Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 15 (1935)
- Issue
- 31 (31.7.1935)
- Date
- 1935-07-31
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Schwerpunkt Von HERTHA ROSENFELD Ein . schmächtiger Körper wankt unter einer druckenden BOrdc.---Er wankt? Und stürzt er nicht? Das Gewicht, das auf ihm ruht, scheint gewaltig. Dennoch tragt er es, er, der Schwache; ein Starker, der ein Packchen hob, verlor das Gleich-' gewicht. Es liegt am Schwerpunkt. Massen erstarken an Katastrophen, — sie schleppen DrangBal von erschütterndem Ausmaß und halten sich. Völker schwammen im Überfluß und sind untergegangen. Jeder auf der Welt — mit seiner Welt in sich,,atmet schwerer unter sichtbaren und unsichtbaren, großen oder kleineren Lasten. Du warst ein Ricso und liegst zerbrochen am Wege. Du hingegen gleichst dem Rohr im Winde, das schwach, aber biegsam ist. Unter keinem noch so gigantischen Druck brichst du zusammen, denn du kennst die Seite aus den Ewigkeits- Gesetzen, die dich über den Schwerpunkt des Tragens belehrt; ' Deine Klagen würden dio .Bürde verdoppelt haben, hülfe dir nicht dein Glaube, sie tapfer zu erdulden. : .iP" fc?gsf. »P lejcht, ,so, betfur^em^ert, h^t%i.-^dffV,-mß Schultern haben noch Platz für dio Bardo der andern. Verwundert blicken dir die Zaghaften nach und sinnen, wie du's schaffst. Es liegt am Schwerpunkt. Neue Verfe kann. Die Auswahl und Zusammenstellung der Lieder ist den Erfordernissen der heutigen Situation angepaßt, sie verdeutlicht diese Situation:-entsprechend den Richtlinien der Reichsvcrtrotung ist jede einseitige richtungsmfißigo Festlegung vermieden; der Bedeutung clor Bünde für den heutigen jüdischen Jugendlichen ist durch weitestgehende Aufnahme bündischer Lieder Rechnung getragen, und so wird das Buch, das Ja Schule, Bund und Familie dienen will, hoffentlich auf seine weise zum Ausgleich dieser so oft gegensätzlichen Faktoren beizutragen vermögen. Der Lehrer wird sicher sein dürfen, daß seine Schüler bei den Liedern gern „mitmachen"; die Herausgeber haben gerade in dieser Hinsicht einen ausgezeichneten Instinkt bewiesen.' ~ Das Nebeneinander von altdeutschen, ostjüdischen und hebräischen Licdom mag oft seltsam berühren; es entspricht aber den augenblicklichen Gegebenheiten unserer Musikpflege und bietet eben so ungewollt ein treffendes Spiegelbild unserer gegenwärtigen kulturellen Situation. Im einzelnen wäre noch hervorzuheben dos von der Quinta einer Berliner jüdischen Schule verfaßte Wanderlied, das die Altersgenossen Bichcr mit besonderem Interesse' singen werden, die Aufnahme des aus der Habima-AuffQhrung bekannten Dybuk- „Das Mal der Sendung" — „Worte am Wege" In einem Aufsatz „Der jüdische Dichter deutscher Zunge" hat Ben-Chorin (Fritz Roscnthal) kürzlich den Schreibenden in dieser Zeit und in diesem Lande seine Stellung in dein von Franz Rosenzweig charakterisierten „Zweistromland" angewiesen. Diese Zwischenstellung, dieses ewige Unentschicdenseinmüssen, meint Ben-Qiorin, sei die Tragik, aber auch die die fruchtbare Spannung, in die der jüdische Dichter deutscher Sprache hineingestellt sei, von dem mittelalterlichen Lyriker Süsskind von Trimberg bis zu Wassermann und Werfcl. Wie als Probe aufs Exempel legt Ben-Chorin jetzt seinen neuesten Gedichtband vor: „Das Mal der