Mannheim
Compact Memory

Jüdische allgemeine Zeitung · 1935-07-10 · 28 (10.7.1935) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
15 (1935)
Issue
28 (10.7.1935)
Date
1935-07-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/4109741-2613367-2613394--385-2615221
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Beilage 10. Juli 1935 JÜDISCHE AUjGEMEINE ZEITUNG Von der Scheune zum Gotteshaus Gemeinfchaftsgeifl in einem Berliner Vorort — Die Arbeit der Drei — Was aus einem Brautkleid wurde — Die Ewige Lampe als Bafielarbeit Gemeinschaftsgeist, jüdischer Gemeinschaftsgeist! Ein idealer Begriff, ein erhebendes Wort, das immer wieder aus dem Munde unserer Rabbiner, von Vcrsammlungsrcdncrn, in Schriften und Aufrufen uns entgegentritt. Wie Diogenes am hellichten Tage mit dor Laterne die Weisheit suchte, so könnte man in dunklen Zeiten seelischer Nöte mit einer Leuchte sich nuf die Suche nach dem Gemeinschaftsgeist begeben. Du kam vor Wochen ein Mann zu mir und sprach: „Wer sich überzeugen will, was echter Gemeinschaftsgeist bedeutet, der fahreeinmal hinaus nach — Hohenschönhausen." „Hohenschönhausen I? — Was soll ich dort? Wortlos wurde mir kurzerhand eine Adresse in die Hand gedrückt, die ich ungläubig, mit skeptischen Gefühlen, in meine Tausche versenkte. » In der Berliner Straße in Hohenschönhausen stieg ich aus und gelangte zu einem Grundstück, wo ein schmaler Pfad durch einen Vorgarten zum Hof führte. Ein Pfeil wies hinter ein Lattcngittcr eines scheunenartigen HouseB. Klopfen, Sägen, Schoben und Kratzen an Mauersteinen drang von oben herunter. Eine steile, gewundene Treppe stieg ich zum Oberstock dieses versteckt liegenden Häuschens empor. Spuren von Kalk und Mörtel; Hände, die Kellen zu fassen, Sfigc und Hammer zu führen verstehen, arbeitsame Hände waren hier am Werk. Auf dem Kopf dreier in ihre Arbeit vertiefter Menschen saß keck die Zcitungspnpiormütze. Sic waren von oben bis unten mit Kalk und Farbe bespritzt. Hier wurde gewerkt und geschaffen. Bei meinem Eintritt hielt einer der Arbeiter in seiner Tätigkeit inne. „Sic suchen den Gemeinschaftsgeist!? — Das ist ja nett, daß Sic den Weg nicht gescheut haben. Hier haben Sic ihn." Der Sprecher stieg von der Leiter, wischte sich vcrlegcn-crfreut scüic mörtclbespritzten Hände an der ArbeitsBcbürze ab und streckte mir seine Rechte entgegen. Die Augen leuchteten. „Seit Tagen schon sind wir hier tätig in den Räumen, die wir umgcstolten wollen. Reguläre Bodenräume, das erkennen Sie ja an den Dachsparren und Balken. Also lüer wollen wir ein Gotteshaus schaffen für unsere jüdische Gemeinschaft in Hohenschönhausen. Vor Jahr und Tag, da lebten hier draußen an der Peripherie von Berlin etwa 25 Familien, die immer erst nach weiten Wegen ihren religiösen Bedürfnissen nachkommen konnten. Die Neubauten und Kolonien, die im Laufe der Zeit in Hohenschönhausen entstanden sind, vergrößerten auch zusehends den Kreis jüdischer Familien. Heute schätze ich ihre Zahl on die 70. So kommen wir einem schon längst eingetretenen Bedürfnis nach, wenn wir diesen Betsaal zur Ehre Gottes hier schaffen. Sic sehen", und mein Erklärer wies auf seine zwei arbeitenden Kameraden, „wir schaffen für die Gemeinschaft!" Geld war keines vorhanden, und mit den primitivsten Mitteln begann man trotzdem