Mannheim
Compact Memory

Jüdische allgemeine Zeitung · 1935-09-25 · 39 (25.9.1935) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
15 (1935)
Issue
39 (25.9.1935)
Date
1935-09-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/4109741-2613367-2613405--478-2615325
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

''^H*' ' T ■PTTW Wann en TAGdes POSAUNENSCHALLS \ l Von Dr. S. ASCHNER V / . Ein „erhabener Tag" wie Rausch-haschonoh ist schon näherer geschichtlicher Kenntnis wert, auch für den Laien, der nicht nur erbaut, Bondcni auch angoregt und gefördert sein will. Einer solchen Anregung sollen folgende Zeilen\ dienen. Unsor Neujahr ist zunächst nicht, wie allgemein geglaubt wird, ein grundiüdischcs Fest in dem Sinne, daß cs1zuni. religiösen Urbestand dos Judentums gehört hätte. Das ist es erst nach und nach geworden. Die ältesten jüdischen FeBto waren Sabbat, jPcsaach, Schowuaus, Sukkaus, olle vier anfangs Bauornfeste, Ruhe- und Ernetage. Auch der Sabbat diente ja dor allwöchentlichen Ruhe von Ochs und Esel, Knecht und Magd vom schweren Felddicnst. Mit dem Pcssach verband sich allerdings sehr früh schon die nationalo Erinnerung an Moso und den Auszug, und solche Verbindung wurde mit ,dcm Wachsen der religiösen Idee natürlich immer enger. (Anders steht es mit Rausch-haschonoh und Jaum Kippu^. Das sind rein kultische Feste, abhängig vom Priester und Altar, abhängig in erster Linie vom Zcntralhciligtum in Jerusalem. Sic können also überhaupt erst seit Snlomo möglich geworden sein, und zweifellos haben sie in den Sünd- und Sühncopfcrn und LuBlrationcn dieser Zeit ihre allererste, wenn auch kaum mehr genau nachweisbare Wurzel. Bezeichnend für die zunächst geringe religiöse "Bedeutung solcher 'Opferfeste, ja für ihre Existenz überhaupt, daß sie das Dcuterononium in seinem Fcstkatalbg, 16,16 nicht einmal nennt, und damit bt schon ein Datum gewonnen, da ja dos Dcuterononium unter König Josias um 600 v. publiziert worden ist, zu einer Zeit, da das Neujahr bestimmt noch nicht in unserem Sinn begangen worden sein kann. Es war dazu erst die aufwühlende Tätigkeit der Propheten, waren die Leiden nötig; die seit Josias das Volk bedrängten, um die Verinnerlichung und Weihe unseres Festes vorzubereiten und zu begründen. Daß das, vereint mit dem Versöhnungstag, noch vor dem Babylonischen Exil (586 v.) zu Stando kam "St möglich, aber kaum zu erweisen; es müßte denn sejn, daß dio Gesetzesvorschrift Leviticus 23,24 und Numeri 29,1, wonach am ersten Tage des siebenten Monats heilige Veikündigung sein soll und. ein Tag des Posaunenschalls, noch vorexilisch ist. Danach war Rausch-haschonoh anfangs noch keineswegs Neujahr, und das konnte es in der Tat erst in Babylon werden, als man dos babylonische Jahr kennen lernte und übernahm. Der babylonische Tbchritu (Tischri) ist nämlich, wie sein Name besagt, Jahresanfang, Neujahr. Was war dann aber Rausch-haschonoh eigcntUch? — Gedächtnistag des Posauncnschalls. Das kann sich nur auf die Akcdoh, Abrahams Opfer auf dem Berge Moria, beziehen, das ja den höchsten Idealismus des Opfers ab Bereitschaft und Hingabc des Selbst an Go\tt darstellt, dazu noch verbunden mit einer höchst eindrucksvollen mächtigen Verherrlichung der Opferstatt, dea Tempelbcrgcs Moria. Auch der heilige Willo des Propheten flammt hier zu höchster Glut auf, Verinnerlichung des Menschen über den bloßen Kult hinaus, Mcnschcnhinga.be, „Da' bin ich"- statt dor bloßen Hekatomben von Fleisch