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Jüdische allgemeine Zeitung · 1935-09-11 · 37 (11.9.1935) · page 5

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Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
15 (1935)
Issue
37 (11.9.1935)
Date
1935-09-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Wußten Sie das? Das floebon orschioneno Juli-Auguat-Hoft dor Monateaohrift für Goaohiohto und Wissonaohaft äeajudontume (Vorlag M. und H. Marcus, Breslau) enthalt wlcdor oino Bolho bomorkonswortor Abhandlungen zur jüdisobon Goistosgesohichto. Julian Boohmor Hcfort oinen au'sohlußroiohon Beitrag zu dorn Thoma ,J)lo geschlechtliche Btollung, des Weibes in dor Genesis", wobei or talmudisoho und jüdisch-mittolaUorlloho Aualegungen horanzleht. Eine bisher noch unorschlossone arabischo quelle zur Ooschiohto des babylonischen Judbntuma im 13. Jahrhundort untorsuoht Walter ITisohol, und Dr. J. Bergmann' bringt oino Anzahl interessanter und nufaohlnlJroichor folkloriatisohor Boiträgo. Zwei davon lassen -wir naohstohond folgen: Das Gewicht des Kindes „So jemand Bogt: ich spende diesen Sein, damit meine Kinder leben, ist er cin_ vollkommener Frommer." Dieso Bornjtostcllc bezeugt, daß es im Judentum Brauch war, für das Leben der Kinder zu spenden. Es war abor auch jüdische Sitto, nicht nur irgend eine Geldsumme, sondern auch das Gewicht des Kindes In Gold, Silber oder Lebensmittel zu spenden. So wurdo Folgendes erzählt: .DoGg b. Josef verlor früh den Vater. Die um ihr Kind doppelt besorgte Muttor maß seinen Körper täglich mit ihrer Handbreite und gab soviel Gold für dos Heiligtum, soviel ihr Kind an Gewicht zugenommen hatto. In Prag pflegte ein jüdischer Vater vor jedem Wallfahrtsfesto seine Kinder zu wiegen und ihr Gewicht in Fleisch den Armen zu geben. In Osteuropa Bpcndet die jüdische Mutter am Geburtstag ihrcB Kindes dessen-Gewicht in Brot für Bedürftige. So spendeten .jüdische Eltern aus Dankbarkeit und Freude über das Gedeihen ihres Kindes dessen Gewicht in Gold, Silber, Fleisch oder Brot für Arme. Das Gelübde- oder Dankopfer für das Gedeihen des Kindes wor auch bei anderen Völkern üblich. Im semitischen Orient gelobt ein Mann, wenn der Heilige ihm einen Sohn schenkt, das Gewicht des Sohnes in Silbermünzen darzubringen. Für die glückliche Geburt seines Sohnes Bchickto Kaiser Karl IV. der Mutter Gottes zu Aachen zwölf Pfund Gold, soviel als sein Kind bei der Geburt wog. Nicht nur das Gewicht des Kindes selbst, sondern auch das Gewicht seines Haares wurde gespendet. So war es bei den Ägyptern Sitte, zu Ehren der Götter den Kindern den ganzen Kopf, die Hälfte oder ein Drittel zu scheren und die abgeschnittenen Haare mit Silber aufzuwiegen, das für den Unterhalt des Gottes bestimmt wurde. Wenn Bei den heidnischen Arabern das Haar eines Kindes zum ersten Male geBchoren wurde, wurde ein Fest veranstaltet und das Gewicht des Haares in Gold oder Silbor den Armen gespendet. Die gleiche Sitte findet sich bei den Juden im Orient. An dem Tage, an dem das Haar dcB Kindes zum ersten Mal geschoren wird, feiern die Juden in Indien ein Fest, bei dem sie das Gewicht des Haares in Gold oder Silber für die Synagoge oder dic Armen spenden. So wanderte ein Volksbrauch, gleich einer Volkssage, von Land zu Land und ging in das Leben der Völker ein. Der Tod am Geburtstag Von Alexander dem Großen, Pompejus und Anderen wurde im Altertum erzählt, daß sie an ihrem Geburtstage ihr Leben vollendeten. Das Sterben am eigenen Geburtstage galt im Altertum als eine besondere Gnade, durch die vom Schicksal dargetan wurde, daß das Leben der Begnadeten nicht nur in Beinen Taten, sondern auch in seinen Tagen ein vollendetes gewesen