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Jüdische allgemeine Zeitung · 1935-07-17 · 29 (17.7.1935) · page 4

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Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
15 (1935)
Issue
29 (17.7.1935)
Date
1935-07-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Das Enfant terrible der Aufklärung Ein romanhaftes Schickfal Von EUGEN TANNENBAUM „Er wußte sich nicht zu zähmen, und so zerran ihm sein Leben und sein Dichten." Dieso Worto GoetheB, auf den schlc- ■ eischen Lyriker Johann Christian Günther gemünzt, könnten auch das ganze Elend eines verfehlten Lebens zusammenfassen, wio es eich in Solomon Maimon personifiziert hat. Wer war dieser soltsamo Mann, der sich hinter dem Namen des großen jüdischen Weisen vorbarg; dor .von Moses Mendelssohn in die Berliner Salons eingeführt wurde, obwohl er die dort verpönte Sprache der polnischen Juden sprach und mit Manieren behaftet war, die in dio Atmosphäre des Acsthctisicrcns schlecht zu passen schienen; den Kant als den scharfsinnigsten unter seinen Gegnern anerkannt hat; von dem Fichte sagte, er hege vor diesem Juden ciiio grenzenlose Hochachtung; dessen Schriften die Aufmerksamkeit des Weimarer Kreises erregten, so daß Goethe ihn in scino Umgebung verpflanzen wollte? Der Weg aus dem Ghetto Ein litauischer Ghettojude, der aus ■■ Armut, Elend, .Trostlosigkeitund-Verwilderung den -dornenvollen Wegfii die'westliche Welt der sozial und kulturell revolutionierten deutschen Judonhcit zurückgelegt hat, hungernd, bettelnd, verwahrlost, ruhelos umher-1 getrieben, und der stolz seinen Namen an das Tor anheften konnto, aas sich soeben hinter dem deutschen Ghetto geschlossen hatte. Scharf profiliert, steht er am Eingang dor Aufklurungscpoche, neben Moses'Mendelssohn, dem Berliner Arzt und.Apostel Kants, Dr. Markus Herz, und Lazarus Bendavid, dem Mathematiker und Philosophen und 'außerordentlichen Mitglied des „Vereins für Kultur und Wissenschaft der Juden". In der philosophischen Erkenntnis Moses ben Maimona erblickte -er sein einziges .Lebensziel. Als einer-der ersten hat er die Gedanken Kants in der Richtung weitergebildet, die dann für die Fortentwicklung dor deutschen Philosophie entscheidend wurde. Mit seinem Kopfe, meint der Historiker Heinrich Graetz, habe Maimon dem jüdischen Stamme Ehre gemacht, mit seinem übrigen Wesen dagegen habe er ihn verunehrt. „loh bin ein toller Mensch gewesen" Solomon Maimon war eine der abenteurlichsten Gestalten aus der Zeit, da das deutsche Judentum eine grundlegende Umwälzung . erfuhr. „Ich bin ein toller Mensch gewesen", bekennt er selbst am Ende seines Lebens, „unter den Tollsten der Tollste — und wie sehr wünschto ich das anders." Sein Leben war ein Roman, wie er von einem Dichter nicht phantastischer ersonnen werden kann. Das muß Maimon selbst empfunden haben, als er Bich entschloß, seine Schicksale in Form einer Autobiographio niederzuschreiben. Sie wurde das Modebuch der Aufgeklarten, das von Hand zu Hand ging und die originielle Gestalt des polnischen Talmudiüngers in den Mittelpunkt des Berliner Interesses rückte. Karl Philipp Moritz, der Intimus Goethes und Autor des viel- . gelesenen psychologischen Romans „Anton Reiser", hat die erste im Jahre 1792 erschienene Ausgabe dieses kulturell und psychologisch aufschlußreichen Bekenntnisbuches mit folgenden Worten eingeleitet: „Diese Lebensbeschreibung bedarf keiner Anpreisung, um gelesen zu werden. Sie wird für einen jeden anziehend Bein, dem eB nicht gleichgiltig ist, wie die Denkkraft, auch: unter den drückendsten Umstanden, sich in einem menschlichen Geiste