden Tages eine härtere Probe, als der Einsatz des Lebens selbst. Zwischen Brandmarkung und Erwählung läuft jüdisches Leben ab. Nur der Erwählte Gottes hat die Kraft, der Gezeichnete unter den Menschen zu sein. Das wollte das Segenswort sagen, „wie die Sterne am Himmel und wie der Sand am Ufer des Meeres": wenn Israel steigt, dann steigt es bis zu den Sternen, erklären die Weisen, doch wenn es sinkt, dann sinkt es bis in den Staub. Auch in seinen Menschen hat das Judentum diese Gegensätzlichkeit immer wieder erlebt, in Gestalten wie Abraham, Mose, Spinoza und in dem Zu RaiiiVli hafdionoh Die Vereinigung für das religiös-liberale Judentum grüßt ihre Brüder und Schwestern an der Schwelle des neuen Jahres in herzlicher Verbundenheit. Heute ist die Zeit, in der wir nach dem Wort unserer Tora alle vor dem Angesicht des Ewigen, unseres Gottes, stehen. Die ganze Kraft jüdischer Arbeit diene dem inneren, diene dem seelischen Aufbau unserer Gemeinschaft. Jüdisches Wissen, jüdisches Erleben soll in jedem Hause, in jedem Herzen gefestigt werden. Das ist unsere Arbeit, der sich keiner entziehen darf, der wir alle dienen und opfern müssen. . ' . „ Aus den ernsten Stunden der Einkehr, dievor uns liegen, wollen wir die Verheißung unseres Gebets mit uns nehmen, doli Tcschuwoh, Tcfilloh, Zcdokoh — Umkehr, Gebet und jüdische Tat — das Verhängnis dieser Zeit überwinden. Vorstand der Vereinigung für das religiös-liberale Judentum . Heinrich Stern. Wir sind Ihnen herzlich dankbar, daß Sie uns in der „Jüdischen Allgemeinen Zeitung" Gelegenheit geben, eine Botschaft der Hoffnung und der Freundschaft zu senden. .. ' . , . . Wir hoffen, daß das Neujahrsfest den Juden in Deutschland Erhebung bringen wird und eine weitere btprkung des religiösen Glaubens, der das Erbe einer hehren Vergangenheit ist. ' . Wir haben das Bedürfnis auszusprechen, daß Ihre Glaubenstreue und -stiirke ein Ansporn ist für alle Glaubensnruder, tue sich mit Ilmciiverbunden fühlen. Gottes Segen ruhe auf Ihrem Werkt World Union for progressive Judaisrae - . Claude G. Montcfiore. Lüy H. Montagu.

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