Sendung" (Verlag B.Heller in München). Diese Abgrenzung geht schon aus den einleitenden Versen hervor: Mein Lied ist anders als eures, Das aus lichteren Fäden geweht: Mein Lied ist ein ungeheures Ringen um mein teures Volk, das am Abgrund Bteht. Glücklicher Völker Dichter Weiht eure Verse dem Schönen, . Singet in lachenden Tönen, Ich aber will als Richter Mein Volk mit Gott versöhnen. Sein „schwarzes Lied" gilt dem Judenschicksal zu allen Zeiten. Mit dem Material semer-zuchtvollen Sprache, die nur. manchmal, mitunter nur um. deb Reimes willen, sich Eigenmächtigkeiten gestattet, formt Bcn-Chorin Gestalten der Bibel, $es jüdischen Schrifttumszu' eindrucksvoller Plastizität,' von Adam bis Esther. Auch im Spiegel neuzeitlicher Geschehnisse, so in der packenden. „Ballade von den russischen Juden", zeigt er das gottgewollte Schicksal Israels. Er verschmäht zu motivischer Verwertungauch nicht, was der Tag ihm zuträgt. So sind der Erinnerung an Jakob Wassermann, an Liebermann und Bialik Verse der Ehrfurcht gewidmet. Befremdend nimmt sich, in diesem Rahmen eine gewaltsame Umbiegung und Ausdeutung des Charakters der „Judith" aus. Geradezu peinlich aber muß es berühren, wenn Bcn-Chorin seinen Gedichten aus jüdischer Seele einen Zyklus „Der Rabbi von Nazarcth" angliedert, in dem er dem Stifter der christlichen Religion und seinen Jüngern einen weiten Platz einräumt. Die Berufung auf Max Brod und Martin Buber beweist zum mindesten, daß der Dichter nach einer Entschuldigung für seinen dichterischen Ubergriff gesucht hat. * Nicht Dichtung uIb künstlerische Gestaltung eines Erlebnisses, sondern Zeugnis als wahrhafter, unmittelbarer Ausdruck des Werdens una Seins einer jungen Generation sind die „Worte am Wege", die ein Kollektiv, bestehend aus Günter Friedländcr, Ruth Hirsch, Heinz Kellermann, Paul Yogi Mayer, Kurt Julius Riegner,, Erich Stern und Julius Stern für den Bund deutsch-jüdischer Jugend (im Philo-Verlag, Berlin) herausgegeben hat Die einzelnen . Beiträge tragen keinen Autorennamen. Die Verfasser sind sozusagen der anonyme Chor des Bundes, mit seinem Sehnen und seiner Besinnung, seinem Tatwillen und seiner' Hoffnung. Die zwanzig Gedichte, die dos Bändchen vereinigt, beanspruchen keinen Platz in der Literatur. Es Bind anspruchslose, bekenntnisfreudigo Verse voni Wandern, Stimmungen, die auf der Fahrt, am Lagerfeuer aufgefangen sind und gemeinsames Erleben in beinahe improvisationsmäßiger Art festhalten. Verse junger Juden, ohne daß das Jüdische besonders betont wird. Nur ein Gedicht, das sich nach Form und Inhalt aus den übrigen Beiträgen heraushebt, ist in betontem Maße jüdisch. Es ist „Josua" betitelt und beschwört die mächtige Gestalt von Moses Nachfolger in' hymnischen," von tiefer Demut erfüllten" Versen herauf. Die sieben Verfasser der „Worte am Wege" würden den Titel Dichter mit Recht ablehnen. Sie sind berufene Sprecher deB Gemeinschaftsgeistes, wie er sich im Bund verkörpert. Und ihre Worte: Worte des Willens, Worte der Tat. s ' . E. 1a, ' Tanzes von Engel, des schönen Kanons über den 137. Psalm von Haycs u. a. Gern begegnet man verschiedenen Melodien auf denselben Text, so u. a. auch zu Moaus zur. Sohr hübsch sind dio eigenen Sätze der Herausgeber; dagegen vormißt man Bearbeitungen mit Instrumenten; vielleicht