entwickeln kann, und wie der echte Trieb nach Wissenschaft sich durch Hindernisse nicht abschrecken laßt, die unübersteiglich scheinen.". Diese '„Geschichte dos eigenen Lebens'^ hat der Schockenvorlag jetzt als Doppelbündchen seiner Bücherei herausgegeben und damit das Enfant terrible der deutschen Aufklärung uns von neuem nahegebracht. Dio Räche der Ab**gewioscnen Ein Mensch voller Kontroste, bald zäh ans Leben sich klammernd, bald. dem Selbstmord. nahe. Mit ungeheuren Energien geladen, doch ohne Lebensplan. Boshaft, witzig, fessellos,» von einer brutalen Offenherzigkeit, die sich bis zum Zynismus steigern konnte und selbst seine besten Freunde ihm entfremdete. Einmal nach Holland verschlagen, hatte er ein Liebesabenteuer. Eine nicht mehr ganz junge Frau, mit der er häufig wissenschaftliche Gesprflcljo führte, verliebte sich in ihn. A1b sie es ihm offen gestand, lachte er und lief davon. Darauf schrieb sie ihm einen Brief, der mit den Worten schloß: „Wollen Sie nicht in sich gehen, so'zittern Sie vor der Rache beleidigter Liebe Ihfrer..." Was tat Maimon? Er erwiderte: „Was übrigens, Madame, Ihre Rache anbetrifft, so fürchte ich diese nicht, indem die alles zer-* störenIde Zeit Ihre Waffen (Zahne und NOgel nämlich) zerbrochen hat." Mit elf Jahren verheiratet Im übrigen hatte er bereits die Ehe < kennengelernt. Denn schon oIb Knabe war er mit der Tochter einer W'4™0 verheiratet worden, die ein Wirtshaus besaß. Er war sozusagen eine begehrte Partie, denn,* mit elf Jahren war er schon ein fertiger Talmudgelehrter, und eine glanzende Zukunft als rabbimscho Größe stand .ihm in Aussicht. Trotz der grauenvollen Zustande, unter denen er aufwuchs, war er von dem Drang beseelt, sein Wissen immer mehr zu bereichern. Er hatte gern fremde Sprachen erlernt, aber eine andere als die hebräische war bei den polnischen Juden verpönt. Ein Zufall kam ihm zu Hilfe. An einigen umfangreichen hebräischen Büchern sah er, daß das hebräische Alphabet zur Bezeichnung der Bogenzahl nicht ausreichte und daß im zweiten .und dritten Alphabet neben dem hebräischen noch deutsche ..und lateinische Buchstaben standen. Er .vermutete,.daß die nebeneinanderstehenden Schriftzeichen den gleichen Buchstaben bedeuten sollten. So lernte er das deutsche Alphabet kennen. Mit mühseligem Fleiß gelangte er schließlich dahin, daß er deutsch lesen lernte. . . Um Bein Leben zu fristen, nahm er eine schlecht bezahlte . Hauslehrerstelle bei einem Pachter an. Den Unterricht mußte er in einer von Schmutz starrenden Wohnstube erteilen, die zugleich Schenk-, Speise-, Studier- Und. Schlaf räum .war. In solcher Umgebung verkümmerto er völlig und gab sich dem Branntweingenuß hin, durch den er sein Elend, zu vergessen suchte. , Unorbittlicji gegen sich und andere schildert er die Leidensstationen seines Lebens: wie er mit elf Jahren in das Joch der Ehe gezwungen wurde, wie er sich der Religion entfremdete dadurch, daß er sich von dem fanatischen Gebaren der polnischen Orthodoxie abgestoßen fühlte, wie er sich aus Verzweiflung an die Kabbala klammerte und von dem Leben und Treiben jüdischer Sekten angewidert wurde. Reise nach Berlin Als 25j0hriger faßt er den Entschluß, nach Deutschland zu wandern. Frau und Kind laßt er zurück. Zur Beschwichtigung seines Gewissens redet er sich ein, er werde in Deutschland Medizin studieren und dann sich und die Seinen versorgen. Mit zerrissenen, schmutzigen Kleidern kommt er in Königsberg an. Dio Studenten, an die er durch einen jüdischen Arzt gewiesen worden war, lachen ihn aus, als sie hören, daß dieser zerlunipte Mensch „mit einer Sprache aus hebräischen, jüdisch-deutschen .und