Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 15 (1935)
- Issue
- 17 (26.4.1935)
- Date
- 1935-04-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Um Weg jffidifcber Jugend Zn Hermann Geraons Schrift „Werldeute" Gegen Ritualmordhetze Maßnalimcn «Ich litauischen Innenministeriums Kaunas. Die seit einiger Zeit insbesondere im Kreis Tauroggen getriebene Ritualmordhot z'ö hat die Rabbiner der dortigen StOdtcbcn veranlaßt, den Rabbinerverband in Kaunas um Einschreiten bei den Behörden zu ersuchen. In einer misfülirliclicn Denkschrift hat der Kaunascr Oberrabbiner Schapiro dem Innenministerium die Logo im Gebiet von Tauroggen dargelegt. Der Innenminister hat daraufhin an die lokalen Behörden im Kreise Tauroggen Instruktionen erlassen, in denen strenge Maßnahmen zur Aufrcchterhaltung von Ruhe und Ordnung befohlen werden. Insbesondere wird angeordnet, daß der V c r - breitung aufreizender Flugblätter mit Darstellungen blutender Christenkinder, denen „zu Ritualzwcckcn" Blut entnommen ' wird, sofort Einhalt geboten werde. Ein Donkfchreiben > Oslo. Eine jüdische Familie in Stavanger hatte elf Frauen; von dem verunglückten deutschen Dampfer „Dresden" aufgenommen, verpflegt und mit Kleidung versorgt. Der deutsche Gesandte in Oslo gab in einem Schreiben seiner Dankbarkeit Ausdruck. Er erhielt die Antwort: „Wir sind Juden und Menschenliebe ist höchste Pflicht des Judentums!" , Die Schilder „Deutfehes Gefchäft" Der Präsident des Werberates der deutschen Wirtschaft weist im Einveraehmen mit dem Reichsministcr für Volksaufklärung und Propaganda darauf hin, daß in letzter Zeit von unzuständiger Scito die Frage der besonderen Kennzeichnung deutscher Geschäfte aufgerollt wird. Er betont, daß vor Erlaß einer, allgemein gültigen Regelung die willkürliche Verwendung derartiger Schilder und Bezeichnungen unerwünscht ist. „Germania" bei nichturifchen Firmennamen Die „Berg. Mark. Zeitung", Wuppertal, schreibt:* Die veränderte Auffassung in RaBsenfragen wirkt sich immer stärker auch in denjenigen Rcchtsgcbictcn aus, die anscheinend mit der Bassenfrage weniger in Zusammenhang stehen. Wahrend früher der Registerrichter anstandslos die Eintragung nichtarischcr oder ausländischer Firmen vornahm, die in ihrem Namen den Zusatz „deutsch" enthielten, haben sich in den letzton Monaten die Falle gemehrt, in denen derartige Eintragungen abgelehnt wurden. Heute kann man bereits von einem festvcrwurzcltcn Brauch auf diesem Gebiete sprechen, nachdem das Wort „d e u t b c h" nicht mehr als farbloser Zusatz gilt, sondern auf die rassische und völkische Eigenschaft der Firmeriinhobcr hinweist. In einem soeben beendeten Verfahren wurde vom Kammergericht die Frage geprüft, ob dasselbe auch für daB Wort „G e r m a n i a" gelten soll. Das Kammergericht ist im Gegensatz zu einer unteren Instanz zu einer anderen Auffassung gekommen. Es hat die Ansicht ausgesprochen, daß auch nichtariacho Firmen sich des Zusatzes „Germania" bedienen können, da hieraus nicht auf die rassische Zugehörigkeit des Inllabers zu schließen ist. Die Notlage der Wiener Juden Im Spiegel der Finanzgebarung der Jüdischen Gemeinde Wien. In der letzten Plenarsitzung des Vorstandes der Wiener Kultusgcmcindc wurdo der Rechnungsbeschluß für dos Vcrwaltungsjahr 1934, der vom Finanzreferenten Vizepräsident Dr. Löwcnhorz erstattet wurde, zur Kenntnis genommen. Nach diesem Bericht haben die Gesamtausgaben der Kultusgemeindo im Verwaltungsjahr 1934 6 481334,36 Schilling betragen und somit den Voranschlag um 540 924,36 Schilling überschritten. Die Difforcnz konnte, da der Vorstand rechtzeitig die durch die allgemeine wirtschaftliche Lage bedingte ungünstige Entwicklung erkannt hatte, durch den 20prozcntigen Zuschlag zur Kultussteuer, den die Gemeindemitgliedor auf Aufforderung des Vorstandes freiwillig geleistet haben, sowie durch andere Maßnahmen gedeckt werden. Die ungünstige wirtschaftliche Lage der jüdischen Bevölkerung hat aber auch eine starke Inanspruchnahme der Fürsorgeeinrichtungen der Gemeinde herbeigeführt, die im abgelaufenen Jahre einen Ausgabeetat von 2 880 957,89 Schilling erforderten. Hingegen sind die Eingänge an Steuern gegenüber dem Jahre 1933 um mehr als 150000 Schilling zurückgegangen und betrugen nur noch 2 230138,12 Schilling. Dio Gesamtsumme der Einnahmen der Kultusgemeinde i. J. 1934 betrug S 6462 333,75. Wie in derselben Sitzung berichtet wurde, betrug die Zahl der Trauungen, dio in den Wiener Gcmcindctempcln i. J. 1934 vorgenommen wurden, 725,die der Ehetrennungen375. Auf den Friedhöfen der Kultusgemeinde haben 2475 B e e