lassen sich solche mit anderen Ergänzungen noch in Form loser Blätter herausgeben. — Unter den synagogalcn Melodien fehlen einige wichtige, sehr brauchbar ist dagegen das Verzeichnis der Ncginoth für das „Leinen". In dem knappen, aber ausreichenden theoretischen Teil wäre noch die Abteilung des Violinschlüssels aus dem g hinzuzufügen Bowie die Bezeichnung der Viertelals „Einschlag3"-Note auf dio Viortel-Taktarten zu begrenzen. Den Schluß bildet ein Überblick über Geschichte und Literatur der judischen Musik. Dio hebräischen Lieder sind sämtlich mit Übersetzung und z. T. mit Erläuterungen versehen. Das geschmackvoll ausgestattete - Buch '• wird sicherlich den Erfolg finden, den es erstrebt: überall da ein Wegweiser zu sein, wo jüdischen Menschen das Singen „Ausdruckfeierlichen ErnBtes oder echtgefühlter Fröhlichkeit ist". H. Freyhan. Ein Von Dr. BLOCH Eines Tages erhielt Herr Frank von einem befreundeten Antiquar dessen Auktionskatalog zugesandt, und er entschloß sich, aus der kleinen Stadt, die ihm Heimat war, in die große Metropole zu fahren und der Versteigerung beizuwohnen. Denn er war ja bekannt für seinen guten Instinkt, wenn es galt, Dinge zu erwerben, die zu großen Kostbarkeiten wurden, weil längst Kenner und Gelehrte in aller Herren Länder Bich nicht etwa über den materiellen, sondern nicht zuletzt über den kulturellen Weil einig geworden waren. Herr Frank sammelte Graphik, er liebte die Kunst der Radierung, er erkannte die Reize einer Fedorzeichnung und hatte längst von Herzen empfunden, wie edel ein Schabkunstblatt ist, wenn es in seltener Frische einer Mappe entnommen und zu kurzem Besinnen und Bewundern "hervorgeholt wird. Man muß es in den Fingerspitzen haben, meinte Herr Frank, und als der Zug den Bahnhof verließ, um ihn der Stadt der Auktion zuzuführen, stellte er fest, daß ihn sein Fingerspitzengefühl auch diesmal nicht täuschen würde, denn' diesmal wollte er Dingo erstehen, die ihn mitten hineinführen sollten in die Schönheit der Graphik und darüber hinaus in dio jüdische Welt. Er setzte sich in den Auktionssaal und sah und hörte, wie ein Blatt nach dem anderen fortging, wie der oder jener Händler eine Radierung, mancher Kunstfreund eine Lithographie ersteigerte. Zeitalter taten sich auf, waren verschwunden, taten sich wiedc.' auf: die Auktion ging eigentlich nicht chronologisch vor Bich. Mal war man im Mittelalter, mal im Zeitalter des Großen Königs, dann ging es zurück nach Spanien, in die Zeit, da im Reiche Karls V. dio Sonne nicht unterging. Herr Frank wartete, in diesem Warten lag ein gut Teil seiner raunst. Aber jetzt, jetzt kam er an die Reihte, jetzt hieß es aufpassen I „Nr. 456 — Rothschild, die Generalpumpe . . . 10 Mark geboten 1", tönte es aus dem Munde des ManneB mit dem Hammer. „Elf Mark" dort vorn, da dor junge Mann mit dem durchgeistigten Gesicht. „Zwölf Mark", eine ältere Dame ganz hinten. „Dreizehn Mark" schmetterte Herr Frank, und beide Konkurrenten verstummten. Herr Frank hatte das Blatt, um derentwillen er in die große Stadt gefahren, um dessentwillcn er den Katalog studiert, er hatte es, und er war stolz. Mit dem kostbaren Erwerb verließ er den Auktionssaal. Draußen lachte die Sonno über-den Häusern dor großen Stadt, beschien die Menschen, dio ihrer Wege gingen. Herr Frank setzte sich auf eine sonncnbcschicncnc Bank in den Parkanlagen und betrachtete denneuen Bestand Beiner Kunstsammlung. „Die Gcneralpumpc, Karikatur auf das Bankhaus RothBchilir'. Dal stand Rothschild, dieser Wohltäter, mit seinem GcldBack, ihm zu Seiten die Repräsentanten der europäischen Staaten, denen aus des Juden Taschen das Geld zufließt. Dieses kleine pastcllfarbcnc Blatt — es enthielt in diesem Augenblick eine ganze Welt für Herrn Frank. Vergangenheit wurde lebendig, das Haus Börnestraße 26 in Frankfurt tauchte auf. Er sah mitten zwischen den modernen Wohnhäusern die Stätte dor „Fünf Frankfurter". Aber dies war mehr ein äußeres Moment, es ging um mehr. Er sah die zahlreichen Kinder von Meyer Amschel und von Gudula, geborene Schnapper, das Familienhciligtum mit den alten Möbeln, er sali vor sich das segensreiche Wirken der „Freiherr Amschel Meyer von Rothschildchen müden ArmonBtiftung für die jüdischen Armen der Stadt Frankfurt n. M." ... Da hatte ihm ein Freund gerade kürzlich erzählt, daß allwöchentlich 333 jüdischen Familien ein Betrag von je einem Gulden pro Kopf ausgezahlt wurde und daß alle diese jüdischen Familien von der Stiftung ihre Winterfeuerung bekamen, und daß außerdem noch erhebliche Bcträgo an auswärtige Gemeinden vorteilt wurden. Noch bis 1921 war diese Stiftung in voller Kraft., Not und Inflation verminderten das Kapital, aber der jetzt verstorbene Baron Edmondc von Rothschild und seine Gattin erhöhten die Bestände wieder und ermöglichen die Unterstützung an manchen Bedürftigen. Wo seid ihr hin, ihr Zeiten, in denen Gudula ihre Bicdcrmcicrcinrichtung betreute, die grünen Polster und die Vorhänge vor den Butzenscheiben! Sie hatte dio Kinder malen lassen, von ersten Künstlern! damit sie sie immer ansehen könnte, wenn sie das Elternhaus verlassen haben werden. Die Brautsträuße der Kinder, unter Glas gesetzt, gaben ihr recht, Henriette heiratete nach England, sie wurde eine Montcfioro, na, und so weiter. Nicht z u besinnlich werden, dachte Herr Frank, aber er dachte doch zugleich an das Schränkchcn, zierlich in dio Wand eingelassen, aus dem die Großmutter in späterer Zeit för die Enkel die süßen „Mürbekuchen" zum Naschen holte. Und er wurde nachdenklich, sehr nachdenklich. Vorbei, vorbei! Aber ich habe ein Dokument aus diesen Zeiten, ein Kleinod habe ich. „Zum ersten, zum zweiten, zum dritten--13' Mark für ein Rothschild-Blatt." Ein jüdifches Liederbuch Es gibt wohl nicht so leicht ein schöneres Lob für das neue Liederbuch „Hawa naschira" („Auf! Laßt uns singen 1"), Liederbuch für Unterricht, Bund und Haus, Anton J. Benjamin A.-G., Leipzig-Hamburg, von Dr. Jos. Jacobson und Erwin Jospc als die Feststellung, daß es bei der Jugend, an die es sich je vornehmlich wendet, bereits eine begeisterte Aufnahme fefundeu hat. Aber auch die Lehrerschaft wird das Buch freudig egrüßen; ist mit ihm doch wenigstens auf einem Gebiet in der schwierigen Lehrbuchfrage der jüdischen Schule eine brauchbare Lösim» gefunden und einem dringenden Bedürfnis Abhilfe geschaffen worden. Bisher mußte dor Musiklchrer eich den jüdischen Liedstoff großenteils aus mehr oder weniger veralteten Sammelwerken zusammentraten und verlor dann viel Zeit mit dem Anschreiben oder Diktieren von Text und Noten. „Hawa naschira" iuetet neben