Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 15 (1935)
- Issue
- 20 (15.5.1935)
- Date
- 1935-05-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Schloß I Der rührige, zielbewußte Schocken-Verlag, B«rlln, hat schnell dem bereits von uns eingehend gewürdigten ersten Band der „Gesammelten Schriften" Franz Kafkas die Romane „Der Prozeß" und „D a s Schloß" folgen lassen. Aus dem letzten Roman veröffentlichen wir nachstehend den Beginn des ersten Kapitels, das spannend die erregenden Ereignisse einleitet; Eine Besprechung beider Werlte bringen wir In einer der nächsten Nummern. Es war spät abends, als K. ankam. Das Dorf lag in tiefem Schnee. Vom Schloßberg war nichts zu sehen. Nebel und Finsternis umgaben ihn, auch nicht der BchwäcliBtc Lichtschein deutete das großo Schloß an. Lange stand K. auf der Holzbrückc, die von der Landstraße zum Dorf führte, und blickte in die scheinbare Leere empor. Dann ging er, ein Nachtlager suchen; im Wirtshaus war man noch wach, der Wirt hatte zwar kein Zimmer zu vermieten, aber er wollte, von dem späten Gast äußerst überrascht und verwirrt, K. in der Wirtsstubc auf einem Strohsack schlafen lassen. K. war damit einverstanden. Einige Bauern waren noch beim Bier, aber er wollte sich mit niemandem unterhalten, holte Bclbst den StrohBack vom Dachboden und legt sich in der Nähe des Ofens hin. Warm war es, die Bauern waren still, ein wenig prüfte er sie noch mit den müden Augen, dann schlief er ein. Aber kurze Zeit darauf wurde er Bchon geweckt. Ein junger Mann, städtisch angezogen;' mit schauspiclcrnaftem Gesicht, die Augen schmal, die Augenbrauen stark, stand mit dem Wirt neben ihm. Die Bauern waren auch noch da, einige hatten ihre Sessel umgedreht, um besser zu sehen und zu hören. Der junge Mensch . entschuldigte sich sehr höflich, K. geweckt zu haben, stellte sich als Sohn des Schloßkastcllans vor und sagte dann: „Dieses Dorf ist Besitz des Schlosses, wer hier wohnt oder übernachtet, wohnt oder übernachtet gewissermaßen im Schloß. Niemand darf das ohne gräfliche Erlaubnis. Sie haben eine solche Erlaubnis nicht oder hoben Sie wenigstens nicht vorgezeigt." K. hatte sich halb aufgerichtet, hatte die Haare zurecht gestrichen, blickte die Leute von unten her an und sagte: „In welches Dorf habe ich mich verwirrt? Ist denn hier ein Schloß?" „Allerdings", sagte der junge Mann langsam, während hier und dort einer den Kopf über K. schüttelte, „das Schloß des Herren Grafen Westwest." „Und man muß die Erlaubnis zum übernachten haben?" fragte K., als wolle er sich davon überzeugen, ob er die früheren Mitteilungen nicht vielleicht geträumt hätte. „Die Erlaubnis muß man haben", war die Antwort und es lag" darin ein grober Spott für K., als der junge Mann mit ausgestrecktem Arm den Wirt und die Gäste fragte: „Qder muß man etwa die Erlaubnis nicht haben?" „Dann werde ich mir also die Erlaubnis holen müssen", sagte K., gähnend und schob die Decke von sich, als wollte er aufstehen. „Ja von wem denn?" fragte der junge Mann. „Vom Herrn Grafen", sagte K., „es wird nichts anderes übrig; bleiben." „Jetzt um Mitternacht die Erlaubnis vom Herrn Grafen holen?" rief der junge Mann und trat einen Schritt zurück. i „Ist das nicht möglich?" fragte K. gleichmütig. „Worum haben Sic mich also geweckt?" Nun geriet aber 3er junge Mann .außer sich. „Landstreicficrmanierenl rief er. „Ich verlange Respekt vor der gräflichen Behörde I Ich habe Sie deshalb geweckt, um Ihnen mitzuteilen, daß Sic sofort dos gräfliche Gebiet 