polnischen Brocken mit grammatikalischen Fehlem durchsetzt" sich der Wissenschaft widmen wolle, wenden ihm aber ihr Interesse zu, als er Mendelssohns „Phndon", den sie ihm vorgelegt hatten, geschickt ins Hebräische übersetzt und kommentiert. Er wandert weiter. Die fünfwöchige Reise nach Stettin und die Fußwandorung von da nach Berlin ist eine ununterbrochene Folge mitlcidcrrcgendcn Elends. In Berlin abgewiesen, muß Maimon sich einem berufsmäßigen Landstreicher anschließen, um nicht ganz zu verhungern. Beinaho ein halbes Jahr irren beide bettelnd umher, bis sie halbnackt in Posen ankommen, wo sich der junge Rabbiner Hirsch Janow seiner annimmt. (Diese Episode schildert Maimon in der nachstehend veröffentlichten Probe i aus der „Geschichte des eigenen Lebens".) Philosophie im Butterladcn Noch dreimal wirbt Solomon Maimon später um die Liebe Berlins. Eines Tages kommt er dort in einen Butterladcn, gerade als der Inhaber ein altes Buch zerreißen will, um es als Einwickerpapier zu benutzen. Für zwei Groschen ersteht Maimon doB Buch. Es ist Wolfs „Metaphysik oder die Lehre von Gott, der Welt und der Socio des Menschen". Seine Einwendungen gegen die in dem Werk enthaltenen theologischen Beweisgründe schreibt er ia hebräischer ' Sprache nieder und übersendet die Schrift Moses Mendelssohn, der ihn zum Weiterstudium auffordert, für seinen Lebensunterhalt sorgt und ihm Zugang zu den Kreisen der vornehmsten Berliner Juden verschafft. Versuche, ihn in einem Beruf ansOssig zu machen, scheitern an Maimons ewigem Bohemiehtum. Er führt ein entfesseltes Leben. Falsche Freunde locken ihn in Wirtshäuser und zweifelhafte Gesellschaft und verleumden ihn dann bei seinen Gönnern, so daß Mendelssohn ihm rät, Berlin zu verlassen. AIb Maimon nach zahllosen Erlebnissen, Abenteuern und Entbehrungen in Homburg, Holland, Berlin, Dessau und Breslau im Frühjahr 1786, als 32jahriger zum vierten Male nach Berlin kommt, lebt Moses r, Mendelssohn nicht mehr. Aber Freunde nehmen sich seiner wieder an. Empfehlung an Kant In einem Dachkammerchen studiert er die „Kritik der reinen Vernunft". Die Folge davon, daß er in der „TronBzendentalphilosophio" sein eigenes System entwickelt. Auf Veranlassung von Kants Schüler und Freund, Dr. Markus Herz, schickt er es nach Königsberg. In dem Empfehlungsbrief für Maimon heißt es: „Herr Solomon Maimon, ehedem einer der rohesten polnischen Juden, hat sich seit einigen Jahren durch sein Genie, seinen Scharfsinn und Fleiß auf eine außerordentliche Woise in fast alle höheren Wissenschaften hineingearbeitet, und vorzüglich in den letzten Zeiten Rare Philosophie oder wenigstens Ihre Art zu philosophieren so eigen gemocht, daß ich mit Zuverlässigkeit mir zu behaupten getraue, daß er einer von den sehr sehr wenigen von den jetzigen Bewohnern der Erde ist, die Sio so ganz vorstanden und gefaßt. Er lebt hier sehr kümmerlich, unterstützt von einigen Freunden, ganz der Spekulation." Unwillig macht sich der Weise von Königsberg an die Lektüre, kann sich aber dem starken Eindruckvnicht verschließen. In seinem Antwortschreiben betont er, daß „nicht allein niemand von meinen Gegnern mich und die Hauptfrage sowohl verstanden, sondern nur wenige dergleichen tiefen Untersuchungen soviel Scharfsinn besitzen möchten, als Hr. Maimon". Eine Antwort auf sptttere rührende Briefe Maimons hat Kant nicht mehr gegeben. Das Ende Sieben Jahre noch' Abschluß seiner Lebensgeschidrte und Beichte ist Solomon Maimon gestorben. Er ist nur 46 Jahre alt geworden . Abenteuerlich wie sein ruheloses Leben war auch sein Ende. Ein schlesischer Adeliger, Graf von Kalkreuth in .Neu- Siegcrsdorf,.bot