Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 15 (1935)
- Issue
- 25 (19.6.1935)
- Date
- 1935-06-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage 19. Juni 1935 JÜDISCHE ALLGEMEINE ZEITUNG Die Scheidung \ Von JAKOB WASSERMANN Die JttdUche Buthvtitlnlgung Berlin, bringt In den nächsten Tagen den zweiten Band von Jakob Wassermanns nachgelassenem Roman „Joseph Kerkhovens dritte Existenz" heraus, der die Tragödie des Arzles Kerkhovcn abjchlleBt. Einen großen Teil des Romans nehmen die Tagebuchaufielchnungcn des Dichters Alexander Herzog ein, In denen er den grausamen Kamp! mit der wahnbesessenen, exaltierten Proless»rentochter Oanna schildert Mit Erlaubnis des Verlages veröffentlichen wir nachstehend ein Kapitel, das Herzogs Scheidung von Oanna behandelt. In dieser Not beschloß Gorma, vom Schauplatz zu verschwinden, und zwar ins Aualand. Ihre Überlegung war primitiv: wenn zwei Leute geschieden werden sollen, müssen alle beide zur Stelle sein; bin ich nicht erreichbar, so kann man mich nicht zur Unterschrift zwingen. Sie packte also in größter Hast ihre Koffer, raffte alles verfügbare Geld zusammen und fuhr mit Elisabeth und Doris an dio französische Riviora. Zwei Tage zuvor hatte sie mich von ihrem Vorhaben verständigt; ich hatte ihre Absicht, sich aus dem Staube.zu machen, durchschaut, trotzdem sie versucht hatte, mein Mitleid auf ihre asthmatischen Anfülle zu lenken, dir. einen Aufenthalt im Süden gebieterisch heischten. Zurückhalten konnto ich sie nicht; da hätte ich sie einsperren lassen müssen. Ich hatte ihr nur verboten,' Doris mit auf die Reise zu nehmen. Im Herbst war für das jetzt elfjährige Mädchen, nach vielen mißglückten Versuchen und Hospitieren da und dort, eine passende Lehranstalt gefunden worden; am frühesten war Doris selbst. Nun sollte sie mitten im Semester wieder aus der Ordnung gerissen und noch dazu in ein fremdes Land verbracht werden. Mein zorniges Veto beantwortete Ganna mit einer aufsässigen Depesche, der sie emen Eilbrief nachsandte, in welchem sie mir wortreich auseinandersetzte, Doris sei überanstrengt und bedürfe der Meerluft, die Schule sei miserabel, schon um halb sieben Uhr morgens müsse das arme Herzchen aus den Federn, sie trage sich mit der großartigen Idee, das Kind in einer Tanzschule in Nizza unterzubringen; ich könne mir die Begeisterung des süßen Lieblings kaum vorstellen. Ich zerriß den Brief in Fetzen und ersuchte Hornschuch, mein ausdrückliches Vorbot Ganna noch einmal und in kategorischer Form zu übermitteln. Damit hielt ich dio Angelegenheit für erledigt. Am selben Tage mußte ich zu einer geschäftlichen Besprechung nach München fahren. Kaum hatte ich dort mein Zimmer aufgesucht, als ich aus Ebcnweilcr angerufen wurde. Es war Bettina. Sic beschwor mich, mit gepreßter Stimme, auf keinen Fall nach Nizza zu reisen. Erstaunt fragte ich, aus welchem Grund ich denn nach Nizza reisen sollte . Sie teilte mir mit, es sei ein Telegramm von Ganna da, die sich mit den beiden Töchtern borcits in Nizza befinde und, wie nicht anders zu erwarten, um Geld bitte. „Aber Bettina I" rief ich bestürzt in den Apparat, „weshalb sollte ich nach Nizza fahren wollen, ich wußte ja bis zu dieser Minute nicht, daß die Frau abgereist ist . . . also doch mit Doris . . . das ist wirklich das Äußerste." Als dann die Stimme Hornschuchs aus dem Apparat schallte, der mich mit ungewöhnlichem