Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 15 (1935)
- Issue
- 32 (7.8.1935)
- Date
- 1935-08-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4109741-2613367-2613398--420-2615260- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Isaiah 2× ep/1005097
OCR text
'ihnen: Meine Kinder, warum esset ihr kein Fleisch mehr? Sie erwiderten: Wie könnten wir noch Fleisch essen, da doch das «gliche. Schlachtopfer auf dem Altar nicht mehr dargebracht worden kann? Dann fragte er: Und warum trinkt ihr keinen Wein mehr? Sie antworteten: Wie könnten wir noch Wein trinken, da doch kein Wein mehr als Gießopfer auf den Altar gegossen werden kann? Da sprach Rabbi Jehoschua zu ihnen: Wenn ihr so denkt, dann dürften wir auch Feigen und Weintrauben nicht mehr essen; denn von ihnen hat man ja früher das Frühreifopfer dargebracht. Wir dürften kein Brot mehr essen, denn zwei Brote von jeder neuen Weinomte brachte man einst zum Wöchenfest in das Heiligtum, und die Schaubrote stellte man von Sabbat zu Sabbat auf den Tisch im Heiligtum. Und wir dürften auch kein Wasser mehr trinken; denn auch das Wasseropfer am Hüttenfest ist unmöglich geworden. Da schwiegen, sie und fanden keine Antwort. Nun aber sprach er zu ihnen: Kommt, meine Kinder, ich will ' euch jetzt ansagen, wie unser Tun sein' muß. Eb ist nicht möglich, daß wir nicht trauern; denn Verhängnis ist über uns gekommen. Es ist aber auch nicht möglich, daß wir' zu sehr trauern;-denn man darf keine Anordnung für die Gesamtheit erlassen, wenn die meisten ihr nicht ohne Gofnhr für den Bestand des Ganzen folgen können. Aber so sollen wir es nach den Worten der Weisen halten: " Tüncht einer sein Haus, so lasse er einen Fleck kahl und unbeworfen: zum Gedächtnis Jerusalems. Richtet einer ein Festmahl, dann richte er alles gehörig zu, doch lasse er von dem Gewohnten riMtii"'fetti'' zuW'Ged^chtius''' Jerusalems; 'Legt ''eine' Frau ihren Schmuck an, so lege sie nie vollen Schmuck an; sie lasse etwas weg: zum Gedächtnis Jerusalems. Denn so heißt es (Ps. 137, 5—6): Vcrgesso ich, Jerusalem, dein, meine Rechte vergesse den Griff, meine Zunge} hafte am Gaurn. Gedenke ich dein nicht mehr, erhebe ich Jerusalem nicht zuhBuptcn meiner Freude. Wer 'aber um Jerusalem in rechter Weise trauert, der wird auch gewürdigt sein, die Freude Jerusalems zu schauen. Denn so heißt es (Jcs. 66, 10): . Ergötzt euch mit , Jerusalem, jauchzet um sie, -j allo ihr, die sie lieben 1 . Freut euch mit ihr in der Freude; alle ihr, dio über sie trauern I * Die vorstehenden Proben sind den „Midraschim der Klage und dos Zuspruchs" entnommen, dio soeben, rechtzeitig zu den Togen der Trauer, die der Erinnerung an don Untergang Jerusalems und die Zerstörung des Tempels gelten, in der Bücherei des Schockenverlages erschienen sind. Max D ion'omann hat sie mit sicherem Blick ausgewählt und wirkungsvoll übersetzt. Zum Verständnis des 'Midrosch tragon seino einleitenden Worte wesentlich bei. Die ausgewählten Stücke, deren Motive die beiden Tempelzerstörungcn, die Bedrohung in der Perserzeit und die hadrinnische Verfolgung bilden, zeigen, in welch phantasicvoller Weise und zeitloser Souveränität der Midrosch das Bibelwort ausdeutet, mitunter sogar umdeutet. Die Sammlung klingt oub in der Sentenz:. „Nicht' zu euch kommo solches, all, dio ihr des Weges zieht (Kiagel'/l, 12)'.''Die'!Gemeinde 'Israel spricht zii den' Völkern der Welt: Es kommo nicht über euch, was über mich kam, es geschehe euch nicht, was mir geschehen ist." Schon in diesen Worten zeigt sich, worauf Dienemann mit Recht hinweist, daß das Geschehen in dio Zeitlösigkeit emporgehoben ist, gegenständlich ist und gegenwärtig bleibt.; Roman