deutschen Liedern eine reiche Auswahl sämtlich für die Schule geeigneter hebräischer und jiddischer Lieder, so daß es künftig den Grundstock für die schulmusikalische' Arbeit bilden Ratfchläge fiir Auswanderer Ein Fehler: Graßstadt — Erst Orientierung, dann Umstellung — Das „Kapital" — Lerne aus Briefen! In den vergangenen anderthalb Jahrhunderten hat cb sehr viele politische, religiöse, soziale Verschiebungen innerhalb der Menschheit gegeben. Von diesem Wechsel wurden Btcts auch dio' Juden betroffen. In ganz besonderer Weise aber durch die Neugestaltung des deutschen Lebens. Die Einengung des LebcnsraumcB wird uns Juden täglich auf diese und jene Weise deutlich zum Bewußtsein .gebracht. Und so wächst dann vielfach die Sehnsucht, aus der Enge ins Weite zu kommen. Besonders bei der Jugend, der Ziele und Hoffnungen verschüttet sind, regt sich der natürliche Drang, sich heraus-, sich emporzuarbeiten und für sich aus der Lebcnscnge wieder Lebensraum, Lebensweite zu finden. Wohin aber gehen? Welchen Berg übersteigen, welchen Strom durchschwimmen? Es gibt Grenzpfähle — sehr viele Länder haben sie aufgerichtet. Viele Länder — nicht alle. Dio Judennot ist groß — man hat sich dem nicht verschlossen. 'Aber das alte Wort: „Das Hemd ist mir näher als der Hock" bekam sehr schnell eine verstärkt betonte Geltung. „Uns geht es selber schlecht, wir haben genug eigene Arbeitslose", so sagten die Völker und schlössen die Türe, nachdem sie einige eingelassen hatten. Warum geschah das? Man ging in die Großstädte. Nach Amsterdam und Brüssel, nach Paris und London, nach Wien und Prag, nach .New York und Buenos Aires. Aber in der Millionenstadt ist — so groß sie auch sein mag, am wenigsten Platz. Alle Großstädte sind überfüllt, in allen Großstädten ist schon genug Gedränge, und der Lebensraum des Einzelnen ist bereits eng genug. Das war der Fehler, den man beging, als man sich nach der Großstadt wandte. Dort wollte man am liebsten den eigenen, gelernten, gewohnten Beruf ausüben. Verständlich, verzeihlich, aber in vielen Fällen falsch. Besonders falsch in der Großstadt. Denn dort gab es zu viele, die großstädtische Berufe ausübten oder ausüben wollten. Das Wörterbuch des neuen Lebens kennt noch andere Begriffe: Umstellung, Umschichtung, Neuorientierung. Dio Reihenfolge ist besser dio umgekehrte: erst sich neu orientieren und dann sich umstellen. Deshalb die erste Frage: Wenn ich in ein anders Land gehe — vorausgesetzt, daß mir das Tor offen steht —, was gibt; es in diesem Lande nicht? Für welche Art von Arbeit besteht dort Mangel an Kräften? Das ist dio erste, ja die einzig wichtige Frage, dio beantwortet werden muß, ehe man sich entschließt, in ein fremdes Land zu gehen. Es gibt in jedem Lande Dinge, die man nicht odor wenig kennt, für die man Interesse erwecken kann, und für die zu arbeiten sich lohnen kann. Ich weiß Fülle, in denen sich Auswanderer Eisdielen einrichteten in Ländern, wo man so etwas nicht kannte, und sich so eine Existenz gründeten. Ich weiß Fälle, in denen man Leihbibliotheken aufmachte, weil es so etwas in der Gegend noch nicht gab — und man hatte wieder einen Boden unter den Füßen. Es gibt sehr viel mehr solcher Beispiele. Aber wie viele Auswanderer, gerade solche, die über einige. Mittel verfügten, glaubten, die Heimat