Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 15 (1935)
- Issue
- 22 (29.5.1935)
- Date
- 1935-05-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/4109741-2613367-2613388--339-2615169- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Beilage 29. Mal 1935 JUDISCHE AUGEMEINE ZEITUNG Denkwürdige Reife nach Polen Von Geheimrat Profeffor Dr. H. STRAUSS Es war im Jahre 1906 an einem frostigen Mürztagc, als mich ein gut gekleideter Herr von Vertrauen erweckendem Äußern, dessen Name mir zunttchst nichts besagte, mit der Frage aufsuchte, ob ich bereit wäre, heute noch nach Lodz zu fahren, da bei dem dortigen,, weithin bekannten und allseitig verehrten Ober- Rabbiner Mciael, der an einer schweren Nierenentzündung erkrankt sei, die Ärzte das Schlimmste bcfOrchtotcn. Da es mioh außerordentlich reizte, nicht bloß den auch hier bekannten Ober-Rabbiner ärztlich zu beraten, sondern auch das sagenumwobene Rußland zum erstenmal durch-Augenschein kennenzulernen, sagte ich sofort zu, allerdings unter der Bedingung, doß der Besucher mir das — im zaristischen Rußland für cinon Juden nicht leicht zu beschaffende — Visum noch im Laufe des Mittags besorgte. Zu diesem Zweck übergab ich dem fremden Herrn meinen Paß. Nachdem er mich verlassen hatte, fiel mir jedoch sofort ein Zeitungsartikel ein, den ich einige Tage zuvor gelesen hatte, und aus dem ich die verschiedensten raffinierten Kniffe erfahren hatte, deren sich Paßfülsdhcr zur Gewinnung fremder Pässe bedienen. Ich war deshalb hcilsfroh, als ich am Nachmittag nicht nur das Visum, sondern vor allem meinen Paß erhielt. Wie ich nachher erfuhr, war mein Besucher einer der angesehensten' Männer von Lodz, der Seniorchef einer sehr bekannten Toitilfabrik. In großer Erwartung der Dinge, die da kommen sollten, fuhr ich also mit dem Nacht-Schnellzuge der russischen Grenze zu. Die "erste Überraschung kam schon in Alcxandrowo. .. *"\ Ubeftafchung an der Grenze Kaum war der Zug in Alcxandrowo angelangt, so stürzte sich schon ein bärtiger, mit einer breitrandigen Mütze, hohen Schaftstiefeln und einer weißen Schürze versehener Gepäckträger auf mich zu, riß mein Köfferchcn an sich und verschwand damit in der Richtung des Zoll-Lokals. In dem großen, eiskalten Raum waren schon mehr als 100 frierende Menschen versammelt. Die Gepäokrevision erfolgte gründlich, in langsamstem Tempo; für die Erledigung der Pässe schien überhaupt keine Zeit bestimmt zu sein. Frierend und über die Behandlung erbost, lief ich im Gefühl meiner Hilflosigkeit und auch, um mich zu erwärmen, aut und ab, bis mir ein hochgewachsener Russe auffiel, der mich zu beobachten schien und anscheinend meinen Schritten auch folgte. Der Herr Wurde mir etwas unheimlich. A1b er mich aber in reinstem Deutsch ansprach und an mich die Frage richtete: „Sind Sic nicht Herr Prof. St. aus Berlin?" und mir weiterhin sagte, daß ich einen früheren Schüler vor mir hatte, an den ich mich dazu noch sehr gut erinnerte, und der jetzt Chefarzt eines größeren Krankenhauses in Moskau war, schlup meine Stimmung um. Namentlich aber, bIb er auf meine Klage darüber, daß hier ja sämtliche Ausgänge besetzt seien und es wohl noch ein -bis «wei Stunden dauern könne, bis man aus diesem Eiskeller. erlöBt wäre, bemerktet „loh kann Sie sofort -crlöaen. -Gehen* ßt^rriitrrtirir»r Restaurant^- der isf««- -^«nwumi - min bekommt guten Tee". Mit diesem Retter in der Not verlebte ich dann eine genußreiche Stunde beim dampfenden Samowar, und ich wurde ihm auch deshalb dankbar, weil er mich noch für einen Teil der weiteren Reise patronisiertc. Kleiner Belagerungssufland in Lodz Als ich in Lodz ankam und den Bahnhof verließ (ich war unterwegs schon