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Jüdische allgemeine Zeitung · 1935-09-04 · 36 (4.9.1935) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
15 (1935)
Issue
36 (4.9.1935)
Date
1935-09-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Im Zerrfpiegel der Literatur Jüdifches Schrifttum in der Parodie — Auch Maimonidea ift perfifliert worden — ,Jficht von Heinrich Heine" — Liebes- und Irrfahrten des Odyffeus Rehlame! Ruhe haben —: daB ist zeitweise im Leben ctwOB Schönes. Und zu wissen, daß ein Schlaf die tausend Nöte endet, die unseres Lebens Anteil. sind, wie Hamlet es unübertrefflich' formuliert hat —: das ist etwas, das man in die weniger anspruchsvollen Worte zu kleiden pflegt: „Im Tode will ich wenigstens meine Ruhe haben. Egal, wie und wo ich liege." In Amerika sagt man nicht so. Denn würde man es sagen, es wurde nicht Zeitungsanzeigen geben, in denen die Schönheit dieses und jenes Friedhofes gepriesen wird, damit man sich ja für spütore Fülle rechtzeitig eine Grobstello sichert. Die einzelnen, auch jüdischen' Friedhofsgeeellschaftcn, streiten sich darüber,, wolchor Friedhof nun in Wirklichkeit trocken, hell und sonnig ist und welcher nicht. Vorzüge hat schließlich jeder Friedhof. Und es muß auch ganz angenehm sein, schon zu Lebzeiten so etwas ZU wissen,, und vor allem auch dies :> daß der Friedhof nicht so weit von der Stadt entfernt ist. Gerade in dieser Hinsicht sind die Anzeigen der New Yorker Fricdhofsgcsellschaften bemüht, dio Vorzüge ihres Friedhofes iiS rechte Licht zu setzen. Sie werden nicht müde, anzukündigen, daß der Friedhof nur 15 oder 20 Minuten entfernt von der Stadt liege und daß eine asphaltierte Straße und OmnibuBvorbindung zu ihm führe. Sie glauben zu wissen, daß der Mensch nicht so ohne weiteres zu einer Beerdigung kommt, wenn keine gute Fahrtgelegenheit vorhanden ist. Und schließlich ist dies doch auch von, großer Bedeutung für jemand, der eine Grabstclle für sich nehmen will: ob er weiß, Freunde und Anverwandte werden keine Ausrede haben. So erhalten diese Anzeigen goradezu einen moralischen Hintergrund. Wenn eine Asphaltstraße zum Friedhof führt, kommt man bequem und ohne Erschütterungen hin. Wenn eine Asphaltstraße zum Friedhof führt und dazu noch Omnibusverbindung, kommen Verwandte und Freunde zur Beerdigung. Auf sie nimmt man dann noch im Tode die gebührende Rücksicht. Denn Unbequemlichkeiten bereitet man ihnen nicht. Der Weg zum Friedhof ist geebnet ... * Es gibt auch Dinge in Amerika, mit denen man den Weg zur Synagoge ebnet. Bei uns sind es die Rabbiner mit ihren Predigten, dort die Kantoren mit ihrer guten Stimme, dio die Besucher anziehen. Da machen dio Synagogengemeinden, die übrigens olles private Gesellschaften sind, in großen Anzeigen bekannt, daß am Freitagabend der berühmte, bekannte, unvergleichliche, wunderbare, einzigartige Kantor Soundso vorbeteh werde. Alle sind dazu eingeladen. Und damit man die Billets 'für den Gottesdienst beim Kastellan nicht wie die Katze im Sack kauft, ist dos Bild des Wunderkantors in der Anzeigo zu sehen. Wenn man ein solches Bild betrachtet, ist man felsenfest überzeugt davon, daß der Mann eine gute Stimme hat. Weitere Beweise sind da überflüssig. Eine