'verlassen müssen." „Genug der Komödie", sagte K. auffallend leise, legte sich nieder' und zog die Decke über sich'. „Sic gehen, junger Mann, ein wenig zu weit und ich werde morgen noch auf Ihr Benehmen zurückkommen. Der Wirt und die Herren dort sind Zeugen, soweit ich überhaupt Zeugen brauche. Sonst aber lassen Sie sich . gesagt sein, daß ich der Landvermesser bin, den der Graf hat kommen lassen. Meine Gehilfen kommen morgen im Wogen nach. Ich wollte mir den Marsch durch den Schnee nicht entgehen lassen, bin aber leider einigemal vom Wege abgeirrt und deshalb erat so spät angekommen. Daß es jetzt zu spät war, im Schloß mich zu melden, wußte ich schon aus Eigenem, noch vor Ihrer Belehrung. Deshalb habe ich mich auch mit diesem Nachtlager hier begnügt, das zu stören Siedie — gelinde gesagt — Unhöflichkeit hatten. Damit sind meine Erklärungen beendet. Gute Nacht, meine, Herren." Und K. drehte sich zum Ofen hin. „Landvermesser?" hörte er noch hinter seinem Rücken zögernd fragen, dann war allgemeine Stille. Aber der junge Mann faßte sich bald und sogto zum Wirt in einem Ton, der genug gedämpft war, um als Rücksichtnahme auf K.b Schlaf zu gelten, und laut genug, um ihm verständlich zu sein: '„Ich werde' telefonisch anfragen." Wie, auch ein Telefon war in diesem Dorfwirtshaus? Man war vorzüglich eingerichtet. Im einzelnen überraschte es K., im ganzen hatte er es freilich erwartet. Es zeigte sich, daß das Telefon .fast über seinen Kopf angebracht war, in seiner Ver- Bchlafcnheit hatte er es übersehen. Wenn nun der junge Mann telefonieren mußte, dann konnte er beim besten Willen K.s Schlaf nicht schonen, es handelte sich nur darum, ob K. ihn telefonieren lassen sollte, er beschloß, es zuzulassen. Dann hatte es freilich auch keinen Sinn, den Schlafenden zu spielen, und er kehrte deshalb in - die Rückenlage zurück. Er sali die Bauern scheu zusammenrücken und sich besprechen, die Ankunft eines Landvermessers war nichts Geringes. Die Tür dor Küche hatte sich geöffnet, türfüllend stand dort die mächtige Gestalt der Wirtin, auf den Fußspitzen näherte sich ihr der Wirt, um ihr zu berichten. Und nun begann das Telefongespräch. Der Kastellan schlief, aber ein Unterlcostellan, einer der Unterkostellanc, ein Herr Fritz war da. Der junge Mann, der sich als Schwarzer vorstellte, erzählte, wie er K. gefunden, einen Mann in den Dreißigern, recht zerlumpt, auf einem Strohsack ruhig schlafend, mit einem winzigen Rucksack als Kopfkissen, einen Knotenstock in Reichweite. Nun sei er ihm natürlich verdächtig gewesen, und da der Wirt offenbar seine Pflicht vernachlässigt hatte, sei es seine, Schwarzers, Pflicht gewesen, der Sache auf den Grund zu gehen. Das Gewccktwcrdcn, das Verhör, die pflichtgemäße Androhung der Verweisung aus der Grafschaft habe K. sehr ungnädig aufgenommen, wie es sich .schließlich gezeigt habe, vielleicht mit Recht, denn er behaupte, ein vom Herrn Grafen bestellter Landvormesser zu sein. Natürlich sei es zumindest formelle Pflicht, die Behauptung nachzuprüfen, und Schwarzer bitte deshalb Herrn Fritz, Bich in der Zentralkanzlei zu erkundigen, ob ein Landvermesser dieser Art wirklich erwartet werde'und die Antwort gleich zu telefonieren. . Dahn war es still;' Fritz erkundigte''sich 'drüben, und hier " wartete nlan auf Antwort. K.' blieb wie Disher,- drehte Bich nicht' einmal um, schien'gar nicht neugierig, sah vor sich Irin. Die Erzählung Schwarzers mit ihrer Mischung von Bosheit-und Vorsicht' «ab ihm eine Vorstellung von der gewissermaßen