Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 15 (1935)
- Issue
- 37 (11.9.1935)
- Date
- 1935-09-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/4109741-2613367-2613403--462-2615307- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Beilage 11. September 1935 JÜDISCHE AUGEMEBS ZEITUNG Befuch im neuen Haus Der Kulturbund vor dem Umzug — Der Herrnfeld-Gefchmack verfchwunden — Ein Maler meldet fich — Neue Wege der Inszenierung — Wohnungsanleihe im Nachbarhaus — Was Intendant Dr. Singer erfpart blieb „Opfer" — wird dm erste Wort lauten, das von der Bahne des neuen Kultarbundtbeatcrs herab an die Ohren des Publikums dringen wird. Holqfernes wird es mit finsterer Gebictormieuo an die Baalspriester richten. Am ersten Oktober wird das Theater in der Kommandantcastraßc mit Hebbels „J u d i th" eröffnet werden. Auch der Kulturbund hat opfern müssen: einige hundert Sitzplätze, Bewegungsfreiheit auf der Buhne, Baum in den Schauspielergarderoben, Unterbrmgimgsmöglichkeiten für Dekorationen. .; m « ^» ,? > •» 4 ,1- ' v ' : t s >l*< ' { ' 1 * .'iiftl^S- .-.-*;'tit ' rfy* - « äft#.* * tfa \ W< ' , «blim-r .»v -i»'4 ^Jv**» ' ** . •> u> Tohuwabohu vor dem Theater V , " " £ -j»r-~" "Wie die Mitglieder des Ensembles sich mit der Einengung im neuen Haus abfinden worden, bleibt abzuwarten. Die Mitglieder im Zuschauerräum werden zufrieden sein. Jeder Besucher des Theaters wird in einer der drei Platzkategorien einen Sitz vorfinden, von dem er bequem sehen und gut hören kann. Die Garderobenveihälthisso -werden erfreulich sein,. und die Pausen werden sich auf geräumigem Gelfinde' abspielen. Einstweilen herrscht in der Kommandantenatraße noch das Chaos jeder Schöpfungsgeschichte. Der; Hof scheint' von der Müllahfuhrgesellschaft gepachtet zu sein. Die Obersteigung von Schutthügeln erfordert eine kleine Hochgcbirgstour, bei der auch Kalk-Seen durchquert werden müssen. Seit drei Wochen wird von einer Schar von Bauarbeitern, tiert. Die etwas verwegene Architektur nach dem Geschmack der seligen Brüder Herrnfeld, die 1906 dieses Theater Bchufen, ist einem einfachen, klaren Stil gewichen. Nur die den Bang stützenden Säulenheiligen haben sich den — Rang nicht ablaufen lassen. Durch eine neue Anordnung des Parketts wurden zu den vorhandenen achthundert Platzen vierzig neue hinzugewonnen. Auch das künftige Reich Meistor RosenstockB, der Orchesterraum, mußte eine Erweiterung erfahren. Zwischen den Parkettreihen erhebt sich bis hoch zur Decke ein riesiges Gerüst,, auf.,dem Arbeiter kühn herumturnen, um neue Scheinwerfer einzubauen. Das antiken Motiven entsprungene Deckengemälde, dessen Thema wegen der Gefahr einer Halsvcrrenkung nicht klar erkannt werden kann, und das im Verlauf von dreißig Jahren nicht ganz ohne Alteisspuren geblieben ist, wird Bich bei der Eröffnungsvorstellung in seinem ursprünglichen Jugendglanz präsentieren. Es hat sich nämlich sein Schöpfer beim Kulturbund gemeldet und sich angeboten, die Restaurierung vorzunehmen. Die Hauptsorgen der künstlerisch verantwortlichen Persönlichkeiten des Kulturbundthcaters liegen hinter dem Eisernen Vorhang. Die Bühne ist im Grunde nichts weiter als ein von kaltem Mauerwerk eingeschlossener Saal, ohne Drehbühne, ohne Versenkung, ohne Hinterbühne. Hier, wo sich im engen Raum Dinge und Menschen stoßen, wo sich kein Drehfimmel entfalten kann und große Bühnenaufbauten nicht möglich Bein werden, wird es sich zeigen müssen, daß die Kulturbundkünstler in der Lage sind, neue szenische und darstellerische Wege zu beschreiten, einen ganz neuen Stil zu entwickeln. Die