ist. Ein Midraschwort lautet: „Es kennt der Ewige die Tage der Vollkommenen", wie sie selber vollkommen sind, so sind auch ihre Jahre vollkommen . So wurde auch von Mose erzahlt, daß er Um 7. Adar geboren worden und, 120 Jahre alt, am 7. Adar gestorben ist. Sein Leben war auch in seinen Jahren und Tagen ein vollendetes. Das gleiche Motiv kehrt auch in den Lcbensgcschichten der anderen Rcligionsstiftcr wieder. Als der Geburtstag Johannes des Täufers galt in dor Kirche der 24. Juni, denn Johannes war sechs Monate alter als Jesus; Man zahlte darum vom 25. Dezember, dem Geburtstag Jesu, zurück und kam so auf den 24. oder 25. Juni. Der 24. Juni galt jedoch in der Kirche nicht nur als der Geburtstag, sondern auch als der Todestag des Täufers. Die gnostischen Basilidiancr in Ägypten suchten darzutun, daß| Jesus in der Nacht vom 24./25. April geboren worden sei. Sie nahmen auch an, daß die Taufe, 30 Jahre später, und die Kreuzigung^ 33 Jahre Bpüter, am gleichen Tage wie die Geburt, am 25. April, stattgefunden habe. Nach einer Überlieferung soll Mohammed am zwölften Togo des dritten Monats Rabi I gestorben sein. Später wurde im Islam angenommen, daß Mohammed 63 Jahre vorher an dem gleichen Togo auch, geboren worden sei. Gleichwie die Juden am 7. Adar Stellen aus der Bibel, MiBchna, Agada und dem Sohar rezitierten, die sich auf das Leben und Sterben des Mose bezogen, so wurden auch am 12. Rabi I in den Moscheen und auch in den Häusern frommer MuslinTen die Lebensgeschichten Mohammeds in Versen und Reimprosa vorgetragen. So weiß die Überlieferung in allen Religionen zu erzählen, daß die Stifter an ihrem Geburtstage gestorben seien und ihr Leben so ein auch in seinen Tagen vollendetes gewesen sei. Ein Rabbiner als Opfer' einer Ehe In italienischen Blättern kursiert augenblicklich eino amüsante Geschichte, die vom Mißgeschick des Professors Castelbologncsc erzählt; der früher Rabbiher Iii Padua war und Interlälstiach mit dem Amt des Oberrabbihera von Tripolis betrüüt, würde. Vor einigen Wochen würde er plötzlich veranlaßt, wieder nach Padua zurückzukehren. Uber die Grunde dieser Maßregelung weiß' ein Blatt in Modenn folgendes zu berichten: Eili fÜrifzeMjährlgl-s jüdisches Mädchen Tripolis und ein jüdischer jünger Mann wollten sich heiraten. Da der Vater des Mädchens in die Ehe nicht einwilligen wollte, griff dor heiratslustige Bräutigam zu einer List. Er stellte sich eines Tagea, von zweiFreunden begleitet, in dem Hause des präsumptiven SchwiegervntertBciu und bat darum, das Mädchen sprechen zu dürfen.. Als sie erschien, reichte er ihr zum Gruß die Hand und steckte ihr dabei /eilig einen Trauring an, wobei er, in Gegenwart der beiden Zeugen, die jüdische Trauformel sprach. Der überrumpelte „Schwiegervater" wandte sich beschwerdeführend an den Gouverneur, den Marschall Balbo, der seinerseits den Rabbiner Castelbolognese veranlaßte, die Trauung rückgängig zu machen, mit der Begründung, daß sie nicht nach den gesetzlichen Bestimmungen Italiens erfolgt Bei. Der Rabbiner widersetzte sich dem, indem er betonte, daß die Trauung nach jüdischem Gesetz gültig sei. Dio Folge davon - war, daß Rabbiner Castelbolognese unverzüglich1 Tripolis verlassen mußte und nach Padua zurückkehrte. Er hatto, wie es heifit, Anwartschaft auf den Posten des Oberrabbinors von Mailand. Das Blatt, dem wir die Verantwortung für diese Gesclüchto überlassen müssen, fügt jedoch hinzu, daß er nach diesem Vorkommnis keino Aussicht habe, den Posten zu erhalten. * ' Liberale Synagoge. Wedding-Rcinickendorf. Plätzeverkauf für die Hohon Feiertage werktäglich von 9—19 Uhr bei Schwarz, Müllerstraßo 30 (Laden).und Sonntags . bei Schwarz, . Qstender Straße 