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Jüdische allgemeine Zeitung · 1935-07-24 · 30 (24.7.1935) · page 3

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Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
15 (1935)
Issue
30 (24.7.1935)
Date
1935-07-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
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/■ Beilage 24. Juli 1935 JÜDISCHE AUfiEHEINE WEITUNG < i Die Wandlungen und Wanderungen DIE BIBEL ERZÄHLT des Ewigen Juden Neue Forfchung über die Sagengefialt des Ahasverus Von HANS LAMM Wenige Gestalten der Weltliteratur sind so häufig behandelt -worden wie die dc3 „Ewigen Juden". Seit dem ersten Auftreten in der Mitte des 13. Jahrhundorts bis in unsere Tage haben sich Dichter aller Art daran gemacht, in lyrischen, epischen oder ■dramatischen, in politischen und in philosophischen Werken dieser unheimlichen Mythen-Figur ihre Ausdeutung zu geben. So unabsehbar die Ahasver-Dichtungen selbst sind (Albert Socrgel hat schon vor drei Jahrzehnten Ober 200 Dichtungen ■zusammengestellt und dies, obschon er soine Studie nur „Ahasver- Dichtungen seit Goetho" genannt hat), so zahlreich ist wiederum •die Literatur über den Ewigen Juden. D. Paulus Cassel hat in seiner Abhandlung (1885), die wir zu den knappsten und inhaltsreichsten über den AhaBverusstoff ■zählen, die verschiedenen Quellströmc dos Ahasver-Mythos zusammengefaßt und kam im wesentlichen zu folgenden Ergebnissen: Als geistigo Grundlage sind zwei Worte des Nouen Testaments zu nennen, Matth. 16, 28: „Wahrlich, ich sage Euch: es stehen etliche hier, die nicht schmecken werden den Tod, bis •daß sie des Menschen Sohn kommen sehen in sein Reich" und Joh. 21, 22, wo Jesus zu Petrus von Johannes sagt: „So ich will, daß er bleibe, bis ich komme, was geht es Dich an?" Vermengt damit wurde dann die Überlieferung, daß Enoch und Elias nicht zu sterben brauchen bis zum Erscheinen des Antichrist, während wiederum Nero, als der größte Verfolger des Frühchristentums nicht sterben durfte und unstet bleiben muß bis zum Ende der Tage. Die Entstehung des Namens „Ahasverus" als der des Ewigen Juden bleibt damit noch ungelöst, denn es muß doch erstaunlich erscheinen, daß eine Figur, die „Ewiger Jude" genannt wird, den unjüdischen Namen des persischen Königs trügt. Cassel hat dies mit sehr geistvollen, von Eduard König stark umstrittenen, Hypothesen zu erklären versucht, die in ihrer Ausführlichkeit hier nicht einmal angedeutet werden können. Auch •die spateren Erklärungsversuche — etwa der reichlich konstruierte Königs, der mittelalterliche Hamanspiele heranzieht — gaben keine abschließende und befriedigende Deutung. Im Mittelpunkt niler Ahasyer-Sagen steht aber folgende Fabel: Als Jesus aus dem Gerichtshaus trat, soll Cartaphilus, ein Pförtner des Pontius Pilatus, ihn roh geschlagen haben mit den höhnischen Worten „Jesu, geh' schneller, was zögerst Dul", worauf Christus antwortete: „Ich gehe, aber Du wirst warten, bis ich wiederkomme." Auf das bemerkenswerte Moment, daß Amf, und Name des genannten Cartaphilus nicht auf eine jüdische, sondern vielmehr eher -rörinsch« ■ Herkunft schließen lassen, scheint mir bislang jooch nie hingewiesen worden zu sein, obschon sie doch — •da man ja im Anschluß daran von einem Ewigen Juden spricht! — recht ■wichtig] erscheint; Die Sage berichtet nun weiter: Cartaphilus müsse auf Grund,diesesi'Fluches^ ünmer waiderhr stets wemi' er 100 Jahre.alt geworden Bei, erhalte er sein Alter von 30 Jahren zurück, er lebe im Orient unter Bischöfen Und Prälaten, führe ein heilig-mäßiges Leben und rede nur, wenn ihn die hohen Geistlichen fragen. D. Cassel und andere haben darauf hingewiesen, •welch innere UnWahrscheinlichkeit der Mythe ist; daß Jesus in seiner Milde einen' solch schweren Fluch" gegen einen Menschen habe aussprechen sollen. Cassel weist auch darauf