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Jüdische allgemeine Zeitung · 1935-07-24 · 30 (24.7.1935) · page 4

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Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
15 (1935)
Issue
30 (24.7.1935)
Date
1935-07-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
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UNSERE GEsamm Philos Sendung In der an Not und Verfolgung überreichen Qeschichte der Juden nimmt die Leidenszeit der jüdischen Bewolmer Alexandriens, der Metropole der griechischen Well, ein umfangreiches Kapitel ein. Unter der Regierung des, dritten römisclten Kaisers Caügula entzog Urnen der Siattlialter Fldccus auf Drängen der Juden' feinde Ihr jahrhundertelang ausgeübtes, von der-erstem -. Kaisern gewährleistetes Bürgerrecht und erklärte sie als Fremde und Rechtlose. Dieser Schlag traf sie um so schlimmer, als sie zum Ruhm der Hauptstadl durch Wissenschaft, Gelehrsamkeit, Kunst, Qe werbe und Schiff' fahrt nicht weniger beigetragen hatten als die griechischen Bewolmer. Diese Leidenszeil, mit Verfolgungen, Entweilmng der Synagogen, Entrechtungen und Vertreibungen hat der Philosoph Philo von Alexandrien, der um die Milte des ers/en nachchristlichen Jahrluutderts lebte und ■ als erster eine Synthese des Judentums und der Weltkulüir versucht hat, in einem großen, griechiseli ab- ■ gefaßten Oescldchtswerk mit dem ganzen Aufgebot Semer 'anschaulichen ' Sprache, seiner Ddrstellungskunst und Mensclienhenntnis beschrieben'. Nur zwei von den fünf Büchern sind erhalten. Diese Schrift „Von den Macht-Brwelsen Gottes" hat Hans Lewy fetzt übersetzt, bearbeitet, eingeleitet und mit dem Untertitel „Eine zeitgenössische Darstellung der Judenverfolgungen unter dem Kaiser Caligula" in der Bücherei des- Schockenverlages erscheinen lassen. Philo beschränkt sich nicht darauf, den ersoliütternden Ablauf der Dinge und ihre Auswirkungen als trockener Historiker darzustellen, er deutet und interpretiert sie als religiös erfüllter Mensch und nimmt sie als Beweis des Wiallens der göttlichen Vorsehung. Und der Herdusgeber trifft durchaus das Richtige, wenn er diese Scfirift charakterisiert als eine politisch-religiöse Ftugsclirift, die den eindeutigen Sinn der Ereignisse, die sich vor den Augen aller Zeitgenossen abgerollt hatten, aufdecken will. Das Buch gewinnt dadurch noch, an Bedeutung, daß sein Verfasser die dargestellten Ereignisse unmittelbar erlebt und dabei selbst eine politische Rolle von größter Bedeutung gespielt hat. Als die alexandrinische Juden- Icelt durch eine Gesandtschaft an den tyrannischen Kaiser sich aus ilirer verzweifelten Lage zu befreien suchte, konnte sie als Anwalt und Fürspreclier keinen besseren wählen als den würdigen, einflußreichen, redebegabten Bruder des Arabarchen Alexander. Der Geschlchtsdarstellung Philos, deren tiefem Eindruck sich niemand entziehen kann, entnehmen wir die naclislehende Schilderung der ersten Begegnung. zwischen dem Kaiser Gaius (Caligula) und der jüdischen Gesandtschaft. Als wir in Rom ankamen, waren wir noch in Illusionen belangen. Demi wir glaubten, bei unserer Abreise, zu einem gerechten Richter zu reisen. In Wahrheit war aber Gaius ein unversöhnlicher Feind, der uns durch freundliche Blicke und höfliche Anreden täuschte. ./Er hieß uns zuerst auf dem großen Platz am Tiber (dem Marsfeld) willkommen, wo er gerade aus -cinem...der;.