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Jüdische allgemeine Zeitung · 1935-04-26 · 17 (26.4.1935) · page 3

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Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
15 (1935)
Issue
17 (26.4.1935)
Date
1935-04-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Beilage,; 26. April 1935 JÜDISCHE AUGEMHNE ZEITUNG Auszug I Ein Zeitbild Von HELEN HERZ Rcsas täglicher Weg' führte durch diese häßliche enge und laute Straße ohne jeglichen Trortfleck grüner Baume. Heute versperrten mSbeltragonde Männer den ohnehin schmalen Bürgereteig; Resa hielt unwillig an — da fiel ihr Blick auf ein grünes Ripssofa, das grade mit derbem Schwung auf den Wagen geladen wurde. Es war ein altes abgenutztes Sofa, der Stoff orachien in dem grellen Sonnenlicht besonders fadenscheinig, und die Federung war tief eingesunken. In der oberen Reihe woißer Porzcllanknopfo, die die Lehne einrahmten', fehlten die drei mittelsten — Das junge Madchen empfand eine seltsame Bewegung. Unwillkürlich sah sie an dem alten Hause empor, und plötzlich haftete ihr Blick an dem schwarzen Schild: „Klavierunterricht. Emma Lazar, geprüfte Lehrerin." Im nflehsten Augenblick hatte Resa den Flur betreten; der eigentümliche, strenge Geruch einer Lederhandlung durchdrang heute wie vor vielen Jahren dieses kahle Treppenhaus. Resa lief die zwei Stiegen hinauf, wio sie es damals als Kind igetan hatte. Die Tür zu der Wohnung war geöffnet, Menschen gingon aus und ein. Im Korridor stand eine alte Frau und sah furchtsam jeden Fremden an, der die Räume betrat. „Frau Lazar —?" stammelte Resa. „Wünschen Sie etwas zu kaufen?" fragte die alte Frau leise und deutete irgendwo hin ins Lecro: „Bitte sehr — wollen Sie nahertreten — —" „Sie geben Ihr Heim auf?" meinte Resa zögernd. „Sic werden sich jetzt etwas Ruhe gönnen —?" Sie brach ab — der Ausdruck dieser leidvollen Augen beschämte sie. „Ruhe--?" Ein verächtliches Kopfschüttcln. Resa zog die Greisin beiseite; denn man schleppte gcrado einen großen Bücherschrank vorüber. „Sie erkennen mich nicht? Ich bin Resa Rothmann — ich war viele Jahre Ihre Schülerini" - Frau Lazar griff nach Resas Händen: „Die besten Klavier- Enger — ich erinnere mich genau. Meine kleine Resa — immer den prachtvollsten Rhythmus — wie sollte ich das vergesBcnl Aber, mein liebes Kind — wie finden Sie mich wieder)" Sie atmete mühsam: „Dieses Elend! Ich muß alles aufgeben — ich kann nicht länger unterrichten — trotz meiner 69 Jahre — fühle ich mich noch absolut fähig dazu — aber die meisten Schüler sind ins Ausland gegangen, oder sie haben kein Geld mehr — — da ißt die Wohnung eine Last für mich — —nur das Klavier behalte ich, sonst darf ich nichts mitnehmen — — ich. ziehe1. nSmlich' in ein Heim — — ein ,Hcim *—^ —" Sie brach ab, als wenn dieser vertraute Begriff plötzlich seinen Sinn verloren hätte. Resa suchte nach einem tröstlichen Wort. Die alte. Frau ..wandte: sich mit überraschender Hast um und zog Resa mit sich: „Wollen Sie sehen, wie es hier zugeht?" Sofort' waren sie umringt von Leuten, die sich in diesen Räumen bewegten, als wenn es ein kleiner Markt wäre. Die Gegenstände, die auf Tischen und Stühlen herumlagcn, wurden kritisch betrachtet und meist wieder aus der Hand gelogt. Ihr Wert schien sich jedes Mal zu verringern — — Die Wände sahen kahl und fleckig aus, die Gardinen bauschten sich in traurigen Wülsten neben den hingestreckten Stangen am Fußboden, leere Bilderrahmen lehnten wie blinde Wesen an einem Stuhlbein, Geschirr klirrte klagend in den abschätzenden Händen der Fremden — vor den