und Fett. Wir wissen nun nicht, wann diese crBtcn malmenden S eh o f a r.k 1 ü n g*e des Rausch-haschonoh zum allerersten Mal erschollen, jedenfalls aber war bestimmt im zweiten Tempel Rausch-haschonoh, und selbstverständlich auch Jaum Kippur, in seine hohen Ehren eingesetzt, allerdings kaum bei den hellcnisÜBchpn Juden, auf dio dio Kultur von Hellas und Rom Bchon allzusehr abgefärbt hatte, wio denn auch Flavius Joscphus in seinen „Altertümern" davon nichts weiß. Für die Männer der Mischnaist Rausch-haschonoh in erster Linie Ncujahrstag, und zwar weltlicher, im Gegensatz zu dem alten religiösen Neujahr im Nissan, dem Termin für die Brach- und Jobeljahrc, für die Opferhebe der Baumfrüchte, sowie Feld- und Gartenernten. Ungcmeuio Sorgfalt wurde auf dio amtliche Feststellung, Bezeugung und Verkündung des Monats Tischri verwandt, dio nicht selten von Ketzern oder Samaritancrn böswillig gestört wurden. Aber daneben war und wurde dieser Tag erst recht zum Gedächtnistag des Posauncnschalls, .um so mehr als auch dio Verkündung des Jobeljahrcs an diesem Tage nicht ohne Schofar erfolgen konnte. Nach der Zerstörung des zweiten Tempels (70 n.) war Rausch-haschonoh zunächst wieder in Frago gestellt. Der Retter war Rabbi Jochanan ben Sakkai, der RauBch-haschonob! nach Jabno und in die Synagoge verpflanzte, und es war ein großer Moment, wenn, wie die Mischna, Rausch-haschonoh n,4, berichtet, dio das Fest ansagenden Fackclschwinger an der babylonischen Grenze das „ganze Exil" wie ein jubilierendes Flammenmeer vor sich sahen. Auch dio Grundlage unserer Ncujahrsgobetc war damals schon vorhanden, die Malkijaus, Sichraunaus, Schoufraus, die den Tag so festlich gestalten. Weniger entwickelt war jedoch die Bedeutung als Jaum hadin, ab Tag des Gerichts. Sie war da, bewies aber erst in der Folgezeit, in den Jahren tiefster seelischer Not, ihre ganze Kraft. Jedenfalls sagt schon die Mischna (Rausch-haschonoh 1,2): „In vier Jahreszeiten wird die Welt gerichtet, am Pessach in bezug auf das Getreide, am Wochcnfcst in bezug auf die Baumfrüchte, am Ncujahrstag ziehen alle zur Welt Gekommenen an Gott vorübor, und am Hüttenfest in bezug auf deu Regen." Diese gehcimnbvollc, jenseitige, von tiefsten Urwcltschauern erfüllte Heerschau aber, der Inbegriff dieses großen Tages für uns Heutige, die Idee von Gott als Weltenrichter, ist schon sichtbar der Kern zu dem erschütternden Gebet, in dem die ganze Weihe des Rausch-haschonoh liegt, dem Uncsanneh taukef. Begegnung mit einem Wundermann Ein Erlebnis von I. E. PORITZKY Der Verfasser der nachstehenden Schilderung Ist der im Januar dieses Jahres verstorbene Schriftsteller I. E. Porltzky, aus dessen Nachlaß uns dieses Erlebnis zur Vertagung gestellt wurde. Es behandelt eine Sitzung mit dem vor dem Kriege In der ganzen Welt bekannten Hellseher fteeje, der damals auf der Höhe seines Ruhmes stand, und dessen Tricks spater von Prof. Llebert, Max Dessolr, Albert Moll u. a. enthüllt wurden. Wenn sich Porltzky In dem Aufsatz auch als „ungläubigen Thomas" bezeichnet, so verrät er doch bei allem Skeptizismus, den Hang zum Mystischen, der In Gespenstergeschichten, Mysterien und dem Schauspiel „Die unsichtbare Kraft" selnen'Aus. druck gefunden hat. Behördliche Maßnahmen haben.inzwischen dem Unfug des Wahrsagens ein Ende bereitet. Diesmal war er im Westminster-Hotel abgestiegen, und dio Zeitungen hatten über seine Ankunft lange Berichte gebracht, als handolte es sich um eine berühmte