in der Volksküche Aus dem Tagebuch einer Ehrendame I Von DANIEL SPITZER Nicht allzuvieten ist der Name Daniel Spitzer mehr geläufig. Und doch war dieser große Feuilletonist, dessen humoristische und satirische' Aufsätze- 27 Jahre lang allsonntäglich unter dem Titel „Der Wiener Spaziergänger" in drei großen Wiener Zeltungen erschienen, ein Autor, dessen Ruf weit über die Grenzen "seines Geburtslandes Österreich hinausging und der seinen Platz In der Literaturgeschichte Verdient hat. Daniel Spitzer, der vor mutmehr hundert Jahren in Wien als Sohn mährisch-jüdischer Eltern in Wien ge- , boren wurde, hat schon frühzeitig als Beamter der Wiener Handelskammer an den „Fliegenden Blättern" und am kladderadatsch", mitgearbeitet, ehe er sich ganz in den Dienst des Feuilletons stellte. Seine Sonntagsfeuilletons mit der bekannten, der ersten Zeile vorangesetzten Chiffre Sp—r., in denen sich Lyrik und Humor, Satire und Kritik in feiner Dosierung mlsclien, waren eine begehrte Lektüre. Aus seinem, Judentum hat Daniel Spitzer nie ein Hehl gemacht, was ihn nicht hinderte, Schwächen seiner Glaubensgenossen ebenso zu geißeln wie alle' anderen. Er ist im Januar. 1893 in Meran gestorben. Wie sehr selbst vergängliche Stoffe des Tages sich in Spitzers grazil-humorvoller Form frisch erhalten haben, zeigt das nachstehende 1876 geschriebene novellettenartige . .Feuilleton, das wir mit einigen Kürzungen wiedergebed; , Donnerstag, den . . . : Wie (»anz andere Anschauungen über die Ehe hatte ich, da ich noch in Krems Weilte, als hier in Wien. Ich malte mir den Ehestand mit so rosigen Farben aus; ich sah mich in der Phantasie in einem lichtblauen Schlafrock auf dem Sofa sitzend, einen blondgelockten . Knaben auf dem Schoß, der mir die Wange streichelte, während das kleine Mädchen zu 'meinen Füßen mit der Puppe spielte. Mein Mann hatto neben mir Platz genommen und los mir einen neuen Roman aus der ,;Gartenlnube" vor. Wenn die beiden: Liebenden während .die Mutter in einer älteren Bibel los, mit verschlungenen Händen stumm dasaßen, jedes heseligt durch die Nähe des andern, dann ließ mein Mann die Zeitschrift sinken, sah mich mit verklärten Blicken an, und indem er mich mit dem Arm umschlang, drückte er bewegt einen Kuß auf meine Lippen. Ach, wie ist das ganz anders geworden! Ich bin nun schon drei Monate verheiratet, aber keine Kinder erfreuen noch mein Herz durch ihr unschuldvolles Lallen; mein Mann gehört in seinen freien Stunden nicht mir an, sondern der Mittelpartei deB Gemeinderates, und ich erfahre nichts von dem Schicksal der Liebenden in der „Gartenlaube^' . . . <! : | Samstag, den . . . : Als mein Mann gestern aus dem Gemeinderate nach Hause kam, war er freudig erregt; er drückte mir die Hand, küßte mich auf die Stirne und flüsterte mir ins Ohr: Ich habe dir eine kleine Überraschung mitzuteilen. Ich schlug die Augen nieder, weil es eigentlich mir als seiner jungen Gattin zugekommen wäre, ihm eine solche ins Ohr zu flüstern; er ober fuhr fort: . . . Ich hohe dich als Ehrendame in der Volksküche durchgesetzt. . . .' Ich suchto Einwendungen zu erheben, indem ich darauf hinwies,. daß alle meine Wünsche nur auf. ein glückliches Familienleben gerichtet seien, und daß ich michbeseligt fühlte, in der Mitte meines Mannes und umringt von einer Schar von Kindern.. Karl aber unterbrach mich, nannte mich überspannt .. . . Mittwoch, den . . .: Ich zog heute mein taubengraues Kleid an, das ich an jenem Tage trug, an dein mich Karl zum ersten Male in Krems sah.. Aber er merkte das [»ar nicht, da er infolge einer Gasausströmung in Gumpendorf wie betäubt war und Angriffe auf die Gaskommission, des Gemeinderates, deren Mitglied