mangelnde Tiefenausdehnung der Bühne wird zur Folge haben, daß das Szcnonbild sich auf andeutende symbolische Wirkung beschränkt und daß das Spiel mehr als bisher auf die Herausarbeitung des Wortes gestellt wird. Daß dem Licht als einem szenischen Helfer größte Bedeutung eingeräumt wird, geht daraus hervor, daß die Lichtanlagen nach den modernsten technischen Errungenschaften eingerichtet werden. Der technische Gebieter in diesem Chaos führt den Besucher über Treppen, durch enge Gänge, an den noch im Urzustand sich darbietenden Schauspielergarderoben vorbei, in die Katakomben, in denen Elektromonteur« am Werk sind, durch einen langen Korridor, der unversehens im Nachbarhaus mündet, in dem auch die VorwaltungsrSuine des Kulturbundes, untergebracht sind. Mit diesem Korridor hat es eine eigene Bewandtnis. Da sich auf der Bühne und auch sonst nirgendwo ein bescheidenes Platzchen findet, um die D e k o r a t i o n e n unterzustellen, hat man eine Wohnungsanleihe im Nachbarhause gemacht, das in einigen seiner Zimmer ein Asyl für den obdachlosen Fundus bilden wird. Von besonders großen Dekorationsstücken, wie sie auf der Bühne des Berliner Theaters verwendet wurden, hat man sich bereits getrennt; so Charlottenstraße eine Statte gefunden. Hier wurde im Jahre 1850 von Ernst Renz der erste stehende Zirkus errichtet, zwei Jahre später schlug das verwaiste Kflnigatidtische , Theater in der CharlottenBtraßo sein interimistisches Heim auf. Das Konzert- ' etablissement „Walhalla", das 1862 in ein Speziali täten theates umgewandelt wurde, trat die Nachfolgo an. Im Jahre 1869 durfte Direktor Friedrich Großkopf dem Unternehmen den Namen „Theater" beilegen. Nach. Schauspiel- und Opernspielzeiten zog anno 83 in das damalige Walhalla-Operettentheater „Nanon" ein, die es zu über 500 Wiederholungen brachte. Auch Offenbachs „Tochter des Tambourmajors", Lecoqs „Mamsel Angot" und Planquettes „Glocken von Corneville" brachten es zu großen ■ Erfolgen. Dio große Zeit des Hauses begann, als dort am 16. September 1888 Ludwig B a r n a y das Berliner Theater eröffnete, und zwar mit Schiller» „Demetrius". Wie er in seinen Erinnerungen schildert, bedurfte er neben der Theatorkonzession wegen des im Foyer von einem Pächter betriebenen Restaurants noch einer besonderen Erlaubnis, und so erhielt er am Tag vor der Eröffnungsvorstellung auch die Konzession als — „Sehankw i r t", ein Tilol, der unserem Doktor Singer erspart geblieben ist. Nach sechsjähriger DircktionBtfitigkeit trat Barnay, der hauptsächlich dos klassische Drama gepflegt hatte, von der Leitung des Theaters zurück. Oskar Blumenthal nahm seine Stelle ein. 'Gerüste, Gerüste . . . . _ '' Links: Scheinwerfer werden eingebaut. Rechts: Installation des Kronleuchters. Aula.: Klkoler (4) Maurern, Schlossern, Tischlern, Rohrlegern, Elektrotechnikern unter der wachsamen Leitung Hans. Sondheimers, dem der. technische Apparat des Kulturbundtheaters untersteht, gearbeitet. Die Atmosphäre ist mit Staub geladen. Uberall ist der Boden aufgerissen, um Kabel und die Röhren der Heizungsanlage aufzunehmen, Bretter, Balken, eiserne; Träger, Drahtschlingen, Holzwolle. Eine Loge dient den Arbeitern als Garderobenablage. Der mächtige Kronleuchter, der einst über der „Klobriospartie" schwebte, ist von der Decke herabgelassen und wird neu aufmon- V werden < die Besucher des „Bronx-Expreß" in dem Wagen der New Yorker Untergrundbahn die massigen Säulen aus dem „Nabucco" — nicht wiedererkennen. Während an der Fertigeteilung des neuen Theaters in der- Kommandantenstraße' rastlos gearbeitet wird, haben in der Chor« . Iottenstraße bereits die Proben zu dem Eröffnungsstück begonnen. Wenn der Bronx-Expreß seine letzte Fahrt hinter sich hoben wird, wird auch.die bunte Geschichte des Berliner Theaters abgeschlossen sein. 85 Jahre lang hat dos Spiel in der tt#äB»WP»«^ m&m^m, nv.'