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Jüdische allgemeine Zeitung · 1935-09-18 · 38 (18.9.1935) · page 4

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Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
15 (1935)
Issue
38 (18.9.1935)
Date
1935-09-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Nicht das Wundor, sondern „die Wahrheit ist das Siegel Gottes." 6) Was den Stempel dor Wahrheit an Bich trügt; was durch seinen Inhalt sich als Wahrheit ausweist, nicht aber, was durch einen wunderbaren Äußerlichen Vorgang beglaubigt wird, bezeugt sich als gSttlich. „Wenn in deiner Mitto ein Prophet nufatoht oder ein Träumet und gibt dir oin Zoichon oder oin Wundor, und das' Zeichon und Wundor, wovpn er za dir -gesprochen; trifft tatsSoUloh. oin; or sagt abor: wir wollon, anderen Gottorn nachgqhon, die du nicht, kennst, und ihnen dionen — höro nioht auf dio "Worto dieses Prophoton oder Tränmors." 7) - , Nicht immer und nicht überall steht das jüdische Schrifttum auf der Höhe dieser Erkenntnis. 8) Aber daß dio geistig Hochstehenden unter unseren Alten den Wunderglauben von rein theologischem Gesichtspunkt aus als lästig und unbehaglich empfunden haben, unterliegt keinem Zweifel, Er erschien ihnen als cino der göttlichen Weisheit unwürdige Vorstellung und unvereinbar mit der Rcingcistigkcit Gottes. So haben Mnimonidcs 9) und - die Bibclcrkl&rer die meisten Wundcrcrzählungen durch Exegese 10) und Allegorie beseitigt. So deutet schon die Mischna dos Wunder der erhobenen Hände Moses, die den Israeliten den Sieg gegen die Amalckitcr verschafften, und dio Heilkraft der ehernen Schlange symbolisch. 11) So redet die Mischna von den zehn Schöpfungen, die im Zwielicht des Sabbatvorabends geschaffen wurden, durch welche eine Itcihc von Wundern, unter anderen auch die Gottcsstimme am Sinai, in den Schöpfungsakt zurückverlogt wurden — eine Art präslabilicrtcr Harmonie. 12) Ja, an einer Stelle wird das Wünder ah Kriterium der Wahrheit vom Talmud direkt ■abgelehnt. 18) Man hat durch rationalistische Erklärungen das Wunder zu retten vorsucht. Aber das ist das Unglück der Religion, daß immer aufs neue der Versuch unternommen wird, mit unzulänglichen Mitteln unhaltbare Positionen zu verteidigen. Damit hat sich die Theologie in schlechten Ruf gebracht. Es leann nicht die Aufgabe der Theologie sein, die Wahrheit zu verschleiern, eich auf apologetischen Schleichwegen in das Gebiet der Wissenschaft einzuschmuggeln und damit all ihr Ansehen aufs Spiel zu setzen. Die Religion hat ihren eigenen Heimatort und muß sich hüten, ihre Grenze zu überschreiten. Was vor das Forum der Wissenschaft gehört, muß sie ihr überlassen. Aber in gleicher Weise hat auch die Wissenschaft der Religion die Rahn frei zu machen und darf nicht den Anspruch erheben, die kompetente Instanz für Glaubensfragen zu sein. In einem hinter uns liegenden materialistischen Zeitalter hat die Wissenschaft darauf bestanden, daß es kein Forum der Wahrheit geben dürfe als sie selbst. Nun ist der Wissenschaft zweifellos zuzugestehen, daß nichts Wahrheit sein könne, was ihr widerspricht. Aber kann die Wissenschaft mit Fug behaupten, daß alles, was die Wissenschaft mit ihren exakten Methoden nicht nachweisen könne, nicht existiere? Wenn alles, was sich nicht auf dem Wege wissenschaftlicher Forschung erweisen läßt, Illusion wäre, dann wären