hoffnungsfroh den Grundstoin zu legen. „In einigen Wochen soll alles fertig sein", versicherte man mir. * Kurze Zeit darauf fand in der Berliner Straße die Einweihungsfeier statt. „Wcge zur Gemeinschaft" lautete das Referat dieses Abends. Sie waren sichtbar und greifbar geworden. Aus dem verwahrlosten Scheunenraum war ein schmucker Bcctsaal entstunden. Eine Stätte der Weihe, ein traulicher, anheimelnder Raum, der nun in hellem Licht erstrahlte. Feierlich brannten die Kerzen. Die Lade deckte ein weißseidener Vorhang, den fleißige Frauenhände aus einem alten Brautkleid hervorgezaubert hatten. Die häßlichen Dachsparren und Balken von damals waren den Augen entschwunden. Man fühlte, hier waren Menschen mit Liebe, mit Sinn und Verständnis für innenarchitektonischc Gestaltung am Werke gewesen. Wohin auch das Auge streift, die Primitivität macht Bich überall rührend erkennbar, und gerade sie verleiht dem Raum die wertvollo Note. Von den Wänden strahlen goldene, in die Mauer eingearbeitete Davidstemc. * Der Beetsaal hat sich inzwischen mit festlichen Menschen gefüllt. Die drei Arbeiter von damals empfangen mich im dunklen Anzug. Stolz und Befriedigung über ihre Leistung spricht ihnen aus ihren Mienen. Interimskantor Weinstock, zugleich Vorsitzender dieser kleinen Gemeinde, ist hier ehrenamtlicher Vorbctcr. Und Herr Lange, ihr Schriftführer, läßt mich wissen, daß der Hohenschönhausener Gemeinschaft etwa 23 Kinder angehören. „Im Herbst wird hier auch die erste Barmizwah stattfinden. Wenn wir etwas früher fertig geworden wären, hätten wir bereits unsere erste Trauung hier gehabt." Der eigentliche Erbauer und Spiritus rector, Micholsohn, führt mich nach vorn/zu den Altarkerzcn. „Alles, was Sic hier sehen, ist handgearbeitet. Diese Kandelaber, Laubsägenarbeit, auch die Ewige Lampe,'stellen eine Bastelarbeit von mir dar." Auf der andern Seite des Treppenhauses gelangt man zu einem behaglichen Gescllschaftsraum. Wcißgcdccktc Tische mit Stühlen und Polsterbänken ringsherum. Bilder aus der biblischen Geschichte zieren die Wände. „Hier wird die Gemeinschaft regelmäßig an den Sonnabend- Abenden zusammenkommen, und durch Vorträge und Aussprachen werden sich die einzelnen Mitglieder einander näher treten, ganz im Sinne der Einweihungsrede des Rabbinatskandidatcn Zimct imd auch der Begrüßungsansprache des Delegierten vom Preußischen Landesverband, Dr. Schildbcrgcr: „Wir einzelnen sind zu schwach, wir müßten zusammenbrechen, aber im Zusammenhalt, in der Gemeinschaft und vom Gemeinschaftsgeist beseelt, werden wir standhalten und des Lebens Stürme überdauern." M. Hellmann. In guier Begleitung Man kann es in der Tasche auch eines leichten Sommeranzuges bequem unterbringen, das neueste Hoft des „M o r go n", wenn man die Koffer mit Reisegegenstunden bis an den Rand gefüllt hat. Es wird nicht stören, oder — es stört in gewissem Sinne doch. Wenn man nämlich das Inhaltsverzeichnis gelesen hat, •wird man das Heft' nicht wieder beiseite legen, ehe nicht ein paar die Neugier anreizende Beiträge angeschaut Bind. Es wäre ein gescheites Rätselspiel, vorauszusagen, welchen Aufsatz das Gegenüber, das die gleiche Reiselektüre hat, zuerst lesen wird. Die Dame blättert und hält bei dem Gedicht. Sie ist eine alte Freundin des „Morgen'*, sie weiß, daß