ihm, der stets von Unterstützung gelebt, ein Asyl auf seinem Gut und machto ihn zu einer Art Hausphilosophen. Er'-ließ ihm alle nur erdenklichen Freiheiten, nachdem seine übrigen Gönner sich von . ihm wegen seiner zügellosen, dem Trunk ergebenen Lebensführung zurückgezogen hatten. Wie sehr der J'unge Graf von Maimon eingenommen war, beweist diese Ancklote: Graf Kalkreuth erzählte einmal einem Besucher, daß er Maimon jetzt zu eich genommen habe. „So", rief der Gast verwundert, „das ist ein Mann, das. ist ein Mann . . ." Und als er stockte, meinte der Graf: „Den Sie nicht zu schätzen wissen 1" Die Trunksucht hat seinen Tod frühzeitig herbeigeführt. Er starb am 22. November 1800 und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Glogau bestattet.. In einer Eintragung der Glogauer Chewra Kadischa heißt es: Solomon war ein Ungläubiger und wurde mit Ärgernis an der Westseite begraben". Maimons Charakterbild zeigt zweifellos mehr als einen Schönheitsfehler. Aber diese Brandmarkung hat er nicht verdient. Am Ende seiner Tage steht die versöhnende Erkenntnis, daß sein Leben ein verfehltes war. Der evangelische Ortsgeistliche, mit dem Maimon befreundet war, stattete ihm an seinen Krankenlager einen Besuch ab und schilderte dabei die Freuden des künftigen Lebens, wobei er Maimon fragte: „Hatten Sie nicht Lust, mit Mendelssohn zusammen zu sein, vor dem Sie immer so große Hochachtung hatten?" Worauf Maimon zur Antwort gab: „Ach, was für ein Dummkopf bin ich gewesen." So lautete das Urteil dieses in jeder Hinsicht ungewöhnlichen Menschen angesichts des Todes. Am Tage "darauf erlosch die unruhige Flamme seines Lebens. ■ * Elend und Rettung Von SALOMON MAIMON *• -Wir tarnenin?Poscn >on, wowir in j dem jüdischen Armenhause, dessen Inhaber ein armer Kleiderflickor war, einkehrten. Hier faßte ich den Entschluß; meiner Wunderung, möge es auch kosten, was es wolle, ein Ende zu machen. Es war Herbstzeit und fing schon an, ziemlich kalt zu werden. Ich war beinahe nackend und barfuß; meine Gesundheit hatte durch diese Art Wanderung, wo ich nie etwas Ordentliches zu essen bekam, mehrenteils mit verschimmelten Brotbrocken und Wasser vorliebnehmen und des Nachts auf altem Stroh, zuweilen gar auf bloßer Erde, liegen mußte, sehr gelitten. Dazu kam noch, daß die jüdischen heiligen oder Bußtage heranrückten, wo ich, der ich damals ziemlich religiös war, den Gedanken nicht ertragen konnte, daß ich diese Zeit, die andere zu ihrem Seelenheil anwendeten, ganz im Müßiggange zubringen sollte. Ich beschloß daher, von da, zum wenigsten' für jetzt, nicht weiter zu'gehen,, und allenfalls, wenn es hochkommen sollte, mich vor die Synagoge zu legen und entweder.da zu sterben oder das Mitleid meiner Brüder zu erregen und dadurch meinem Leiden ein Ende zu machen. Sobald daher mein Kamerad am Morgen aufwachte, sich zum Bettelngehen anschickte und mich gleichfalls dazu aufforderte, antwortete ich ihm, daß ich jetzt nicht mitgehen wolle, und da dieser mich fragte, wie ich doch auf eine andere Art mein Leben zu erhalten dachte, konnte ich nichts mehr antworten als: Gott wird mir schon helfen. . . Darauf ging ich nach.der Judenschule. Hier fand ich einige junge Schüler, dio teils lasen, teils ober auch sich die. Abwesenheit ihres Lehrers zunutze; machten' und die" Zeit mit Spielen zubrachten. ■''■ " '■':■•> ' . ■''. ■! Auch ich nahm ein Buch zum Lesen. Jene, .denen mein seltsamer Anzug auffiel, näherten Bich mir, fragten mich, woher ich komme und was mein Vorhaben sei. Ich beantwortete ihnen diese Fragen in meiner litauischen Sprache, worüber jene zu lachen una sich über mich lustig zu machen