alle sittlichen Fostulate und ästhetischen Wertungen, alle Lebensnonnen und Ideale, die sich allesamt nicht wissenschaftlich herleiten und beweisen lassen, nichts weiter als" Phantome. Kann es wirklich die Aufgabe der Wissenschaft sein, zu zeigen, daß der Glaube an eine von der sinnlich wahrnehmbaren Welt verschiedene Wirklichkeit, daß der Glaube an Sinn und . Wert des Daseins, daß die Antworten der Religion auf die Fragen nach dem Woher, Wohin, Wozu der Menschen und Völker, nach ihrem Geheimnis und ihrer Bestimmung Illusion und Torheit sei? Bedeutet es nicht eine unausdenkbare, unerträgliche Verarmung des Lebens, wenn alles, was nicht dem Bereich des exakt Beweisbaren angehört, in das Fabelrcich verwiesen wird? Natur ist nicht die ganze Wirklichkeit. Das eben hat die Wissenschaft den Vielen, die /die höchsten Lebenswerte nicht entbehren wollten, in Verdacht und Mißkredit gebracht. Das hat die Vielen, aus Angst vor der gähnenden Leere, dem Okkultismus, der Theosophio und jeglicher Art von Mystik und Aberglauben in die Arme getrieben. , Vor diesem Abgrund hat die Wissenschaft Halt zu machen und dio Grenzen ihrer eigenen Macht zu respektieren. Sie hat anzuerkennen, daß es neben der rationalen Erkenntnis eine neuq, andersartige Erkenntnis gibt, die aus. einer neuen Erkenntnisquellö entspringt und ihre EigengcsctzUchkeit, ihre Souveränität und Berechtigung neben, ja affektioncll über dem Wissen hat. Diese neue andersartige Erkcnhtnisquclle nennen wir Offenbarung. 14) Nicht der Mensch ist der Schöpfer seines Glaubens. Nicht der Prophet redet, sondern c s redet in ihm, zu ihm. „Er steht in des höheren Herrn Pflicht, er gehorcht der gebietenden Stünde." Die Seele des Alls rauscht in seinem Innern, das Feuer Gottes brennt in seiner Seele.. „Es war in meiner Seele wie brennendes Feuer, eingeschlossen in meinem Wesen, ich hatto nicht die Kraft, es zurückzuhalten", ruft der Prophet Jcrcmia. 15) Alle wirkliche Religion ist ein Empfangenes, keine einseitige menschliche Funktion. Wäre Religion nicht geoffenbart, so wäre ' sie nicht vorhanden. Zu dem Glauben an Gott, untrennbar damit verbunden, gehört der Glaube an seine Offenbarung; denn ohne sie könnten wir nichts von ihm wissen. Der Gedanke „Gott" setzt die Tatsache seines Empfängnisscs voraus. Das Vorhandensein von Religion ist der Beweis für die Offenbarung. I Die Offenbarung ist aber auch keine einseitige göttliche Funktion. Sie ist ein inneres Licht des Menschen und ein Hineinleuchten Gottes in dio Seele, „denn bei dir ist die Quelle des Lebens, in deinem Lichte schauen wir Licht". 16) Offenbarung ist ein Hineinragen des Göttlichen in das Irdische und des Irdischen in das Göttliche. Eine Enthüllung letzter Verborgenheiten, Revelatio, wie es dio Lateiner nennen, eine Entschleierung des Angesichts der jenseitigen Wirklichkeit. 17) Gott wartet gleichsam G) Ausspruch des Rabbi Chanina, Talmud babli Sabbat 55 a. 7) Deut. 13, 2—4. B) s. Dout. 18,22; vgl. Saadia Emmunot w'Dcot, Einleitung und Kapitel 3. 9) Insbesondere in soinom Mischnakommcntar anläßlich dor Erklärung von Pirko Abot 5, 9, aber auob, in froiüoh abgeschwächter Woise, in Moro Nobuohim; vgl. hierüber Julius Quttmann, dio Phil. d. Jud., 3. 192 f. 10) Durch -Exegoso'beseitigt Muimonides in den orston 46' Kapiteln seines Moro dio meiston Wunderorzählungon. 11) Rosch Haschana 3,8. 12) Pirko Abot 5,9. 