Fensterbrettern häuften sich Stöße von Noten,— —, in trostlosem Durcheinander la'gen die gehüteten Schätze dieses kleinbürgerlichen bescheidenen Daseins nun hervorgezerrt. „Manche kommen täglich —", flüsterte die alte Frau und warf einen zornigen Blick auf einen jungen Menschen, der mit flatterndem gelben Mantel zwischen den Sachen herumschlenderte. „Er will heiraten. Er baut sein Leben auf, und meine 'Vase wird auf seinem Tisch stehen! Von meinen Teilen) wird er essen — —1" Resa betrachtete staunend das erregte Gesicht neben sich, dessen Runzeln sich gramvoll zu vertiefen schienen. „Aber er ist jungt Er hat ein Anrecht auf das Leben!" wollte Resa erwidern. Doch die gekränkte Stimme neben ihr sprach weiter': Jahie 'habe ich gearbeitet, mein Kind — und nun schleppt - man meine Sachen auf die Straße, als wenn ich schon gestorben wäre. Aber ich lebe noch, ich leide noch..." Resa unterbrach behutsam: „Müssen Sie hier den ganzen Tag dabei sein? Ist da. niemand, der.das für Sie erledigen. würde?" Die Alte, nickte: »Ich könnte das gar nicht leisten. Ich stehe ja hier nur so herum. Eigentlich hat man es mir verboten --Das tut alles meine Nichto für mich — dort drüben dio großo Frau mit dem dunklen Haar. Sie ist enorgisch und tüchtig — sie hat auch dafür gesorgt, daß ich in ein Heim komme — —" Als wenn dieses Wort plötzlich wieder alle Furcht in ihr aufweckte, griff sie haltsuchcnd nach Resos Hand: „Würden Sio mich ein Stückchen mitnehmen? Wollen wir fortgehen? Es ist so grauenhaft, diese Auflösung mitanzusehen — —" Ihr Blick folgte von neuem dem jungen Mann, der gcrado eine altmodische Suppenterrine emporhob und sich dann suchend über den Tisch beugte. .' „Der Deckol fehlt — er wurdo längst zerschlagen —", murmelto die alte Frau, und Resa hatte den Eindruck, als wenn dieser Gedanke sio befriedigto — — — Gleich darauf waren sie auf der Straße und näherten Bich einem freien Platz, auf dem viele Bänke um ein Rasenrondcll standen. Eine Fülle bunter Tulpen öffnete sich hier der Frühlingssonne; rcifcnspiclende Kinder jagten über dio kiesbestreiitcn Wege. „Vielleicht werden Sic ganz neue Freuden finden?" sagte Resa. „Ich hoffe, Sio können irgendwo im Grünen wohnen?" Während sie das sagte, fiel ihr dio Aufschrift des Schildes ein: „Geprüfte Lehrerin." Wieviel Prüfungen anderer Art mochten hinter der alten Frau liegen, und noch immer hatte sio sich nicht zur Resignation durchgerungen, noch immer litt sie mit dor vollen Kraft ihrer Seolo — — dachte Resa. „Gewiß, ich werde im Grünen wohnen", sagte dio alte Frau, „aber als ein nutzloser Mensch, ohne Pflichten, zur Bescheidenheit verurteilt. Denn was kann ein unnützer Mensch verlangen? Ach, immer habe ich die Jugend um mich herum gehabt, lernende, ehrgeizige, fordernde Jugend — das war dos Glück meines Daseins --und jotzt?" Resa sah ernst in die fragenden, trüben Augen: „Jetzt gehört dor Kampf und das Recht auf den Kampf uns Jungen, Frau Lazar! Jetzt ist cb an uns, ehrgeizig zu sein — — vobor vielleicht ist es eine andere Art von Ehrgeiz. Glauben Sie mir: 'jeder Tag will von neuem mit eisernem Willen angepackt werden. Niemand von uns kann nur noch nach Beinern Gefallen leben. Wir »müssen allo versuchen, dem Alltag etwas abzugewinnen. Unsere Feiertago sind recht rar gowordon. Ich wollte zur Bühne — meine Stimmo hat sich sehr entwickelt. — —" Sie stockte, ehe sie fortfuhr. „Aber es haben sich so umwälzende Veränderungen, ergeben, daß auch dieser Plan vernichtet wurde — —" Resa versuchte ein Lttcholn: „Meino Schwester und ich haben jetzt ein kleines Schreibmaschinenbüro--nun ja--" Sie 'tholte tief Atem: „Und zweimal wöchentlich gehe ich in den Kinderhort und musiziere mit den Mädchen.