Anzeige ist überschrieben: „Fröhliche Botschaft an alle unsere 2000 Beterl" Und im Text heißt es: „Wir sind sicher, ■die Neuigkeit, daß Kantor Treiner vorbeten wird, wird Sie erfreuen, weil immer, wenn Kantor Treiner vorbetet, die Synagoge überfüllt gewesen ist. Liebhaber und Kritiker haben ihn bewundert, wie geschult seine Stimme ist. Er versteht sich auf sein Fach . . ." Echt amerikanisch I Da kommen wir — glücklicherweise — nicht mit. Dr. Arno Herzberg. Die bunte Schüffei „Die bunte Schüssel" ist ein Kinderbuch. Erwin L o e w e hat sie garniert und serviert sie zu den bevorstehenden Feiertagen im Verlag gleichen Namens, aber nicht gleicher Schreibweise. (Oder fot das ABC dabei in Unordnung geraten?) Er hat zur Herrichtung der anregenden Platte kindliche Leckerbissen zusammengetragen, sie allerdings mit etwas allzuviel Lese-Früchten überhäuft, dio in anderen literarischen Bezirken bereits' gereift sind. Zwischen Purim-Reimen, Hoggadah-Versen und Qianukka-Lcgcnde, Salomonischer Weisheit und Midraschim findet sich eine ansprechende Fliegergeschichte „Wie Mazzo" von Rudolf Frank.— dem Autor unseres Romans „Nathan und Napoleon" —, die ein Musterbeispiel dafür ist, wie unterhaltsame jüdische Jugendliteratur beschaffen sein soll. Das Neuartige und zugleich Hübscheste dieses Bandes, der sich dadurch rasch Freunde - erwerben' wird, sind 16 Zeichnungen von Ruth Veit Simon, Themen aus der jüdischen Geschichte, die zum Ausmalen bestimmt sind. Diese Malkarten sind perforiert und können somit ohne Beschädigung des Buches herausgenommen werden. —ni. Kinderglück im Säuglingsheim Die vierte Führung des Werbereferates dor Berliner Jüdischen Gemeinde galt dein Säuglingsheim in Niederschönhausen, wo dos Säuglingsheim besichtigt wurde. Nach Begrüßungsworten von Dr. K. J. II i o g n o r gab der leitende Arzt Dr. Ludwig Mendel- Bolin eino anschauliche Schilderung des 1907 begründeten Heims, in dem gegenwärtig etwa 100 Kinder betreut werden, und zwar nicht nur Kleinkinder, sondern auch größere und die Mütter Neugeborener. Wie groß allein der Wäscheverbrauch des Heims ist, kann daraus ersehen werden, daß allein 6—800 Windeln täglich gebraucht werden. Etwa 40 Personen betreuen dio kleinen Insassen, die, wie man sich überzeugen konnte, mit rührender Liebe an ihnen hängen. Man besichtigte dann die Küche, die praktisch und hygienisch eingerichteten Schlafzimmer, die Nähstube, die Wäscherei, die Mütterzimmer und die Aufenmaltsräume. Schließlich ging es in den Bchöncn Garten, wo größere und ganz kleine Kinder spielten oder schliefen, andere in einem Wasserbecken fröhlich herumtollten. Wieder andere erhielten ihre Mittagsmahlzeit. So wurde den Erschienenen ein Werk der Nächstenliebe gezeigt, auf das das Berliner Judentum stolz sein kann. J. W. ■ Wie die „Frankfurter Zeitung" meldet, ist der für 1938 vorgesehene 9. Internationale Philosophonkongreß um ein Jahr vorverlegt worden und findet vom 1. bis 6. August 1937 in Pari» statt. Henry Bergson hat den Ehrenvorsitz des Kongresses, der im Zeichen von Descartes stehen wird, übernommen. Von Rummelplätzen her kennt man die Einrichtung des Lachkabinetts. Das ist ein Raum mit vielen Spiegeln, konvexen und konkaven, und wenn man sich darin