Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 15 (1935)
- Issue
- 31 (31.7.1935)
- Date
- 1935-07-31
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Beilage 31. Juli 1935 JÜDISCHE AUGEMEINE ZEITUNG Die Judenftadt ohne Juden Der Traum vom Judenftaat Ararat — Mordechai Manuel Noahs abenteuerliche Gründung und ihr Ende Der Name Mordechai Manuel Noahs, der anläßlich seines 150. Geburtstages aus der Erinnerung -wieder auftaucht, ist in der jüdischen Geschichte bekannt geworden durch seinen Aufruf an <lie Juden der Welt, sich auf der von ihm kauf lieh erworbenon Insel Ararat im Niagarafluß anzusiedeln. Der romanhafte Aufstieg dieses Mannes ist echt amerikanisch; amerikanisch die Großzügigkeit Beiner Plane, von denen man nie wußte, ob sio die Grenze zum Utopischen schon überschritten hatten, amerikanisch ihr weltanscnaulich-politischer Unterbau, amerikanisch ■ober nicht zuletzt auch Bein unerschütterlicher Optimismus und vor allem das fast komische Geprange, mit dem er zuweilen seine Handlungen umkleidete. Schriftleiter; Konful, Sheriff und. Richter....... Die Ahnen Noahs, der am 19. Juli 1785 in Philadelphia geboren wurde, waren Abkömmlinge portugiesischer, vor der Inquisition geflohener Juden und hatten an den Kämpfen um die Unabhängigkeit Amerikas selbst lebhaft teilgenommen. Früh ■verwaist, mußte Mordechai ein Handwerk erlernen; daneben ■betrieb er eifriges Studium und bewahrte sich schnell als Journalist. 1810 wurdo Nooh in Churlcstonc Redakteur der „City Gazctto". Drei Jahre später schon wird der rasch bekannt gewordene Zeitungsmann von Präsident Madison zum Konsul in /Tunis ernannt. 1815 hielt es Monroe, als Amerikas Außenminister, für richtig, Nooh abzuberufen und gab dobei offen dessen Judentum als Grund an. Im darauffolgenden Jahr übernahm der nach New York Zurückgekehrte die Redaktion des „National Advocate". Nach Jahren erst gab der Senat ihm volle Genugtuung, und 1822 beförderte mau ihn auf den Posten des Sheriff, 1829 wurde er •Surveyor des Hafens von New York, 1833 Collector und schließlich 1841 Richter am Gerichtshof von New York. Nach der Gründung eines eigenen Blatts schuf or endlich noch 1836 den „Evening Star". Bei alledem fand Noah — zugleich einer der meistgcspicltcn Bühnenautoren der Staaten — die Muße, ernsthaft im Dienst seiner Glaubensbrüder zu arbeiten. Die Synagoge der Gemeinde Scheerith Israel fand mit einer berühmt gewordenen Ansprache ihre Einweihung durch Nooh, und von der Hingabc, mit der er an die Beseitigung der Judennot ging, zeugt nichts eindringlicher als sein — uns irgendwie tragikomisch anmutender — Versuch, auf einer Niagara-Insel den Judenstaat „Ararat" zu gründen. Die Aupsburger „Allgemeine Zeitung", das angesehenste Blatt jener Tage, bringt in ihrer Ausgabe vom 2. November 1825 einen spultenlangen Bericht aus den Vereinigten Staaten, der den Inhalt der von. Noah erlassenen 'Proklamation und den Verlauf der Grundsteinlegungsfeier eingehend schildert. Der Aufruf des Staatengründers Wie war Nooh nun zu diesem Plan gekommen? Wahrend seiner diplomatischen Tätigkeit in Tunis haben ihn die traurigen Verhältnisse, der Juden , in Afrika und Asien, stark beeindruckt. — Bereits 182Ö nehmen in Nodh" Judcnstaatspläne festere,Gestalt an: wegen der Erwerbung von Boden auf dor Insel Grand Island werden Verhandlungen mit der Regierung aufgenommen und Noahs Ideen von der Reprascntantenkaminer unterstützt. Dem unermüdlichen Manne gelang es, eine Anzahl von Nichtjuden für sein Projekt zu gewinnen, und so