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Jüdische allgemeine Zeitung · 1935-07-31 · 31 (31.7.1935) · page 1

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Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
15 (1935)
Issue
31 (31.7.1935)
Date
1935-07-31
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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BERLIN 31. Juli 1935 EmheUtfjedwßjkh H PREIS 25 PF. Nr. 31 / 1S; Jahrgang JÜDISCHE AUGEMDNE Sohriftloltnns and Geschäftsstelle: BerUn-Oharlottenbortr 2, Bloibtrouatf.' 2. ■ Fernruf: C l Stelnpl. 3703. Bankkonto: Kreditverein (. Handel u. Oewerbe eOmbH, Berlin N 24. — Beingsprels: BU. 1,— monatlich («nzflgl. BM. 0,10 ZeltonffBffobtthr nnd Bestellgeld), bei' Btrellbandveris^nd iniOsl. BU. 0,80. Verlag: VerlagsgenoBsensoh&ft in Dontsohlond ansässiger Joden tu Berlin oGmbH., Bln.-Charlottenburg 2, BleibtrenBtr. 2. Anzolgenpr.: Die 12ffeap. mm-Zeilo EU. 0,16, f. Pamillenauelgen BU. 0;10, 1. Stollengosuoho BU. 0,08. Bei unverschuldeter Nlohtballeforungbosteht kein Anspruch hui Vergütung. NE U E FOLG E D E JUDISCH-LI A L E N ZEITUNG in Paliilliiia Palaltina- Debatte auf der Konferenz der Weltvereinigung für das religiösliberale Judentum — Die Aufgaben des Autoritäts-Komitecs Im Haag {and, wie bereits kurz berichtet, vom 19. bis 22. Juli eine Vorstandssitzung des Weltverbandcs für das religiösliberale Judentum statt, die unter Leitung des geschäftsführenden Vorsitzenden Rabbiner -Dr. Mnttudk stand, und bei der die vordringlichsten Gegenwartsaufgaben des religiös-liberalen Judentums in bedeutsamer Weise erörtert wurden. Zu der Tagung, die eine Fülle praktischer Anregungen bot, war eine Reihe englischer, deutscher, holländischer und amerikanischer Delegierter erschienein. Aus Deutschland nahmen teil: Prof. Elbogen und Rechtsanwalt Heinrich Stern sowie die Vertreter der Jugend im Vorstand, Heinz Kellcrmnnn und Ilse Wolff, ferner als Gast Rabbiner Dr. Dienemann, Olfenbach. Zwei Gefahren Noch kurz vor Schluß der Konferenz wurden Zweifel laut, ob der Wert des diesjährigen Treffens die Erwartungen. ge-> . rechtfertigt habe},--.diev-«gl»-.»mn-.«wimjil :«^m«^al»ii^g.'-inn' die Zusammenkunft so vielseitiger. Intelligenzen und so klangrcichori Namen 'knöpfen. Von besonders ketzerischer' Seite wurde sogar der Einwand erhoben, daß die )f World Union for Progressive Judnism" seit geraumer Zeit der ihr eigenen Parole des Fortschritts keine sichtliche Gefolgschaft mehr zu leisten scheine, vielmehr eine gewisse lahmende Stagnation zu verspüren sei. Es ist nicht ohne Bedeutung für das Verständnis dieser Feststellung, daß sie — wenn auch nur; im Couloirgespräch — von deutscher Seite getroffen wurde. Der Btrenge Kritiker be- - schritt hierbei genau die eine Seite der alternativen Fehlleistung, vor der Rabbiner Dr. Hermann Vogolstein. in Beinern Begrüßungstelegramm ausdrücklich gewarnt hatte, als er schrieb: c > „. . . es beateht die Gefahr, daß wir deutschen Juden uns infolge des eignen schweren Erlebens in der Beurteilung der Aufgaben und Forderungen für den Einzelnen und für die Gesamtheit gar zu sehr durch das bestimmen lassen, was uns betrifft, und die andere Gefahr, daß die Juden außerhalb Deutschlands nicht die richtige Einstellung und das rechte Augenmaß für die geistige Loge des deutschen Judentums haben." Auch diese zweite Gefahr wurde durchaus fühlbar. Insbesondere waren es. Vertreter der anglikanischen Länder, die bisweilen, ohne böse Absicht, ihr Unvermögen bewiesen, die geistige Situation der deutschen Juden ressentimentfrei zu