fast immer, in der Mitte des Heftes ungefähr, Lyrik zu finden ist. „Das Meer" nennt Gertrud Salomon die wenigen Zeilen tiefer Naturverbundenheit. Nun ist eine Weile mit der Leserin nichts anzufangen. Sic sitzt sehr still da und schaut in die Landschaft und ahnt ganz weit hinten die unendliche Linie zwischen Fostcm und Feuchtem. Sie wird der Reisegesellschaft erst wiedergewonnen, als ihr Nachbar entgegen seiner sonst so diskreten Art. das Lachen nicht ganz unterdrücken kann. Er liest in dem gleichen Morgenheft Erich Rotts „Berliner Puppenspiele", eine kultur- und literarhistorische! Ausgrabung mit viel Heiterkeit und Frohsinn und mit einem tiefernsten Juacnschicksal dahinter. ..Wer von den Beiden wird nun den großen . Aufsatz von Ijaiaz Maybaum „Das Ringen des deutschen Judentums um'jüdische Gemeinschaft" aufschlagen und wer M. Y. Ben-Gayriels „Proeperity ,und. die Idee des Zionismus"? Der Zionisf; natürlich den Maybaum und der C.-V,er den Govriel. ,Man ist ja auf.Ferienreisej und außerdem hat man'mit dem „Morgen" die gute'Erfahrung: Gedanken- und Tatsachendarstellung an dieser Stelle wollen den grundsätzlich anders Eingestellten niemals verletzen, auch wenn die einzelnen Denkpositionen noch so schonungslos angepackt und auf ihre Berechtigung hin untersucht werden.. „Der Morgen" ist keine Zeitschrift' für; rechthaberische Menschen, für 'Ewig-gestrige,, für ■ Verstockte.' Er will keinen grundsätzlosen teser, ober "vor dem Grundsatz des Lesers kommt der des'„Margen" selbst: durch die Vorurteile zu den Hintergründen jüdischen Denkens und Lebens und 'Wollens zu dringen. Der „Morgen." hat eine bedeutsame pädagogische Aufgabe innerhalb der jüdischen Publizistik in Deutschland, und man darf wohl gerade an dieser Stelle ohne Bedenken aussprechen: wenn mehr Juden, heben dem jüdischen Blatt ihrer Richtung diese Monatsschrift läsen, sehr vieles, was man in den Zcitungsspaltcn findet, würde anders gedacht und dargestellt werden müssen. Auch die innerjüdische Politik müßte auf diese Tatsache sehr ernsthaft Rücksicht nehmen. Und so zeigt sich die große jüdisch-politische Aufgabe dieser auf den ersten Blick anscheinend politikfreien Zeitschrift. Der Gedankenschluß: mehr Morgenleser — besseire. innerjüdische Politik ist keineswegs utopisch. Wenige werden deshalb mit allem einverstanden sein, was Maybaum schreibt (dessen scharfe Dogmatik bisweilen bei früheren Beiträgen am gleichen Platze sehr unbequem schon gewesen ist) und mit dem, was Govriel Schreibt. Aber jeder wird seine Einwände Bohr genau und neu prüfen müssen, nicht um gegen den Au to r recht zu behalten. Darauf kommt es nicht an. Sondern um zu wissen, was man selbst im Letzten und Tiefsten will. Unsere beiden Leser Bind bereits in einer merkwürdigen Diskussion, Sie verteidigen die Front des Gegners gegen eich selbst. Und in die Argumente wachsen — inzwischen kennt man alle Beiträge des Heftes — auch die Gedanken von Fritz Heinemanns großem Aufsatz „Eine Aufgabe der jüdischen Philosophie" hinein, mit dem er eine Phänomenologie des jüdischen Geistes fordert. (Er leitete seine Untersuchung mit einer Betrachtung: Die Stunde der jüdischen Philosophie im letzten Heft des „Morgen" ein.) Es ist ein ungeheuer wohltuendes Gefühl zu wissen; wie unabhängig von äußeren Geschehen die innere Geschichte sein kann, und daraus erwächst die Gewißheit der Fortdauer jüdischer Geschichte, von deren Vergangenheit aus zwei Epochen, die anderthalb Jahrtausende auseinanderbiegen, Alice Berger (,,Marranengebete im heutigen Portugal") und Erik Goldschmidt („Die Israel- Quellen bei Tucitus") merkwürdiges, wichtiges und bewegendes berichten. Und für deren Zukunft auch auf dem Gebiet künstlerischen Schaffens durch jüdische Menschen deutscher Zunge Bon- Chorin im Leitartikel die Aufgabe stellt, jüdisch gebunden, jedoch ohne Ghettocharakter zu schreiben. Keine Reiselektüre für den, der sich erholen will, meinen Sic? Wofür wollen Sie sich erholen, nur für sich allein und die werte Privatsphäre? Dann allerdings entschuldigen Sie bitte, ich meinte, Sie wollten Kraft und Frische sammeln, um Ihren Platz in der jüdischen Arbeit wieder ganz ausfüllen zu können! Dub wollen Sie doch? Dann ist der „Morgen" Ihre richtige Rcisebeglcitung. Z. D. Abfchied von Arthur Hellmer Das Ende des Neuen Theaters in Frankfurt am Main Die letzten Jahre haben uns gelehrt, Abschied von so manchem zu nehmen, was uns lieb und erlebenswert geworden ist. Menschen, Einrichtungen Bind uns unversehens entrückt, deren Vorhandensein und Nahe wir als Selbstverständlichkeit hingenommon haben. Es galt jetzt, sich von einem Institut zu trennen, das, durch die Zeitumstände gezwungen, seine selbständige Existenz aufgibt: Mit Ende dieser Spielzeit hat Arthur He 11 m'e r , der Besitzer und Leiter des „Neuen Theaters", nach vierundzwanzigiähriger Wirksamkeit Frankfurt verlassen, um eine andere Privatbühne in Wien zu übernehmen. Sein Frankfurter Haus wird den Städtischen Bühnen angeschlossen, die es als „K1 e i n e s T'h e a t e r" weiterführen. 1 Wenn diese Neuordnung der Frankfurter Theuterverhältnissc mehr Beachtung findet, als mancher andere, Besitz- oder Personen* . Wechsel' in den Bezirken der Kunst, so liegt das daran, daß das Neue Theater neben den ehemals führenden Berliner Buhnen eine bedeutende Rollo im gesamten Theaterlebcn. gespielt hat. Von seinen beiden Gründern, Arthur H,ellmer und Max Reimann, zunächst hauptsächlich als Pflegestätte des unterhaltenden GesellschdftsstückB und des Lustspiels gedacht, hat diese (stets olme Zuschüsse geführte) Bühne zunehmend ihre Verpflichtung Pegenüber dem klassischen Drama und der ernsten zeitgenössischen roduktiön anerkannt. Als Hellmer 1921 die Gesamtleitüng übernahm, besaß das Neuo Theater durch sein Ensemble und sein Repertoire längst eine gefestigte Stellung im deutschen Bühnenwcsen. Die Mannigfaltigkeit und Kultur des Spielplans kennzeichnet die Tatsache, daß das Neuo Theater Autoren wie Schnitzler, Kaiser, Hamsun, Werfel, Scholz, Schickele, Galsworthy, Pirandello neben vielen anderen deutschen und ausländischen Bühncnschriftstellern von Rang Ur- und Erstaufführungsstätte gewesen ist, daß Ibsen, Biörnson, Strindberg, Hauptmann ständig mit ihren stärksten Werken vertreten waren. Mit seltener Willenskraft und Arbeitsfähigkeit übte Hellmer zugleich die Funktionen des ersten Spielleiters und Dramaturgen uub. Es dürfte kaum ein Stück der klassischen und modernen Thcaterliterutur geben, das er nicht selbst auf seine Brauchbarkeit für sein Institut geprüft hätte. Als Regisseur formte er mit geschickter, fester Hand und mit scharfem Blick für die theatralischen Möglichkeiten, ohne allerdings einen persönlichen Darstellungsstil zu gewinnen. Der ungesunden Entwicklung des deutschen Theaterlebens in der Nachkriegszeit hat auch Arthur Hellmer Tribut entrichtet: in einem durch den Erfolg wachgorufenen Ausdehnungsdrang übernahm er mehrere Borlinor Bühnen. Nach diesem mit schweren Rückschlägen verbundenen, bald abgebrochenen Experiment führto er, beweglich, zäh und optimistisch wio zuvor, seine Arbeit in Frankfurt fort. Lange galt das Neue Theater "ols eines der besten Sprungbretter für die „große Karriorc". Hellmer der geborene, passionierte Theatormensch, besaß eine ungewöhnliche Witterung für Talente; er verstand es, sie heranzuholen und richtig zu beschäftigen. Hellhörig und instinjrtsichcr brachte er viele Darsteller erst auf die ihrer BcgabuBt gemäße Linie. Dieser Fähigkeit verdanken Eugen Kloopfcr, PKl Graetz, Otto Wallburg, Hans Albers, Theo Längen Wesentliches ihrer Entwicklung. Erato Stufe im Aufstieg ist das Neue Theater für Jenny Schaffcr, Maria Lciko und Erika Gläßncr geworden, Jahre stärkster Erfolge bedeutete es Morietta Olly, Olga Fuchs, Kitty Aschcnbachl, Morianno Hoppe. Lebendiges, gegenwartnahes Theater: dieses klar herausgearbeitete Bild begann sich in den letzten Jahren zu verwischen, ein deutliches Zeichen des Abgleitcns der gesamten Bühncnvcrhältnisse. Gastspiele berühmter Darsteller oder ganzer Ensembles häuften sich; der Spielplan litt unter dem Mangel an guten Stücken; das Publikum, vorwiegend dio in Frankfurt früher besonders breite Schicht des wohlhabenden Bürgertums, verlor, wirtschaftlich eingeengt, den inneren Kontakt mit ,.seiner" Wcatendbühnc. Jetzt hat sich dieser Organismus aufgelöst. Eine neuo Leitung, ein neuer Mitarbeiterstab wird von neuen Ideen bewegt werden. Mit diesem Wandel ist aber die Leistung fast eines Vierteljahrhunderts nicht ausgelöscht; sie bleibt ein wertvolles, inlialtreiches Stück zeitgenössischer Theaterkunst, an der auch Juden als Schaffende, Ausübende und Publikum, einen beträchtlichen Anteil gehabt haben. Arthur Holde. „MehrMut und weniger Tachlis?" Nein! Mehr Mut zum Tachlis! Von HEINRICH STERN Zu dem Aufsatz in der vorigen Nummer der „Jüdischen Allgemeinen", der den Titel „Falsche Apologetik" führt, sind noch einige Worte zu sagen, Worte der Zustimmung und Worte der Ablehnung. I. Zuzustimmen vermag ich dem Titel und dem, was dahintersteht. E» ist huutc wirklich unnötig, daß die Gemeinde proklamiert, sie passe sich zionistischen Forderungen an, habe gelernt usw. Wenn eine Welt zusammenstürzt und eine neue Welt entsteht, hat man nicht nötig, sich dagegon zu verteidigen, daß man undere Wege geht als früher. II. Der Artikelschrciber hat auch durchaus recht, daß es im wesentlichen gar nicht zionistische Forderungen sind, die heute der Gemeindcarbcit den Stempel aufdrücken. Eine jüdische Volksschule als notwendige Ergänzung mangelnder jüdischer Erziehung im Hause habe ich in der Rcpräsentantcnversammlung schon vor 10 Jahren verteidigt. Immerhin war ich damals schon der Vorsitzende der Roligiös-liberalen in Deutschland, man kann also nicht behaupten, daß das eine Frontschwenkung darstellt. Daß die Zwangserziehung in jüdischen Schulen heute für vielo Zionisten und Nichtzionistcn keine Notwendigkeit, sondern nur eine Konzession an die Zeit darstellt, brauche ich wohl nicht zu betonen. Sachliche Palästina-Politik hat die Voreinigung schon vor dor Gründung der Jewish Agency gefordert und sich zur Mitarbeit bereit erklärt. Es hat nicht an uns gelegen, daß diese Mitarbeit abgelehnt wurde. Daß wirtschaftliehe Probleme eigener jüdischer Färbung existieren, darüber hat man sich in der Ilcpräsentontenversammlung dor Jüdischen Gemeinde ebenfalls schon vor Jahren unterhalten. Von Fleischer bis Goslar herrschte darüber damals vollkommene Einstimmigkeit. Daß der Sektor eigener jüdischer Wirtschaftspolitik sich so vergrößert hat, darüber freuen sich heute wohl weder Zionisten noch Nichtzionistcn. Wozu also etwas als fremdes Gut proklamieren, was führende Liberale sehon vor Jahr und Tag selbst gefordert haben? III. Einverstanden bin ich ferner damit, daß man sich gegen den berüchtigten „F ü h r u n g s a n s p r u c h" der Zionisten wendet. Mit „Etappenreden an der Front", wie sie Kurt Blumenfeld oder andere große Herren halten, die sich einmal den Kriegsschauplatz in Deutschland ansehen, dort mOglichBt viel Verwirrung stiften und dann wieder nach Palästina zurückkehren, ist dem deutschen Judentum nicht geholfen. Wir wüßten auch wirklich nicht, welche Zionisten und welcher Zionismus heute eigentlich führen solle. Dazu gibt es zuviele. IV. Stimme ich also in der Abwehr dem Artikel zu, so muß ich seine positiven Forderungen durchaus ablehnen. Die Gemeinde hat vollkommen ' recht, wenn sie' den Reden über jüdische Arbeit die Tat jüdischer' Arbeit entgegensetzt. Sie hat im übrigen ihre Haltung im Gcnieindeblatt so oft und so klar formuliert, daß man sie allmählich verstanden hoben müßte. „Es gibt eine Zeit zu reden und eine Zeit zu schwelgen.": Das ist nicht nur eine Drückebergerei verkalkter Fünfzigjähriger, sondern ich erinnere mich, in wie eindrucksvoller Form der Bundesführer des B.d.j.J. in Liegnitz das Recht und die Pflicht zum Schweigen proklamiert hat. Es gehört heute ein viel größerer moralischer Mut dazu,, still zu arbeiten, — was nicht nur materielle Mittel, sondern auch Nerven kostet —-, als Forderungen zu proklamieren, die 2'4 Stunden später infolge der Zeitereignisse schon längst Utopien sind. _ V. Der Artikel sagt ganz richtig, daß die jüdische Gemeinde heute die „wahrhaft legitime Form der jüdischen Diaspora- Existenz" darstellt. Man kann auch mit anderen Worten sagen: sie war, ist und wird sein die Grundloge jüdischen Gemeinschaftslebens, -denkens und -hondelns. Es gibt keinen vernünftigen Zionisten, der — abgesehen von Rednern in Volksversammlungen — nicht anerkennt, daß die Aufrcchterhaltung und Fortführung jüdischen Gemeinschaftslebens auf deutscher Erde in erster Linie eino Pflicht jüdischer SeUistverantwortung ist. Doj ist aus- , reichend in einer Zeit, in der man sich sicherlich in Vereinigungen und Bünden nach wie vor die Köpfe zerbrechen muß über die Zukunft jüdischer Gemeinschaft, in der aber wichtiger als olles ist: zu helfen und zu pflanzen. Die Gemeinde soll arbeiten und nicht proklamieren. Leistet sie Gegen wo rtsorbeit, so sie am besten die jüdische Zukunft. Worte sind wohlfeil, Taten werden gewogen; sie entscheiden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.