13) Baba mozla 59 b. 14) Vgl. Mas Wionor; ,,Zur Geschieht» des Offonbarungsbcgrüfs" (in Festschrift zu Hermann Cohens 70. Geburtstag), S- 2: „Es ist von vornherein . klar, daü nur in der soharfen Trennung zwisohen dem gottgesohenkton und dem aus dorn Monschengoist autochton geboronen Wissen, nur tn der entschiedenen OegenUber- — Jo, Entgegenstellung der beiden Erkonntnlswogo jener thoologischo Begriff (nämlich der Offonbarungskegriff) in soiner Bodoutung und Tragweite orkannt werden konnte" 15) Joromia 20,7. IC) Psalm 30,10. 17)' Hermann Cohon in „Dio Religion der Vernunft aus den Quollen " des Judentums", S. 97, lohnt dio Boschreibung der Offonbarung uls Rovolatio entschieden ab, indem or sich darauf beruft, daü das - Wort „Offenbarung" nicht gebräuchlich und traditionell soi; der technische Ausdruck Bei „Mattan Tora, dio Gabo dor Tora", und dioso dabo bergo koin Mystorium in sioh. Wonn abor dor Offonbarungsvorgang vom gosumten orthodoxon Judontum als supranaturalistisoho Vorbaliuspirution angesehen wird,- so dütfto Offenbarung nach jüdisouor Lohro doch . atwas mohr soin als'„dio Sahöpfung dor Vernunft" (ib. 8.84). — Ahnlich wie Jlormanu Cohen subümiort , Franz Rosonzweig in „Dor Starn der Erlösung" den Begriff dor „Offenbarung" als „dio nllzoit. ornouorto Geburt dor Scelo". darauf, daß dio Menschen ihr inneres Auge und Ohr öffnen, um ihn zu schauen und zu hören. Seine Wasser rauschen ohne Unterlaß und'harren der Schöpfenden aus. göttlichen Brunnen. Wie wir leibliche Sinne haben, um die materielle Welt wahrzunehmen, so ruht in uns eine verborgene Fähigkeit, Gott zu erfahren. Es ist das eine neue Seefische Kraft, ein neuer intuitiver Sinn, der neben den natürlichen Erkcnntnisqucllen existiert und über ihre. Wahrnehmung hinausragt. Die fünf Sinne sind Fenster unserer Seele, die uns dieäußero Wirklichkeit offenbaren. So gibt es. verborgene Fenster in unserer Seele, die Gott zugewandt sind. Eine innere Erfahrung gibt es, durch die wir zu einer lcnsejts der Sinncnwelt gelegenen Wirklichkeit in Beziehung treten können, eine unmittelbare innere Erfahrung, die ohne logische Vermittlung die Wahrheit des Glaubens cbcnBO bezeugt, wie durch .Sinneswahrnehmung die Wirklichkeit der äußeren Ersclicinungswelt bezeugt wird. Erkcnhtnistheorctisch ist die Realität der sichtbaren Welt keine absolute Gewißheit, da sie primär lediglich ein Bewußtscinsvorgang ist. Erkenntnistheoretisch könnte man das Dasein der Welt eine Illusion nennen, die nur in unserem Denken oder Vorstellen existiert. Wir glauben aber an die objektive Tatsächlichkeit, an die reale Wirklichkeit dor Welt, weil wir von unserm Denken auf das Vorhandensein des Gcdaohtcn schließen. Man nennt dies den Glauben an die Identität von Denken und Sein. Genau so haben wir als religiös-gläubige Menschen die unmittelbare Gewißheit, daß unserm Glauben an eine göttliche Wirklichkeit eine tatsächliche, seiende göttliche Wirklichkeit entspricht. Ja, der Gläubige ist von seinem Glauben tiefer ergriffen und stärker überzeugt als der Wissende von seinem Wissen. Denn umnittelburcr erlebt der religiöse Enthusiasmus seinen Gott, bIb der Intellekt, der erst mittels der äußeren Sinne und der Erfahrung die Welt begreift. Daher kommt es denn auch, daß der Glaube persönlicher, leidenschaftlicher, fanatischer ist als die Wissenschaft, deren bezeichnendes Merkmal es