exotische Persönlichkeit. „Dieser Mann", schrieb der Berichterstatter eines Berliner Blattes am 22. Juni 1907, „bedeutet nicht mehr und nicht weniger als einen Widerspruch zu aller bisherigen Erkenntniswissenschaft. Und er bedeutet zugleich ein Problem in der Welt unserer Erfahrungen, zu dessen Lösung keines von den Verstandesmitteln, die dör Mensch im'Laufe der vieltausendjührigen Kulturen erworben hat, nur annähörnd hinreicht." . In Universitätskreisen war der Hellseher übrigens :eino bekannte Persönlichkeit. Der große französische Gebirnanatom Charcot Hand vor der hellseherischen Kraft dieses Mannes mit seinem Wissen ebenso verdutzt und hilflos da, wie die Wiener Fachgelehrten, die den amerikanischen Zauberer kennen; zu lernen und vergebens zu erforschen versucht, haben; denn er selber vermochte^ nicht die geringste Auskunft über seinen sechsten Sinn — wie es Charcot nannte — zu geben. Ich erwähne das; weil ein Berliner Professor, der sich viel, mit den dunklen Fragen, des Hypnoüsmus und Spiritismus, der' Telepathie und Clairvoyance beschäftigt hat, betonte, die 'mit Prophetie - begabten Menschen hätten sich bisher noch nie den befugten Vertretern der Wissenschaft vorgestellt. ' \ Das Gelübde Ep; stammte * von jüdischen :- Eltern ab;' die irgendwo in posenscher Erde ihre Leiber an die Mühle des Universums zurückgaben. Eine atavistische Pietät trieb ihn jedes Jahr von - Amerika nach diesem posenschen Ort, wo er sich am Sterbetag der Eltern, der Melancholie der Erinnerungen, hingab, auf den Friedhof ging, ein paar Efeublättchcn abriß und in der Synagoge das Totengebet sprach. Er behauptete allerdings, er hätte ein Gelübde getan, sich ,bb zu seinem Tode alljährlich diese Reise aufzubürden. Dieses fast krankhafte Einhalten eines sentimentalen Gelöbnisses . hatte ihn auch jetzt wieder nach Deutschland getrieben, und wie immer, blieb er auf der Rückreise eine Woche oder zwei ia Berlin. Kaum hatten dio Zeitungen seine Ankunft'mitgeteilt, als alle Welt ihn zu bestürmen begann. Ein turbulentes Schauspiel, das sich da von früh em bis in die spate Nacht vor dem HoVeleingang abspielte. ..' i. ' „Sie wollon also, daßwir an die Jungfrau von Orleans als eine Prophetin glauben?" fragte ihn die geschiedene Gräfin K. in . ihrem gebrochenen Argot. „Wäre es nicht bequemer, diese „zwischen, Himmel und Erde" befindlichen Dinge der ' zukünftigen ^Naturwissenschaft zu' überlassen? Könnte Dallies, der noch ein junger Psychologe ist und gute medizinische Kenntnisse besitzt, diese Dinge nicht klären helfen?" Seine Antwort war: „Nein, der wird im Jahre 1908 eines sehr sonderbaren Todes sterbon."; Alles , schwieg bestürzt. Und der junge . Gelehrte, der. von diesem Gespräch nie erfahren, konnte — dcnn.er befand sich um W Zeit: 'auf ,;d.en Smaragdinseh\ der >Südse'el um doi Pidjinfcnglisch der Papuas zu'studieren — starbTin'der. Tat" ami 12. Mai 1 1908; das heißt, er starb Dicht, sondern er wurde regelrecht als Festbraten eines Negerstammes im Bismarck-Archipel verzehrt. Hier sind noch einige Leistungen unseres Professors: Er hat das Erdbeben von San Franzisko fünf Monate vorausgesagt; wenn man die Nummern jenes Zeitungsjahrgangs zurückßlättert, wird man fünf Monate vor den Ereignissen Notizen, allerdings ironische Notizen, über die Weissagung des Erdbebens lesen. Ebenso prophezeite er den russisch-japanischen Krieg und seinen Ausgang ein halbes Jahr vorher. Er hat dem König Eduard von England wichtige politische