Ernst vor einer Unbesonnenheit warnte, weil er sonst, wie er sich ausdrückte, für Frau Bettina nicht bürgen könnte, verschlug es mir die Rede. Was bedeutete das? Langsam begriff ich, was es bedeutete. Bettina befürchtete, ich würde Ganna nachjagen, um das Kind zu holen und mich bei dieser Gelegenheit wieder mit ihr in Verhandlungen einlassen. Während des Gesprächs hatte ich plötzlich gespürt, daß sie meiner Versicherung, ich wüßte nichts von Gamms Abreise, mißtraute, und da wurde mir angst und bange. Ich fuhr so schnell wie möglich nach Ebcnweilcr zurück. Ich veranlaßtc nun, daß Gormas Monatebezüge gesperrt wurden. Dies wurde ihr von Hornschuch feierlich bekannt gegeben. Sic protestierte in einem vierzig Worte langen wutgeladcncn Telegramm. Ein zweites, noch längeres Telegramm ging an Schwager Heckenast. Dieser richtete ein ebenso herrisches wie beleidigendes Telegramm an mich, ein zweites an Hornschuch. Hornschuch schrieb an Dr. Fingerling, er sei höchlich befremdet, daß er, Fingerling, seine Mandantin mitten in den entscheidenden Verhandlungen nicht nur habe wegreisen lassen, sondern sie außerdem' noch mit Geld versehen habe. Fingerling schrieb einen pikierten Brief über dio Eigenmächtigkeit seiner Mandantin an Herrn Heckenast. Herr Heckenast schrieb einen verärgerten Brief an Ganna und forderte sie zur Heimkehr auf. Ganna telegraphierte, sie denke nicht daran, sie Masse sich nicht vergewaltigen. Mich wunderte, daß der Draht zwischen Nizza und Berlin und' Nizza und: Ebcnweilor nicht entzwei riß' von ihrem pathetischen Getobe. Indessen ging ihr das Geld aus. Sie konnte die 'Hotelrechnungnicht bezahlen und mußte von fremden Leuten Geld ausleihen. Die fremden Leute wurden argwöhnisch, als sie den' Termin nicht einhielt, und drohten mit unangenehmen ' Schritten. .Sie telegraphierte mir, sie werde eine gerichtliche Klage eegen mich einbringen. Es schüttete Gannnbriefo unc|. Gannadepeschen . wie Schrappnells in einer Schlacht. Unser Postamt hatte alle Hände voll zu tun. '; Während, dieses wahnwitzigen Alarms wurde der NbtariatBakt ausgearbeitet.- . Heftig bedrängt von ihrem Anwalt, der wieder von 'Hornschuch in die Enge getrieben war, sah Bich Gannn gezwungen,' die hlauo Küste zu verlassen. Hornschuch fuhr nach Wien, wo er sich,mit,Herrn, Heckenast in Dr. Fingerlings' Kanzlei treffen sollte. Mir wurde gesagt, ich möchte mich bereit halten und auf ein'gegebenes Zeichon ebenfalls'nach Wien fahren. Das Zeichen wurde gegeben und ich fuhr Die gänzo Zeit über stand ich mit dem Rücken ans Fenster gelehnt i und li«ßv den' Hagel von Paragraphen, Zahlen und Zwingsbcstimmiuigcn über mich ergehen. Meine Gedanken bewegten sich in zwei Sphären. Die eine war losgelöst von dem Schlachtplatz, auf deni ich den Pensen vorstellte; was geht dich das alles an, dachte ich, das Gerassel der Straf- und Sühneketten, was geht es mich an, es ist ja nur Gold, was sie von mir haben wollen,, mögen sie es haben, schmeiß ihnen den Krempel in die Zähne, mögen sie sich balgen um meine Haut, die Seele kriegen sie doch nicht. Aber die andere Sphäre war sorgenschwarz, in ihr erhob sich die Frage: wie soll ich's herschaffen, das viele Geld, Jahr für Jahr, angeschmiedet an einen Kontrakt, der mehr Ähnlichkeit mit einer Guillotine als nüt einem'Stück Papier hat, das gnnzo Leben ein Kulidichst, die ganze Zukunft umzingelt von Sanktionen und Reparationen, in