-Gttrten winer Mutter kam, winkte uns grüßend mit der Rechten zu, als wollte er damit seiii'Wohlwollen flusdrücken, wies uns dem Sekretär für die fremden Gesandtschaften zu und bemerkte: „Ich werde eure Sache bei Gelegenheit selber anhören", so daß die Umstehenden uns alle gratulierten, als hätten wir schon gesiegt, und auch einige von den Unsrigen sich vom Schein trügen ließen. Ich aber glaubte auf Grund meines Alters und meiner sonstigen Bildung klarer zu blicken und verhielt mich bei der Freude der Anderen abwartend. „Warum", überlegte ich hin und her, „erklärt er, wo doch so viele Gesandtschaften auB aller Herren Ländern eingetroffen sind, daß er nur uns anhören wolle? Was bezweckt er damit? Er weiß doch gut genug, daß wir als Juden zufrieden sind, wenn wir nicht zurückgesetzt werden? Nun will er uns noch gar bevorzugen. Andererseits scheint er sich doch der Partei der Alexandriner zuzuneigen, da er ihnen versprochen hat, noch vorher ihre Sache zu entscheiden, falls er sich nicht überhaupt über ein. reguläres Verfahren hinwegsetzt und, statt den Richter zu machen, jenen hilft, und uns bekämpft." Mit solchen Gedanken quälte ich mich ab und konnte Tag und Nacht keine Ruhe finden. Während ich so voller Angst war und meine Sorge verheimlichte, um die Anderen nicht zu beunruhigen, bricht ganz plötzlich und unerwartet ein neues furchtbares Unglück herein, das diesmal nicht nur einen Teil, sondern das jüdische Volk in seiner Gesamtheit in Gefahren stürzte. Wir waren von Rom nach Puteoli gereist, um Gaius zu folgen, der ans Meer gezogen war und sich an der Küste aufhielt, wo er seine vielen Luxusgüter abwechselnd bewohnte. Während wir gerade über unsern Fall berieten —t wir erwarteten ständig, zu üun gerufen zu werden —, kommt jemand keuchend, mit blutunterlaufenen Augen und wirrem Blick auf uns zu und ruft, nachdem er sich von seiner Gruppe •getrennt hat: „Habt ihr schon die letzte Nachricht vernommen?" Als er sie uns mitteilen will, Btockt er, und ein Tränenstrom verschlägt ihm die Rede. Er setzt noch einmal an und noch ein drittes Mal und kann noch immer nicht das Wort über die Lippen bringen. Wir erschraken und forderten ihn auf, uns mitzuteilen, warum er gekommen Bei: doch wohl nicht, um vor Zeugen zu weinen. „Wenn die Sache der Tränen wert ist, so laß uns arfdeiner Trauer teilnehmen, denn wir sind an Unglück gewähnt." Darauf sprach er mühsam, stoßweise, unter Schluchzen: „Unser Tempel ist verloren. Gaius hat befohlen, im Allerhciligsten eine Ricsenstatue des Zeus auf seinen Namen aufzustellen." Während wir vor Überraschung und Schreck über diese Worte wij gelähmt dastanden und unsere Glieder versagten, kamen noch andere hinzu und brachten dieselbe Leidensbotschaft. Darauf schlössen wir uns gemeinsam in unsere Kammer ein und beklagten jeder sein eigenes und unser aller gemeinsames Geschick und besprachen, was uns der Moment gerade eingab; denn niemals neigt der Mensch mehr zum Sprechen als im Unglück. Mitten in den Winterstürmen waren wir abgefahren, ohne zu ahnen, um wieviel furchtbarer der Sturm sein würde, der uns auf dem Lande erwartete. Hatte es überhaupt einen Sinn, wegen der Synagogen vor den Schänder des Allerheiligsten zu treten? Sicher würde er, der das berühmteste Heiligtum entweihte, auf dessen eonnengleichen Glanz Ost und West