diplomatischen Bildung, über die im' Schloß selbst kleine Leute wie Schwarzer leicht'; verfügten. Und auch an' Fleiß' ließen sie es "dort nicht ' fehlen; die. Zentralkanzlei hatte Nachtdienst. Und gab offenbar sehr schnell Antwort; denn schon klingelte Fritz. Dieser Bericht schien alleridings sehr kurz; denn sofort warf Schwarzer 'wütend den Hörer hin. „Ich habe es ja gesagt)" schrie er. „Keine Spur Von:i Landvermesser,' ein1;gemeiner, lügnerischer Landstreicher;; wahrscheinlich über Ärgeres." - Einen Augenblick dachte K., alles, Schwärzer, Bauern, Wirt und Wirtin' würden sich auf ihn starten. Um wenigstens dem ersten Ansturm auszuweichen, ■ verkroch er sich gafit unter die;Decke. Da' läutete das Telefon nochmals und, Von FRA1SZ KAFKA wie es K. schien, besonders stark. Obwohl es unwahrscheinlich war, daß es wieder K. betraf, stockten alle und Schwarzer kehrte zum Apparat zurück. Er hörte dort eine längere Erklärung ab und sagte dann leise: „Ein Irrtum also? Das ist mir recht unangenehm. Der Bürochef selbst hat telefoniert? Sonderbar, sonderbar. Wie soll ich es dem Herrn Londvermcsscr erklären?" K. horchte auf. Das Schloß hatte ihn also zum Landvcrmcsscr ernannt. Das war einerseits ungünstig für ihn; denn es zeigte, daß man im Schloß alles Nötige über ihn wußte, die Kräfteverhältnisse abgewogen hatte und den Kampf lächelnd aufnahm, Es war nber andererseits auch günstig, denn es bewies, seiner Meinung noch, daß man ihn unterschätzte und daß er mehr Freiheit haben würde, als er hätte von vornherein hoffen dürfen. Und wenn man glaubte, durch diese geistig gewiß überlegene Anerkennung seiner Landvcrmcsserschaft ihn dauernd in Schrecken halten zu können, so täuschte man sich; es übcrschaucrtc ihn leicht, das war aber alles. Dem sich schüchtern nähernden Schwarzer winkte K. ab; ins Zimmer des Wirtes zu übersiedeln, wozu man ihn drängte, weigerte er Bich, nahm nur vom Wirt einen Schlaftrunk an, von der Wirtin ein Waschbecken mit Seife und Handtuch und mußte gar nicht erst verlangen, daß der Saal gclcort wurde; denn alles drängte mit nbgewendeten Gesichtern hinaus, um nicht etwa morgen von ihm erkannt zu ^erden. Die Lampe wurde ausgelöscht und er hatte endlirfiiRuhc. Er schlief tief, kaum ein-, zweimal von vorüberhuscherlacn Ratten flüchtig gestört, bis zum Morgen . . . Durch die Jahrhunderte Ismar Elbogens „Gefchichte der Juden in Deutfchland" Unter den funkelnd gcscnliffcncn Aphorismen Ludwig Bocrncs findet sich diese Bemerkung: „So oft ich in eine Universitätsbibliothek kam, fühlte ich Lust, den im Saal Herumgehenden zuzuflüstern: „Weckt die guten Bücher nicht, tretet leise auf, unterhaltet Euch lieber mit den wachenden — mit den Professoren.-" Professor Dr. Ismar Elhogcn, Gelehrter von weitgreifendem Wissen, kritischer Forscher von tiefschürfendem Geist, dem die jüdische Wissenschaft Dienst am lebendigen Judentum ist, hat uns jetzt in seinem neuesten Werk eine solche Unterhaltung ermöglicht. Mit Euch, Herr Doktor, durch die Jahrhunderte zu spazieren, ist ehrenvoll und ist Gewinn! Die „Geschichte der Juden in Deutschland" (Jüdische Buchvercinigung, Berlin, 1935), die Elbogcn in übersichtlich gegliedertem Aufbau, in seiner wohltuend einfachen, klaren Ausdrucksweise niedergeschrieben hat, die erste zusammenfassende Darstellung dieses wesentlichen Zeitabschnitts jüdischer Geschichte, ist nicht nur ein Lesebuch von deutsch-jüdischer Vergangenheit. Sic ist mehr. Sie ist ein Lehrbuch. Und — wenn man will — trotz allem ein Trostbuch. * Aus