betrachtet, bekommt man einen Schreck. Denn man sieht seine eigene Karikatur. Es ist also eigentlich eine Schrcckenskommcr. Aber sie heißt nun einmal Lachkabinett. Was die Karikatur Belbst betrifft, so ist das eine Zeichnung, bei dor man meistens erst aus der Unterschrift erfährt, wer es eigentlich Bein soll. Dor Karikaturist ist ein boshafter Zeitgenosse. Er sieht an uns gerade das, was wir an unserer werten Persönlichkeit nicht gern gesehen haben möchten, und übertreibt es. So verliebt er sich in seinem Dbcrtreibhaus in dio Fehler seiner Mitmenschen, aber nicht in ihre Vorzüge. Wenn jemand den Ehrgeiz hat, im Bild so schön zu erscheinen wie er ist, am liebsten natürlich noch schöner, dann tut er gut, sich nicht dem Bpitzigcn Bleistift eines Karikaturisten auszusetzen. Dann lasse er sich lieber achtmal für eine Mark photographicren oder gehe zum Porträtmaler. Daswird zwar auch nicht immer ähnlich, aber immerhin ... Zu Max Liebermann kam einmal ein Berliner Bankier, der ein Bild von sich wünschte, mit dem er seine Frau zum Geburtstag erschrecken wollte. Aber er war ein bißchen besorgt um die Porträtühnlichkeit. „Na, beruhigen So sich man", tröstete ihn Liebermann, „ick mal Sc ähnlicher als So sind." Wie der Maler erfaßt auch der witzige Stift des Karikaturisten das Wesen der — im doppelten Sinn — Gezeichneten viel besser' als dio photogrophische Linse, dio nur das Äußere wiedergibt, nicht den geistigen Habitus eines Menschen. Daher von einer Karikatur, von einer guten Karikatur, auch die Bezeichnung .„lächerlich ähnlich". Die Parodie ist die literarische Karikatur. Wie der Zeichner ein verzerrtes Porträt schafft, das aber immer die Züge des Karikierten erkennen läßt, so läßt der Parodist mit seinen Mitteln, d. h. mit Worten, Dichter im Zerrspiegel erscheinen. Eine ganz große Abteilung der Literatur ist ein mit solchen Zerrspiegeln ausgestattetes Lachkabinett. Auch die jüdische Literatur ist reichlich darin vertreten. Da gibt es eino Parodie des Esther-Buches in talmudischem Stil. Die Pirke owaus, die Sprüche der Väter, Bind ebenso parodistisch behandelt worden wie. einzelne Traktate des Talmud und Abschnitte des Schulchan Aruch. J)ie Pessachhoggada ist parodiert worden, und auch des Maimonidcs Werk „Jaä ha-Chasaka" wurde literarisch persifliert. Wobei zu sagen ist, daß eine Parodie respektlos sein kann, ober deswegen noch lange nicht lieblos zu sein braucht. Eine der genialsten Dichtungen der Weltliteratur ist der Parodie entwachsen: der „Don Quijotc" des Cervantes. Dio berühmtesten Dichter haben sich eino scherzhafte oder spottende Nachahmung ihrer Werke gefallen lassen müssen. Im Gegenteil: je bedeutender ein Dichter, um so größer dio Zahl der Parodien, die seine Dichtungen hervorrufen. Wie haben z. B. — in der Blütezeit der deutschen Parodien — die jungen" Romantiker in den Anti-Xenien den Briefwechsel Goethes mit Schiller zerzaust. Eines dieser Spottgedichte lautet: Gar schön grüßt' Goctho Schillers liebe Frau; Die gute grüßt; sie grüßt und hört nicht auf zu grüßen, 360 Mal,' ich zählt' es ganz genau: Viel Bogen füllt es an; der Käufer muß es büßen. Noch schlimmer ist es Schiller ergangen — seine „Glocke" ist das meistparodierte Gedicht —, undals er „Macbeth" für die Weimarer Bühne eingerichtet hatte, wählte das gegnerische Lager dafür das Hamlet-Motiv: Perdita / „Wie diese Leute sich das denken--", murmelte Mr. Orpen, der Sekretär, und zerriß kopfschüttelnd den dreizehnten Brief der Morgenpost, die er für Mr. Philip Jacob zu ordnen hatte. Fast alle Briefe waren von Bittstellern — der große Wolli.