Wahrheit ein Privat-Vcrsailles; wie es verhüten, daß Geisteswerk und Phantasiegebild nicht zu Gannu-Ffändcni und Zohlungssichcrheiten erniedrigt , werden. Endlich war man einig. Der Notar wartete bereits.' Heckcnust . ließ Kognak auftragen, man schüttelte einander feierlich die Hände, und als icn an Hornschuchs Seite die Treppe^ hinunterging, sagte er: „Ich denke, man kann Ihnen gratulieren". — ' „Ps ist keineswegs. sichor, daß Ganna .unterschreibt", erwiderte ich, dem Glückwunsch ausweichend, aber Hornschuch meinte, Herr Heckenast sähe nicht aus, als ob er mit sich spaßen ließe, und Meister Fingerling brauchte dringend Geld; Auf der Straße ergriff er meine Hand, drückte sie fest und sagte mit seltsamem Schmunzeln, denn er war immerhin stolz auf seinen Sien: „Tu Geld in deinen Beutoll Viel Gold! Geld für den Fingerling, Geld für den Gdldcnthal, Geld für Gannas Schulden, Blutgeld, Lösegeld . . . Haben Sie bo viel? Ich stelle mich Ihnen zur Verfügung". — „Ich habe alles zusammengescharrt, wob aufzutreiben war", sagte ich. Diese Gespräch fand um zwei Uhr nachmittags Btatt. Um yier Uhr erschien Ganna verabredetermaßen mit ihrem Schwager in Dr. Fingerlings Kanzlei. Der Notar war für eben diese Stunde bestellt . Man hätte denken sollen, die Formalität des Untcrschreihena wäre in fünf Minuten erledigt gewesen, allein es dauerte fünf Stunden, bis es soweit war, daß Ganna unter Schluchzen und strömenden Tränen ihren Namen unter den Vertrag setzte. „Es war wie eine Amputation", Bagtc Dr. Fingerling, als er dem Kollegen Hornschuch den gräßlichen Auftritt beschrieb . Um fünf Uhr hatte Ganna noch schreiend beteuert, sie tue es unter keinen Umständen. Nachdem alle eine Stunde lang in sie hineingeredet hatten, schien es, als werde sie ohnmächtig, und man mußte sie laben. ■■ Um sieben Uhr verlangte sie, daß eine Rciho von Verbesserungen in dem Akt angebracht würden. Unmöglich, wurde ihr bedeutet, man habe sich durch Wort und Handschlag als Unterhändler gebunden. Sie schwor beim Leben ihrer Kinder, sie unterschreibe den Akt nicht, der sie zur unglücklichsten Frau der Welt mache. Sic warf dem Schwager vor, er sei von mir und Bettina bestochen. Sic drohte, sich zu vergiften. Sie erklärte, sie sei das Opfer einer Erpressung. Dem Dr. Fingerling stand der Schweiß auf der Stirn. Hcckcnnst verlor zum erstenmal die Selbstbeherrschung, packte sie bei den Schultern und brüllte, wenn sie nicht Vernunft annehme, werde er sie in eine Anstnlt sperren lassen. Da wurde sie mäuschenstill. Mit scheu flatterndem Blick und gesenktem Kopf setzte sie sich an den Schreibtisch und unterschrieb. Und als sie unterschrieben hatte, seufzte sie aus tiefstem Herzensgrund auf wie eine Sterbende, warf sich in die Sofaecke und heulte zwanzig Minuten lang mit solchen Tönen, daß die drei Männer einander bleich ins Gesicht starrten und nicht wußten, was sie beginnen sollten. Am andern Tag, dem Tag der gerichtlichen Scheidung, wurde ich drchindfünfzig Jahre alt. Im Vorraum des Bezirksgerichts ging Ganna auf mich zu und sagte mit schmelzender Stimme und mit dem reizend unschuldigen Lächeln ihrer Mädchenzeit: „Ich schenke Dir die Scheidung zu Deinem Geburtstag, Alexander". Ich blieb stumm, so stumm wie eine Stunde später, als sie mit zitternden Händen die vielen tausend Schilling, die ich auf einen Tisch vor sie hinzähltc, in ihrer Lcdcrlaschc verstaute. Ich sah gebannt auf die alten, uralten Hände. Hatten sie sich denn nun wirklich geöffnet und mich aus ihrem Griff entlassen'i Mun wird sehen. DIE BIBEL ERZÄHLT Das Ende des Esperanto Der lleichserzichungsministcr hat in einem Erlaß den ihm unterstellten Behörden die Förderung des Unterrichts in Esperanto und ähnlichen Welthilfssprachen untersagt. Die Pflege künstlich geschaffener Welthilfssprachen, so heißt es in dem Erlaß, habe im nationalsozialistischen Staute keinen Raum. Ihr Gebrauch führe dazu, wesentliche Werte völkischer Eigenart zu schwächen. Der Schöpfer des Esperanto ist bekanntlich der in Bialystok geborene, 1918 verstorbene jüdische Augenarzt Dr. Ludwig Zamcnhof. Die Entstehung des Esperanto haben wir an läßlich seines 75. Geburtstages in der „Jüdischen Allgemeinen' vom 12. 12. 1934 geschildert. Im Anschluß an den jetzigen Erlaß des Rcichsorzichimgsminiatcrs bringt die „Frankfurter Zeitung" unter der Uberschrift „Begrabene Hoffnung" folgende Glosse: Dos Esperanto ist in Deutschland abgeschafft. Die Frage ist, ob es je da war. Ein Erlaß des Erziehungsministers löscht die Pflege dieser künstlichen Sprache aus, die im Jahre 1887 von dem Augenarzt Lazarus Ludwig Zamenhof erfunden worden ist. Die den jüdischen Arzt .kannten, rühmen seine Menschlichkeit, und es besteht wohl kein Zweifel, daß der Doktor Esperanto (unter welchem Pseudonym er seinen Zukünftstraum ans Licht gebracht hat) von edlen Beweggründen sich hat leiten lassen. Er glaubte, es müsse sich, da alle Menschen vor ihrem Schöpfer gleich sind, auch eine Sprache für die Brüder unterm Sternenzelt finden. Der Arzt, dem man eine lyrische Begabung nachsagt, vergaß jedoch den Turmbau zu Babel und daß der Pfingstgeist in verschiedenen Zungen herniederkam. Er glaubte an den Fortschritt. Als er eine Welthilfssprache erfand, war er überzeugt, den Weltfrieden zu fördern. Es sollte eine neutrale Sprache sein, die der nationalen keinen Abbruch tun sollte, die aber als ein Hilfsmittel' gedacht war, beinahe als ein Instrument des Verkehrs. Der Japaner sprach Esperanto, der Engländer sprach Esperanto; also verstanden sie sich. Auf einem Umweg. Verstanden sie Bich wirklich, war es nicht besser, Englisch zu lernen und Japanisch? Wer in den verstaubten Akten des Esperanto herumblättert, wird entdecken, welche endlose Diskussionen dieser Umweg der Verständigung hervorgerufen hat. Es gab erlauchte Vorgänger, DcscartcB und Leibniz, die in der Geschichte dem hoffnungsfreudigen Doktor in seinem Fortschrittsglauben vorangegangen waren. Neunzig Zeitungen erscheinen in Esperanto, siebzig Länder haben Espernntovereinigungeq. Es konnte nicht fehlen, daß auch der Völkerbund durch die Beschäftigung mit dem Esperanto glaubte, seine ideale Mission beweisen zu sollen. . Aber auch das war nur ein Blatt mehr in den verstaubten Akten. Oder war es Leben, daß die „Iphigenie" 1908 zu Dresden in Esperanto aufgeführt worden ist? Es wuchs kein grünes Wort in der Künstlichkeit: ■ Der Mensch erschafft nicht den Keim des Lebens; er darf ihn nur weitertragen. Ein Fortschritt war gemeint, doch Erstarrung wurde das Ergebnis. Denn man kann in den Bereichen, in denen der Mensch am Geheimnis teiUiat — das Leben der Sprache ist ein Geheimnis — nicht menschliche Zweckmäßigkeit etablieren. Die Geschichte von der Sprache des Doktors Esperanto hat nur das eino Guto, daß sie mit dieser Nutzanwendung