geradezu ist, unpersönlich, leidenschaftslos, pbjoktiv an die Dinge heranzutreten. Der Gottcrfülltc ist immer ein Gottbegcistcrtcr. Man hat diese neue seelische Erkcnntnisquellc Gefühl, Intuition, Ekstase, wohl auch Mystik genannt. Name ist Schall und Rauch. Die Theologie nennt sie Offenbarung und kann trotz aller Einsprüche der kritischen Philosophie nicht auf sie verzichten. Will man sie unbegreiflich nennen, sei's darum. Sie ist in der Tat mit dem nüchternen Verstand nicht zu begreifen. So wenig wie jedes echte Geheimnis. Will man sie em Wunder nennen, warum sollen wir das Wort scheuen? Aber es ist, im Unterschied zu den erzählten Wundern der Vergangenheit ein Wunder, das noch heute, das zu allen Zeiten und von allen Menschen erlebt werden kann, wenn die Voraussetzungen dazu gegeben sind. Das eben ist das Neue und Große an dieser Auffassung der Offenbarung, daß wir sie selbst erleben und unmittelbar erfahren können. Und es ist in Wirklichkeit nicht eine neue Auffassung der Offenbarung, sondern nur die Wiederentdeckung ihres ursprünglichen Sinnes als eines sclbstcrlebtcn Aktes. Die Offenbarung, die nnderen zuteil geworden, und wenn sie millionenmal reicher wäre als unsere selbstcrlcbte, macht uns nicht so reich; wie ein eigenes und sei es noch so leises Berührtwerden von Gott. Was nützen der dürstenden Seele die Wasser, mit denen andere ihren Durst gestillt haben I Uns selber gelüstet nach den heiligen WaBsern, die uns lebendige göttliche Kräfte zuströmen, Kräfte, die uns erlösen aus dem Grauen eines kalten, blinden Mechanismus kausaler Notwendigkeit, Kräfte, die eine gottentstammte Freiheit in uns entbinden und uns stark und tapfer, demutig und gottesfürchtig machen. Das ist ein Offenbarungsglaube, der nicht so sehr eine Weltanschauung als eine Weltbewertung und Weltüberwindung bedeutet. Diesen Glauben kann keine Wissenschaft erschüttern. Glauben und Wissen haben nebeneinander Raum. Zwei Könige, herrschen sie in verschiedenen Reichen. Wir aber können Bürger beider Reiche sein, des Reichs der natürlichen und des Reichs der göttlichen Wirklichkeit, die man auch das Reich der Ewigkeit genannt. Jedesmal, wenn in der Synagoge der Aufgerufene seinen Schlußdank für die Gabe der Tora spricht, sagt er, daß Gott, mit Verleihung der Tora „Leben der Ewigkeit" mitten unter uns gepflanzt hat. * An diesem Punkte machen wir Halt und besinnen uns, daß esJfür uns nicht nur einen persönlichen, sondern auch einen Gemeinschaftsglauben gibt, ein positiv-hiBtorisches Judentum. Und wenn wir bisher Offenbarung als die Erkenntnisquellö des persönlichen Glaubens, als die Grundlage dessen, was wir Frömmigkeit, Religiosität nennen, definiert haben, so müssen wir für den objektiven Glauben, für die positiv-historische GemcinBchaftsreligion des Judentums um so. nachdrücklicher das objektive Moment, das Traditionelle und Gcmeinschaftbildende hervorheben und würdigen. Was wir darum bisher von der selbsterlcbtcn Offenbarung im Gegensatz zu der geschichtlichen Offenbarung auseinandergesetzt haben, müssen wir jetzt, wo e3 sich um,die Feststellung des Begriffs „positiv-historische Gemeinschaftsreligion" handelt, einschränken und auf das richtige Maß zurückführen. Offenbarung kann nicht anders als persönlich, selbsterlebt sein, es sei denn, daß wir Offenbarung im Sinne von Offcnbarungsreligion nehmen. Offenbarungsreligion hinwiederum kann nicht anders ab geschichtlich sein, es sei denn, daß wir dieses Wort subjektiv im Sinne von Religiosität des einzelnen nehmen. Positive Religion, Offenbarungsreligion, kann nicht von ihren geschichtlichen Wurzeln losgerissen werden. Das haben wir seit den Tagen der Aufklärung gelernt, daß es keine „Religion an sich", keine Religion der Vernunft, keine geschichtslosc Religion in der lebendigen Wirklichkeit gab noch je geben wird. Sie hatte ihre Existenz nur in den Köpfen der Aufklärungsphilosophen, und wenn sie in der französischen Revolution ) durch Konventsbeschluß als Staatsrcligion eingesetzt wurde, so wurde sie ebenso rasch entthront wie auf den Thron erhoben. Das Historische und die Gemeinschaft sind der Mutterboden jeder positiven Offenbarungsrcligion. Eine Religion, dio sich von diesem ihrem Mutterboden losgerissen hat, muß unfehlbar zugrunde gehen. Sie hat ihren' organisenen Zusammenhang mit dem lebendig pulsierenden Leben ihrer Volksgemeinschaft verloren. An Religion hat der Einzelne nur teil als Glied eines geschichtlichen Lcbenskreises. Die bewußte Bindung an die starken Pictütsmomcntc der Vergangenheit, der Fcierklang festlicher Erinnerungen, in denen Seele und Atem zahlloser Generationen mitschwingt, der unvergleichlich wundersame Zauber und die buntbclebtc Färbung des jüdisch-religiösen Familienlebens erzeugen jene eigentümliche ehrfürchtig-heilige GemütBstimmung, auf der dio wirkende Macht der jüdischen Religion beruht. Durch ihren vom Geheimnis umsponnenen, Zauber den Kinderherzen als heilig eingeprägt und unbewußt als Bereicherung und Verklärung des sonst so armen und nüchternen Lobens empfunden, werden die kindlichen Erinnerungen zum klingenden Spiel, das in der Seele des Alters mit süßem Wohlklang widertönt und das Alter mit der Kindheit und die fliehenden Geschlechter miteinander verbindet. Alle Erinnerungen aber münden oder entspringen in dem vom Geheimnis umwitterten Moment der feierlichen Weihe Israels zum geschichtlichen Volk der Offenbarung. Darin liegt auch für uns die überragende Bedeutung dor Sinaioffenbarung. Die Majestät eines einzigartigen geschichtlichen Augenblicks — mag die Tatsächlichkcit des Geschichtlichen wissenschaftlich noch so umstritten sein 18) — umgibt für alle Zeiten diese Offenbarung. Wo \-——_ ( \ 18) Hermann Cohen (a. a. O. S. 82—98) will den Akt dor Siuaioffenbarung ulles mythologischen und nationalen Charakters entkleiden und „den Sinai in das Herz dor Alouschon" verlegen. Jahrtausende eine große Stunde als Geburtsstünde ihrer geschichtlichen \ Bestimmung gefeiert und als ragende Warte in den rollenden Strom, der Entwicklung wie einen ■ Turm ^der Ewigkeit hineingestellthaben, wo tausend Geschlechter mit, dem heißen Pulsschlng ihres Herzensj mit der heiligen'Demut ihrer Seele angebetet haben, da erscheint die Frage nach der geschichtlichen Tatsächlichkeit kleinlich und töricht. Nicht was irgcndeinmal war, sondern was eifür uns geworden ist, das gibt Dun seinen Wert und seine Weihe. Und wenn es ein nationales Epos wärp,,von seiner' Größö und Bedeutung; und vor allem: Von seiner Wahrheit und Gültigkeit, von der Wahrheit und Gültigkeit des Offenbarungsinhalts würde ihm kein Deut geraubt. „Was sich nie und nirgends hat begeben, das allein veraltet nie." Wer darum dio überwältigende Bedeutung der Sinaioffenbarung in ihrer tiefsten Wurzel