hin, daß Cartaphilus als Verkörperung des Alten Bundes ' eine Symbolgestalt für das Judentum an sich geworden und geblieben ist. Die Volkssage hat auch Entstehung und Schicksal der rastlos umherziehenden Völkerschaften ■der Z i g o u n o r durch einen, ähnlichen göttlichen Fluch von Ägypten her zu deuten versucht; auch als Abkömmling des verfluchten Koin werden die Zigeuner aufgefaßt. Die Zurückführung auf Kain haben die Kirchenväter, am stärksten Augustinus, auch bei den Juden versucht. v . Die bekannteste Fassung der Ahosverus-Sage, nuf der in der Folge immer wieder aufgebaut wurde, stammt aus dem 17. Jahrhundert und berichtet: . 1602 habe ein Wittenberger Student, der auf ForienbcBUcb bei seinen Eltern in Hamburg weilte, in der Kircho dort eine auffällige Gestalt bemerkt: : ein hagerer, etwa fünfzigjähriger Mann mit langem Haar, barfüßig trotz der Winterkältc, stand reglos als aufmerksamster Hörer während der Predigt der Kanzel gegenüber; jedesmal bei der Nennung von Christi Name senkt er sein Haupt, schlägt an die Brust und seufzt tief. Der Student erführt auf Erkundigungen, daß es ein Jude sein solle, der noch „bei der Kreuzigung Christi persönlich gewesen". Vom Ewigen Juden selbst erfährt er dann noch die schon geschilderte Historie seiner Verfluchung, Cassol« beschreibt weiter die Verbreitung dieser Geschichce, insbesondere, ihre .Verwurzelung im pietistischen. England, erklärt u. a.'mit beachtlichen Parallelen zu ' Paulus die Tatsache, daß AhaBverus ein Schuster gewesen sein soll (eine besonders in Schwaben und Schweden verbreitete Ansicht) und berührt schließlich auch Dinge, mit denen sich nun jüngst Paul Zaunert eingehender und aufschlußreich auseinandergesetzt hat. In der „Heimat", der Unterhaltungsbeilage der „Münchner Neuesten. Nachrichten" vom -5. Juni 1935 veröffentlicht nämlich Paul Zaunert eine umfassende Studie „Die Wanderung des Ahasverus durch die Volkssage der deutschen Landschaften". Danach , worden im 18. Jahrhundort vom Auftauchen des Ewigen Juden. — er erscheint als uralter, weißbürtiger Mann mit langer Nase und zerschlissenen Kleidern — Menschen in verschiedenen Orten des Jülischfn Landes erschreckt, im 19. Jahrhundert findet er Bich in der Schweiz so gut wie auf der Messo zu Frankfurt (wo er mit einer Münze mit Tiberius' Kopf neue Gewänder erstehen möchte I), im Vogtland, in der Nordmark und in Sundewitt. Freilich' — nicht überall wird Ahasverus in gleicher Gestalt gesehen: im Rheinland ist er ein. ach re ckha f t - win zi ger Wicht oder ein ziim Gcripn Abgemagerter, im Ncckarland ein mittelgroßer, {freundlicher und bescheidener Mann, anders wieder im Vogtland, in Sachsen oder Westfalen. In der Schweiz reichte sein Schatten eine halbe Stunde weit, und sowohl in Ulm wie in Bern hinterließ er seine riesigen geflickten Schuhe. Woran erkennt denn das Volk den Ewigen Juden? Ein Vogelsteller im Vogtland ward durch den kennzeichnenden Fußtritt) der überall zurückbleibt, mit fünf in.'Form eines Kreuzes eingeschlagenen Nägeln, gebannt, und. in einer oherschwübiachen Sage berichtet ein Wirt, daß ein kleiner Mann, der in der Nacht ununterbrochen um den Tisch herumlief, Ahasver war: dies ist der Fluch der Ruhelosigkeit, von der uns auch im tirolischen Imst berichtot wird, wo er zwar gierig eino Ricscnschüsscl Mehlbrei vorschlang, dabei jedoch immerwährend. umherschritt, denn es ist ihm verwehrt, irgendwo von der jahrhundertealten Wanderung auszuruhen. Der ..seltsam.