anfingen. Ich kehrte mich wenig daran, und da ich mich erinnerte, daß vor Jahren ein Oberrabbiner aus meiner Gegend zum Oborrabbiner in Posen aufgenommen worden, und_ dieser einen Bekannten und guten Freund von mir als Schreiber mitgenommen hatte, so frogto ich den Knaben nach diesem Freunde. Zu meinem größten Leidwesen erfuhr ich, daß er nicht _ mehr in PoBen anzutreffen wäre, indem er mit dem Oberrabbincr, dor nachher befördert und zum Oberrabbincr in Hamburg aufgenommen worden, nach diesem Ort gereist sei, daß er aber seinen .Sohn, einen Knaben von ungefähr zwölf Jahren, in Posen bei dem jctjzigen Oberrabbincr, der ein Schwiegersohn des vorigen 'sei, zurückgelassen habe. Diese Nachricht betrübte mich nicht wenig; doch machte mir der letzte Umstand noch einige Hoffnung. Ich fragte daher nach der Wohnung des neuen Oberrabbiners, ging hin, scheute mich aber, da ich fast nackend war, hcrcüizutreten, und wartete daher bis ich jemanden in dies Haus hineingehen sah. Diesen bat ich, er möchte doch so gut sein, mir meines Freundes Sohn herauszurufen. Er erkannte mich gleich und bezeugte sein Erstaunen, mich in einem solchen elenden Zustande hier zu Behcn. Ich erwiderte hierauf, daß jetzt nicht "die Zeit sei,' alle Unglücksfälle zu ferzählcn, die mich in diesen Zustand versetzt hatten, und daß er nur für jetzt darauf bedacht sein solle, wie er dieses Elend, um etwas erleichtern könne. Er versprach es, ging zum Oberrabbiner und meldete mich als einen großen Gelehrten und frommen Mann, der durch besondere Zufälle in einen sehr elenden ZuBtond geraten sei. Der Oberrabbiner, der ein vortrefflicher Mann, ein scharfsinniger Talmudist und von einem Behr sanften Charakter war, wurde von meinem Elende gerührt, ließ mich zu Bich kommen, unterhielt sich mit mir eine geraume Zeit, disputierte mit mir über die wichtigsten Gegenstände aus dem Talmud und fand mich in allen Fächern der jüdischen Gelehrsamkeit sehr bewandert. Darauf fragte er mich nach meinem Vorhaben, und ich sagte ihm, ich wünschte als Hofmeister in irgend einem Hause anzukommen, für jetzt aber wünschte ich nichts mehr, als die heiligen Tage hier feiern zu können und zum wenigsten diese kurze Zeit über.meine Reisen zu unterbrechen. Der gutmütige Rabbiner hieß mich, was dieses anbeträfe, unbesorgt sein, nonnte mein Verlangen eine Kleinigkeit und sagte, daß es nicht mehr als billig sei. Er gab mir darauf so viel Geld, als er bei sich hatte, invitierte mich, solange ich mich hier aufhalten würde, olle Sabbat bei ihm zu essen, und befahl seinem Knaben, daß er für mich ein anständiges Logis schaffen solle. Dieser kam bald wieder und führte mich in meine Wohnung. Nun glaubte ich, daß diese Wohnung keine andere als ein Kämmerchcn bei irgend einem armen Manne sein würde. Ich erstaunte daher nicht wenig, als ich mich im Hause eines der ältesten Juden dieser Stadt sah, wo man für mich ein selm propres Stäbchen zurecht gemacht hatte, welches die Stüdicrstube dieses Mannes war, der sowohl selbst, wie auch sein Sohn, ein ein großer Gelehrter war. Sobald ich mich ein wenig umgesehen hotte, ging ich zu der Hausfrau, steckte ihr einige Pfennige in die Hände und bat ßic, daß sie mir dafür eine Grützsuppe zum Abendessen zubereiten möchte. Diese fing an, über meine Simplizität zu lächeln und sagte: „Nein, mein Herr, wir haben so nicht akkordiert, dor Oberrabbiner hat Sie uns nicht so empfohlen, daß Sie sich für Ihr Geld eine Grützsuppe bei uns machen lassen sollen", und erklärte mir, daß ich nicht bloß in ihreni Hause logieren, sondern auch solange, als ich mich in dieser Stadt aufhalten würde, essen und trinken Bolle. Ich