würdigen.: Es zeigte Bich, daß es — genau betrachtet — nur dem Juden in Deutschland möglich ist, ein annähernd objektives .Verhältnis zu seiner Lage ZU finden. Sehr charakteristisch war, daß das. Bemühen der Delegierten aus Deutschland, aus einer ohne eigenes Zutun entstandenen, kraft seiner TatsSchlichkeit objektiven Fragestellung die notwendigen geschichtlichen Konsequenzen zu ziehen oder auch nur die zwangsläufigen anzuerkennen, mit dem sehr heftigen Vorwurf der falschen Assimilation bedacht' wurde, währond der versuchte Nachweis, die Frage der deutschen Juden unter weitere historische Gesetze zu stellen, die u. E. auch für die übrige Welt Verbindlichkeit erlangen könnten, Unverständnis auslöste. Die Frage der Autorität Namentlich in. der Sitzung des Komitees, dos. die Frage der Autorität im religiösen Liberalismus zu klaren hatte, trat dies deutlich zutage. Dieser Sitzung, die wie auch das Komitee selbst unter der Leitung von Dr. Di'onemann stand, war eine vorbereitende Korrespondenz vorausgegangen. Von mehreren Seiten wären Vorschlüge eingereicht worden, die die Tendenz aufwiesen, das Leben d-es modernen Juden unter den Zwang einer freiwilligen Bindung und' Ordnung z'u •stellen. Am ..entschiedensten zweifellos der aus Deutschland kommende Entwurf Dienemanns, dor „vom täglichen Gebet- bis .zur Beobachtung des Spciserituals reichte.. Weit weniger radikal ' ^bereits, der englische Gegenentwurf, dor aus der Feder des jungen Rabbi Lcsli Edgar stammte und am Dienemannschen Expose- -außerordentlich ■ kritisch gofürbto Abstrich« vornahm. Bezeichnend •v/ar vor allem, daß die Forderung des .täglichen Gebets zwar erheblich verstärkt aufgenommen wurde, an die Stolle des Rituals aber und v o r dos Gebet die Forderung nach positiver Vertiefung dor religiösen Kenntnisse durch systematisches Lernen gesetzt wurde. Hier schaltete sich Amerika, vertroton durch Rabbi Dr. Schulmann, New York, mit einem energischen Protest ein. VEr sfmalig in der Go s chi ch te des.roligiflsqn Liberalismus tauschten Amorika und Deutschland die Waffen. Der deutache Liberalismus, kraft seiner, bedeutsamen akademischen Vergangenheit bisher'stark theoretisch und stets um die. geistige Grundlegung seinor spärlichen und vorsichtigen Roformen bemüht, zeigte sich jetzt lediglich um die Sraktisch'o Verwirklichung seiner aktuellen Theoreme besorgt-, er amerikanische Liberalismus, bisher der Stijnrünudier auf dem Gebiet der reformerischen Praxis, zog sich urplötzlich auf das schwierige Gelände der philosophisch spekulativen Betrachtung zurück. Schulmann verlangte Begriffsklärung. Er bestritt-der „World Union" das Recht und die Möglichkeit, die differenzierten religiösen Gegebenheiten der einzelnen Länder durch autoritative Beschlüsse einheitlich zu regeln. Aus seiner Abneigung gegenüber dem von unsoren Delegierten vorgetragenen Bedürfnis nach autoritärer Bindung sprach gewiß eine philosophisch begründete Skepsis, aber mindestens ebenso stark der Verdacht, daß der religiöse Liberalismus in Deutschland seine Forderungen zwar durchaus aktuellen, aber doch keineswegs rein religiösen Bezirken entlehnt habe und daher zu stark in seinem Autoritätsbedürfnia auf physische Kraft hin spekuliere. Dieser Einwand konnte zwar entkräftet werden, weniger freilich die geheimen Ressentiments. Die Auffaffnng der Jagend .Hinzu kam ein: .weiteres., .Die .Frage nach dem Gesetz wird vordringlich von der' jüdischen J Üg'e'n d* Deutschlands' gestellt. Die Diskussion ergab aber, daß die anwesende Jugend aus Deutschland eigentlich mit'keinem der,sachlichen Vorschläge und Einwände völlig konform ging. Die angelsächsische Denkweise ist ihr als polarer Gegensatz-ebenso interessant wio eritlogon.. Die von Dr. Dienemann eingenommen« Position liegt ihr naturgemäß bedeutend näher, indessen fehlt ihr dor praktisch-pädagogischo Zugang. Dienemann stellt das Gebet an den Anfang der religiösen Übung, Das iBt vom traditionoll-nlstorisohen Standpunkt durchaus in Ordnung. Pädagogisch betrachtet ist es aber ein Sprung, bei dem man sich über sehr bedeutsame Voraussetzungen hinwegsetzt. Eine Jugend, die (seit Generationen!) des Religiösen entwöhnt ist, wird, rein psychologisch betrachtet, nicht mit der reinsten und konzentriertesten Form religiöser Ausdrucksmöglichkeit, dem Gebet, sofort beginnen können. Hier muß erst der Weg über Intellekt (Lernenl) und Gefühl (Erlebnis!) gebaut werden, wenn das Gebet echt und die Übung aufrichtig sein soll. Wenn Schulmann das .volle Leben als Einsatz für wahrhaftes Judentum und Dienemann die rückhaltlose. Bereitschaft als wahren Inhalt des echten Gebetes interpretierte, dann meinten sie im Grunde das gleiche, daß nämlich jede religiöse Handlung den ganzen Menschen verlange, total, ohne konventionelle Vorbehalte, und eben nur dann echt und ehrlich ist, wenn sie, selbst in -der gebändigten Form des Rituals, noch Ausdruck eines unbändigen Willens zu sittlicher Bewährung ist. Denn das Gesetz will nicht gehalten, es will gelebt Bein. (Fortsetzung auf dor 2. Seite) DieZulalliiiig ronMchtariern zum aktiven Weürtlieiift In einer gemeinsamen Verordnung des Reichsinnen- und Reichskriegsmimsters iBt jetzt die Zulassung von Nichtariern zum aktiven Wehrdienst im einzelnen geregelt worden. ' Arischer Abstammung im Sinne deB Wehrgesetzes ist,''wer''arischer Abstammung im Sinne der Bcomtengesetzgebung ist. Die in der Beamtengesetzgebung vorgesehenen Ausnahmen gelten für das Wehrgesetz nicht. Als nichtarisch gilt demnach, wer von nichtarischen, insbesondere, jüdischen Eltern oder Großeltern abstammt, wobei es genügt, wenn ein Großelternteil nichtqrisch ist. Die Verordnung bestimmt, daß Personen, deren beide Eltern jüdischen Blutes sind oder die drei jüdische Großelterntcile haben, zum aktiven Wehrdienst nicht herangezogen werden. Soweit sie wehrfähig sind, werden sie ausnahmslos der Ersatzreserve H überwiesen. Ausnahmen nacht 6 15 des Wehrgesetzes können für solche Nichtarier zugelassen werden, die nicht mehr als zwei voll nichtarische, insbesondere'jüdische Großelternteile haben. Die Musterung wird ohne Rücksicht auf die Rassenzugehörigkeit durchgeführt.- Auch Nichtarier, auf dio die Voraussetzungen der Ausnahmebestimmungen zutreffen, werden der Ersatzresoryc 1,1 überwiesen, wenn sie nicht innerhalb einer Frist von zwei Wochen nach dem MusterungBtag einen Antrag auf Heranziehung zum aktiven Wehrdienst.dem ^Prüfungsausschuß für die Zulassung zum aktiven Wehr-» d i e n s t" einreichen. Der Antrag muß schriftlich ah den Prüfungsausschuß gerichtet werden. Der Prüfungsausschuß , setzt; sich aus einem höheren VenTOltungsbeomten als Vorsitzenden, einem Offizier und einem rassekundlich ürid erbbiologisch geschulten Amtsarzt zusammen. Der Antragsteller muß persönlich vor dem Prüfungsausschuß erscheinen. Die Entscheidung lautet auf Zulassung zum Wehrdienst, auf Ablehnung des Antrages oder auf Aussetzung des Verfahrens. Sie wird vom Vorsitzenden nach Anhörung der Beisitzer getroffen. In diefer Nummer: Sonderbeauftragter Hinkel über seine neuen Aufgaben. Die Judenstadt ohne Juden. Von HANS LAMM. Wanderung — Wandlung. Von Rabbiner Dr. DAVIN SCHÖN¬ BERGER. Ein