Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 15 (1935)
- Issue
- 27 (3.7.1935)
- Date
- 1935-07-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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BERLIN 3. Juli 1935 ßtokti^jA PREIS 25 PF. Nr. 27 / 1S. Jahrgans JÜDISCHE ALLGEMEINE BohrifHeilung und Gosch&ftsBtollo: Borlin-Oharlottonburg 2, BloibtreuBtr. 2. Fernruf: C l Stclnpl. 3703: Bankkonto: Kreditverein f. Handel u. Oewetbc cQmbH. Berlin N 2d. — Bozugaprols: EM. 1,— monatlloh (iiuugl. EM. 0,10 Zeltungsgebühr und Bestellgeld), bei Streifbandveraand tuiflgl. EM. 0,80. <t™™ Verlag: Verlagsgonossensobaft in Doutaohland ansaaalgor Juden tu Berlin oGmbH., Bln.-Charlotlonliurg 2, Bloibtrouatr. 2. Anzofgonpr.: Die 12ecap. mm-Zeile RM. 0,l(j, f. Familionanioigen EM. 0;10, f. Btellengoaucho BM. 0,08. Bot unwirachuldoter Niobtbelieforung besteht kein Anaprueh auf Vergütung. NEUE FOLGE DER JUDISCH-LIBERALEN ZEITUNG ,/:;..\^. Ausfprache in Holland Vom 20. bis 22. Juli werden Bich in Holland anläßlich der Vorstandssitzung des Weltverbandes für religiös-liberales J udentum Gesinnungsgenossen von fern und nah zur Aussprache über unsere religiösen Probleme zusammenfinden. In der Vorstandssitzung selbst werden die Arbeitsberichte unserer Gruppen, insbesondere, der neugegründeten Zweige unseres Verbandes, zu Gehör kommen; es werden organisatorische und finanzielle Fragen des Verbandes erörtert werden, und es werden sicherlich auch die beiden Fragen besprochen werden, die vom religiös-liberalen Standpunkt aus für die Zukunft der religiösen Entwicklung besonders wesentlich sind: Osteuropa - und Palästina. Es ist damit nicht gesagt, daß der Wille und die Möglichkeit besteht, daß der Weltverband überall direkt eingreift. Es ist ein alter und nach meinem Dafürhalten durchaus richtiger Grundsatz abzuwarten, ob in einem Lande religiös-liberales Judentum in irgendeiner Form sich entwickelt, dann aber, wenn geistige oder materielle Hilfe gebraucht wird, zuzufassen. Die religiöse Entwicklung — das haben wir schon gesehen — kann sich in den einzelnen Erdteilen und Ländern^ ..ganz-;A'erschieden..Jmspi£leii;J.8ie...kann, :,um. geschichtlich zu sprechen/ein Judentum von 1550 und ein solches von 1930 vorfinden, die Bewegung kann von einzelnen Köpfen, sie kann aber auch von-großen Gruppen getragen werden. Manche Gruppen wünschen Einflußnahme von außen, manche lehnen sie entschieden ab. Je nach der Struktur der Juden im Lande muß der Weltverband, der keine Missionsvereinigung ist, sein Vorgehen einrichten. Neben der Vorstandssitzung gehen zwei Sonderveranstaltungcn einher. Zunächst die Sitzung des Ausschusses, der im Vorjahr in London aus der bedeutsamen und wichtigen Debatte über die Frage der „Autorität" im liberalen Judentum entstanden ist. Hier werden grundsätzliche religiöse Fragen von ernstester Bedeutung zu besprechen sein. Daneben wird eine formlose Aussprache „am runden Tisch" über die brennenden Gegenwartsaufgaben des liberalen Judentums stattfinden. Es muß hier der dringende Wunsch ausgesprochen werden, daß praktische Arbeitgeleistet wird, und die theoretischen Fragen dem erstgenannten Ausschuß überlassen bleiben. Uns deutsche Juden interessiert insbesondere die Frage der"1 religiösen Erziehung außerhalb der Schule und des. Elternhauses und in allererster Beihe die religiöse Erfassung der bis jetzt uninteressierten jüdischen Generationen' des mittleren Alters. Wir erwarten hier von der praktischen Arbeit, namentlich unserer englischen und amerikanischen Freunde wertvolle Anregung. Im übrigen wird es natürlich alle lebhaft interessieren, wie weit unsere Bewegung in Holland selbst gediehen, ist, wie sich