er ist, befürchtet. Nachdem ich einen Imbiß zu mir genommen hatte, ging ich in die Volksküche. Das Stubenmädchen, von dem ich mich begleiten ließ, teilte mir mit, daß ein junger, interessant aussehender Mann uns verfolge. Nachdem wir unsere Schritte beschleunigt hatten, sah ich mich um, ob es der Zudringliche trotzdem wage, uns zu begleiten, und bemerkte, daß er ein blasses Gesicht hatte, das ein schwarzer Vollbart einrahmte. — Die meisten Damen in der Volksküche schienen mir mit ihrem Lose zufrieden zu sein, nur meine Nachbarin sah sehr abgehärmt aus. Wir fanden uns bald zueinander hingezogen, und sie teilte mir mit, daß sie schon eine Überschwemmung als Ehrenmitglied überstanden, daß sie. sich ferner auch an dem Tode Grillparzers als Vizepräsidentin eines Denkmalskomitees beteiligt und daß auch Schiller durch seine unvergeßlichen Werko ihr manche kummervolle Stunde als Schriftführerin des Schillervereins bereitet habe .. Als ich ihr teilnahmsvoll die Hand drückte, Bah ich, wie eine Träne über ihre Wange glitt und in einen Teller mit Erbsenpüree fiel, den sie. eben einem Gaste reichte. Ich blickte auf und glaubte, der Knödel, den ich gerade auf einen Teller legen wollte, müsse mich. verschlingen; denn ich erkannte in dem Empfänger ' des Erbsenpürees den jungen interessanten Mann, der mich, verfolgt hatte. Sonntag, den . . .: Ich bin unglücklich; denn Karl ist mir treulos geworden, und jetzt, da mein eheliches Glück zerstört ist, verstehe ich erst die französischen Stücke im Burgtheater. Er hat keinen Blick und kein Wort für mich; er ist tagsüber in seinem Zimmer, und wenn er in meiner Nähe weilt, ist er immer zerstreut und seufzt. Er hat sich gestern nacht verraten; denn er wiederholte im Schlafe fortwährend den Namen Theodora. Das ist gowiß eine Ballettänzerin, die er besucht, während er mir einbilden will, daß er den Sitzungen der Mittelpartci beiwohne. Oh, ich durchschaue ihn jetzt; er drang nur deshalb so darauf, daß ich Ehrendame der Volksküche würdo, damit er während meiner Abwesenheit desto ungestörter buhlen könne. Wenn der schwarze junge Mann, der mich bis in die Volksküche verfolgte, wüßte, daß mich mein Mann verratI . . . Montag, den . . . : Ach, wie unrecht hob' ich meinem armen Karl getan! Ich weiß jetzt, daß er nur deshalb in Gedanken so versunken ist und sich in seinem Zimmer abschließt, weil er seit einigen Tagen ganz historischen Studien lebt. Es wurden nämlich drei Gassen neu eröffnet, die in der nächsten Sitzung des Gemeinderates Namen erhalten sollen, und er sucht jetzt fortwährend im, Konversationslexikon berühmte Persönlichkeiten, die noch nicht durch. Straßenbezeichnungen verewigt sind. Karl will den Antrag stellen, daß eine dieser Gassen den Namen der Gemahlin Leopolds des Glorreichen erhalten solle, der griechischen Prinzessin — Theodora. Mittwoch, .den...'..: Der interessantejunge Mann läßt nicht nach, mich zu verfolgen. Er war heute wieder in der Volksküche und ließ sich Selchfleisch mit Erbsenpüree geben, wie neulich. Wie schlau ein Liebender ist 1 Er aß alles bis auf den letzten Bissen, um länger in meiner Nähe weilen zu können. Freitag, den . . . : Karl ist mit sich und der Welt zerfallen. . . Nur meine Mitteilung, daß ich ein Komitee gebildet habe, um einen Wohltätigkeitsbasar zum Besten der Volksküchen zu veranstalten, vermochte ihn etwas aufzuheitern. Er hat noch an demselben Abend ein schwungvolles Schreiben yerfaßt, in welchem er dem Komitee mitteilt, daß er zu dem schönen Zweck einen Bund von fünfundzwanzig , Virginia-Zigarren zu senden bereit sei. Mittwoch, den . . . : Ich war heute in der Volksküche. Der junge Mann trat, als ich kaum erschienen