2, Äufg. 2 von 9—15 Uhr. Hatßcm utiö tlapolöon (Bin Qaitecct» Äutztoman uem Ruöolf ^tank 4. Fortsetzung und Schluß Erst acht Jahre später kamen in Dänemark die „Judcnfehden" auf, jene unheilvollen Tumulte, die uns Dänemarks größter Dichter, der unvergeßliche Hans Christian Andersen, in einem seiner Romane mit riofer Empörung beschrieben hat. Mein Vorfahr hat diesen Andersen gekannt, freilich war der große Märchcndichtcr damals noch ein ganz kleiner Bub und hatte vor dem deutschen Theaterdirektor Franck einen gewaltigen ReBpckt. Mit Peter Junker war er vertrautor und half ihm Zettel austragen. Dafür ließ ihn dieser manchmal hinter dio Bühne und erlaubte ihm, dio weggeworfenen Theaterzettel aufzusammeln. Bei dieser Beschäftigung traf ihn eines Tages mein Ahn und fragte ihn auf dänisch, was er denn mit dem Papier anfange. „Daraus mache ich mir die Theaterstücke", antwortete der Kleine. Es stellte sich heraus, daß das tatsächlich der Fall war. In die Komödie kam der Junge nur selten; seino Eltern waren sehr arm, und Freikarten gab es nicht. Also phantasierte er sich aus Titel und Personenverzeichnis der Stücke nach eigenem Gefallen dio abenteuerlichsten Handlungen zusammen und trug sie seinen Spielkameraden vor. In seiner Lebensbeschreibung, dio 1869 unter dem Titel: „Da3 Märchen meines Lebens" erschien, gedenkt der berühmte Dichter auch meines längBt verschollenen Vorfahren und der deutschen Theatervorstellungen, dio er in seiner Gcburtsatadt' Odense unter Francks Direktion vor sechzig Jahren erlebte. Damals, als er zum erstenmal das Theater besuchte, rief der kleine Hans Christian beim Anblick der vielen Besucher: „Mutter, wenn wir nur so viele Viertel Butter hätten, als hier Leute sind, dann wollte ich aber tüchtig essen." Ein Beweis, wie gut Francks Theater in Odcnso florierte. Das unverwüstliche Donauweibchen befand sich auch damals noch auf dem Spielplan. Andersen nennt es „das Lieblingsstück der Stadt". Mein Ahn hat nie bemorkt, daß dieser kleine Junge zu ihm wie zu einem mächtigen Zauberer aufsah. Erst als ihm viel, viel später seine Enkelkinder mit Andersens Märchen kamen, fiel ihm ein, daß er einmal einen kleinen Buben gekannt hatte („war ungefähr so alt wie ihr"), der auch Andersen hieß (,,ich weiß aber nicht, ob das derselbe war, kann mirs auch nit denken; sein Vadder hat mir als die Schuh besohlt"). An jenem Tag, da der Schimmel Firlein auf Nimmerwiedersehen verschwand, war mit den vielen andern Soldaten auch Vater Anderson, der Flickschuster, für Frankreichs Ruhm und Reichtum ins Feld gezogen. Der kleine Hans Christian hatte damals die Masern und spielte mit seinen Puppen im Bettchen Theater: so wie er es bei Franck gesehen und gehört hatto. Und die Puppen sprachen deutsch! Ein merkwürdiges Kauderwelsch von deutsch; denn dieser Mürchenknabe, dor nie ein anderes Theater gesehen hatte, war der Ansicht, Theaterspielcn könne man nur auf deutsch. ' , „Das war mein erstes unbewußtes Dichten", bekannte er noch als Greis, zwei Menschenaltcr nach jenen Jugendeindrücken, die er bei N. Franck in Odense empfing. Als das phantasicvolle Bübchen von den Masern genesen war, starb der Vater. Der Krieg, aus dem er als Kranker zurückgekommen war, hatte ihm den Todesstoß versetzt. Denn noch immer war Krieg in Dänemark, und kein Ende war abzusehen. Der Feind hieß England. In Süddeutschland aber herrschte Frieden, und Demoisello Gurli empfing viele Briefe von daheim, und in jedem stand, sio möge endlich nach Hause zurückkehren. Ihr Vator, der Primgeiger Gurham, war jetzt im Mannheimer Orchester und hoffte bestimmt, seino Tochter beim Nationaltheater unterzubringen. Er habe, schrieb er, bereits mit den Regisseuren