--Es ist nicht der großo Traum, aber schließlich — —" Mit einer herzlichen Geste wandte nie sich zu der alten Frau: „Sie sehen ja, daß es wieder Frühling wird — die Natur ist keino Enttäuschung, alles blüht pünktlich', wie jedes Jahr — an diese banale und beglückende Tatsache halte ich mich. Ich glaube nun einmal fest an Sonne und Licht--." Sie war aufgestanden: „Ich muß jetzt laufen, komme schon zu spät, bin zum' Diktat bestellt. Sagen Sie mir Ihre Adresse — ich möchto Sio einmal besuchen I Ich bin sicher, wo Sio auch wohnen werden — — es wird ein Heim soin! Das Klavier begleitet Sie ja — wir werden Musik machen!" Die alte Frau setzte sich sehr grade in ihrer Bankecke: „Wenn ich Sio so höre, liebe Resa, fällt mir ein, was Sie so gerne und so gut gespielt haben: „Aufschwung" von Schumann! Aufschwung — nicht wahr?!" zeigen, besetzte man den Pfarrer mit Willy Buschhoff; Herr Buschoff war nun kein Rabbiner, wie es bei der Besetzung aus dem Ensemble heraus vielleicht der Fall gewesen wäre, aber diesen Komödianten hätte doch ein Pfarrer lehren müssen. Shaws Morell ist aus Berufsroutine, Komödiantenrum und echtem Ethos gemischt, Buschhoff stellte zu sehr das bewußte Eine-Rollc-spiclen des Pfarrers in den Vordergrund. Walther H e r t n e r hat für den Marchbanks die edle Anlage, im stummen Spiel ist er glaubhaft, aber wer hat ihn nur gelehrt, jedes Wort so gleich* mäßi): zu akzentuieren? Er bringt sich durch diese Monotonie um große Wirkungsmögliohkeiten. Dr. Lntz Weltmann. Shaw und Händel „Candida" im Kulturbund Shaw nennt Beine „Candida" ein Mysterium. Ein Mysterium im Lustspielkleid. Der Rationalist Shaw rührt an das Wunderbare: an das Geheimnis, warum die Pfarrersfrau Candida Morell dem jungen Dichter Eugen Marchbanks ihre Liebe nicht schenkt — obwohl dieser sie tiefer erfühlt als ihr Gatte, obwohl sie weiß, daß der Jüngling nach ihrer Liebe friert, obwohl ihre mütterliche Fraulichkeit in ihm bangt, an welche Frauen er geraten werde, weil sie sich ihm versagen muß. Warum versagt sie sich ihm? Weil sie ihren Mann liebt. Diese Frau bewährt ihre Liebeskraft in einem Augenblick, als sie den Gatten schwach gesehen hat,' erkennt ihres Lebens Aufgabo und Wert. Ein Mysterium des Alltags, unter modernen, wenn auch nicht alltäglichen Menschen. In den beiden Männern, zwischen denen Candida, wie Ibsens Meerfrau, in Freiheit und Verantwortlichkeit- Bich entscheiden soll, hat Show Möglichkeiten seines Ichs dargestellt wie Goethe im „Tobso" sich selbst im Dichter Tasso und im Staatsmann Antonio darstellte. In dem Pfarrer Morell hat Shaw den Schriftstoller in Bich, den ins Leben wirkenden, um Besserung der menschlichen Beziehungen in der Gesellschaft bemühten7 Schriftsteller gestaltet, in Marchbanks den Dichter, der um die Geheimnisse des-Daseins weiß, im Leid zur Gabe der Einfühlung reift, dio Grenzen der Vernunft erkennt. Viele Kritiker sind über Shaws Spütwcrko überrascht und" wollen in ihnen öfie Verzweiflung eines Rationalisten erblicken — sie verkennen, daß Shaw auch im Marchbanks so etwas wie ein Selbstporträt entr worfen hat. Der Dichter in Shaw schuf ein Mysterium, von dem das Wort des clsässischen Dichters Rcn6 Schickere gilt, daß „der letzte Ernst' dor Dinge heiter sei", der. Schriftsteller in ihm bediente sich der theatralischen Praxis, seine LebenserkerintnisBe ins Gewand eines wirkungsvollen Lustspiels zu kleiden.