schauten, eich um die minder bekannten und weniger verehrten Stätten nicht kümmern. Wenn wir auch dos Recht zur freien Rede erhielten, worauf durften wir hoffen außer auf den unabwendbaren Tod? Aber selbst angenommen, wir Beerben: der ruhmreiche Tod für dos Gesetz und seine Wahrung bedeutet ewiges Leben. Wenn aber unser Ende . zwecklos ist, war es dann nicht ein Wahnsinn zugrundezugeheri, wo wir mit dem Amt einer Gesandtschaft betraut sind und die Katastrophe noch stärker als die opponierenden Gesandten die Sender selber trifft? Aber die Übereifrigen unter den frommen Brüdern unseres Volkes werden uns mangelndes Gottvertrauen vorwerfen, daß wir aus Eigenliebe in der höchsten Gefahr nur an uns gedacht haben: man hätte das Geringe dem Großen und das Eigene dem Gemeinsamen unterordnen sollen; denn mit dessen Untergang war auch das Bürgerrecht verloren. Aber ist 'es wirklich gottesfürchtig, ohne Aussicht auf Erfolg weiter zu kämpfen, um nachzuweisen, daß wir alexandrinische Vollbürger sind, wo dem Bürgerrecht aller Juden Gefahr droht? Denn es steht, zu befürchten, daß dieser hemmungslose und gowalttätigo Mensch nach Vernichtung des Heiligtums auch den gemeinsamen Volksnamcn austilgen würde. Da die beiden Anlässe unserer Gesandtschaft, um derentwillen wir abgesandt worden waren, hinfällig geworden waren, hätte einer fragen können, warum wir una dann nicht um einen sicheren Rückzug bemüht. hätten. Diesen Fragern wäre zu erwidern: „Entweder fehlt dir das wahre. Empfinden eines edelgesinnten Mannes oder du hast nie die Erziehung' durch die heiligen Schriften genossen. Menschen von wahrhaft edler Gesinnung sind immer voller Hoffnung und auch die Gesetze erfüllen den, 3er sie nicht oberflächlich kennt, mit Zuversicht. Sicher ist die» die Prüfung des gegenwärtigen Geschlechtes daraufhin, wio es sich zu den höchsten Gütern verhalt und ob es gelernt hat, Leiden standhaften Sinnes und ohne Wanken zu ertragen. Möge, was menschlich ist, dahingehen. Bleiben aber soll in den Seelen unerschütterlich dio Hoffnung auf den' göttlichen Retter, der das Volk schon so oft aus Not und Fährnis befreit hat."' Derart lautete unsere Klage über den unerwarteten Schicksalsschlag. Dann trösteten wir einander mit der Hoffnung auf eine Wendung zum Besseren und suchten Beruhigung bei diesem Gedanken. Die Petition fand im Winter des Jahres 40 statt. Dio Auf- Btellunpder Zeus-Statue im Tempol zu Jerusalem wurde durch den schmählichen Tod Caligulas, der am 24. Januar 41 von dem Prütorianertribun Chärcas umgebracht wurde, verhindert.- Empfang in Berlin Zum 125. Todestag der Königin Luife von Preußen Am 19. Juli 1810 ist Königin' Luise von Preußen gestorben; keine preußische Königin vor oder nach ihr mag ein so tragisches Lcbcnsschicksal gehabt haben, keine jedoch auch von so viel Liebe und Treue seitens ihres Volkes bedacht worden sein wie sie. Zwei Episoden ihres kurzen Lebens sind mir bekannt geworden, in denen Luise mit jüdischen Menschen oder Ideen zusammentraf. Die erste schildert die Begrüßung Luisens durch die Berliner Judenschaft. Ich entnehme den Bericht einer mir durch einen glücklichen Zufall in die1 Hände gelangten Schrift jener Tage, einem vergilbten Heftchen, dessen Titelblatt folgendermaßen lautet: Luisens und Friederickens, Kronprinzessin und Gemahlin des Prinzen Ludwig von Preußen, geborener Prinzcssincn von