«. Wanderer erregt natürlich Schreck und Grauen beim einfachen Volke. Aber immer stellt sich dabei auch Mitgefühl ein. So ward allmählich der Fluch gemildert: im Münsterland darf Ahasver so lange verweilen, als er Zeit braucht, um einen „Hittcwiggc", einen Stübcr Weißbrot, zu verzehren. In Schleswig-Holstein darf er —• der ja au sich unter keinem Dach schlafen darf — ausruhen, wenn er zwei Eggen findet, die wie ein Dach gcgencinandergcstcllt sind. Am Sonnabend kehren die guten Bauern in Nicdcrdcutschland die Eggen eigens nach innen, damit Ahasver darauf ausruhen kann, wahrend die Unbarmherzigen mit Absicht die Spitzen nach oben wenden. Ahasver, der nicht sterben darf, sucht den Tod: so wcill er mit Vorliebe auf Juden-Friedhöfen und sucht z. I). Pestkranke auf, die andere ängstlich meiden: ihm kann die Krankheit, die er vertreibt, nichts anhaben. Der Ewige Jude kennt die Welt Bchon fast zwei Jahrtausende, und so fragt er auch nach Menschen und Orten, deren Namen niemand mehr kennt. Ahasver sieht auch in die Zukunft, und im Ghetto zu E g c r hat er einst seine Glaubensbrüder vor einem drohenden Pogrom gewarnt, auf der Insel Fehmarn vor dem bevorstehenden Weltkrieg. Noch eine Fülle anderer, oft gespenstischer Geschichten, von denen Zaunert einige anführt, wob das Volk um Ahasvers Gestalt. Daß den deutschen Volkssagen von Ahasver ein sinnbildhaftcr Kern nicht abzusprechen ist, stellt Zaunert mit Recht fest. Dieser Erkenntnis und den Folgerungen, die sich aus den Einzclzügcn der erwähnten Sagen ergeben, sollen auch wir uns nicht entziehen. Der Arzt der Kinder Professor Heinrich Finkelstcin 70 Jahre Am 31. Juli vollondct Professor Dr. Heinrich Finkelstcin, einer der hervorragendsten Vertreter der Kinderheilkunde, sein 70. Lebensjahr. Er hat vor allem den Problemen des Stoffwechsels im Säuglingsaltcr und den Aufgaben der kommunalen Säuglingsfürsorge die größte Aufmerksamkeit zugewandt; ihm gebührt auch dos Verdienst, -in Berlin die erste deutsche Säuglingsfürsorgestelle errichtet zu haben. l'inkelstcin studierte zuerst Geologie, dann Medizin in München und Leipzig, promovierte auch in beiden Fächern, widmete sich dann - aber ausschließlich der- Kinderheilkunde. -Er -War von Aula.: Dr. W. Heinum' 1894—1900 Assistenzarzt an der Kinderklinik der Berliner Charitc' und übernahm 1901 die Stellung eines Oberarztes am Kinderasyl und Städtischen Wuiscnhausc in der Alten Jacobstraße. Er hatte sich vorher 1899 an der Universität habilitiert, wurde bald darauf zum außerordentlichen Professor ernannt und zum Direktor des Kaisor- und Kaiserin-Friedrich- Kinderkrankenhauses berufen, an denv'cr jahrzehntelang bis zu Emeritierung eino segensreiche Wirksamkeit ausübte. Sem Lehrbuch über Kinderkrankheiten, das zum Teil neue Kranlchcitsbilder aufweist und auch die soziale Seite der Säuglingsfürsorgo eingehend behandelt, hat viele Auflagen erlebt und ist in mehrere Sprachen übersetzt worden. Durch Finkelstcin wurde auch eine neue Milchmischung als wichtiges diätetisches Heilmittel (die sogenmmte Finkclstcinschc Nahrungsformcl) eingeführt. Ferner sind noch seine Bücher über „Dia Behandlung der tuberkulösen Bauchfellerkrankungen im Kindesalter" und „Die Untersuchung des kranken Kindes (1931)" hervorzuheben. Professor Finkelstein ist als großer Spbrtfreund und Alpinist bekannt und Übt' noch heute in größter Rüstigkeit seine ärztliche Tätigkeit aus. im Wockenabfchnitt Mattcuts der mit der Schlußsidra des 4. Buches Masse'e vereinigt ist, von der Bitte der Stämme Rüben und Gad und des Halbstamms Manasse, ihm jetzt schon das eroberte Ostjordangebiet zuzuteilen. „Das Land, das der Ewige geschlagen hat vor der Gemeinschaft Israels, ein Herdenland ist'B, und deine Knechte haben Herden. . . . Laß uns nicht über den Jordan ziehen!" Solchem Ansinnen wirft Mose entrüstet nur das eine Wort entgegen: „Eure Brüder sollen in den Krieg gehen, und ihr wollt hier sitzen?" Und sofort wird ihnen ihr Stammesegoismus bewußt, so daß sie einschränkend und entschuldigend betonen: „Schafhürden wollen wir hier für unsere Herden bauen und Städte für unsere Kinder. Wir aber, sturmgegürtet, wollen ungesäumt den Söhnen Israels voranzienen, bis wir sie an ihren Ort gebracht haben." Mit diesem Beding sichert Mose in feierlichem Vertrage in Gegenwart