erstaunte über dieses unerwartete Glück, aber noch größer war mein Entzücken, als man mir nach dem Abendessen ein reinliches Bette anwies; ich traute meinen Augen nicht und fragte zu verschiedenen Malen: „Ist dieses wirklich für mich?" Mit Wahrheit kann ich versichern, daß ich nie, sowohl vor dieser Begebenheit als nachher einen solchen Grad von Glückseligkeit gefühlt habe als damals, als ich mich zu Bette legte und meine, seit einem halben Jahre strapazierten, ja beinahe zerbrochenen Glieder, in einem weichen Bette ihre vorige Stärke wiedererlangen fühlte. Ich schlief bis spät auf den Tag. Kaum war ich aufgestanden, so schickte der Oberrabbincr nach mir und ließ mich zu sich bitten. Als ich erschien, fragte er mich, wie ich mit meinem Logis zufrieden sei. Ich konnte keine Worte finden, raeine Empfindung hierüber auszudrücken, und rief in meiner Ekstase: „leb habe in einem Bette geschlafen I" Der Oberrabbincr jreute sich ungemein darüber, schickte darauf nach dem Schulkantor; sobald dieser kam, sagto er zu ihm: „H. . . . gehen Sie zu dem Kaufmann . . . und nehmen Sie für H. S. auf meine Rechnung Zeug zu einem Kleide." Darauf wandte er sich zu mir und fragte mich: „Was beliebt Ihnen für ein Zeug?" Durchdrungen von der Empfindung der Dankbarkeit und Hochachtung für diesen trefflichen Mann, konnte ich cor nichts antworten. Ein Tränenstrom, der mir die Wangen herabfloß, diente statt aller Antwort. Sehnfucht Zwei Briefe Hugo von Hofmannsthals an Richard Beer-Hofmann Im Juni-tieft der Im Verlag S.Fischer erscheinenden „Neuen Rundschau", das aus Anlaß des 60. Oeburtatages von Thomas Mann ein neues Kapitel au» dessen Joseph-Roman brachte, werden auch bisher unverfllfentlkhe Briete des jungen Hugo von Hotmannsthal an' Richard B e e r'- H o f m a n n aus den neunziger Jahren mitgeteilt. Hier zwei Proben, die die menschlichen " ' Beziehungen der beiden zii einander'beleuchten;..... ' Tlumacz b. Stanislau, 10. V. 96 Mein lieber Richard! Ich bin jetzt fast jeden Tag sehr viele Stunden allein in einem ganz kleinen haßlichen Zimmer und kann ruhig und gut über alles nachdenken. Ich bin gar nicht niedergeschlagen, sondern in einem ziemlich gleichbleibenden Zustand stiller Gehobenheit; man könnte es Heiterkeit nennen. Ich denke auch sehr viel an Sie und über unser Verhältnis nach, aber in keiner traurigen, sondern einer glücklichen Weise. Ich kann aber eine sonderbare Art von Sehnsucht nicht überwinden: ich habe so stark das Gefühl, mit Ihnen dieBen Winter viel zu selten gesprochen zu haben. Bitte machen Sie mir es leicht, Sie diesen Sommer eine gewisse Zeit zu sehen. Denken Sie, wenn ich krank wäre, würden Sie ja auch wegen mir irgend wohin gehen. Man soll nicht auf daB warten. Ich glaube, ich bin Ihnen näher gekommen als ich früher war. Mir fällt das so auf, z. B. wenn ich etwas von Moupossant lese. Ich spüre dann, ohne don präzisen Gedanken zu wissen, das ich in der Nähe von. Dingen bin, die Sie nur vor zwei, drei Jahren gesagt hoben, vielleicht nur sagen ™ „?•. Und' bitte' arbeiten s'e'! dos ist vielleicht das Einzige, Wirkliche, was es auf der Welt gibt. Wir haben eine sonderbare, fast affektierte Stellung zu unserer Kunst: wir haben uns zu stark von ihr losgebunden: auch das'ist unmenschlich und schlecht; wie das .Gegenteil., Glauben Sie-mir: ich spüre-jetzt: alle diese Dinge S?*!au' und m der Einsamkeit, denty man ruhig und richtig, und ähnlich dem, wie man m vielen Jahre'n denken wird Das Leben das wir in Wien führen, ist nicht' gut. Wenigstens sollte es unterbrochen werden; auch hie und dadurch sehr un-

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