-önig war als Wohltäter bekannt. Aber in der letzten Zeit hatte Orpen die Weisung erhalten, sehr genau unter den Bittgesuchen zu rächten. Die Zahl der Armen häufte sich erschreckend--. Orpen seufzte: seine Tätigkeit entbehrte gar zu sehr der Aktivität, lond er allmählich. Er führte ein äußerlich sorgloses, angenehmes I .eben. Man verbrachto einige Monate auf Reisen, ein gutes Vierteljahr auf dem herrlichen Landsitz in Maidenhead, und den übrigen Teil des Jahres in dem wunderbaren Hause flm Hyde-Park. Aber Orpens innere Einsamkeit ließ ihn dio freien Stunden nicht genießen, sondern verstärkte das Bewußtsein seiner großen Leere. Mechanisch öffnete er den vierzehnten Brief. Seine schon etwasermüdeten Augen überflogen die wenigen Worte, dio eine anscheinend junge Hand in höchster Erregung geschrieben haben mochte. „Mein Herr, man hat mir gesagt, Sie seien Jude und sehr reicht Ich flehe Sie an, helfen Sie mir! Ich bin ganz allein und suche meinen Vater in London. Ich komme aus Hamburg, ohne Geld, ich will arbeiten, bin 19 Jahre. Morgon früh werde ich von 9 bis 11 Uhr vor Ihrem Hause stehen .— werden Sie mich hereinrufen? Perdita Oppenheim." Der Sekretär James Orpen starrte auf den Briefbogen--. Diese elenden Träume, dio ihn in letzter Zeit auch am Tage überfielen! Diese Erinnerungen, die ihn seit Monaten wie ein Albdruck verfolgten — —. So oft er deutsche Zeitungen in die . Hand nahm, glaubte er immer zwischen den Zeilen diesen Nomen zu lesen — — Perdita Oppenheim! So hieß seine Tochter--. Unbedingt mußte er einen Arzt aufsuchen und etwas für seine Nerven tun — — ein Sekretär kann es sich nicht leisten, an Hailucinationen zu leiden! Orpen wischte sich die feuchte Stirn ab; er griff nach dem Bcharfcn Riechsalz und lehnte sich zurück. Er versuchte, zu lächeln — —. Für wen tat er das? Er hatte keinen Zuschauer! War er wirklich der Komödiant, den seine Frau immer in ihm gesehen hatte? Als er sich jetzt eine Zigarette anzünden wollte, gehorchten ihm die Finger nicht — Wa3 für ein hystenschor Einfall! Wob ging ihn das alles heute noch an? Man muß den. Mut haben, eine Jugendsünde vor sich selber einzugestehen — —-Es war lächerlich, daß eino Erinnerung ihn derartig umwerfen konntet Wieder streckte er die Hand nach dem Briefe aus. Mit der Linken drückte er die Brille fester gegen die Augen — aber der Name stand deutlich auf dem gelblichen, einfachen Papier: „Perdita — —." Orpen riß die Uhr heraus: es war 10 Uhr 52! Er atmete tief auf, wie ein Befreiter — er hatte noch 8 Minuten Zeit vor sich! Seine Arme umklammerten die Sessel-Lehne — er fühlte sich von einem Wirbelsturm fortgetragen. Es schien, als wenn dio ganze Summe von Qual, Gewissensbissen, Reue und Zweifeln ihn zu erdrücken drohte, der er in den letzten vierzehn Jahren jeu entfliehen versucht hatte. — — Wie auf einem Filmband rollten die Ereignisse vor seinem inneren Auge ab: seine übereilte Flucht von damals, als eine sinnlose Leidenschaft ihn von seiner „Macbeth" ist aus den FugenI Schmach und Scham, Daß ich zur Welt ihn einzurichten kam. Der Berliner Literarhistoriker R.