des Hohenpriesters Eleasar und ihres künftigen Führers Josua ihnen die Gebiete des Ostjordanlandes zu, die sie in schwerem Kampf gemeinsam mit den übrigen Söhnen Israels errungen haben, O Das Ostjordanland ist bezwungen. Die Söhne Israels lagern in den Steppen Moabs, der Stunde gewärtig, da sie geeint ins Gelobte kjjind einziehen sollen. Der 40jährige Gang durch die Wüste liegt hinter ihnen. Die Stationen dieses Weges ziehen noch einmal — in kurzen Stichworten — vorüber. Eintönig, in unendlicher Reihe klingt es: „Wajisse'u" „sie brachen auf", „wajachanu" „und sie lagerten". Von der ersten Ausfahrt „aus Ramses im ersten Monat, am 15. Tage des Monats", da sie „am Nachmorgen des Pessachmahls auszogen mit' erhobener Hand vor den Augen der Ägypter" bis zum Schluß, da sie „aufbrachen vom Gebirge Awarim" und „lagerten in den Steppen Moabs am Jordan vor Jericho", Hinter diesen unscheinsamen trockenen Notizen aber liegt gewaltiges Menschenschicksal eingeschlossen, ein Weg so hart und einsam, wie ihn kein Volk je gegangen. Alle Stationen des Leidens, der schwersten Prüfungen sind dort verzeichnet: Ausgeschieden, ausgetrieben aus den Gefilden des Reichtums, des Genusses, wandern sie den Weg durch die drohende Strenge der Wüste; die grelle, nackte Sonne schüttet unbarmherzig ihre blendenden Strahlen wie Feuer auf sie hernieder,^ die schutzlos allen Unbilden der Witterung ausgesetzt sind. Vierzig Jahre ziehen sie umher, preisgegeben den Qualen von Hunger und Durst. Nur selten erquickt von karger Speise, von frischem Quell. Vierzig Jahre Kampf mit der unerbittlichen Natur der Wüste, mit feindseligen Völkerschaften, mit den eigenen Gelüsten. Vierzig Jahre hin- und hergerissesn zwischen kleinmütiger Verzweiflung und hoffnungsfreudigem Vertrauen. Doch am Ende stets kindliches Vertrauen in die göttliche Führung, eine grenzenlose Bereitschaft zum Gehorsam, eine Hingabe und Kraft des Leidens, die sie auch über die schwersten Heimsuchungen hinweg ausharren läßt bis ans Ende. Und sooft Mose das Wort des Aufbruchs spricht, dann — auf sein Geheiß „brachen sie auf", dann „lagerten sie". In unendlicher Folge. Kein Wunder aber, wenn in den Ruhelosen, Wandermüden der Wunsch erwacht, endlich Beßhaft zu werden. „Haben wir Gunst gefunden in Deinen Augen, so werde dieses Land deinen Knechten zum Besitz gegeben." Die zweieinhalb Stämme sehen mit der Eroberung des Ostjordanlandes ihr Ziel erreicht; dieses Gebiet ist gerade ihren Bedürfnissen angepaßt und möge ihnen jetzt gleich verbleiben. Die andern mögen hernach über den Jordan ziehen und sich auch ihr Erbe gewinnen. Das ist die Sprache jener engherzigen Partikularisten, die gar zu schnell vergessen haben, daß alles bisher Erreichte nur in gemeinsamem schweren Kampfe aller Stämme . gewonnen ist, denen das Bewußtsein fehlt, wie sehr solch egoistisches Sondervorgehen dem Gesamtinteresse widerstreitet. Wie die übrigen Stämme zu diesem AnBinnen sich stellen, wird uns nicht erzählt. Aber deutlich genug ist die Sprache Moses: „So taten eure Väter, als ich sie schickte, das Land zu besehen. Sie machten abwendig das Herz der Söhne Israels. Da entbrannte der Zorn des Ewigen über sie. Und nun seid ihr aufgestanden am Platze eurer Väter, eine Zucht sündiger Männer, um noch mehr zu häufen die Zornbrunst gegen Israel." ■ . Und dieser heilige Moses-Zorn ist auch hier — wie so oft in kritischen Augenblicken — von unmittelbarer Wirkung. In diesen Männern, die nach der Ruhe des Besitzes lechzen, siegt sofort das Bewußtsein der Gesamtverpflichtung über alle Sonderwünsche. Und was sie hier feierlich geloht, das erfüllen sie später, als Jpsua das Volk über den Jordan führt. Da schreiten die Söhne Rubens und Carls.und der Halbstamm Manasse „gewappnet vor den Söhnen Israels her, wie Mose zu ihnen geredet hat". Hermann Falkenberg.

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