schließt. Neuorwerbiingoii im Judlsohon Musoura. Am Sonntag, den 23. Juni, öffnet das Jüdische IIuseum, aoht Tago nach der Frühjahre-Ausstellung Berliner jüdisoher Künstler, von nouom seino Sammlung. Daboi wird der Eingangssaal eine Reihe von Neuerwerbungen, Stiftungen und Leihgaben orhulten, Werke alter ritualer Kunst und alter Steohcrkunst, neben modernen Plastiken und Bildern von Losser Ury, Emil Fottner, Max Liobormann, Eugen Spiro, Erich Wolfsfeld, Josef Bato, Martin Bloch. Zum Tode Shmuryn LovInB, Gorado in' diesoa Tagen biotot dio JUdiaoho Buoh- Vereinigung ihren Mitgliedern ein Work Shmarya Lovina „Jugend. in Aufruhr" ala zweite Veröffentlichung .dieses Jahres dar. Nouhinzutretcnden Mitgliedern kann dieses Buch naobgoliofert werden. Nähere Auskunft duroh dio Geschäftsstelle der Jüdischen Buch- Voreinigung, Berlin W 16, Fariaor Straße 7. ■ . Dio Arbeitsgemeinschaft Jüdischer Amateurfotografen, Frankfurt a. M„ veranstaltet vom IG. bis 23. Juni im Vereinshaus, Eschershoimer Landstraße 27, oino Ausstellung künstlerischer Fotos. Dio Ausstellung wurde von der Arbeitsgemeinschaft Mannhelm zusammengestellt und dort sowio ia verschiedenen anderen Städten mit grofioin Erfolg gezeigt. ' im Wochenabfchnitt Bechalaußecho daß an dem Tage, an dem die StiftBtiütte aufgerichtet wurde, eine Wolke das Zeit bedeckte. Wenn es dunkel wurde, begann sie zu leuchten. Bisweilen ruhte sie einen Tag, oder zwei, bisweilen aber einen Monat, oder länger. Wenn sich die Wolke erhob, brachen die Israeliten ihre Zelte ab, und wo sie sich niederließ, schlugen sie ihr Lager auf. Wenn die Bundeslade aufbrach, sprach Mose: „Erhebe Dich, Ewiger, daß Deine Feinde sich zerstreuen und Deine Hasser vor Dir fliehen." Die Erzählung von der Wolke, die über dem Stiftszclt lag, macht den Gedanken anschaulich, daß die Wanderung Israels durch die Wüste von der Liebe Gottes geleitet wird. Das bedeutet nicht nur göttlichen Schutz in den mannigfachen Gefahren, sondern auch eine planmäßige Führung des Volkes. Die biblische Geschichtsauffassung kommt hier zum Vorschein. Im Leben eines Volkes walten nicht Zufall und Laune des Schicksals, sondern Gottes Weisheit bestimmt das Geschehen. Es ist nur die Vollendung dieses Gedankens, wenn Jesaja verkündet, daß auch die starken Eroberervölker nur ein Werkzeug in Gottes Hand sind, die Geschichte der Menschheit nach göttlichem Plane sich vollzieht. Beim Aufbruch der Bundesladc sprach Mose die Worte: „Erhebe Dich, Ewiger, daß sien Deine Feinde zerstreuen und Deine Hasser vor Dir fliehen." In der Wüste, in unbewohntem Land denkt Mose an Feinde und Hasser. Ein charakteristischer Zug des jüdischen Schicksals wird damit sichtbar. Gleichviel, ob Israel durch die Wüste wandert, oder im eigenen Land lebt, ob es den Frieden der Heimat sucht, oder auf fremdem Boden weilt, stets hat es mit Feindschaft zu rechnen. Aus den Worten Mosis aber spricht auch eine religiöse Zuversicht von unerhörter Stärke. Gott braucht sich nur zu erheben, dann fliehen seine Feinde. Diese stolze Siegesgewißheit beruht nicht nur auf der Überzeugung, daß der Gott Israels den Göttern der heidnischen Völker an Kraft überlegen ist. Mose hat die Offenbarung des heiligen Gottes empfangen, die Religion, die er verkündet, steht unendlich höher, als die Religionen des Heidentums. Darum weiß Mose;' daß seinem Glauben die Zukunft gehört, sein Volk als der Träger