- Fritz Jessner gab nur dos Lustspiel, die alten Lustspielfiguren machten sich selbständig, deren Schema Shaw mit neuem Leben erfüllt hotte. Eb fehlte nicht nur dio Tiefe des Hintergrunds, es fehlte auch das 'raumgebende Licht des Mysteriums, das die „Julius Caefar" Handels Opernschaffen stellt auch für den musikalisch Gebildeten im allgemeinen ein unbekanntes Gebiet dar. Man. weiß allenfalls aus der Lebensgeschichte des Meisters, daß bis etwa' , 1740 seine Haupttätigkeit in der Opemkomposition bestand, da&' er sogar selbst zu London ein Opemuntemehmen leitete, aber die Werko selbst kennt man nicht, abgesehen vielleicht von einigen Arien, abgesehen vor ollem von jener Arie aus dem „Xerxcs", dio als „Largo von Händel" unter allen Stücken des . Meisters wohl die meiste Verbreitung erfahren hat, von deren . Opernherkunft aber die wenigsten etwas ahnen. Händel war für. das ganze 19. Jahrhundert und darüber hinaus der Meister des .■ Oratoriums, bis in den Nachkriegsjahren die Abkehr vom roman- ' tischen Musikdrama neben der Mozart- und Verdi-Renaissance auch eine Wiedererweckung der Händeb-Oper brachte, die ihren Ausgang von den Göttinger Händel-Festspielen nahm. , Der „Giulio Cesnrc", 1724 unter Mitwirkung der berühmten Primadonna Cuzzoni in London uraufgeführt, erlebte seine deutsche Uraufführung erst um beinahe zwei Jahrhunderte später: sie fand 1922 in Göttingen statt; später wurde das Werk auch an der Berliner Großen Volksoper gegeben. Es handoll Bich nicht um ein historisches Drama im strengen- Gestalten in wechselnder Beleuchtung modelliert: daß wir Gu>—.Sinne! Handels CocBar ist nicht der geniale Staatsmann, er dida bald mit den Augen Morells und bald mit denen Marchbanks ist Held und Liebender schlechthin. Dio Musik bemüht sich weder sehen, Morell bald ■ mit denen Marchbanks, bald mit denen Candidas —'■ wahrend im Dichter Marchbanks jugendliche Verzücktheit sich zugleich in Geistigkeit äußert und der Schwiegervater den Roisonneur und Chorus abgibt. Jessner stellte komische Situationen heraus, wo nur die Heiterkeit des Lebens aus dem Ernst des Daseins hervorlugen dürfte. Selbst bei einer an sich so überzeugenden Besetzung wie Jenny Schaffor kam die Marchbanks-Candida zu kurz. Sie strahlte gereifte Fraulichkeit aus, man glaubte ihr, daß ein Achtzehnjähriger sich in sie verlieben konnte, aber sie setzt wie ein Coward-Weibchen ein, 'das mit einem jungen Menschen flirtet, und sie findet aus diesem falschen Einsatz im Salon-Ton zwar zu dem lebensbejahenden Weibsein, aber sie bleibt dann Frau Pfarrer Morell, ohne den prttraffaelitischon Glanz einer Madonna für Marchbanks abzugeben. In dem richtigen Bestreben, dem Publikum auch neue Gesichter s*l um psychologische Charakterisierung noch um eine historische Atmosphäre, sie verkörpert vielmehr in monumentaler Weise zeitlose menschliche Leidenschaften. Jn den Rezitativen liegen die eigentlichen dramatischen Effekte, während in den Arien und Chören in einer stilisierten Art, dio an das klassische Drama mahnt, die Empfindungen der handelnden Personen Gestalt gewinnen. Die Fülle herrlichster musikalischer Eingebungen, in denen das geschieht, stellen den „Caesar" ebenbürtig neben die großen Oratorien; es erschließen sich , ganz neue Züge des Meisters, dessen künstlerische Reichweite sich hier erst ganz, offenbart. Mit der Aufführung dieses Werkes hat Bich die Künstlerhilfe ein nicht hoch genug zu schätzendes Verdienst erworben. Errist Ewald Gebert, der eine Konzertfassung mit den nötigen Kürzungen und den dadurch bedingten tonartlichen Modifikationen Bad Kissingen , praktizieren wie bisher SanltMs-Rat Dr.P. 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