^'-ii^ir:?" Hinter dem Eisernen Vorhang - Arbeiter bei Einrichtung der Beleuchtungsanlage Unter seinem Nachfolger Alois Presch errang Albert Bossermann seine ersten Berliner Erfolge. Im Jahre 1900 folgte Paul Lindau in der Direktionsführung, der mit Björnsona „Uber unsere Kraft" den größten literarischen und mit „Alt-Heidelberg" samt Harry : Waiden den größten Publikumserfolg errang. Nach Lindau war Alfred Halm eine Zeit lang Herr im Hause. 1905 brachte Ferdinand Bonn das Theater auf den „Hund von Baskerville", bis. Ende 1907 Meinhardt und Bernauer das Theater übernahmen, das sio mit den „Journalisten" eröffneten. Einer der., letzten Direktoren des Berliner Theaters, bevor der Jüdische Kulturbund dort einzog, war Maximilian Sladek, dor es gemeinsam mit Edmund Reinhardt und Saitenburg käuflich erworben hatte und dort der klassischen Operette eine Heimstätte zu schaffen suchte. Das Berliner Theater schließt endgültig seino Pforten, um kunstfernen Zwecken zu dienen. Unsere guten Wünsche begleiten Herrn Dr. Singer und Bein Ensemble auf dem Umzug zur neuen Heimstätte jüdischer Kunst. Eugen Tannenbautn. * Der Jüdische Kulturbund Berlin eröffnet dos Theater in der- , Kommandantenstraße am 1. Oktober 1935. Die erste Vorstellung ist „Judith" von Hebbel. Dio „Makkabfier" von Otto Ludwig, werden einige Monate später in das Repertoire aufgenommen. . . > - i" Mufikalifcher Auftakt im Kulturbund Michael Taube, von seiner Palästina-Tournee zurückgekehrt, ., eröffnete mit einem Orchesterabend die Reihe der Kulturbund- . konzerte. Infolge einer notwendigen Änderung war das Programm ein wenip bunt geraten.: Cherubinis „Wasserträgcr"-Ouvertüm. und Beethovens Konzertarie „Ali perfido", zwei-gewiß schöne undmusikgeschichtlich interessante Werke, gaben doch nicht so recht - das 'Eingangsportal ab, das man für den Anfang eines Kouzertwinters erwarten mochte. In der Arie setzte Elsa Jülich ihr; großes, tragendes Organ und ihren dramatischen Elan ein (leider fehlten im Programm - Text und Ubersetzung, beides für eine nähere Beziehung zu dem Werk unerläßlich). Die Erstaufführung der Ouvertüre für großes Orchester von., Erich Wolter Sternberg bereichert das Repertoire unserer, jüdischen Orchester um ein fesselnd gearbeitetes, wertvolles Werk., i Die Stärke dieser Musik liegt vor allem im Rhythmischen; hier wurzelt die musikantische Frische, die das Ganze durchpulst. ■.. Auffallend ist ferner die auf einer ziemlich regelmäßigen molodischen Periodizität beruhende Klarheit der Struktur, der Sinn für formale Rundung, den wir Oberhaupt bei unseren jüdischen,.. Komponisten ziemlich ausgeprägt finden. Die glänzende Inrtru- " mentatiou und die gute polyphone Arbeit, verstärken noch das - Interesse. ... Am Schluß gab es Techaikowskys Fünfte, in der eich Rusai-..- sches mit Westlichem zu einer immer noch packenden Wirkung ■ vereint. Taube wußto namentlich das Finale eindrucksvoll auf?, zuturmen, wie er überhaupt bei Steigerungen und in schnellen. Sätzen sein Bestes gibt; hier ist er von zwingender Konzentration* während er sich sonst gern sehr dem Detail hingibt. Das Orchester^ zeigte sich nach der Sommerpause auf erfreulicher Höbe;- «in besonderes Lob vordient das Holzbläserensemble in seinem prachtvollen klanglichen Ausgleich. ■■ H. Frey han.;