- M. Meyer, der ebenso wie Erich- Schmidt der Parodie gründliche Untersuchungen gewidmet hat, hat mit Recht darauf aufmerksam gemacht,' daß dieselben Personen in dor Geschichte der Parodiedichtung sowohl als Opfer wio als Richter wichtig sind. So Scheffel, Herwcgh, Heine. Auch Goethe darf hier nicht vergessen werden. Ein. glücklicher Heinc-Parodist war Varnhagens Freund Wilhelm Neumann. Von ihm stammt eine Parodie, die lange Zeit oft für ein echtes Hcincsches Gedicht gehalten wurde. Sic lautet: Den Gärtner nährt sein Spaten; Den Bettler sein lahmes Bein; Den Wechsler seine Dukaten; Mich meine Liebespein. Drum bin ich Dir sehr verbunden, Mein Kind, für Dein treuloses Herz: Viel Gold hob' ich gefunden Und Ruhm im Liebesschmerz. Nun sing' ich bei nächt'ger Lampe Den Jammer, der mich traf; , Er kommt bei Hoffmann und Campe Heraus in klein Oktav. Ein Meister der Parodie, lange vor der Zeit, da Alexander MoszkowBki, Hans von Gumppcnberg, Fritz Mauthncr in seiner Sammlung „Nach berühmten Mustern", sein Nachfahr Robert Neumann („Mit fremden Federn") und Hanns Heinrich von Twardowsky auf seinem „Rasenden Pegasus" auf amüsante Weise produktive Kritik an der zeitgenössischen Literatur übten, war auch M.Saphir, vor dessen biseiger Parodie niemand^ sicher war, und der sich deshalb auch dio Feindschaft vieler Menschen zugezogen hat. Das Wort Parodie kommt aus dem Griechischen und bedeutet Nebengesang, eino Dichtung, die einen komischen Stoff in Form und Ton eines bekannten ernsten Dichtwerks behandelt. Die berühmteste Parodie des Altertums ist der Froschmäusekrieg, eine Persiflage von Homers „Ilias". In der Darstcllungsart von Wicland beeinflußt, haben im 18. Jahrhundert Johann Benjamin Michaelis und Johann Aloys Blumauer die Abenteuer des Vergilschcn frommen Helden Acncas travestiert. Jetzt läßt ihnen Heinrich Kurtzig, der humorvolle und gemütstiefe Schildercr ostdeutschen Judentums und Herausgeber der Blätter des Verbandes Jüdischer Hcimatvercinc, dio „Liebes- und Irrfahrten nach Homers O d y s s e e" folgen (Gustav Engel Verlag, Leipzig). Erfreulicherweise ist diese heitere, liebenswürdige Ümbicgung der Erlebnisse des listenreichen Odysscus weit weniger langatmig als der Titel, den der Autor seinem Helden auf die Fahrt von Troja über Berlin nach Ithaka mitgegeben hat. Bei aller Keckheit, mit der Heinrich Kurtzig den trojanischen Münchhausen und seinen Sohn Tclemach mit Reichsbankdiskont, Auto,' Flugzeug, Rundfunk, moderner Damenmode und anderen neuzeitlichen Errungenschaften in Verbindung bringt, wird in keinem Vers der Respekt des liebevollen Kenners der Antike vor der homerischen Muse außer Acht gelassen. Selbst zwischen Bedenklichkeiten weiß er hindurchzusteuern wie OdyBseuB zwischen Scylla und Choribdis. Vor den flotten Knittelversen, die mitunter Wilhelm Busch nahekommen, verflüchtigt sich aller philologische Schulstaub, der sich seit Gymnasialtagen auf dem Homer festgesetzt hatte. Der Homerforschcr Thassilo von Scheffcr hat dem