war, ein und suchte, wie gewöhnlich, einen Vorwahd für sein Hiersein, indem er sich Selchfleisch mit Erbsenpüree geben ließ. Ich Bah, wio ihn meine Freundin längere Zeit teilnehmend beobachtete, dann wendete sie sich sinnend zu mir und fragte mich: „Wissen Sie, was diesen jungen Mann hier fesselt?" Ich fühlte, wie mir das Blut in die Wangen schoß; mein Herz klopfte, und ich antwortete flüsternd: „Wie sollte ich das wissen?" Meine. Freundin aber fuhr fort: „Das' ErbsenpüreeI Sie werden nämlich bemerkt haben, daß er nur an jenen Tagen die Volksküche besucht, an welchen diese nahrhafte Hülsenfrucht verabreicht wird.." Obwohl das Zusammentreffen der Umstände ein ganz merkwürdiges war, hätte ich mir. doch bei richtiger Überlegung sagen müssen, daß die Vermutung meiner Freundin eine zu widersinnige sei, als daß man sie für begründet halten konnte. Aber mein Blut war in Aufruhr: ich fühlte die Qualen der Eifersucht und haßte meine Nebenbuhlerin — das Erbsenpüree. Sonntag, den . . . : Morgen wird der Basar eröffnet. Ob er wohl kommen wird? Dienstag. Ich vermag kaum die Feder zu halten, um die furchtbaren Eindrücke des gestrigen Abends niederzuschreiben. Der Basar ist gestern eröffnet-worden. Ich verkaufte Zigarren. Plötzlich sah ich ihn, und mein Herz schnürte sichzusammen; denn ich ahnte ein unheilvolles Ereignis. Obwohl das Gedränge sehr groß war, machte er sich doch Platz, trat an meine Verkaufsbude, nahm einen Bund Zigarren, drückte mir ein Papier in die zitternde Hand und verschwand. Ich ahnte einen Liebes- . brief und wagte ihn nicht anzusehen, sondern verbarg ihn erachrooken an meinem Busen. Aber ich wurde immer unruhiger, ich zitterto vor dem Abgrund, an dem ich stand, und machte mir Vorwürfe. Ich konnte es kaum erwarten, den Basar zu verlassen; denn ich hatte das Vertrauen meines Karl verraten. Ich empfand Gewissensbisse und konnte meinen Seelenfrieden nicht wiederfinden, - bis ich meinem Manne alles bekannt hatte. Endlich kam ich nach Hause, stürzte in Karls Zimmer und erzählte ihm alles, von der ersten Verfolgung des Unbekannten bis zu dem unheilvollen „Briefe. Wo ist der Brief? Bchrie Karl blaß vor Zorn. Ich übergab ihm zitternd das Papier, das noch an meinem Busen ruhte; er entfaltete es und fing plötzlich laut zu lachen an. Was ist das? rief ich. Das ist,, erwiderte er lachend, einer jener Zettel, die das Aussehen von Banknoten haben und ah den Straßenecken den Vorübergehenden von .Dienstmännern in die Hand gedrückt werden, und er begann zu lesen: Zehn Gulden für ein Dutzend leinener Unterbeinkleider ... Oh, der Elende, unterbrach ich Karl erzürnt und beschämt. Allerdings ein Spitzbube, antwortete mein Mann, wenigstens aber stiehlt er nicht Herzen, sondern nur Zigarren. Doch ich muß rasch in die Kommissionseitzung; denn in Mariahilf ist ein Kanal eingestürzt. DIE BIBEL ERZÄHLT im WocJwnabfdmitt Woes-cJiannon am Schabbos „Nachamu" von der Offenbarung am Horeb, von den zehn Geboten und von dem Sch'ma, dem Bekenntnis als der Glaubensgrundlage Israels. Israels Blick wird auf die „frühen Tage" zurückgelenkt, da „der Ewige euch nahm und euch aus dem Eisenschmelzofen, aus Ägypten, führte, ihm zu einem Eigenvolk zu werden". „Himmel und Erde", ruft er „zu Zeügen wider sie auf", daß ihre Schuld es ist, wenn „der Ewige sie unter die Völker zerstreut", wenn sie „übrig bleiben ein zählbares' Häuflein unter den Erdstämmen". Und Israel sieht seinen Entwicklungsgang vor sich: „In deiner Drangsal; da alle :diese Dinge dich treffen, dann kehrst du zu deinem Gott zurück und hörst auf seine Stimme." Dann wird Israel „des Tages gedenken, da du standest vor deinem Gotte am, Horeb", dann wird .es