erkennen will, der dnrf_ das «Bedürfnis des Menschen nach , einer unantastbaren Autorität nicht unterschätzen. Dieses-tiefe Bedürfnis hat die Sinaioffenba- rung mit dem Nimbus wunderbarer Wahrheit umwoben. Sie wurde das zuverlässig Feste und ewig Gültige, an welches sich das irrende Bewußtsein, vertrauensvoll lehnen konnte. > Sie setzt der Willkür eigenen Beliebens eine' Schranke und bfcfreit aus dem Labyrinth der Zweifel und der schwankenden Meinungen über recht und unrecht, wahr und falsch, gut und böse. Und das' verlangt der Mensch von seiner Religion, daß sie ihm ein verläßlicher Grund im schwankenden Dasein sei. Diese Autorität hätte aber die Sinaioffenbarung, nicht erlangen können, wenn sie nicht in der Tat überragend und einzigartig in ihrer religiösen und sittlichen Größe wäre. Die Zeit läutert und siebt ohne Unterlaß und verbürgt nur . dem Dauer und Bestand, was" echt und groß ist. Wäre nicht Echtheit und Größe, Wahrheit und Erleuchtung in der biblischen Offenbarung, wie hätten Millionen sie zu ihrer Richtschnur genommen und ihrer Autorität im Glauben und im Leben sich gebeugt? Wie hätte das Buch der Offenbarung, die Bibel, eine Bedeutung und Herrschaft erlangen können wie kaum etwas sonst auf Erden? . Es waren schöpferische Genies, Pfadfinder der Sittlichkeit, Seher des Ewigen, wie sie die Welt nie erlebt, die durch dem Mund der biblischen Offenbarung zu uns reden und deren Wirkung die Jahrtausende überdauert. Sic haben schlummernde religiöse Kräfte der Mcnschcnscelc geweckt und Millionen zu Gottsuchern und Gottfindem gemacht. Sie haben die ehernen Forderungen der Sittlichkeit und des sozialen Rechts in die Seelen der Menschen eingegraben. Sic haben die Menschen von fünf Erdteilen zu den , ewigen Quellen geführt, aus denen die Propheten und frommen Sänger lebendige Wasser schöpften. Das Buch der Offenbarung ist zur zweiten großen Erkenntnisquelle und Grundlage des Glaubens geworden, das unerreichte religiöse Erziehungsbuch der Menschheit bis zum heutigen Tage. Fortsetzung des Aufsatzes „Theologische Aufgaben in heutiger Zeit" pheren Ausstrahlungen, der ganze Kreis ist neu zu ziehen, neu zu ziehen nicht in predigthaftcr Ansprache, sondern in der tiefen theologischen Durcharbeitung. Eine Grundfrage heutigen Soziallebcns bedarf erneuter theologischer Durcharbeitung; die des Gegensatzes und Ausgleiches von Individuum und Gemeinschaft. Nicht als ob das eine neue, heute erst auftauchende Frage wäre. Wann hätte es ein Zeitalter gegeben, in dem man nicht mit diesem Gegensatze zu tun gehabt hätte? Aber es ist ein anderes, eine Frage vom Politischen und vom allgemein Gesellschaftlichen her aufzuwerten, und ein anderes, sie vom Theologischen her anzufassen und von den Wünschen nach einer rechten Ordnung der Menschen her, die die theologische Betrachtung der Dinge aufkeimen läßt. Und es ist auchso, daß, wann immer diese Frage aufgeworfen wurde, die Allgemeinauffassung über die Wertung von Gemeinschaft und Individuum, ihr Zusammenklingen oder das Vorwiegen eines dieser Elemente, eine andere war als heute. Alle theologische Arbeit baut nicht im leeren Raum, beziehungslos und leidenschaftslos, sondern Bie hat eine bestimmte Weltanschauung, ein durchgängiges Weltdenken vor sich, das sie an dem Ewigen mißt, als dessen Träger und Wächter sie sich fühlt. In aller Theologie ist der Wille lcbondig, die