dem Nebel der Vermutungen über die ersten jüdischen Siedlungen in Deutschland lösen sich deutlicher die Konturen einer jüdischen Gemeinde am Rhein zur Römerzeit. Die Spuren verschwinden wieder, und erst seit der Zeit der Karolinger läßt Bich eine ununterbrochene Kette jüdischen Lebens und Leidens auf deutschem Boden verfolgen. Eine wcchselvollc Tragödie —. zwischen Hoffnung, Enttäuschung und Gottvcrtroucn. Karl der Große und Ludwig der Fromme nehmen die Juden als Fremde in ihren Schutz. Lchrhäuscr am Rhein gewinnen Bedeutung und locken von weither Jünger an, wie jenen Raschi aus TroycB, der in Worms die Anregungen zu seinen unvergänglichen Pentatcuch- und Talmudkommcntarcn empfängt. „Um das Ansehen des Orts tausendfach zu erhöhen", werden Juden vom Bischof Rüdiger in der erweiterten Stadt Speyer aufgenommen. ' Kaiser Heinrich IV. erteilt ihnen günstige Privilegien. Nur wenige Jahre später fallen die ersten der zahllosen Blutopfer der Kreuzfahrer. Erschütternde Bilder des Grauens ziehen vorüber. Und aus Verfolgung, Dulden und Leiden erblüht Heldenmut, hingcbunjgsvolle Glaubenstreue und Jenseitshoffnung. Vom zweiten Kreuzzug ab wird die Krise des Kapitals spürbar. Die Juden werden in den Geldhandel gedrängt. Sonderrechte von mehr als zweifelhaftem Wert werden ihnen zugewiesen. Ende 1235 werden sie des Ritualmordes beschuldigt. Es ist das erste Mal in Deutschland, daß dies geschieht, leider nicht das letzte Mal. Mutige Verteidiger entstehen ihnen. Und neue Verfolgungen, neue Schrecken, neue Anklagen, neue Prozesse. „Selbst dio phantastischsten Vorstellungen", schreibt Elbogen, „übertreffen die Verfolgungen, welche die Juden in den Jahren 1348—1349 erlitten, als die Pest über Europa hereinbrach, die Bevölkerung dezimierte und die Raserei gegen die Juden auf den Gipfel trieb. Man beschuldigte sie, daß sie die Brunnen vergifteten und dadurch den schwarzen Tod über das Land verbreiteten. Mehr als 350 Gemeinden werden vernichtet, Zehntausendc werden „erschlagen, ertränkt, verbrannt, gerädert, gehenkt, vertilgt, erdrosselt, lebendig begraben und mit allen Todesarten gefoltert wegen der Heiligung des göttlichen Namens". Doch drohender Vernichtung steht der entschlossene Wille entgegen, die altüberlieferten Lehren des Judentums weiterzutragen durch die Jahrhunderte. Der beginnende Territorialstaat bietet neue Möglichkeiten einer Verankerung — hinter Ghettomauern, wenn auch unter größten Entbehrungen und Erschwerungen durch die Judenordnungen. Das Ende des 30jährigen Krieges leitet wenigstens für einen Teil der Juden eine Zeit weiteren Aufstiegs ein, indem sie sich auf den Warenhandel umstellen. Die Mehrheit aber bleibt in wirtschaftlichem Elend. Doch selbst günstig gestellte Existenzen bleiben unter ständigem Druck. Erst der Geist der Aufklärung, der Humanismus eines Lessing, Herder und Kant, das Eindringen außerjüdischer Mächte in den inneren jüdischen Bezirk läßt in der dramatischen Bewegtheit deutsch-jüdischer Geschichte eine gewisse Ruhe eintreten, wenn sich auch das Vorurteil gegen die Juden fortsetzt, wenn auch die Auswirkungen von Eiscnmcngcrs „Entdecktes Judentum" noch heute Hauptqucllc der Angriffe gegen die jüdische Religion, gegen Talmud und Schulchan Aruch, nicht ohne schlimme Folgen bleiben. * Um noch einmal Boerne zu zitieren — er hat einmal eine knappe Anleitung zur Geschichtsauffassung gegeben: „Man betrachte die Geschichte der vergangenen Zeit nicht als ein düstere» memento mori, sondern als ein freundliches