eine Stunde vorher von einem Vorsteher der jüdischen Gemeinde „eingeholt'.' worden), wurde mein Blick" zunächst VbA den v}olen kleinen, schmulen 'Droschken mit Gummirädern und flinkon Pferdchen gefesselt, noch mehr aber von' den zahlreichen, die ».Gefährte lenkenden jüdisch ein Kutschern, die ihre Nummern hinten am Rockkragen trugen. Die Häufigkeit jüdischer Kutscher fiel mir bei späteren Besuchen in Polen _ immer sehr angenehm auch deshalb auf, well sie ebenso-_ wie ■ die jüdischen Chauffeure durch ihre Beherrschung (des Jiddischon. sehr gut die deutsche Sprache ver-^: sjidndcn.. Bei der Fahrt durch die Stadt war ich höchst erstaunt darüber, daß die Wagen der elektrischen Bahnen am Vorderperron und Hinterperron je einen in voller Kriegaauärustunjr mit Gewehr bei Fuß dastehenden Soldaten zeigten, und als ich bald darauf kleine Abteilungen Kosaken mit geladenem Gewehr, Fiiifeer am Hahn, durch die Straßen sprengen sali, gab ich der VcrSi wunderung Aber dieses Straßenbild Ausdruck. Ich erfuhr nun, daß wegen der noch herrschenden russischen Revolution z. Zt. nach kleiner Belagerungszustand sei und daß wir bald an der Stelle vorbeikämen, wo der Galgen stehe, der jetzt mehrfach benutzt werde. ' Alle halbe Stunde ein Bulletin Ein friedlicheres Bild als dieses bot sich mir dagegen, als in eine Straße einbogen, die dick mit Stroh belogt war. Auf meine Frage, weshalb das geschehen sei, wurde mir geantwortet, die Stadt habe Stroh legen lassen, damit kein -Geräusch' von dor Straße her den kranken O b e r - Ra b b i ne r Btöre. Der untere Teil sah dagegen schwarz aus von einer riesigen, sich dort stauenden MenscheiirnasBe. Auch als wir in das Haus des Ober-Rabbiners traten, . war noch die Treppe bis zum Korridorcingang mit Menschen so angefüllt, daß wir Mühe hatten, hineinzukommen. Alle diese Mcnschcnmasscn warten mit fieberhafter Ungeduld auf den Krankhcitobcrioht, /der alle halbe Stunde herausgegeben wurde. Auch der Gouverneur hatte sich mehrfach am Tag über das Befinden des Ober- RabbincrB berichten lassen. Am Krankenbett Als icli in das Zimmer des Kranken trat, bot sich mir ein ergreifender und zugleich erhebender Anblick. In einem frei stehendem Bette, umringt von vier ernst drcinblickendcn Ärzten und von zahlreichen Familienmitgliedern, saß aufgerichtet ein ehrfurchtgebictender Greis mit langweilendem weißem Bart, silberweißem Kopfhaar und gütig drcinblickenden blauen Augen. Man war an Moses von Michelangelo erinnert. Aus der Art, wie der Patient antwortete, gewann ich gleich den Eindruck, daß die vorhandenen Befürchtungen nicht völlig berechtigt waren. Als iah dies nach eingebender Untersuchung und Besprechung mit den behandelnden Ärzten und im Einverständnis mit diesen der Familie gegenüber als meine Überzeugung äußerte, schlug die Stimmung um. Das nächste Bulletin hatte schon die Wirkung, daß meine Mahnung, im Interesse der Ruhe des Kranken die Straße zu räumen, alsbald befolgt wurde. Nach einem Mittagessen im Hause eines prominenten Herrn, daß durch Umfang und Zusammensetzung an die Leistungsfähigkeit meiner Vcrdauungsorganc ganz ungewohnte Anforderungen stellte, erschien dann eine Deputation mit der .Bitte, meinen Aufenthalt bis zum nächsten Vormittag zu verlängern. Dieser mir in liebenswürdigster Form vorgetragenen Bitte konnte ich nicht widerstehen und hatte die Freude, am nächsten Morgen nicht nur don Patienten, sondern auch die Umgebung in hoffnungsvoller Stimmung vorzufinden. In der Tat erholte sich der Patient auch bald. Macht der Perfönlichkeit In den folgenden Jahren höbe ich jedes Mal, wenn ich nach Lodz kam, den ehemaligen Patienten besucht, um ihm meine Ehrerbietung zu bezeugen. Dabei