Mccklcnburg-Strelitz, Ankunft und Vermählung im Dezember 1793. Berlin 1794. Auf Seite 30 bei der Schilderung des Empfangs in Berlin heißt es zunächst: „. . . Töchter von angesehenen Berliner Bürgern . . . überreichten . . . den Prinzcssincn Gedichte", und der anonyme Berichterstatter fährt dann fort: „Eben das thaten unmittelbar nach ihnen, sehr nahe bei der Ehrenpforte, die Oberlondes-Ältesten und Ältesten der Berliner Judenschaft, in feierlich schwarzer Kleidung. Dicht neben ihnen standen vierzehn junge Frauenzimmer ihrer Nation, in Weiß und Himmelblau — den Forben der Unschuld und Treue. Zwei derselben überreichten, im Nahmen der übrigen und einiger Jünglinge, jeder von den Prinzcssincn Bräuten ein Körbchen mit ausländischen Blumen, um welches ein himmelblaues Band mit Versen geflochten war. Dio Prinzessinnen nahmen diese Beweise von ehrfurchtsvoller Liebe, wie alle früheren hold und freundlich an, und dankten jedesmal mit einigen schönen und geistreichen Worten." — In der ersten Beilage des Büchleins wird unB die Ordnung dcB Einzugs geschildert, und es heißt dabei: „Das Corps junger Kaufleute jüdischer Nation. Der Hauptanführcr dieses Corps war der Herr Hofbaurath Itzig, dem die Herren Wolf Lewy und Itzig Feibel als Adjutanten zur Seite ritten. Die Züge waren von den Herren Benjamin Isaac Wulff, Jakob Daniel Itzig, Abraham Hcnoch, Heymann Flies, Vcitel H. Ephraim und Benjamin Daniel Itzijr als Officieren angeführt. Den Schluß des ganzen CorpB machte Herr Maucke." Nach dieser Beschreibung —'- die mehrmals . genannte Familie Itzig gehört zu den Ahnen des Nobelpreisträgers von Baeyer —?öfj»t '"eine"" Aufzählung'"aller Teilnehmer dieser Zugabteilung und eine Beschreibung ihrer Uniform. In einem Weiteren Anhang werden uns die Gedichte angeführt, die von den Juden überreicht worden waren. Es heißt da: „Auf dem Platze vor der .Ehrenpforte standen an der rechten Seite, feierlich schwarz gekleidet, dio Oberlandcs-Ältesten und . Ältesten der hiesigen Judenschaft, Herr Daniel Itzig, Herr Jakob Moscsi Herr Licpmann Meyer Wulff, Herr Ephraim Veitcl und .Herr Hirsch Nathan Bcndix, und überreichten den Durchlauchtigsten Prinzessinen Bräuten folgendes Gedicht: Unser Vater, den wir mit Ehrfurcht nennen, Friedrich Wilhelm, der vielgeliebte Herrsoher, . da Er hinaufzog, um den Feindesschaaren Einbruch zu wehren; Friedebekümmert unter Siegeswaffen', : ~ jeder gerechten Lage gern begegnend: ' dachte der Erben Seines Pflegeramtes, dachte der Nachwelt. Ihr seid erkohren Stützen Seines Hauses, Seiner Kinder Vermählte, seid erkohren" ' . Mütter zu werden, und der Bürger-Hoffnung im Schooß zu tragen. Viel hat des Lobes von Euch .der Ruf verkündet; vielen Segen verbürgt dio Wahl deB Vaters, und der Fürsten Jünglinge funkelnd Auge zeuget der Wahrheit. Darum bringen an dieser Hauptstadt Schwelle, wir, ein verkunntes Volk, von unsorm König einzig unvorkannt, den Königs-Töchtern freundliche Wünsche. Die Ihr die sohwerstc Kunst so früh gelernct, Liebe zu verdienen, Ihr werdet edel Euer Verdienst vollenden, und dieses Land durch Liebe bcglückcn- Liebc wie steiget in des Reiches Jubel auch der unsre zu Euchl Ihr hört die Alten: dafür soll noch der späten Enkel Feier dankend Euch ehren." Außer diesem Poem — es „war auf rosafarbnen Atlas gedruckt und in blauen, mit Silber besetzten Sammet gebunden. Es lag auf einem Kissen von blauem Sammet, welches ebenfalls, reich mit Silber besetzt war" — war noch ein zweites von den „Jungen Frauenzimmern Jüdischer Nation" übermittelt wordenr Blumen, Blüthcn eines fremden Strandes, die ein weiser Gärtner hergebracht, wurden unser Fluren schönste Pracht. Euch berief der Gärtner dieses Landes, schöne Fremden. Dorum o verzeiht, daß, die Eurer sich am längsten freut, daß die Jugend Euch dies Sinnbild weiht. Wer war der Autor dieser wohlgefügtcn Reime? — Auch darüber gibt uns der getreue Chronist Aufschluß: „DicBes Gedicht, so wie das vorige, iBt von Herrn David Fried- 1 a e n d e r, der dadurch einen neuen Beweis von den vorzüglichen Talenten gegeben hat, derentwegen ihn nicht bloß seine eigene Nation achtet."- Wir erfahren so, daß David Fricdlacndcr, der Aufklärer im Geiste Mendelssohns, sich also auch erfolgreich dichterisch betätigt hat. Ausführlich beschreibt das Büchlein schließlich u. a. noch den Empfang, den die Juden zu Potsdam Luise bereitet hatten. Diese Schilderungen finden, vom Inhalt ganz abgesehen, unsere Aufmerksamkeit durch den respektvollen Ton, mit dem sie von den Juden schreiben und die geachtete Stellung, die dabei Berlins Judenschaft eingenommen hat, zwei Jahrzehnte vor Erlaß des preußischen Judenedikts. Aus etwa der gleichen Zeit gelangt ein Bericht zu uns, der uns die Eindrücke wiedergibt, dio Mo n d clssohns „Ph ä d on" bei Luise hinterließ. Nach verschiedenen Textproben aus Mendelssohns bereits 1767 ^erschienenem Erstlingswerk erfahren wir von einem Brief, den Luise von Preußen an ihren Religionalehrer und Seelsorger Lichthammer in Darmstadt richtet und in dem es heißt: „Ich reiße mich los von jenem herrlichen Buche, welches Ihre Güte mir vor einiger Zeit gab, um nicht' bloß meinen Dank Ihnen noch einmal mitzuteilen, sondern ich füge die Bitte hinzu, mir das Buch Mendelssohns von der Unsterblichkeit von Frankfurt kommen zu lassen. Sie können sich nicht vorstellen, wie sehr glücklich mich das Buch macht, die Lehren, die es enthält, so wahr, so treffend und gut, daß es mir ein wahrer Schatz für meine Seele geworden ist. Meine Seele wünscht außerordentlich, sich zu bilden und sich nützliche Kenntnisse der Menschen,, des Geistes der vergangenen Welten zu sammeln. Verhelfen Sie mir dazu. Ich bitte Sie. Ich beschäftige mich immer, ober was ist eine Monatsschrift, eine hübsche Zeichnung oder eine schöne Sonate für den Geist?" H. L. Gräber erzählen Schickfale Romantik einer Totenfiadt [ Von KARIN lund Die Ruhe der Abgeschiedenheit liegt über dem Friedhof. Wenn man jetzt zwischen den Gräbern umherwandort, wird kaum ein Trauernder gestört. Denn dio Julisonnc »endet ihre sengendsten Strahlen auf die Erde herab, und nur hic und da geht einer der Friedhofsgärtner den Pflichten seines Berufes nach. Das älteste Viertel dieser j mächtigen Totenstodt in Weißensee ist auch ihr romantischster Teil. Greift es nicht seltsam ■ans Herz, wenn ein etwa: fünfzigjähriger Grabstein aus weißem Marmor, den eine gemeißelte Rosenrankc umgibt, erzählt, daß hier „Unser geliebtes, holdseliges Töchterchen, Renate, daB Entzücken unseres Herzens und unserer Augen" schlummert? Daneben ruht das Brüderchen unter einem ähnlichen Totcnmol. Beide Kinder starben merkwürdigerweise in ihrem vierten Lebensjahre, das Mädchen fast auf den Tag achtzehn Monate nach dem Knaben, Tragisches Schicksal