verfügte er mit seinem Freund Legget schließlich über 2550 Morgen des Ackerlandes der Insel Grand Island, das insgesamt 17 ODO Morgen umfaßte. Die Lage dieses Eilands schien für Handel und Gewerbe ausnehmend günstig. Der Widerstände unter den amerikanischen Juden unfeachtet, trieb Noah sein Projekt weiter und ging im August 825, „bepackt mit Ordinatskleidern und Insignien", nach Buffalo, dem damals nur 2500 Einwohner umfassenden Städtchen am Niagara. Am 1. September erließ er dort seinen historischen Aufruf, weitschweifig und phantastisch zwar, jedoch eindrucksvoll durch die Größe der Idee und die Fülle von Einzelheiten, um die sich der Staatengründer schon gekümmert hatte. Noah, der auf der altjüdischen Staatsform des Richtertums Ararat, dessen Name von ihm bewußt in Anlehnung an die Geschichte seines alttcstamentarischcn Namensvetters gewählt war, aufbauen wollte, ließ sich folgendermaßen vernehmen: Alttellamentarifdi - neuamerikanifch „Ich, Mordechoi-Manuel Noah, Bürger der Vereinigten Staaten von Noraamerika, vormals Konsul dieser Staaten in Tunis, Sheriff in New York und durch Gottes Gnade Lenker und Richter in Israel, erkläre den Juden der ganzen Welt, daß ihnen' ein Zufluchtsort bereitet wird, vwo' sio jenes Friedens, Trostes und Glückes genießen können, welche ihnen durch die Unduldsamkeit und die Irrtümer früherer Jahrhunderte versagt waren; ein Zufluchtsort in einem freien und machtigen Lande, wo ihrer Person ,ihrem Eigentumo und ihren religiösen Gebräuchen die größte Sicherheit zugesagt wird; ein Zufluchtsort in einem Lande, das bemerkenswert ist wegen Beiner großen Hilfsquellen, Reichtums des Bodens, Gesundheit des Klinias; wo Gewerbefleiß Aufmunterung findet, Erziehung gefördert und Treue belohnt wird; ein Land „voll Milch und Honig", wo Israel in Frieden wohnen kann unter seinem Weinstock und Feigenbaum", und wo unser Volk sich vertraut machen kann" mit der Regierungswissenschaft und den Einsichten der Wissenschaft und der Zivilisation, so daß sie befähigt werden zu jenem großen und endlichen Wiedereintritt in ihr altes Erbteil, welchen dio Zeit kräftig verkündet." Nach dieser schwungvollen Einleitung — einer kuriosen Mischung von alttestamentarischem und neuaraerikanischem Stil — führt der „Richter in Israel" fort, otwas woniger poetisch, aber unvermindert beredt und eindringlich die überragend günstige Lage der Insel für den Welthandol, ihre ausnehmende Eignung für Landwirtschaft und Industrie zu schildern — wobei er nicht versäumt darauf hinzuweisen, daß nur vier Meilen entfernt die Niagara-Füllo die größte für gewerbliche Zwecke ausnützbare ' Wasserkraft. dor Welt liofern! Alle „frommen Rabbiner, Vorsitzende und Synagogenvorsteher, Schulmfinnor und Würdige in aller Welt" bekommen es ans Herz gelegt, für dio Verbreitung •dieses "AufrufB zu sorgen. Eine Volkszählung ist vorzunehmen und die Auswanderung — insbesondere der Jugend — vorzubereiten. Den Juden in Afrika und Asien wird vom „Richter in Israel" die Vielweiberei untersagt, die Schließung von Frühehen uiid jede Einflußnahme im türkisch-griechischen Krieg verboten. Diejenigen, insbesondere Alte, die in ihren Heimatländern verbleiben wollen, wird dies gnädig gestattet, freilich wird ihnen. die Förderung der Auswanderung der anderen, sowie Staatstreue zur Pflicht gemacht. Die in militärischen Diensten, stehenden Juden verbleiben dort — „bis zum Erlaß neuer Orders und führen sich mit Tapferkeit und Treue". Hebräisch bleibt Gebctssprache; die Juden in Indien und Afrika, die Karäer und Samaritaner werden anerkannt. Die Indianer — welche Noah, dor übrigens diesem ' Problem ein eigenes Buch widmete, unerschütterlich uIb die Nachkommen der verlorenen zehn Stämme anBoh — werden zur Wiedervereinigung mit „ihren Brüdern, dem ouserwählten Volk" eingeladen. Das Israelitische Konsistorium in Paris ernenne allo vier Jahro einen neuen Richter in Israel und wird zur Entsendung von drei Gutachtern nach Amerika eingeladen. Als europäische Bevollmächtigte bestimmt Major Noah u. a. die Mitbegründer dcB Berliner „Veroins für Kultur und Wissenschaft der Juden", Leopold Zunz und Eduard Gans. Mit vielen frommen Wünschen und Anordnungen schließt der „Richter" seine Proklamation. Welche Folgen zoitigto der sensationelle Aufruf? New York war begeistert, Europa weniger. Dio ernannten Bevollmächtigten zeigten sich von der ihnen erwiesenen Ehrung wenigerbaut, und die Rabbiner .-^ „Protest-Rabbiner''^ anno 18251 — erklärten die Ablehnung <fcs Projekts. Die" Juden in" aller "Welt' diakutic'riliön lebhaft den rasch verbreiteten Plan; zur Auswanderung konnten sie sich nirgends entschließen. Feierlicher Gründungsakt in der Kirche Noah ließ sich von dieser Skepsis nicht stören. Am 15. September 1825 vollzog sich die prunkhafte Grundsteinlegung zur neuen Stadt. Da die Beförderung der vielen ljlhrcngäste — ca waren zahlreiche hohe Staatsbeamte, Militärs, Abgeordnete und Geistliche erschienen — zur Insel unüberwindbarc Schwierigkeiten Aufn. Hans Lamm Inschrift des Grundsteins der Stadt Ararat bereitet hätte, und in Buffalo keine Synagoge bestand, hatte man ohne viel Nachgrübeln den Festakt in die bischöfliche St. Pauls- Kirche verlegt. Eine Flaggenhissung auf der InBel und Böllerschüsse hatten den denkwürdigen Tag eingeleitet. Ein langer Zup bewegte sich um 11 Uhr zur Kirche, voran Marschall Porter zu Pferd, dann Musikkapellen, Militärabteilungen, Bürgervcrcinc, Staatsbeamte in Staatsgewändem, Schulen, Bauhandwerker, Kirchen-Diener und -Beamte, ein Mann mit der Heiligen Schrift und schließlich der Richter Israels M. M. Noah, schwarz gekleidet, in der richterlichen Amtsrobe mit rot-scidenem Kragen und kostbarer -fjoldkötte'; Der Marsch aus „Judas Makkabäus" erklang beim Eintritt in die Kathedrale; an Stelle des Altars lair da der Grundstein der neuen Stadt, von Noah selbst entworfen; Seine Inschrift lautete: ,,Schma Jisrael, ... Ararut. Iiine Stadt der Zuflucht für die Juden, gegründet von Mordecai Manuel Noah, im Monat Tizri 5586, Sept. 1825 und im 50. Jahr der amerikanischen Unabhängigkeit." Ein von Psalmen und Vorlesungen aus den Propheten umrahmter Gottesdienst hob an, in dessen Mittelpunkt eine große Ansprache . Major Noahs stand. Die Rede bewegte sich in den Gedankengängen der Proklamation. Die feierlich umrahmte Ansprache — auf dem Grundstein standen währenddessen Wein, Korn und Ol, und festliche Musik erklang — fand die volle Aufmerksamkeit der Zuhörer. Nach der Feier begab man sich, wie uns beruhigend versichert wird, in das „Gasthaus zum Adler", um Erfrischungen einzunehmen. Der schöne Traum vom Judenstaat Ararat hat indessen mit dem ersten Schritt zur Verwirklichung sein Ende gefunden. Wininger behauptet zwar in seiner „Jüdischen National-Biographic", daß eino Juden-Stadt von 30 000 Einwohnern entständen und erst nach Noahs Tod in ein Dorf von nur 300 Menschen zerfallen sei. Aber auf Grund meines eingehenden Studiums der vielen amerikanischen und deutschen Quellen muß ich hier einen Irrtum feststellen. Kein einziger Jude scheint sich jemals in „Ararat" angesiedelt zu haben. So hatte auch der imposante Grundstein wcchselvollo und traurige Schicksale zu erleben; Zunächst verblieb , er Jahre in dor Obhut der St. Pauls.-Kirche, kam dann 1833 auf die Insel, wurde 1834 Eckstein einCB Hauses dort, mußte 1850 wieder wandern, um endlich 1866 nach neuerlichem Ortswechsel in den Sammlungen der „Buffalo Historical Society" zu landen. Ihrem freundlichen. Direktor, Mr. Robert W. Bingham, habe ich nicht nur viele interessante Einzelangaben, sondern auch das Bild des Grundsteines (siehe Abbildung) zu verdanken. Major Mordechai Manuel Noah, „der Richter in Israel", hat in der Folgezeit nicht allein wertvolle charitaiivo Arbeit geleistet — er wurde Ehrenpräsident der großen jüdischen Institutionen New Yorks —-, sondern nahm noch öfters zur Lösung der Judcnfrage Stellung. U. a. veröffentlichte er 1837 und 1844 großzügige Pläne zur Errichtung eines Judenstaats in — Palästina. Hans Lamm. Ein jüdifcher Kur-Erlaß Die von zahlreichen Kur- und Erholungsorten ausgesprochenen Badeverbote für Juden rufen die Erinnerung an einen — allerdings zeitlich sehr begrenzten — Erlaß wach, > der einen Gebrauch der Kur in Bad Schwalbach' unter Strafe stellte, und der von Juden selbst ausgegangen war. Er steht im Zusammenhang mit den Tagen, die dem 9. Aw vorangehen, und für die nach frommem Brauch zum Zeichen der Trauer um den Untergang Jerusalems und -die Zerstörung des Tempels besondere Vorschriften gelten. Der Erlaß stammt aus dem ersten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts und wandte sich insbesondere an die Frankfurter Juden. Nach einer Darstellung des — nichtjüdischen — Kulturhistorikers Johann Jacob S c h u d t in seiner „Neuen Frankfurter jüdischen Kleidorordnimg" vom Jahre 1716, wenige Jahre nach dem verheerenden Brand im Frankfurter Ghetto, hieß es darin: „Es soll künftig . . . keiner von denen so unter Gehorsam unserer gantzen Gemeinde stehen, sich im Schwalbach finden lassen von Anfang des Monats Af biss nach den 9 Tagen im Af, bey dem Bann und bey Straffe von 100. Thaler." Den Juden sollte nicht etwa die „Sauer-Wosser-Cur" in Schwalbach überhaupt verboten wordon. Nur sollten diejenigen, die dort die Kur gebrauchten, nicht diese Kur vorschützen, um während der Trauerzeit Fleisch zu essen und Wein zu trinken. Man wollto dem vorbeugon und dio Juden „Röthigen, ihre Cur entweder vor Anfang dieser Trauortago und oIbo mit dem Ende unseres Monaths Juli zu enden oder solbigo erst nach dem 8. Tag August» anzufangen". DIE BIBEL ERZÄHLT im Wochenabfehnitt Deworim von den Reden, die Mose im 40. Jahr der Wanderung in den Ebenen Moabs angesichts des Gelobten Landes zu den Söhnen Israels hält. Dort beginnt er, ihnen ihr Erleben, ihre Taten auf dem Wüstenwege — vom Horeb an bis zu dem Tage, da den zweieinhalb Stämmen das errungene Ostjordanland zugebilligt wird — von einer höheren Warte aus, im Sinne der göttlichen Führung zu deuten. Kurz und sachlich ist diese Rückschau. Aber in der scheinbaren Nüchternheit der, Darstellung wird ,di?, innere Teilnahme deutlich, die Trauer und Erbitterung, über alle Verfehlungen, allen Kleinmut. Und doch klingt auch bei allen Kämpfen und Nöten das tröstliche Hochgefühl des Gotteswortes durch: „Siehe, hingegeben habe ich das Land vor euch!" Darum kann am Schluß der Sidra Mose getrost zu Josua sagen: „Fürchtet sie nicht; denn er ist's, der Ewige, euer Gott, der für euch streitet!" — O Der Sabbat, an dem die Sidra Deworim verlesen wird, führt den Namen Schabbos