hatte ich stets die Freude, ihn rüstig, wohlgcluunt und zu interessanter Unterhaltung geneigt zu finden Diese meine Besuche galten der Größe dieses Mannes, der eine hier nicht vorstellbare Macht über die jüdische Bevölkerung von Lodz und über große Teile von Polen ausgeübt hatte. Wie ich übrigens auch bei mehreren andern großen Rabbinern in Polen zu beobachten Gelegenheit hatte, resultierte diese Macht nicht bloß aus ihrer Gelehrsamkeit und ihrer Frömmigkeit, sondern auch aus ihrer großen Lebenserfahrung, die, gepaart mit Klugheit, ihnen die Stellung eines Boraters für weite Kreise der jüdischen Bevölkerung in ihren großen und kleinen Nöten gob, vor allem aber aus ihrer menschlichen Güte. Als Obcr-llabluncr Mcisel mehrere Jahre später in hohem' Alter an einem Versagen der Herztätigkeit starb, nahm nicht bloß die jüdische Bevölkerung, sondern die Gesamtbevölkerung von Lodz an der Trauer innigBten Anteil. Mir Boibcr ist die hohcitsvoUc und stctB Wärme ausstrahlende Persönlichkeit dieses Großen immer im Gedächtnis geblieben. Wandlungen in Lodz Durch meinen ersten, unter so eigenartigen Umstunden erfolgten Besuch hatte ich auch für die originelle Stadt Lodz ein besonderes IntercsBC gewonnen. Die Stadt hatte eine geradezu ' amerikanische Entwicklung genommen. Zu Beginn dcB vorigen Jahrhunderts noch-ein armseliges Dorf, wurde sie als ein Edikt des Zaren um das Jahr 1820 dort die Gründung von Fnbr(k)cn empfohlen hatte, in etwas mehr 'als 50 Jahren wirklich eine Großstadt. Denn als ich sie zum ersten Male besuchte, zählte Bic etwa eine halbe Million Einwohner. Von diesen waren mehr nls ein Drittel Juden. Dio Stadt warifast mir der Arbeit gewidmet. Sic verfügto zwar über einen eleganten Straßcnzug, die I'ctiikauer Straße, in der ein Getriebe vorhanden war, wie ich es tust nur nm Broadway kennengelernt hatte, man fand aber nur wenig Schmuckbautcn, und auch die Grünanlagen waren spärlich. Außerdem war die Hygiene des Ortes nicht seiner Einwohnerzahl entsprechend auf der Höhe. Wohrzeichcn der Stadt waren die zahlreichen Ruß verbreitenden Fabrikschlote, deren Menge schon bei der Anfahrt von der Eisenbahn her auffiel. Diese Stadt hatte aber ihr rapides Aufblühen vorwiegend Deutschen zu verdanken. Denn die weltberühmte Textilindustrie von Lodz nahm ihren Anfang vor allem, nachdem sich deutsche, insbesondere sächsische, Großfabrikanten in Lodz mit deutschen Webern ongcsicdclt hatten und dort ein mächtiges Industrie-Zentrum für daB Textilgewcrbc geschaffen hatten. Trotz der systematisch betriebenen Russifizicrung PolcnB gob es in Lodz damalB noch deutsche Schulen und zahlreiche deutsche Vereine. Auch eine Reihe von Juden hatten sich bIb Fabrikontcn erfolgreich betätigt. Die Mehrzahl der Juden gehörte allerdings dem kleinen Handwerker- Jüdifche Jugend lernt ßngen Seft langer/.--Zeit' fanden sieh wieder einmal I^eiter und Leiterinnen der Berliner Jüdischen Jugcndbflnde zu gemeinsamer überhündischer Arbeit zusammen. Das Jugendpflegedczernat der Jüdischen Gemeinde hatte eine offeno Singestunde für Jugendliche veranstaltet, die unter Leitung von Direktor Karl Adler, Stuttgart, stand und etwa 70 junge McnBchcn in dem Willen einte, zu lernen. Adler will in seinen Eingestunden das Singen Übel' das rein. Stimmliche hinaus zur wichtigen Lcbensäußorung bringen, und das gelingt ihm ganz ausgezeichnet, gleichviel, ob es sich um ein hebräisches Lied handelt, um ein englisches Volkslied mit deutschem Text oder um ein deutsches Mailicd. So wurden keine tiefgründigen musikpädagogischen Vorträge gehatten, es wurdo vielmehr den Teilnehmern von Direktor Adler in einfachster, klarer Form das Gefühl für Takt und Rhythmus vermittelt. Wie