armer Eltern. Nicht weit davon befindet sich ein Kindergrab neueren Datums. Auch sein Stein, eine schwärzliche Porphyrsäulc, erzählt eine Geschichte. Schwer hängt von dem graziösen Gebilde eine kurze, wuchtige Kette herab. Zwei Eisenhaken, in die Säule eingelassen, halten sie. Aus einer Wolgastadt kam der kleine Schläfer, den der Hügel für immer deckt, einst nach Berlin. Die Inschrift der Säulo ist in deutscher, russischer und .hebräischer Sprache abgefaßt. Sic. meldet nur Gcburts- und Todestag, nach deutschen und russisph-hebräischen Daten, sowie den Namoni des kleinen Dahingeschiedenen. Die Kette aber, die in ihrer Wuchtigkeit die schlanke Säule zu erdrücken scheint, erzählt dem Eingeweihten, daß der Vater des toten Kindes einer Bruderschaft angehört, im Leben wie im Tode mit ihr verbunden. Der Blick fällt auf eine langgestreckte, in vier Bogen eingeteilte, weiße Steintafel. Sie zieht sich über vier gleichmäßige, ofeuumsponnenc Hügel hin und gibt Kunde von den Mitgliedern einer Familio, die hier alle am gleichen Tage beigesetzt wurden. „Am 2. September 1883 fielen, sie dem entsetzlichen Eisenbau n u n f a 11 bei Steglitz zum Opfer." Die Chronistin, erfährt, daß die Vier Bich auf dem Wege zu einer Scdanfcier befanden, die einer der Verunglückten als ehemaliger' Schlachttcilnchmer mitmachen wollte. Nun raubte die Katastrophe nicht nur sein, sondern auch das Leben Beines 79jährigen Vaters, seiner jungen Frau und seines kleinen Kindes. Schicksal ... Eine Stätte des Grauens — ein Erbbegräbnis hart an der Mouer, birgt gleichfalls vier Opfer einer Tragödie. Mutter und Kinder fielen vor einigen Jahrzehnten in der Schweiz einer Steinlawine zum Opfer. Innerhalb einer einzigen Woche, erlagen sie ihren Verletzungen. „ Nun decken die gleichen Steino, die einst den Tod der blühenden Menschenleben herbeiführten, ihre Hügel. Sie wurden aus der Schweiz herbeigeschafft und bilden auch den Hintergrund der Stätte. Dazu hat ein schauerliches Geschick die Bäume, die einst wenigstens durch ihr Grün den Gräbern ein versöhnliches Aussehen gaben, verdorren lassen. Wie Stein unter Steinen sehen sie aus mit ihren krankhaft gewundenen Stammen und den dürren, entlaubten Asten, dio sich anklagend gen Himmel recken. Ein ähnliches Erinnerungsmal, dem aber das Grauen fehlt, liegt am entgegengesetzten Ende der Totenstadt. Es bietet Frau und Kind eines estnischen Baumeisters die letzte Ruhestätte. Der Mann wollte seine Liebsten in heimatlichem Boden begraben sehen.' So ließ er aus Estland mächtige tfindlingsstcine kommen und Erde von einem jüdischen Friedhof. Die steinernen Riesen flankieren die Gräber und bilden in ihrem Rücken eine Mauer. Mit der Zeit, haben Rosen und Hollundor eine zauberhafte Wildnis um alles, gewoben. Der Baumeister weilt nicht mehr in Deutschland, keine liebende Hand betreut jetzt die Grüber. Aber ein Nest mit fünf jungen Vögeln versteckt sich zwischen dem Rosongerank, piepsend harren sie der Muttor, die immer wieder dio hungrigen Sohnäbclchen stönft. Und ein mächtiges Spinnennetz, in dem Wassertropfen gleich sprühenden Diamanten schimmern, zieht flieh — ein Märchengespinst — über den winzigen Hügel des estnischen Kindchens ... Sonderbar das Grab eines vor kurzem verstorbenen Fabrikanten. Sein letzter Wille verfügte, daß Bein Grabstein aus dem

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