dieser religjpsen Erkenntnis sich behaupten wird. Die Überzeugung von dem überlegenen Wert unseres Glaubens, dessen Verkünder und Priester wir sind, kann uns auch in den Gefahren der Gegenwart mit Zuversicht und Hoffnung erfüllen. Lcwkowitz-Berlin. Mofes als Vorbild Seine Gesetzgebung im System der politischen Ökonomie . In diesen Tagen feierte die deutsche Presse den 1914 in Tölz verstorbenen Volkswirt Gustav Rubi and, der am 11. Juni fünfundBiebzig Jahro alt geworden wäre. Ein Geistesverwandter Friedrich LiBts, der die Bedeutung der Landwirtschaft für das Volksganze betonte und Überwindung des Kapitalismus zugunsten einer christlich-naturhaften Wirtschaftsordnung forderte. Er war im Spessart geboren, machte Ende der achtziger Jahro Studienreisen' in mehrere europäische und außereuropäische Agrarländer und war später Leiter eines Großgrundbetriebs, wissenschaftlicher Berater des Bunds der Landwirte, ühiversitütsprofessor zu Freiburg in der Schweiz. Der Nationalsozialismus erblickt in ihm einenT Vorkämpfer seiner Ziele, und Reichsrninister Dr. Darre hat sein 1903 erschienenes Hauptwerk „System der politischen Ökonomie" vor zwei Jahren neu herausgegeben. In dem dreibändigen Werk prüft Ruhland die großen Gesetzgeber des Altertums nach ihrem bleibenden agrarpolirischen (und damit rasse- und stuatserhaltenden) Wert. Wessen Werk zu ungesunden wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen führte, zur Lockerung der Bande zwischen Volk und Boden, zu scharfen Klassengegensätzen, zur Verweichlichung oder Verschlechterung der Rasse wird von ihm auf das heftigste abgelehnt. Darum setzt sich Ruhland für die Gesetzgebung des Moses ein, dio durchaus agrarpolitisch untermauert sei. Moses wollte einem Bauernvolk eine ewig gültige Verfassung geben und setzte an den Anfang aller Wirtschaftsgeschichte den Boden und das diesem durch menschliche Arbeit abgewonnene Korn: „Mit Arbeit I sollst du dich von der Erde nähren und im Schwcißo dcineB Angesichts dein Brot essen." Nachdem Joseph in Ägypten das große Vorbild planmäßiger Getreidevorratswirtschaft gegeben habe, stamme von Moses das mustergültige Gesetz für die bäuerliche Grundbesitzverteilung und bäuerliche Arbeit ab Grundlage der Volkswirtschaft. Er verbietet den Wucher und das Ansammeln großer Kapitalien. Der landwirtschaftliche Grundbesitz soll schuldenfrei sein und schuldenhalber unantastbar. Die Nichtbeachtung seiner „agrarischen Gesetze" belege Moses mit dem gleichen Fluche wie den Abfall vom Glauben und dio Blutschande: Verödung und Unfruchtbarkeit des Ackers, Vertreibung aus dem Lande und Untergang des Staates und seiner Kultur werden jene treffen, die gegen diese, Gesetze sündigen. Moses ■ Gesetzgebung wird von Ruhland als „eine durchaus konsequente Mittefitandspolitik, die zunächst für die I^dwirtschaft sorgt", gekennzeichnet. Im späteren Verlaufe der jüdischen Geschichte erblickt er dagegen eine kapitalistische Entartung, die sich; ganz im Gegensatz zur mosaischen Gesetzgebung immer weitet; durchsetze und .wieder und wieder zu schlimmsten Korruptionserscheinungen führe. Unter Saul und David käme der Ubergang zum Kapitalismus, und Salonro gar sei „ein Merkantiliiit reinsten Wassers, und zwar von jener sozial bedenklichen Art, die den Reichtum des Regenten für den Reichtum des Volkes halt". Diese Alleinherrschoft des Geldes unter Mißachtung der mosaischen