in die Fremde verpflanzen zu können mit Dingen, Geschäften, Ideen, Arbeiten, die in der Fremde - besser, billiger zu haben oder herzustellen sind oder für die man keinen Bedarf hat. Dos Kapital der meisten, der allermeisten Auswanderer besteht aber nur in der Arbeitslust und Arbeitskraft. Diese muß er in den Dienst einer Sache spannen, für die sie gebraucht, werden. Es ist falsch und verkehrt zu glauben, daß dieBe Arbeitskraft überall in der Weise Verwendung 'finden kann, wie sie bisher verwendet wurde. Das ist nur Beltcn der Fall. Arbeitsmethoden und Arbeitsweise und auch die Art der herzustellenden Arbeitserzeugnisse haben in verschiedenen Ländern ein oft ganz überraschend verschiedenes Gesicht — wenn es sich nicht um internationale Importwaren handelt. Das schwierigste und oft sehr schmerzliche Problem für Auswanderer ist es, wenn es darum geht, das bo oft gebrauchte Wort der Umschichtung und Umstellung eindeutig praktische Wirklichkeit werden zu lassen. Dos wird indessen erleichtert, wenn man sich vorher über Arbeitsformen, Arbeitsbedingungen und die Geschmacksrichtung des Volkes, in dem man fortan leben will, auf das eingehendste erkundigt und sich — vortrst wenigstens geistig' — mit ihnen vertraut zu machen "sucht. Man erspart dadurch viele schwere Enttäuschungen. Sie hoben auch die ernste Folge, daß man in dieser Enttäuschung verzweifelte' Briefe schreibt, die viele andere dann mutlos und auch dann noch verzweifelt machen, wenn der Briefschreiber sich schon eingewöhnt und, durch Erfahrungen gewitzigt, den richtigen Weg gefunden hat. Viele Auswanderer, besonders solche, die Bich gänzlich aus ihrer bisher gewohnten Lcbensweiso umschichten müssen, werden oft deshalb vorzagt, weil es „drüben" — irgendwo drüben —- anders ist. Das „anders". muß durchaus nicht schlechter sein, aber es wird, weil gänzlich ungewohnt, als schlechter empfunden. „Bei uns zu Haus, da war es ganz anders." Gewiß doch; Aber nun ist man eben dort zuhtius — man muß dio Zähne zusammenbeißen und sich mit aller Kraft bemühen, sich dort ein „Zuliaus" zu machen, wo man nun leben will. Es ist gewiß bitter, sein „Zuhaus" zu vorlassen — es hängt ia bo vieles damit zusammen -— jedoch man kann sich das Schwere leichter machen, indem man sich einzugewöhnen sucht. Schon vorher. Nicht bloß dadurch, daß man etwa die Sprache lornt — man lernt sie ja doch erst im Lande selbst, wio die) Erfahrung lehrt — sondern möglichst genaue Einzelheiten über dos neue „Zuhause" zu sammeln Bucht. Das beste Mittel sind Briefe, die von ,,drüben" kommen —■ nicht die ersten enttäuschten odor begeisterten, sondern dio Briefe, dio von Leuten kommen, die sich drüben schon einigermaßen wieder zuhause fühlen. Und solchen Leuten schreibe man und bitte sie, über alles, was für den Auswanderer „drüben" nötig und wichtig ist, genaue Erkundigungen — nur bei Einheimischen 1 ■— einzuziehen und genaue erschöpfende Berichte zu liefern. Aus einem halben Dutzend solcher Briefe wird mon mehr lernen, als ai)s noch so blendend geschriebenen Rciscbüchcrn oder Rcisofcuillctons, in denen das meiste der Phantasie, sehr wenig der Wirklichkeit entspricht, der praktischen Wirklichkeit, auf die es allein ankommt. Denn es fragen Menschen, die ihr Zuhause verlassen müssen und hinausgehen. Wohin? ... —f.