Vergißmeinnicht, dessen Lehre man sich mit Liebe erinnern soll". Elbogcn will mit Bcincr Geschichte der Juden in Deutschland offenbar mehr auf das memento mori hinaus. Nur selten mischen sich in die düsteren Farben seines großangelegten Gcschichtsgcmüldcs hellere Effekte. Selbst die Bilder aus den Zeiten der Emanzipationsbewegung betonen immer wieder den Zustand äußerster Spannung, und Elbogen zeigt unerbittlich, daß auch Gabriel Riesscrs heroischer und erfolgreicher Kampf um die Gleichberechtigung nicht ohne schwere Nachhutgefechte bleibt, wie Ehrgefühl und staatsbürgerliches Empfinden der deutschen Juden tief getroffen werden, und wie schon wenige Jahre, nachdem das Gesetz vom 3. Juli 1869 den Schlußstein der Emanzipation gesetzt, bei vielem Verständnis für die Juden die Sturmzeichen neuen Judenhasses hochgehen. Wieder einmal — so schließt Elbogcn die Geschichte von mehr als anderthalb Jahrtausenden ab — Btehcn die deutschen Juden vor der Frage der Bewährung, wieder ergeht an bic dar Prophetenruf: „Ihr seid meine Zeugen, spricht der Ewige". Es ist an ihnen, mit dem alten Wort der Bercitschoft zu antworten: „Hier bin ich!" Mit wanner Menschlichkeit hat Professor Elbogen in seinem Work der hervorragenden Leistungen des Historikers Heinrich Graetz gedacht, der „niemals nach rechts und links hinübergcBchiclt hat". Elbogen, von der gleichen Unbestechlichkeit des Urteils, braucht hinter dem Verfasser der (heute in vielem überholten) „Geschichte der Juden" nicht zurückzustehen. Abejn während Graetz seinem Temperament häufig die Zügel schießen läßt, läßt Elbogen nur die Tatsachen sprechen, kommentarlos. Zahlen, Dokumente, Geschehnisse reden ihre eindeutige, unverfälschte Sprache. Mancher Leser wird vielleicht dabei eine gewisse Interpretation vermissen, die ihm bei der Fülle verwirrender Ereignisse hilft, die Dinge einzuordnen. Ein Historiker ist kein Dichter. Aber er ist ein Deuter. Von dieser Mission hat sich Elbogeta bewußt ferngehalten. Und noch eines: Manchmal will es scheinen, als ob nier Menschen und Geschehen zu isoliert dargestellt seien, o1b wenn die Juden in Deutschland nicht auch Ebbe und Flut aus anderen Ländern zu spüren bekommen hätten. Wenn auch der Umfang des Buches dem Verfasser größte Beschränkung auferlegte, so wäre doch hier und da manche Ausstrahlung außerdeutschen Geschehens willkommen gewesen. Vielleicht hätte auch das Schlagwortverzeichnis im Interesse einer leichteren Ubersicht ein wenig ausführlicher sein können. Aber diese kleinen Einwendungen können der grundlegenden Bedeutung dieses historischen Werkes nicht im geringsten Abbruch tun. Franz Rosenzweig hat in seinen soeben erschienen Briefen von einem historischen Werk gesagt: Ein ausgezeichnetes Buch, hinter dem ein ausgezeichneter Mann steht. Das kann auch von iBmar Elbogcn und seiner Geschichte der Juden in Deutschland gelten. et. Allerlei aus Breslau Bericht für die „J^ü dischc Allgemeine"' Breslau. Anläßlich der Generalversammlung des Brcslaucr Arbeitsnachweises jüdischer Organisationen Breslaus war wiederum die Klage zu hören, daß die Jugend zum Handwerk ströme, während der kaufmännische Beruf vollkommen vernachlässigt werde. In der Aussprache zum Jahresbericht wurden grundsätzliche Methoden des Arbeitsnachweises behandelt. Der Vorsit'zonde Philipp Lachs betonte, daß unter den veränderten Verhältnissen jegliche Vorurteile abgetan werden müßten, und jeder die Position nehmen müsse, die für ihn zu haben sei. Der vorläufige Abschluß des großen