gesprochen. Gurli zeigte den Brief ihrem Direktor. Auch dieser hatto zu jener Zeit ein Schreiben von daheim erhalten. Darin nahm niemand ein Blatt vor den Mund. Der Vater schrieb: „Wenn du mit Gewalt auf die Bretter willst, dann komm her in unsem Holzhof, da hast du mehr Bretter als bar Geld." Und Bruder Samuel: „Mach, daß du heimkimmst, |du Scheircbärzlerl" Und Gereon, etwas beherrschter: „Wir brauchen dich hier, was troibst du dich als noch crura?"1 Dio Schwester Gütchen, sanfter als die Brüder, bestellte ihm Grüße von Rosel Honig aus Mariabuchen. Die Mutter schrieb nur:;,Lieber Nathan, findest du nit, daß bald Zeit ist? Bei uns geht es güt. Es gibt dies Jahr ein gute. Weih." Daswar wirklich der Fall. Man schrieb das Jahr 1811. Nathan sah mit eigenen Augen den, gtoßen Kometen, nach dem man dann den vielbesungenen Elfer-Jahrgang „KometehweuV' genannt hat. Er sah ihn zusammen mit Gurli auf dein freien Platz vor der Sankt Knudskirche in Odense inmitten vieler, von abergläubischer Angst gepackter Menschen. „Weltuntergang", murmelten sie. „Dies Jahr geht die Welt unter . . ." Regine und Nathan starrten zu der drohenden Feuerkugel mit dem himmelweit leuchtenden Schweif empor, und beide fühlten sich von den gleichen Gefühlen der Ehrfurcht vor dem Unerforschlichen durchschauert. Wie Kinder riefen ihre Seelen nach Vater und Mutter. In derselben Nacht machte Nathan ben Isaac den letzten Rechnungsabschluß seiner Theatcrgcsellschaft und zugleich einen dickch Strich unter Beine theatralische Laufbahn. Wie wenig oder wie viel er, all die Jahre künstlerisch geleistet hatte, war ihm nicht klar und ist ihm wohl auch nie klar geworden. Er war zufrieden, daß er so durchgekommen war, und daß der Uberschuß, der Bich ergab, allen Mitgliedern eine angenehme Rückkehr in die Heimat ermöglichte. Ja, es war ihnen sogar vergönnt, darüber hinaus ihr vor zwei Jahren gegebenes Versprechen einzulösen und auf einem der Gutshofe in Fünen zwei stattliche Rappen nebst Wagen, Plane und Geschirr zu kaufen. Bei der feierlichen Übergabe, dio sich hinter dem Bühneneingang des Odcnseer Theaters abspielte, war auch dor klein« theatorwütigo Hans Christian Andersen zugegen. Er spitzte mächtig die Ohren und vornahm dio Dankesworto meines Uralins, der sprach: „Meine lieben Freunde! Ich habe einmal im Talmud gelesen, daß gute Taten wie dio Datteln sind. Sio reifen spät und werden süß . . . Nach vielem Bittern habt Ihr mit dieser guten Tat (er wies auf die Pferde, den Wagen) mir den Schmerz des Abschieds wunderbar süß gemacht. Ich kann Euch dafür zum Lebewohl nichts anderes reichen als diese Worte unseres Talmud." „Talmud?" fragto da Peter Junker, der nun schon größere Rollen Bpieltc, „was ist das?" „Ein Buch", antwortete Nathan, „in dorn viel Weisheit verborgen ist. Ein Buch, reich an ewiger Wahrheit. Zum Beispiel ..." Er wollte einiges aus dem Talmud anführen, aber in seinem Kopf war keine ewige Wahrheit mehr, nur vergängliches Theaterspiel und Abschiedsschmerz. Es fiol ihm durchaus keine Talmudstcllc ein. Gurli kam dem Verlegenen lächelnd zu Hilfe. „Zum Beispiel", zitierte sie, und jedes ihrer Zitate schien neben seiner ewigen eine besondere augenblickliche Bedeutung in sich zu bergen: „Zum Beispiel: ,Dcin Freund hat einen Freund, und deines FreundcB Freund hat wieder einen Freund. Darum Bei vorsichtig in deinor Redel' Findet ihr nicht, daß das eino nützliche Lehre für alle Zeiten ist? Auch steht da: .Niemand kann über seinen eigenen Schatten springen', außerdem: ,Vor Gott gilt dio gute Absicht wie die Tot', auf der Bühne allerdings nicht. Sowie das Wort: ,Zcrtritt den Dorn nur, wenn du Schuhe anhast!' Dir solltet alle das Buch einmal lesen." Nathan, indem