innig Körperbewegung mit Gesang verbunden ist, zeigten Versuche, ein lScd rein bewegungsmäßig auszudrücken. Damit \das rhythmische Gefühl gefestigt werde, Verbrachte man viele" Stunden in der Turnhalle, bis es schließlich gelang, durch /Übung primitiver rhytlimisther Bewegungen 1 den menschlichen Körper zum Ausdruck musikaliecner Regungen zu machen. Mit Hilfe von Zigarrenkisten, Topfdeckeln, Tamburin, Eisenstangen und Triangeln wurde ein Schfagzeugorchester zusammengestellt, das ohne vorheriges Einüben, aus dein Gefühl heraus, erstaunlich musizierte. Beim gemeinsamen Singeft in größeren Gruppen zeigte sich, wie schwer es ist, zugleich einzusetzen, zugleich lauter und leiser zu werden, und welche Konzentration und Anpassung ein Im-Chor- Singen verlangt. Direktor Adler hatte recht, wenn er zu Anfang behauptete, in den Bünden werde sehr viel, aber nur wenig gut gesungen. Orchester mit Zigarrenkisten Und Topfdeckcln Aufn.: Hans Pinn Jawohl, wir singen gern und viel — vielleicht zu viel — ou: unseren Zusammenkünften. Aber dor gemeinsame Gesang eint Gruppe drückt stets ihre Zusammengehörigkeit aus. Dieses Singen von pun an zu formen und zu gestalten, Gelerntes und Erarbeitetes in die Bünde und Gruppen hineinzutragen, ist eine lohnende Aufgabe. In unserer Neuen Synaüoae (neuer Ritus mit Orgel und Chor) ist die Stelle eines Ersten Kantors zu besetzen. Anstellung auf Privatdienstvertrag mit zu vereinbarendem Oehalt. Nur stimmlich und künstlerisch hervorragendeHerren(Tenöre) Wollen ihre Bewerbung mit Lebenslauf und Zeugnissen einreichen au den vorstand dir svoagogan - Qamimile zu Breslau UiailslriBe 8. AUSSCHREIBEN An unserer Weitendiynigoge ist die Stelle eines Kantors 0 I o r t zu besetzen. Bewerber müssen belsblgt sein mit gemischtem Chor und Orgel zu fungieren und deutsche Gebete tadellos vorzutragen. Verlangt wird die Befähigung zur Erteilung des Religionsunterrichtes. Jüngere seminaristisch vorgebildete relchsdeutscbe Bewerber erhalten den Vorzug. Schriftliche Meldungen mit Lebenslauf und Zeugnisabschriften bis spätestens 15. Juni 1935 an den Vorstand der Israelitischen Oeraelnde Frankfurt a. Main, Fahrgasse 146 W~k * V - N , , i ■ m ¥ Neuartig* Vollsicmbrillan von Optiker Fromm «Co. Am Alexanderplahr. «<o>not« rutt Am 22. Mai statb an den Folgen eines Unfalls unser lieber Hans im Alter von 24 Jahren. Im Namen der Hinterbliebenen Dr. Paul Samter ' Ciaire Samter > Dr. Max Samter Die Einäscherung hat bereits stattgefunden.. Wir bitten von allen Beileidsbezeugungen „ Abstand zu nehmen. RUFEN SIE AN F4 1273 Wasch- und Piattänstalt Gutenberg fnb. Paul Tornow, Cdpenlckj OulenberBstrafie 25. — Trocknet Im Freien. Schonendste Behandlung. — Abholung und Lieferung Montags iA?DER MASKENBILDNER des Kulturbundes b^MAX SCHUtZ, Herren-und Damenfriseur Charlattenburg, Syielstr. 32 Beachten Sie Düte genau unsere Anzeigen Cafö Uhlandeck Kurfurataridamm »1 - ——-angenenmsr AufsnUult—r— Konzertmusiki ■ Tanzl Hotel HeBler am Zoo I Stamraeasen RM. 1.60 ■ Kaffee — Konditorei I SomtnirterratM eröffnet■ mmmmmmwumiiumiiimmiuimmnmmmmi Eigens Konditorei und Prallnenfabrlistlon Spezialltät.lnP/ageru.WlenerBackwaren la bittere Pralinen, Wein, Teeu. Kalfeegeblck. Sündiger Eingang v. Neuheiten WAG E HKN ECHT Berlin W15 Olivaer Platz 9 . J 1 Bismarck 4369 llllllllinmil]llllilllll«dlulllliuu^li™ill[lll)llilllllllillll MAX BERNSTEIN, Uhrmacher Düsseldorfer Straße 14, J 2 Oliva 2180" Ubren, Geschenke — Bestecksacben d. WOrtL Met- War.-Fabr. — Repar. prelsw. u. gut. Auf Wunsch Abhalf. o I Ofe maDsctineiderel Kurt Katln Neu-Westend, Relchsstr.37 jBBurstr.sasal Reparatur«!!, Kndtrunmn, HamlMtaeln, Eigene Kürschnerei 1. Hau* SüH iswH. HH: