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Jüdische allgemeine Zeitung · 1935-08-14 · 33 (14.8.1935) · page 3

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Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
15 (1935)
Issue
33 (14.8.1935)
Date
1935-08-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Beilage 14. August 1935 JÜDISCHE ALLGEMEIHE ZEITUNO ttatßan un6 ttapolaon <8«n fM*cr<n» Äuczsoman oon Ruöolf^rank Auffl.: Souncnfeld Rudolf Frank, der Autor unseres Romans Der Vater meines Urgroßvaters hat bis zu seinem seligen Ende nie die französischen Aufmarschplänc verstanden, die zu dem unglücklichen Gefecht bei Saalfeldi den Schlachten bei Jena und Auerstadt und damit zum Zusammenbruch des alten frideriziani- «chen Preußen führten. Obwohl er doch selbst 'mitten drin .gesteckt hatte in der Weltgeschichte, mit seinem rötlich schimmernden Kopf, seinem klappernden Bretterwagen, seinen Kartoffeln und seinem braven Schimmel Fixlein. In Wirklichkeit liatte damals vieles sehr anders ausgesehen als in den Schriften •des Gcneralfcldmarschalls Freiherrn von Müffling und in der „Königlichen Relation Ober die Schlacht bei Auerstudt". Daher kommt es denn auch, daß ich diese und andere strategische. Werke, die aus jener Zeit Aber Urgroßvater und Großvater in meine Bibliothek geraten sind, nicht wegen ihres gewiß sehr achtenswerten militürwissenschaftlichen Inhalts, sondern vielmehr tun jener ganz unwissenschaftlichen Randbemerkungen willen schütze, die «ine ungelenke Fuhrmannshand rings um die bedruckten Seiten verstreute. Es war die Hand meines Vorfahren Nathan ben Isaac, zubenannt Franck, und ihre Spuren, die ich mit Müh und Not entziffert habe; sprechen noch heut von dem Anteil, den der altfränkisch-jüdische Fuhrmann aus Wiesenfeld -an den politischen und geistigen Ereignissen seiner Zeit genommen hat. Sie erzählen, wie ihn Historia bei. seinem rotblonden Schopf nahm, aus den gewohnten Geleisen riß, eine Weile kraftig beutelte und ihn dann ganz sachte wieder auf den ererbten Boden setzte, so ■als habe sio Bich nur ein kleines Puppenspiel mit ihm erlauben und ihm und seiner Sippe ein paar neue Raupen, Zeitideen genannt, in den Kopf setzen wollen. Es fing damit an, daß in den ersten Oktobertagen des Jahres 1806 ein Detachement französischer Reiter vom Lonneschen] Korps (oder waren sie vom Korps Augereau, da ist er, wie gesagt, nie dahinter gekommen) ihm zwischen Werra und Fulda die ganzen schönen Kartoffeln wegnahm, die er eben im Thüringischen erstanden hatte, wo er eine Fuhre bayerischen: Holzes (geschnitten Nußbaum) zu gutem Preis losgeworden war. Es war die erste selbständige Fuhre, die ihm sein Vater Isaae und seine alteren Brüder, Samuel, Lambert, Gereon und Benjamin, anvertraut hatten, und darum war ihm der Vorfall besonders verdrießlich. Nicht' einmal einen, Reqüisitionsschcin hatten ihm die- Rothosen ausgestellt Nun würde sein Bruder Samuel, der fünf Jahre alter Vor als er, sich natürlich wieder aufspielen: „Das kommt davon, wenn man Kindern was anvertraut". Dabei war er doch schon ■vierundzwanzig Jahre und gut . ejneh Kopf größer als der Vater. iEr hatte eine Wut in sich, er hatte heulen mögen. Aber er heulte nicht. Er war ja kein Kind mehr und von Kindesbeinen, auf an Krieg gewöhnt. Großmutter Beclo, die mit ihnen im Hause lebte, sprach immer vom tausendjährigen Krieg gegen die Juden. Im Jahre 1096 der christlichen Zeitrechnung habe er in ihrer Gegend begonnen. 710 Jahre hatten sie davon jetzt glücklich-unglücklich hinter sich; da hieß es also noch lange) lange auf der Hut sein. Besonders hier, mitten im Aufmarschgebiet der napoleonisphcn Streitkräfte. Immerzu kamen ihm andere Truppen in den Weg. Wenn er einem Detachement ausbog und einen Seitenweg einschlug, stieß er auf ^diesem gleich wieder auf Soldaten, bald in kleineren, bald in größeren Trupps, und je, kleiner sie waren, um so frecher, um so begehrlicher. Nein, wenn er .jetzt den Kopf verloren und gar geheult hätte, wäre alles verloren gewesen: Pferd und Wagen und womöglich er selbst. Er mußte sich ein kühnes, verwegenes Ansehen geben. Das konnte er. Wie ein alter Kriegsmann konnte er dreinschauen, trotz seiner Jugend. Der Großvater meines Großvaters war ein stattlicher Kerl, 1,80 groß, und trug hoho Rindslcdcrsticfel, lederne Hosen und einen blauen Fuhrmannskittel. In der linken Hosentasche hatte er das hebrOischo Gebetbuch und die Botriemen, in der rechten aber die Schnupftabakdose und einen „Totschlttgor". Für alle Falle. Sehr möglich, daß so ein Fall noch heut eintreten würde. Es sah ganz danach aus. Besonders die Reiter, die das ganze Weser- und Mainland unsicher machten, beunruhigten ihn. Sio spritzten bald von rückwärts, bald Von rechts oder links an ihm vorüber, und alle warfen begehrliche Blicke auf sein Fixlcin, welches ein weithin leuchtender, makelloser Schirnrod war. Das fehlte gerade noch, daß man ihm den Gaul ausspannte! Fixlein war der Augapfel der Fräncke. Von ihm und dem Braunen hing der Unterhalt der zwölfköpfigen Familie ab; denn außer der Großmutter und den Brüdern waren da auch drei Schwestern, von denen zwei noch unversorgt waren. „Zieh, Schimmel, zichl" Nathan ließ seine Peitsche spielen, und der Wagen ratterte über die Wasserscheide der frünkischen Saale, einem Nebenfluß des Mains, entgegen. Aber trotz des strammen Trabes war ihm, als käme sein Geführt nicht von der Stelle. Es war wio verhext. Schon dreimal hatte er mächtige Umwege machen müssen, und jeder Umweg entfernte ihn weiter von dem ersehnten Ziel, dem Flecken Wiesenfeld im Amte Karlstadt in Unterfranken, wo die Familie seit Menschengedenken saß und bereits in der dritten Generation ein Fuhrgeschüft betrieb, welchem der Vater mit den zwei älteren Brüdern einen selbständigen Holzhandel angegliedert hatte. Die Kartoffeln hatte er für einen christlichen Nachbarn gekauft. Der würde schönen Linn schlagen, wenn er ohne Kartoffeln und ohne das Geld zurückkäme. Daß Krieg sei, würde er natürlich nicht gelten lassen. „Dazu schick ich ja den Jud", würde er sagen, „daß er mir die Erdäppcl durchbringt. Sonst hätt ich ja aach sclwer gehe kenne." Und er würde Ersatz verlangen. Es war zum Davonlaufen! Aber eben mit dem Davonlaufen hatte es seine Schwierigkeiten Bummsdich! Da ertönte schon wieder das verfluchte „Halte läl" Etwa zwanzig Mann französischer Kavallerie kamen unter Führung eines Sergeanten quer übor das Feld gesprengt. Dieser abscheuliche Kaiser Napoleon! Nathan ben Isaac hatte nicht die geringste Sympathie für diesen Heros der Weltgeschichte. Die Napoleonschwärmerei, der in späteren Jahren seine Söhne und Enkel huldigten, ist ihm bis an sein Lebensende unverständlich geblieben. Für ihn war dieser Bonaparte ein Ganncf, weiter nichts. Er verzieh ihm die rechtswidrig geraubton Erdäpfel so wenig wie dio vor fünf Wochen erfolgte Erschießung des tapferen Nürnberger Buchhändlers Palm. Wie leicht konnte ihm jetzt etwas ähnliches zustoßen. Aber leichten Kaufs würde er weder sein Leben noch seinen Schimmel hergeben. Der Vater hatte ausdrücklich angeordnet, den Schimmel und ja nicht den Braunen einzuspannen. „Im Krieg", hatte er erklärt, „nehmen die Soldaten nie einen Schimmel weg. Schimmel sieht der Feind schon von weitem, Schimmel fallen gleich auf. Schimmel sind wie wir Juden, man erkennt sie. Schimmel sind immer für den Frieden. Wie wir Juden." Die Franzosen, der Weisheit Isaacs nicht teilhaftig, schienen entgegengesetzter Ansicht. Gerade dieser hübsche Schimmel stach dem Anführer der herangaloppierenden Abteilung in die Augen. Er brauche ein Beipferd, erklärte er. Nathan, halt die Ohren steif I sagte sich mein Urgroßvater. Jetzt gilts. Er faßte die ZUgel fester, sotzte eine gewichtige Miene auf und schüttelte streng den Kopf. „J'al l'ordro de passer avec Ina voiture pour Karlstadt", sagte er und sprach vor Angst dio Sprache des Feindes mit einmal fließender denn je. „J'ai I'ordre, mon lieutenant", wiederholte er: „Befehl 1" Das war nicht einmal gelogen. Nur war die Ordre, der Befehl, auf den er sich berief, kein amtlicher, weder von französischer noch von bayerischer Seite, sondern einfach die Ordre Isaacs ben David: nach Erledigung seiner Geschäfte so schnell wie möglich heimzukommen und sich nirgends aufzuhalten. „Besonders net in Kissingc", hatte der Vater betont; denn er kannte des ' Sohnes kindliche Lust am Betrachten geputzter Menschen und namentlich hübscher Frauenzimmer, und von beidem gab es in Bad Kissingen schon damals mehr als genug. Aber so einfach war der Sergeant von seinem Vorhaben nicht abzubringen. Von wem die Ordre sei, wollte er wissen. „Ordre du chef", versetzte Nathan und. beruhigte sein Gewissen mit dem Gedanken: der Vater ist mein Chef; das Geschäft gehörtihm. „J'ai I'ordre la plus pressante", radebrechte er mit größtmöglicher Geschwindigkeit weiter. „Ordre urgente, ordre directe, ordre de passer sans arret, mon eapitainl Ordre, ordre, ordre ..." Er gebrauchte dos Wort wie eine Beschwörungsformel, und es schien fast, als werde er damit seinen Zweck erreichen. Der ' Sergeant, der sich so geschwind vom Leutnant zum Hauptmann befördert sah, stutzte. Kein Soldat handelt gern gegen dio Ordre. Darauf steht unter Umständen der Tod. Aber er wollte sie wenigstens sehen. „Montrez-le-moil" Ja, „Könne vor Lache 1" Nathan Franck bekam ein unangenehmes Gefühl im Bauch. Aber er nahm sich zusammen. Er lachte sogar wirklich und auf eine höchst verschmitzte Art,' „Lea ordres les. plus discrets sont toujour > . . oomment dit-on? . . . sont toujour discrets .. . ■ vous oomprenez, monsieur le major? . . Les Ordres les plus remnrquables ne sont jamais ecrits, n'eat-ce pas, mon oolone]?" U&pfye**f... Falfche Sdiam ^'rt ju<"sc'1<!r Arbeitsnachweis schickto eine Anzahl erwerbsloser junger Menschen in jüdische Betriebe, die freie Stollen für jüdische Lehrlinge aquiricren sollton. Einer dieser jungen Leute kam in einen Großbetrieb und erfuhr — eine Abweisung durch den jüdischen Betriebsführer. Allen Vorstellungen und Hinweisen auf das Gebot sozialer Solidarität zum Trotz ein verlegenes Achsolzucken. „Es tut mir leid, kein Platz" und verschanzt sich hinter Ausflüchten. Darauf geht dor junge Mann zum Bctricbszcllcnobmann. Der junge Mann stammt selbst aus einfachen Verhältnissen, war Workstudent und hat dio rechte Art, mit Leuten umzugehen. Die Unterhaltung kommt Bofort in Fluß. Der junge Mann weist auf den Erlaß des Innenministers hin, nach dem der Arierparagraph in den Warenhaus- und Großbetrieben nicht zu weit ausgedehnt werden dürfe. Zumindest müsse doch die jüdischo Bevölkerungsquote von 1,5 °/o auch in der Besetzung von Arbeitsplätzen feine Bolle spielen. Der Obmann hat volles Verständnis. Es stellt sich heraus, daß die Quote bei weitem noch nicht erreicht ist. Das Ergebnis: Es werden zwei jüdische Lehrlinge neu eingestellt. Der Name des jüdischen Bctricbsführers soll verschwiegen werden. Ob er sich geschämt hat, ist nachweislich nicht feststellbar. Wenn nicht vor uns, dann vielleicht vor einemarischen Bctricbszcllcnobmahn. Jedenfalls haben wir mehr SolidaritätBgcfühl als er. Wir Bchämcn uns nämlich für ihn, und zwar gründlich. rw t ' j Ich besuche bisweilen ein gut bür- „Herr Levy wird am ,. , „. . ' 1 gerhehes Bicrrcstaurant im west- Telefon verlangt" Uchcn BcrHn. Dcr Besucherstamm setzt sich im wesentlichen aus höheren und mittleren Beamten zusammen. Jüdische Gäste sind dort äußerst gering. (Aus keinem besonderen Anlaß übrigens.) Durch die TiBchrcihcn dieses LokaU geht kürzlich der Oberkellner und ruft mit einem etwas peinlichen Stimmaufwand „Horm Levy" ans Telephon. Ich ziehe die Anonymität vor. Nun möchto ich in solcher Situation nicht einmal — ganz unverfänglich — Müller heißen, um in dieser Form vor dio Ohren einer wio immer auch gearteten Öffentlichkeit zitiert zu werden. Aber Herr Levy bowic die Träger ähnlich prononcierter Namen sollten sich einmal ornsthaft überlegen, ob sie recht daran tun ,in einer Zeit, in dor ihnen äußerste Zurückhaltung in der Öffentlichkeit von jüdischer Seite zur Pflicht gemacht wird, die Außerachtlassung dieses Gebots unter lautstarker Angabe ihror Personalien der kritischen Betrachtung einer jüdischen und arischen Zuhörerschaft zu unterbreiten. Die Anekdote Theorie und Praxis Ein erfahrener und bewährter hebräischer Sprachlehrer, welcher schon seit Jahren an einer hebräischen Sprachschule erfolgreich wirkte, unternahm eine Palästina-Reise und mußte zu;-inem größten Entsetzen feststellen, daß die von ihm gelehrte?t räche nur geringste Ähnlichkeiten mit dem dort lebendigen l!<:hräisch aufzuweisen hat. In seine Heimatstadt zurückgekehrt, erzählte der Philologe seinem Freunde, dem Rabbiner der Gemeinde, einem bekannten, weithingeschätzten Theologen, seine bittere Erfahrung. Dieser aber tröstete Beinen Kollegen von der weltlichen Fakultät: * „Was meinen Sio, lieber Freund, wie vielen Theologen es bei ihrer Ankunft im Himmel ebenso ergehen wird." B. Ch. Das war ein schwieriger Satz, und Beine Schwierigkeiten wurden dadurch noch verstärkt, daß mein Ahn dabei noch Theater spielen und so vertraulich mit den Augen zwinkern mußte, als habe ihm der Kaiser Napoleon persönlich einen geheimen Auftrag an Josephine Beauharnais anvertraut. Und um das Spiel, das er trieb, noch mehr zu unterstützen, griff et dabei in die rechte Hosentasche, in der sein Totschläger ruhte, zog wie ein großer Herr die Tabaksdose und bot sio dem Reiter an. „S'il vous plalt, mon genoral . . ." lächelte er huldvolj, als sei der Fall damit erledigt. Sei es nun, daß diesos, selbst für napoleonische Verhältnisse rapide Avancement detn Sergeanten schmeichelte, sei es, daß ihn die vorzüglich gespielte Komödie des Wiesenfelders beeindruckte, jedenfalls nahm er an Stello des. verweigerten Schimmels den erreichbaren Schnupftabak und ritt niesend zu seiner Schar zurück. Nathan sah ihm erleichtert nach. Doch das Lächeln der Befriedigung, das schon in seinem blonden Bart aufsteigen wollte, schlug jäh zurück. Hinter den Berittenen färbte, sich das Gelände rot und blau: es war zum mindesten ein Regiment, das hier im Anzugo war. Da nutzte kein Komödiespiel mehr, da hieß es schleunigst umkehren. Nun mußte er dem Befehl zuwider dennoch nach Kissingen, das ihm der Vater ausdrücklich verboten hatte. Um Fixlein vor dem unbesiegbaren Kaiser zu retten, mußte er'ungehorsam »ein, das würde auch der Vater schließlich einsehen. Nathan hatte die schwache Hoffnung, daß in Bad Kissingen so viele und schöne Wagen und Pferde beisammen wären, daß sefne simple Fuhre kein Aufsehen und keinen Neid erregen würde. (Fortsetzung folgt.)

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