Chasaun, nach den Anfangsworten der Haftara, jener gewaltigen „Schau des Jesaja, des Sohnes Amoz, die er über Juda und Jerusalem empfing". Dieser Sabbat liegt innerhalb der „Drei Wochen", die mit dem 17. Tammus beginnen, dem Tag der Erstürmung Jerusalems durch Nebukadnezar, und die ihren Hönepunkt erreichen im 9. Aw, dem Tag, an dem der Tempel in Flammen aufging. Wie in unserer Sidra Mose in den Steppen Moabs noch einmal Ablauf und Sinn ihres Weges, ihres Leidens deutet, so hält in der Haftara Jesaja, der judäische Prophet, Abrechnung mit den Menschenf seiner Zeit: „Söhne zog ich groß und brachte sie hoch, und die, abtrünnig wurden sie mir!" Der ganze Weg, den Gott sie führt, ist gekennzeichnet durch Schuld! „Weh, schuldbeschwertes Volk! Sie haben den Ewigen verlassen, den Heiligen Israels verschmäht I" Dafür ist „alles Haupt der Krankheit worden, alles Herz ist siech!" Und wenn sie nach Sinn und Ziel dieses ihres Leidens fragen, dann ertönt eine andere Antwort, als sie wohl erwarten: „Waschet, läutert euch! Meidet das Böse! Lernet Guttat 1 Suchet das Rechte 1 Rechtet für die Waise! Streitet für die Witwe!" — Teschuwol Umkehr! — Das ist die Stimmung des Schabbos Chasaun, des 9. Aw. Schicksal ist nichts Zufälliges, Schicksal fließt aus Verschuldung! Israel hat sein Schicksal, seinen 9. Aw, der so oft in seiner Geschichte wiederkehrt, sich selbst geschaffen. Aus solcher Stimmung heraus ist auch der Midrasch geboren, der die Entstehung des 9. Aw mit der Verschuldung Israels schon in der Wüste verbindet: Oft genug — so erzählt dieser Midrasch — hatte Israel auf seiner Wanderung mit Gott gehadert, und oft genug offenbarte sich seines Gottes Langmut mit dem widerspenstigen Geschlecht; er sah wohl ihre Nöte und ermaß ihren wankenden Sinn. Zuletzt aber stieg ihr Murren über jede Grenze hinaus, — da traf sie das Verhängnis. Denn wieder einmal war die Gemeinde Israels in trotzigem Unmut wider Gottes Führung emporgefahren, und unzugänglich jedem Zuspruch, jeder Tröstung, rotteten sie sich zusammen und klagten und weinten die ganze Nacht hindurch. Es war die Nacht des 9. Aw! Da sprach der Ewige: „Ohne Grund habt ihr vor mir geweint und gejammert die ganze Nacht hindurch. Für diese eine Nacht werde ich euch ein Weinen bereiten, dem kein Morgen ein Ende machen, das in alle Ewigkeit dauern wird!" In jener Stunde ward das Verhängnis bestimmt über Israel und sein Heiligtum: Es kommt die Stunde, da wird der Tempel zerstört, Israel in die Verbannung geführt! Der Tag aber, an dem hernach das Heiligtum in Flammen aufging, war der 9. Awl Chotouul Wir haben gesündigt! Der klassische Ausdruck für diese Trauer- und Bußstimmung sind die „Klagelieder", die-mit den Worten beginnen: „Echo! Ach, wie liegt sie nun einsam, die Stadt, die einst so volkreich war!", ist ihr unendlich ergreifender Klang, in dem sie am 9. Aw verlesen werden, im Dämmer des Sommerabends, bei spärlichem Lichterschein, wenn das Gotteshaus, alles festlichen Schmukkes entkleidet, ganz ein Symbol des Tages, ein Bild der Zerstörung erscheint. Aber auch das Trauerlied bleibt nicht in der Klage stecken, sondern sucht Sinn und Ziel auch dieses schmerzlichsten Geschehens: Alles Leid führt zur Erkenntnis, zur Wandlung 1 Und wie unsere Sidra, wie die Haftara, so entläßt auch der ernste Schabbos Chasaun und der klagende Tisch'o b'eaw mit der Sehnsucht und mit der Hoffnung auf Heimkehr zu Gott: „Laß uns umkehren zu Dir, und wir wollen zurückkehren I Erneuere unsere Tage wie ehedem!" Hermann Falkenberg.