Welt zu ordnen, der Welt Gesetz zu geben; und in allem Wandel der Welt wechselt der Ton, dio Akzentuierung, mit der die ewige Wahrheit vorgetragen wird. Hier die Rechte und Grenzen entsprechend dem Verständnis des heutigen Menschen neu festzulegen, ist angesichts des Gewichtes, das der Gegenstand in der heute neu sich ordnenden Welt hnt, eine der großen Aufgaben auch der Theologie, und ihrer vornehmlich. Es gibt eine sowohl den frommen Menschen als auch den geschulten Theologen von Uranfängen her heftig bewegende; Frage, die Frage der Sünde. Nicht nur die Frage, wie man die Sünde überwindet, die Versöhnung und Erlösung, sondern die Frage nach der Rolle des zur Sünde reizenden Bösen in der Welt und in der Brust des Menschen. Warum abor sollte diese Fragte gerade heute eine von der Theologie in heuer Art durchzuarbeitende sein? Sie ist an sich immer' eine brennende, die zentrale gewesen. Aber sie hat doch heute eine verstärkte Bedeutung. Alle Theologie ist nicht nur Darstellung des eigenen Glaubensgutes, sondern auch Auseinandersetzung mit anderem GlaubcnBgut, Abgrenzung und Herausarbeitung des Eigenen, das am anderen Denken und einer anderen Wertsetzung sich in seiner Selbständigkeit, seinem Schöpferischen und Eigenen erkennt. Je stärker in der Theologie der Umwelt ein Denken sich festigt, das die Welt nur als unter der Sünde und dem Gericht stehend-erfaßt, das darum heutige irdische Weltordnung als ein Gebiet für sich und das Religiöse als eine Welt gleichfalls für sich .betrachtet, so daß Gesetze der einen nie die der anderen sein können, um so stärker erwächst die Aufgabe, die eigene Auffassung von der ' Totalitat der Religion der Einheit des Religiösen und Weltlichen darzulegen und auszubaiKStK. : ,; , i i - --r . . Der Theologo arbeitet für'seine Glaubensgemeinschaft und um ihretwillen, er hat das Lchrgut und die Gedanken Israels auszubauen und von ihnen Kunde zu vermitteln. Aber er kann und darf dieso Arbeit nicht in kühler Objektivität leisten, in der Unintercssierthcit dessen, den solche Arbeit nicht in seiner Seele berührt, Und darum bleibt er stets in eine Schwierigkeit ' hineingestellt, die persönlicher Art ist und doch ' zugleioh ein theologisches Problem darstellt. Wie erreicht er es, daß er nicht sein eigenes Denken anstatt dos ewigen WortcB der Offenbarung ausbreitet? Daß nicht ein Starres, Ruhendes, Seiendes aus weiter Ferne.herklingt, sondern ein Nolles, Lebendiges, Werdendes? Soll er bcine Auffassung geben? Wo ist dann die Bürgschaft dafür, daß er sich nicht an Stelle der Lehre setzt?, Soll er ankämpfen gegen seino Auffassung und sie nicht ausbreiten aus Furcht, er könne, Bich geben und nicht das ewige .Judentum, es ist schon fraglich genug, ob der Wissenschaftler so kühl bleiben kann und Bolchc Distanz halten kann, —- kann es aber einen Theologen geben, der in solcher Kühle und Distanz bleibt? Kann man von Gott reden und1 nicht von Gott angesprochen sein, unter seinem Zwarige sein? Alle Theologio ist unter steter Spannung, und sie ist wirklicho Theologie erst dann, wenn ihr Träger deutlich um diese Spannung. weiß, die zugleich die Spannung zwischen der Ewigkeit und dem flüchtigen Augenblick der Gegenwart ist. Zuschriften zu dieser Rubrik an Herrn Rabbiner Dr. Max Dienemann, Offenbach a. M., Körnerstraße 12, erbeten.

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