Rothschildblatt. Von Dr. OLGA BLOCH. Der Schwerpunkt. Von HERTHA ROSENFELD. Ein kleines Buch — eine große Stnatsnffärc. Von Dr. MAX GRUNWALD. Ratschläge für Auswanderer. Blick in die Wirtschaft. Recht im Alltag. Sport. Hinter verfchloffenen Türen Was geht in der Berliner Gemeinde vor? In der Öffentlichkeit ist es über dio angeblich so unüberbrückbaren Gegensätze innerhalb der Berliner Gcmcindo erfreulicherweise recht still geworden. Dos „einfache" Gcmcindemitglicd mochte hieraus schließen, daß die sachlicho Arbeit ungestört) weitergehen würde, zumal er nirgends von sachlichen Forderungen auf zionistischer Seite hörte oder las. Seit einigen Tagen hat man den Eindruck, aU ob diese Stille nur eine Ruhe vor der Öffentlichkeit, nicht aber innerhalb der interessierten Kreise der jüdischen Gruppen selbst gewesen sei. Man erfährt von Direktoriumsplänen und davon, daß sio abgelehnt worden seien, man spricht von weitgehenden Umbesctzungen, 'Neubesetzungen, 'Neuschöpfungen wichtiger Dezernate. Nur von einem iBt nicht die Rede: von der Legitimation, auf Grund deren sich die liberalen Gemoindcvorstandsmitgliedcr berechtigt fühlen, das ihnen durch die Vertrauenskundgebung ihrer Wähler übergebeno Mandat aufzugeben oder seinen Inhalt wesentlich zu ändern. Wir wissen, daß jüdische Massenversammlungen zur Erörterung dieser Fragen gerade jetzt nicht wünschenswert und geeignet sind, aber man hätte doch zum wenigsten sich mit den Treuhändern der der Gemeindeführung weltanschaulich nahestehenden großen jüdischen Gruppen in Beziehung Betzen sollen, und man hätte dabei auch die Stimmung der jungen Generation erforschen sollen, deren Zukunft mittelbar und unmittelbar letzten Endes zur Debatte steht. Und man erfährt ferner nicht, daß dem Verlangen nach Verjüngung der Gcmeindeleitung in irgend einer Beziehung Jlcchnung getragen worden sei. Wir fürchten sehr, daß die Verhandlungen hinter verschlossenen Türen bei den hinter der Gemeindemehrheit stehenden Kreisen auf kein offenes Verständnis stoßen wird. Es könnte also leicht geschehen, daß die Emflußminderung der Verhandlungaführer innerhalb der Gemeindeleitung zugleich und unmittelbar mit einem Vertrauensschwund bei der Anhängerschaft verknüpft sein wird. Und wir möchten nicht, daß unsere Befürchtungen sich bewahrheiten. Selbftyerlländliciie Pflicht: Äußcrfte Zurückhaltung Ein Aufruf des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde zu Berlin erläßt folgenden Aufruf: Heute wio jederzeit ist äußerste Zurückhaltung die selbstverständliche Pflicht eines jeden verantwortungsbewußten Juden. Er meidet die großen Schankstütten und Cafes, er unterläßt überflüssige Promenaden, er zieht den Aufenthalt im eigenen Hause vor, Wer sich zur jüdischen Gemeinschaft bekennt, wer nicht als verantwortungsloser Außenseiter gelten will, muß sein Verhalten in der Öffentlichkeit ebenso wie im eigenen Kreise so einzurichten wissen, wie es die Würde unserer Gemeinschaft und das Bewußtsein der Verantwortung ihr gegenüber erfordert. Das Tagebuch Alfred Dreyfus' wird von seinem Solui veröffentlicht Paris. Wie die Jüdische Telegraphen-Agentur erfahrt, wird Pierre Dreyfus, der Sohn des verstorbenen Obersten Alfred ■ Dreyfus, das Tagebuch seines Vaters veröffentlichen. Außer den Memoiren von Alfred Dreyfus werden unbekannte Briefe von Emile Zola, von Georges Clemcnceau, Jean Jaures u. a., die auf den Prozeß Bezug haben, der Öffentlichkeit übergeben worden. Pierre Dreyfus beabsichtigt auch, nochmals cino Schilderung der gesamten Affaire zu geben.

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