jüdischen Musikprogramms in Breslau bildete eine Aufführung des Händclschcn „Judas MaccaD"u s". Die Darbietung zeigte nach den Einzcllcistungen des Jüdischen MusikvereinB eine glückliche Zusammenarbeit vorj, Chor und Orchester. Werner Sander hat in monatelanger Arbeit einen ausgezeichneten Chor geschaffen. Der von der Neuen Jüdischen Schule gestellte Kindercnor löste seine Aufgabe nicht vollends zur Zufriedenheit.' Neben Lotto Leonard, einer der ersten Künstlerinnen auf dem Gebiet' des Oratoriumsgesonges,' war'es besonders auch" Susanne Stein, dir eS' in den ' meisterhaft1 vorgetragenen Duetten mit: ihrer' Kollegin gelang, sich' gleichwertig' auf diesem Gebiet zu behaupten.' Die strahlende Stimme Adolf Fischers" (Prag) beherrschte die männlichen Solo-' partlen, während der Breslauer Bassist Leopold Alexander mehr1 durch kultivierten Vortrag als durch tragende Schwingkraft der Stimme wirkte. Das'Publikum brachte allen' Künstlern '■ lebhafte Ovationen dar. ' ■"' '•" Der 'vierte Kfeinkunstabend des K u 11 u r k r e t b e s Breslau bot ein „Nachdenkliches Kabarett".1 Es war eine gut gelungene Hör- und Sehfolgo alten Stils. Der Bühnenbildner-Kurt Leuner hatte durch geschickte Auswahl' bekannter und unbekannter Gemälde den Hihterg|rund' :fürdas Bühnengeschehen geschaffen. Die' junge1 'Chansonsängerin- Eva Boehm, Dr.' Peter" Bach mit seinen '"Liedern zur Laute, ■■ der Könferenzier Alfons Fink und die graziöse Tänzerin Nelly Hirth bestritten das abwechslungsvolle Programm. Am Flügel Erwin JoBpe, der mit seinen Variationen im Gang durch die Musikjahrhundcrtc eine besondere Leistung bot. Der Kulturkrcis schloß mit dieser Veranstaltung sein Winterprogramm. Welche soziale Tat seinen Veranstaltungen neben den künstlerischen Blickpunkten zuzuschreiben iBt, zeigt eine Tabelle im Programmheft. 105 Künstler und Hilfsarbeiter wurden seit dem 3. Dezember 1934 beschäftigt, ein Geldumlauf von 10 701,64 RM. wurde erzielt. Dieser Erfolj» ist ohno jede Hilfsquelle zustandegekommen und zeigt deutlich, wio wertvoll die Institution des Kulturkrciscs ist. R. Ti. Jüdifches Leben in Hamburg Bericht für dio „Jüdische Allgemeine" Hamburg. Oberkantor Kornitzcr wurden anläßlich seines 60. Geburtstages zahlreiche Ehrungen zuteil. Nachdem schon» am vorhergehenden. Tage im Freitagabendgottesdienst des Tempels Rabbiner Dr. Italiener in seiner Predigt auf das segensreiche Wirken Kornitzcrs hingewiesen hatte, sprachen am Geburtstage Herr Daniel' Münden im Wimendes Tempel-Verbandes,1 Dr. Alfred Veis fürden jüdischen Schulverein,' Oberkahtor Gutmann aus Potsdam in* Auftrage des Allgemeinen 'Kantoren-Verbandes und Herr Henry Chassel;'für -dle He'nry-Jöhcs-Loge' ihre Glückwünsche aus. Fünf Kinder, Angehörige der Kantorcnschüle' Kornitzcrs, Bongen ein von Dr. Joseph Jacobsen ihm zu Ehren komponiertes ,jAudecho"i " Die '-Ortsgruppe Hamburgder;,V e r'oi'ni gu n g f ü r d a s liberale Juden tum" hielt ■ ihre ' Generalversammlung ab.' Rabbiner' Dr: Italiener 'Widmete dem verstorbenen früheren Vorsitzenden Jacob' Falk'- Worte des Gedenkens. Die Neuwahl des Vorstandes erf>äb folgendes Resultat: i. Vorsitzender: Robert Isaakson;' 2'.'--Vorsitzender: Dr. Alfred Veis; Schatzmeister! Ign: Mandl- Schriftführer:' Georg Wolf; Beisitzer: Rabbiner Dr; Italiener, Moritz" Falk." - ■■•'••-, . . ' .-,.' , Die „Jüdische Gesellschaft für Kunst und Wissenschaft" gab Erik« Milee| Gelegenheit; -die Leistungen' ihrer Tanzschule - der jüdischen Öffentlichkeit vorzuführen.' Eiri Ensemble-von 35-Kin-