Gottesdienst, Unterricht und Gemeinschaftsleben in'diesem Lande abspielen, in dem unter einer stock-orthodoxen Oberschicht vielfach jüdischer Indifferentismus noch immer sich jeder religiösen Beeinflussung entgegensetzt. Hoffen wir, daß die gemeirawihaftliche Aussprache und praktische Arbeit das religiöse Judentum und den jüdischen Gemeinschaftssinn der ganzen Welt mit neuen Impulsen versehen werden! Heinrich Stern. Führer durch den Zionis Eine „Geheimwiffenfchaft" / Von Dr. EVA REICHMANN-JUNGMANN Unter den zwischen Wunschbild, Macht und Wirklichkeit hin- und hergetrieberien deutschen Juden trifft man häufig die Meinung an, als sei das Bekenntnis zum Zionismus das Zauberwort, das alle Gesinnungszweifel bändigt und von jeder Gewissensqual mit einem 4Schlage erlöst. Aber, so sehr auch Vvir die Möglichkeit einer richtungsmäßigen Eindeutigkeit selbst außerhalb unserer eigenen Beinen begrüßen würden — es kann keinen Zweifel darüber geben, daß sie nicht vorhanden ist. Im Gegenteil: der Schritt zum Zionismus eröffnet geradezu eine Welt von Fragen, die mit unvermuteter Heftigkeit über den ruhesuchenden Neuling herfallen. Zionismus — Revisionismus, Kapitalismus — Sozialismus, religiöse — areligiöse— antireligiöse Haltung und alle die mit jüdischer Denkgründlichkeit vorgenommenen Abstufungen, deren theoretische Möglichkeiten ins Unendliche gehen, stellen sich, jeder für sich, als legitime Erscheinungsform des Zionismus vor und fordern Anerkennung. Man ist versucht, die Frage zu stellen, ob es das, was die Judentumskunde, was suchende und fragende Menschen „Zionismus" nennen, überhaupt noch gibt, oder ob es nicht aufgegangen ist in eine Unzahl sich, befehdender und einander ausschließender Gruppen und Grüppchen. Es entbehrt gewiß njeht eines soziologischen Reizes, zu sehen, wie in Palästina und den zionistischen Verbanden ringsum sich alle, aber auch alle Richtungs- und Interessenkampfe der frpßen Welt wie in einem chemischen Reagenzglas arstellen, wie keine wirkende Kraft fortfällt, kern Entwicklungsstadium ausbleibt. Aber nie und nimmer soll Palästina uns dafür herhalten, den Versuchsschmelztigel für soziologische Reaktionen abzugeben! Dieses Land, auf das die. Blicke aller Juden ohne Unterschied ihres innerjüdischen Bekenntnisses heute in Hoffnung und Sorge gerichtet sind, läßt sein Gelingen ebenso auf sie alle ausstrahlen wie seine Zuckungen und seinen Krampf. Und weil seine jüdische Bevölkerung vergleichsweise noch eine kleine Zahl beträgt, weil die eigentlichen Einwanderuhgs- und Kolonisationsaufgaben so schwer wiegen, daß ihre Bewältigung ein einheitliches Vorgehen dringend erfordert, deshalb stellt sich die innerzionistische Uneinigkeit als ein so ernstes'Problem dar. Mit einer Zähigkeit und einem Eifer, die gerade in diesem Lande dem allgemeinen Aufbau so notwendige Dienste, leisten könnten, bekämpfen sich Gruppen, deren Anhängerzahl nach dem mathematischen Gesetz der Division zwischen Bevölkerung und Anzahl der Verbände oft', hoch nicht einmal eine dreistellige Ziffer erreichen dürfte. Ihre Kampfes art jedoch ist westeuropäischem Muster so sklavisch nachgeahmt, daß sie —■ handelte es sich nicht um eine so überaus ernste Erscheinung — einer gewissen Komik nicht entbehrt. Das Unwirkliche ihres Gebahrens schließlich erhellt vollends aus. der Tatsache, .daß es. sich bei all den scharfen, feinsinnigen Unterscheidungen gar nicht um echte Politik handelt und handeln kann. Denn, echte Politik setzt die Möglichkeit voraus, tatsächliche Entscheidungen im politischen Raum zu bewirken, während die innerzionistische Auseinandersetzung in einem Maße unter dem Primat der englischen Orientpolitik steht, das ihren Aktionsradius aufs stärkste begrenzt. Man kann dem Bedürfnis nach geistiger Ausrichtung In diefer Nummer: Führer durch den Zionismus. Von Dr. Eva Reich- ■ mann-Jungman Falsche Apologetik Notiz über Mahler. Von Ernst Lissauer Philosophie der Sommerfrische. Von Fabius Schach Traum und Weg. Von Rabbiner Dr. Heinrich Lemle Beim Schammes von Kai-fÖng-fu. Von KarinLund Die schweigsame Frau. „Prinzipielles". Blick in die Wirtschaft. Recht im Alltag. Sport. auch bei nicht unmittelbarer Verwirklichungsmöglichkeit volles Verständnis entgegenbringen und trotzdem mit Nachdruck dem Wunsche Ausdruck geben, daß sich das zionistische Parteiwesen auch von diesem Gesichtspunkt her selbst begrenzt. Der Zionismus weist so gern und sicherlich mit einer gewissen Berechtigung darauf hin, daß die palästinensische Leistung auch der Welt gegenüber einen Beweis jüdischen Wertes bedeute. Vollziehen jedoch die jüdischen Menschen Palästinas ihre ersten Versuche einer selbständigen Gemeinschaftsbildung im Rahmen eines Kampfes aller gegen alle, so stehen ihre großen positiven Erfolge in Gefahr, von diesem traurigen und inadäquaten Schauspiel auch im Bewußtsein der Welt empfindlich beeinträchtigt zu werden. Zwei Ereignisse der letzten Wochen sind es, die gerade in diesem Augenblick zu solcher Betrachtung zwingen. Der 19. Zionistenkongreß, dem eine Tagung der Jewish Agency folgen wird, steht vor der Tür. Aus der Tatsache, daß sich an ihm im Gegensatz zu dem 18. Kongreß, der vor zwei Jahren in Prag stattfand, auch eine Delegation deutscher Juden beteiligen jvird, gewinnt er für uns deutsche Juden erhöhte Bedeutung. Leider wurde seine Vorbereitung durch zwei Ereignisse eingeleitet, die geeignet sind, die oben' geschilderte Parteizerrissenheit in neuem Licht zu zeigen. Das endgültige Ausscheiden der Revisionisten aus der zionistischen Weltorganisation ist durch die bevorstehende Gründung einer „Unabhängigen Zionistischen Organisation", die die Revisionisten selbständig neben die alle übrigen Gruppen umfassende alte zionistische Organisation stellen soll, in ein neues Stadium getreten. Die revisionistische Führung leitet ihre Legitimation zu der Neugründung aus dem Ergebnis einer Abstimmung her, die sie Dei ihren revisionistischen Anhängern veranstaltet hat. Die vorgelegte Frage, ob die Schaffung einer „Unabhängigen Zionistischen Organisation" gewünscht werde, ergab eine überwältigende Mehrheit für die Neugründung. Dieses Ergebnis besagt nicht viel mehr als das Bekenntnis einer radikalen Gruppe zuihrer eigenen Radikalität. Es zeigt das folgerichtige Fortschreiten auf dem einmal eingeschlagenen Wege der Trennung von der Gesamtheit an und braucht in seiner Eigenbedeutung nicht überschätzt zu werden. Denkwürdig daran ist vielleicht nur das Zahlenverhältnis der in Palästina selbst von den Revisionisten abgegebenen Jauhd Nein-Stimmen. Dort allein erreichten nämlich die gegen die Neugründung gerichteten Stimmen die Höhe von ca. 33 o/o, während sie sonst im allgemeinen einen verschwindend geringen Prozentsatz ausmachten. Wenn sich diese diesmal gerade in Palästina sichtbar werdende Tendenz für Sammlung gegen weitere Zerreißung weiter verstärken und auf die übrigen jüdischen Zentren auswirken würde, so wäre das ein erfreulicher Anfang. .... Binnen kurzem wird also eine zweite Zionistische Organisation neben der ersten in Erscheinung treten. Sie wird das Recht für sich in Anspruch nehmen, legitime Vertreterin des Zionismus zu sein, obgleich oder gerade weil sie die bisherige Alleinvertreterin des Zionismus auf das schärfste bekämpfen wird. Auch die Staatszionistische Organisation Deutschlands, die der revisionistischen Union immer nahegestanden