er unwillkürlich den zuletzt ausgesprochenen Rat des Talmuds befolgte, fuhr mit fester Stimme fort: „Auch als Christen könnt ihr getrost im Talmud leBen. Wird euch niemand drum schelten. Für mich ab Juden ist das Buch noch mehr. Es ist das einzige Erbstück meiner Väter, das mir niemand entreißen kann, selbst nicht der Kaiser Napoleon." „Jude?" rief Peter Junker erstaunt, und alle sahen sich an und fragten: „Wirklich, Herr Franck, Sic sind Jude?" Und Nathan lächelte froh und sagte: „Ich hoffe, ihr seid mir deshalb nicht bös." Das war auch nicht der Fall, bei keinem Einzigen. Die Judenfehden entbrannten, wie gesagt, erst acht Jahre später, und über den Theaterleuten, dio fünf Jahre lang den letzten Bissen Brot miteinander geteilt hatten, lag die versöhnende und verklärende Stimmung* des Abschieds. Abschied von Odense, Abschied von Dänemark. Abschied von Arbeit und Freunden. Einige Mitglieder, dio sich in Dänemark eingewöhnt hatten, blieben im Lande und gingen bald darauf zur dänischen Bühne. Die zweite Liebhaberin verheiratete Bich bereits nach einem Jahr in Kopenhagen. Die andern aber stiegen mit Gurli und Nathan auf den prächtigen neuen Leiterwagen und fuhren über die Grenze der Heimat zu. Hamburg, Hannover, Kassel — in jedem der drei Orte blieben einige von der Gesellschaft zurück, um dort ein neues Engagement zu suchen. So kam es, daß sich schließlich nur noch Gurli und Nathan in dem Wagen befanden, der von den zwei kräftigen Pferden gezogen, in rascher Fahrt durch das Tal dor Fulda rollte. Hinter Hersfeld faßte sich Nathan ein Herz. Es war die höchste Zeit, daß er sprach. In Frankfurt wartete Reginens Vater. Und er machte seiner Reisegefährtin den Vorschlag seine Lebensgefährtin zu worden, mitzukommen nach Wiesenfcld und für immer bei ihm zu bleiben als soino Frau. „Ich liebe dich, Regine", sagte er. „Ich habe dich auch recht lieb", antwortete Rcgino. „Mehr als du vielleicht denkst." Nathan faßte dio Zügel in die Linke und mit der Rechten, ihro Hand. Sie ließ sie ihm und fuhr fort: „Aber weißt du, ich hob' mir's lang überlegt: es ist doch nicht das Richtige für mich. Und für dich auch nicht. Du hast mit dem Theater Schluß gemacht — " Nathan schüttelte den Kopf. „Doch, doch, du hast, ist auch ganz richtig so. Niemand kann über den eigenen Schatten springen, denk an den Talmud I Du hast Schluß gemacht. Aber ich will erst richtig anfangen. Ich Üabb viel 1h (fett fünf Janreil gelernt üüd bin dir sehr dafür dankbar, jetzt kann leb v/m und will,es zeigen, ich tauge nicht für die feiie; wenigstens für keine in Wiese und Feld; Ich habe was vor ..." „Ick auch", beteuerte Näthiln. „Wenn du willst; sag ich sofortv meinem Vater —." „Siehst du, da hast du es ja", unterbrach ihn die Gurli zart. „Du tätest es um meinetwillen. Das ist sehr, sehr lieb von dir, aber das will ich nicht. Ich geh jetzt nach Mannheim ins Engagement, das siehst du doch ein, daß ich da keinen Mann und keine Ehe brauchen kann. Ich muß spielen." „Hältst du denn so wenig von mir, daß du glaubst, ich. könnt in Mannheim nicht auch meinen Mann stehen?" drang Nathan mit gequälter Stimme in sie. Sein Ehrgeiz litt in dieser Stunde fast ebenso wie seine Liebe. „Gewiß," versicherte Gurli und streichelte seine Hand. „Das hast du bewiesen, mein Lieber; du warst ein guter Direktor, ich wünsch mir mein ganzes Leben keinen schlechtem. Und dabei hast du es schwer gehabt, unglaublich schwer. Du sollst ea wieder mal ein bißchen leichter hoben. Daheim hast du es leichter." ' - ■ Die Zügel zuckten in Nathans Händen. Die Rappen hielten, als sei es ein Kommando. „Hast du ne Ahnung . , 1" sagte, er weh.

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