Dinge zu sagen gewußt, für die er von ihm einen Brilfantring von hohem Werte erhielt. Mit Skepsis gewappnet Ich selbst erlebte dies: aber ich muß, bevor ich erzähle, daran erinnern, daß ich kein Phantast bin. Es genügt nicht, daß man mich nur für einen ehrlichen Menschen hält; man müßto mir auch glauben, daß ich einen sehr nüchternen Verstand habe. Außerdem versichere ich chrenwörtlich, daß ich bei meinem Bericht weder etwas hinzusetzen, noch etwas hinwagnchimcnl werde, sondern die Tatsachen so klar und einfach zu schildern versuche, als ein Mensch mit gesunden Beobachtungsorganen es nur immer vermag. Daß ich weder an Spuk glaube, noch an irgendeine Materialisation der Gebtcr, und daß ich endlich in keiner Beziehung medial veranlagt bin, darauf lobte ich den feierlichsten Eid. Nicht umsonst habe ich dem skeptischsten, ironischsten und materialistischsten Philosophen ,der Weltliteratur -eine große Monographie gewidmet, mit dessen Anschauunugcn ich mich oft identifiziere. Kurz, ich bin das, was man einen ungläubigen Thomas nennt. Das sind dio nüchternen Tatsachen: Vor einigen Wochen war ich eines Nachmittags zwbchen fünf und sechs Uhr bei Lady Th. zum Tee geladen; sie erwartete den Besuch des. amerikanischen Wundermannes. Sie hatte ihn selber erst tags zuvor in Gesellschaft kennengelernt und hatte alle ihre: ■ Überredungskunst aufgeboten, um ihn für eine Stunde zu gewinnen. Das Äußere dieses, eines Amadäus Hoffmann würdigen Mannes machte einen höchst frappanten Eindruck. Er war. auffallend dickbäuchig, eher klein als nüttelgroß, und hatte einen mächtigen, brutalen Kopf, in 'dem die Augen eines geschickten Beobachters flink hin und her liefen. Er mußte über eine außerordentliche Muskelkraft verfügen. Ein kahlköpfiger, riesiger Schädel, ein glattrasiertes, rotes Gesicht, hervorstehende blaugrüne, Augen, eine, stumpfe Stubsnase, ein Falstaffleib auf kurzen, säulenfcsten Beinen, . grobe Hände, Züge, wie sie Balzacs gewaltigen Votrin gekleidet haben ,würden; altes das zusammen machte den Mann zu einer ganz besonderen Erscheinung. Man taxierte ihn als einen Fünfziger; er war aber bereits siebenundsechzig Jahre alt. Er kam pünktlich, und wahrend unserer Unterhaltung, diel sich anfangs um alltägliche Dinge drehte, rauchte er eine schwere Zigarre nach der andern, die er immer aus der äußeren Jaketttosclio holte, wie die Kinder ihre Bonbons. Dann erzählte er mir, ohne sich einer prahlerischen Geste zu bedienen und lediglich, um zu unterhalten, eine große Menge Wunderdinge, die.er verrichtet habe. Ich dachte: „Erzahle du nur immer, was du willst;' ich glaube keinen Deut." Ich machte sogar aus meinem Mißtrauen und Unglauben keinen Hehl. ■ . . ■• A ' /„Gut", sagte der Professor; „nehmen Sie einige leere Stückchen Papier, und gehen Sie in ein entlegenes Zimmer. Richten Sio. dort fünf odor sechs Fragen an mich oder auch wieviel Sie wollen! Schreiben .Sie jede Frage auf einen besonderen, Zettel, falten. Sio diese Zettel dann möglichst oft zusammen uud dann ^■fmti^A W-.'i-i'-':. V' '• jidLr.*8.; kommen ..Sie. ::y(^F,.,jr^w^/',j,i.;f. ''■•(Fortsetzung folgt),: ,; .M . { Aufn.: Holtmann (4) 1. Rnusch'hasch^qn'oh in alter Zeit., Holzschnitt ans dem: Jahre 1723i — 2.,;go, entsteiyVin iScholar, -rj9- Untewicfct im Schofar blasen.-— 4. Rausch baschonoh — heute. .■; i,. ■" ' >"<»tr•>u, J»«C^.'t» s VWihiffl-n1 r lU 'J' * 1 >■ „^.ptj^J^j4^Mi\^n%Jam w^to

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.