Sinn und Wert der Lehre ermessen, „die Mose den Söhnen Israels vorlegte". So vorbereitet vernimmt Israel die zehn Gebote, um für alle Zukunft „zu wahren alle seine Satzungen und seine Gebote, die ich dir gebiete, du, dein , Sohn und deines Sohnes Sohn". Denn „nicht mit unsern Vätern allein hat er diesen Bund geschlossen, nein, mit uns allen, die wir heut hier leben". Diese Erwählung erwächst nicht aus dem besonderen Verdienst Israels, „weil ihr mehr seid als alle Völker; denn ihr seid weniger als alle, sondern Weil er euch liebt, weil er den Schwur wahrt, den er euern Vätern zugeschworen". Aus dieser Liebe Gottes folgt die grundlegende Forderung an die Menschen: „So liebe denn den Ewigen, deinen Gott, mit all deinem Herzen, mit all deiner Seele, mit all deiner Kraft I" Der Schabbos Nachamu ist der glaubensfrohe, hoffnungsstarke Ausklang des 9. Aw. Am Schabbos Chasaun blickt Israel Jahr für Jahr mit Wehmut dem 9. Aw entgegen; mit dem Schabbos Nachamu hat Israel' die Katastrophe dieses Tages seelisch durchlebt und mit stets sich, erneuernder Kraft überwunden. Eben hat noch der Schabbos Chasaun mit dem Gefühl von Schuld und Umkehr erfüllt; nun ruft der Schabbos Nachamu. zu: „Nachamu, nachamu, ommil Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott, zu Herzen redet Jerusalem und rufet ihm zu, daß vollendet ist seine Dienstzeit, daß abgegolten ist seine Schuld, daß gedoppelt es empfangen hat aus der Hand des Ewigen ■ für all seine Sünden 1" (Jesaja 4.07). Der Schabbos Nachamu, der nach den Anfangsworten seiner Haftara genannt ist, führt mit dieser prophetischen Schau in eine Zeit hinein, in der eine zusammengebrochene Welt den Glauben an. die Existenz des urewigen Göttlichen, an die göttliche Gerechtigkeit und Vaterliebe verloren hatte. Und er wird zum Träger der Botschaft von Wiedergeburt und Erneuerung und flößt „müden Herzen" neuen Trost, neuen Glauben ein. Wer war es einst, der diesen Ruf in die Zeit erschallen ließ, der einem verstummten Geschlecht der sprechende Mund wurde? Der die Kühnheit und .Kraftbesaß, als Israel zerschmettert am Boden lag, zu verkünden: Nicht untergehen, sondern herrlich erstehen? Niemand weiß es, wer die eigenartige Prophetengestalt war, die um die , Mittendes, 6. Jahrhunderts v. u. Z. im Kreise der nach Babel' Verbannten auftaucht, Name und Person sind in undurchdringliches Dunkel gehüllt. Aber diesem „Rufer", diesem Unbekannten lau-, sehen die „Hungrigen, die Durstigen"; denn er reicht ihnen den „Becher des Trostes , der erquickt und erwärmt. ' . Er gibt ihnen, was sie verloren haben im Zusammenbruch der Zeit: den Glauben an das ewige, zeitlose Sein des allmächtigen Weltenschöpfers, an das ewige, unerschütterliche Walten der göttlichen Gerechtigkeit. „Für die Ewigkeit besteht das Wort unseres Gottesl" Im Schicksal der Menschenwelt offenbart sich Gottes Walten, und keine Menschenmacht kann sein Wirken hindern. Ob es gleich „tauben Ohren" unmöglich erscheint, daß der Herr auch durch verheerendes Feuer zu uns spricht, er kündet dem verzagten Geschlecht das Glück des Erlebens, das aus dem" Zusammenbruch der Zeit eine neue tröstliche Welt aufsteigen sieht. Was dieser unbekannte Prophet, dessen Worte dem Buche des Jesaja einverleibt sind, für den Aufbau einer neuen Welt verkündet, das wird als Haftara am Schabbog Nachamu verlesen. In der Sidra wie in der Haftara klingt die Troststimmung des Schabbos Nachamu. Und dieser Sabbat hat Israels Glauben und Hoffen durch die Zeiten erhalten und gestärkt. Stets kommt er, wenn der Schabbos ChaBaun noch so sehr niederdrückte, mit der Hoffnung: „Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott." Hermann Falkenberg.