unterhaltsamen Bändchen in einem Vorwort seinen Segen erteilt. Eine Spaßmacherci, die im literarischen Lachkabinett ihren Platz verdient. E. Ta. Frau fortgetrieben hatte--die Scham, heimzukehren--der Versuch, in London ein neues Leben aufzubauen — — die Annahme eines fremden Namens — — die immer größer werdende Scjieu, Frau und Kind Rechenschaft abzulegen---die Unfähigkeit, sich zu einem Entschluß aufzuraffen, bis ihn schließlich die Passivität des Alternden überkam und ihn völlig von seiner Vergangenheit trennte--. Nur die verwirrenden Bilder blieben übrig, die seinen Schlaf störten, und die ihm Eva wie eine verblaßte Photographie vor Augen führton — Eva mit dem fünfjährigen Kind neben Bich! Perdita — das zärtlich geliebte kleine Geschöpf, dem er, der fanatische Shakespeare-Verehrer, diesen Namen aus dem „Wintermärchen" gegeben hotte —■ —. Orpen erhob sich taumelnd — in wenigen Augenblicken würdo er vor seiner Tochter stehen — ein gnädiges Schicksal führte ihm das Kind in die Arme, an dem er die größte Sünde begangen, deren ein Jude fähig war: die Seinen verleugnen, sie der Not überlassen---* Ohne zu wissen, wie er dort hingekommen, fand sich Orpen plötzlich auf der breiten Treppe — er jagte die Stufen hinab, atemlos und gehetzt. Er stürmte durch den Vorgarten auf die Straße hinaus. Sein ergrautes Haar fiel ihm in die Stirn. Er blieb stehen und hielt dio Brille fest, ober alles verschwamm vor seinen Augen Drüben in der fahlen Sonne trabten Reiter über den Weg, und dio dunklen Bäume erschienen ihm wie eino drohende Kulisse. ' Wo würde Perdita stehen? Orpen wagte nicht, dorthin zu sehen---. Der Zaun, schwarz mit vergoldeten Spitzen, umgab das Haus und das geregelte Dasein, dessen sich Orpen so viele Jahre erfreut hatte. Aber hier draußen — im lärmenden Gewirr der fremden Straßo — stand die Tochter, um Hilfe bittend, wie irgendein heimatloser Mensch — —. Orpen zögorte. Er wußte, daß der nächste Moment sein Schicksal bestimmen würde. Vielleicht hatte Gott ihn dennoch nicht verstoßen — vielleicht durfte er wieder gut machen--• Sehr bleich, mit einer hilflos tastenden Bewegung griff Orpen nach den eisernen Sprossen des Zauns. Instinktiv Buchte er einen Halt, und jetzt erblickte er Perdita — eine junge, Bchmale Gestalt ganz in Schwarz — —. ' Das Mädchen starrte zu den Fenstern hinauf mit einem Ausdruck fanatisch gespannter Erwartung. „Fräulein Oppenheim —?" Btammelte Orpen. i Zwei Icucluende Augen wandten sich ihm zu. Er erkannto Evas lange Wimpern, das gleiche zarte Profil mit der etwas zu kurzen Oberlippe. Den Klang des Namens genießend, wiederholte er: „Perdita Oppenheim?" Sie nickte: „Aber ich habe Sie gar nicht herauskommen sehen? Ich stehe schon fast zwei Stunden hier — —. Läßt er mich wirklich rufen, der Mr. Jacob?" Ungläubig sah aie ihn an, dann flog der Schimmer eines zaghaften Lächelns über das kindliche Gesicht :„Es iBt wie ein Wunder — — Glauben Sie ernstlich; daß er mir helfen wird?' Orpen nahm ihm Hand: „Ihr Vater ist ■--er ist gefunden! murmelte-er. Rot (Iberflammt betrachtete sie ihn, dann schüttelte sio den Kopf: „Um Gotteswillen '— das gibt es doch nicht! Skizze von ALICE STEIN LANDESMANJS

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