r d i - g u ug'o n stattgefunden. Das Krankenhaus der Kultusgemeinde weist insgesamt 114 794, die VorsorgungsanBtalt 168 486 Vcrpflegungstago für Kranke und Personal uub. Das Kinderkrankenhaus-Ambulatorium hatte 2255 Patienten. Dio Zahl der G e - burton betrug 740, die der Sterbe fülle 2557. Aus der israelitischen Religionsgemeinschaft sind wahrend des Jahres 626 Personen ausgetreten,, 500 Personen haben ihren Eintritt bzw. Rücktritt angemeldet. Die Kultusgemeinde hot in der Darlehenskasse für kleine Gewerbe- und Handeltreibende 428 zinsenfreie Darlehen gewährt. Das Elend unter der jüdischen Bevölkerimg ist so stark gestiegen, daß die Pessach-Aktion der Kultusgemeinde diesmal in bedeutend größerem Umfang durchgeführt werden mußte, als man nach den Erfahrungen der lotzten Jahre erwarten konnte. An bedürftige Gcmeindemitglieder wurden. 3500 Lebensmittclplakatc (um 1000 mehr als im vorigen' Jahr), an Mazzoth 1500 kg (um .500 kg mehr als im vorigen Jahr) verteilt. Außerdem werden große öffentliche Speisungen vorgenommen. In besonderen Fällen wurden Gemeindemitgliedern auch Bargelduntcrstützungcn gewährt, und zwar in einem viel höheren Ausmaß als in früheren Jahren. Die rituelle Osterverpflegung der jüdischen Gefangenen und Insassen von Krankenhäusern und Heimen wurde sichergestellt. Mit dicBcr Schrift (erschienen 1935 im Kommissionsverlag Kcdcm) verabschiedet sich ein jüdischer Bund aus einer Situation, die bis zum Jahre 1933 noch die seine war. A1b Teil der deutschjüdischen Jugend, die seinerzeit die Nachfolge der „Kameraden" antrat, sind die „Wcrklcute", wie sie selbst bekennen, „nicht von einer jüdischen Fragestellung ausgegangen". Mit der Zeit verschob Bich der Akzent und wechselte immer deutlicher von der deutschen zur jüdischen Arbeit hinüber. Unter dem geistigen Patronat einer Persönlichkeit wie Martin Büber, dessen Einfluß auch in dem Buch Gersons spürbar iBt, ist man zwar nicht zionistisch, aber doch im Jüdischen so sensibol geworden, daß man bei aller Anerkennung der Fruchtbarkeit der Assimilation — die Art des persönlichen Empfindens, die Art der persönlichen Reaktion auf „ipsrpnf Jtrsiu jipru" oie op 'puojduia „pnrwj" spr oe9iui|oipnaj) war.' Die ,',Willenskraft zur Rückkehr" hatte somit zunächst sentimentale Gründe (im besten Sinne übrigens) und nicht sofort politische. Wille zum Judentum war Wille zur Ganzheit, somit nicht so sehr ein Boziologisch-gcistiges Motiv als ein psychologisch-jugendliches. Unbedingthcit und „Offenheit gegenüber dem Geschehen" kennzeichnen diese Menschen, die den Geist echter Bündischkeit so stark lebten wie kaum andere. Lieber „Ungläubige aus Ehrlichkeit" als Gläubige kraft Schwärmerei. Bekenntnis und Verwirklichung mußten gleichen Schritt halten. Solange ihnen die Galuth die Einsatzmöghchkcit nach ihrer Auffassung bot, blieben sie und lehnten es ab, Zionistcn zu sein. Warum? „DaB ging nicht. Wir können nur geistig bejahen, was wir verwirklichen." Erst 1933 zweigte der Weg ab zum Kibbuz. Aber er verlief anders als dor der übrigen Ncuzionistcn, ganz einfach darum, weil diese Menschen ihr Judentum vor ihrem Zionismus entdeckt hatten. Nichts anderes will das Buch aus der Feder des BundesführcrB zeigen. Und trotzdem ißt es weit mehr ab eine Selbstdarstcllung. Von Anfang bis Ende spricht aus ihm jene Bescheidenheit, Gewissenhaftigkeit, jener große Ernst, der diese ganze Bewegung charakterisiert und ein Wille, der nicht spricht: So bist Dul, sondern: So sollst Du scinl Es ist kein politisches Buch, sondern ein pädagogisches. Darin Bteckt sein großer Vorzug und —• seine große Schwäche. Sein Vorzug: denn es spricht zu aufgeschlossenen und mißtrauischen, schwärmerischen und intellektuellen, aber immer zu jungen Menschen und immer zu solchen, dio wie „verlorene Söhne" außerhalb der Tradition stehen. Hier gibt es nur eins: rückhaltlose Ehrlichkeit in dor Analyse der Situation und größte Behutsamkeit in der erzieherischen Neugestaltung. Beides versucht Gcrson. In der Kritik freilich oft etwas zu einseitig, fruchtbar aber selbst für Andersdenkende, wenn es an das Pädagogische geht. Eindrucksvoll, wio er die Begegnung mit dem Religiösen versucht. Hier verzichtet er bewußt und völlig richtig auf den Gowoltstreich des PathoB, mit dem tatsächlich auch bisher mehr verschüttet als aufgelockert worden ist. So sagt er zum Thema der religiösen Erziehung: „Wir können darunter nicht die Eingewöhnung in ein System von Satzungen und Übungen meinen; nicht' die Erziehung zum Synagogenbesuch und zur Pietät um ihrer selbst willen. Wir sind davon überzeugt, daß es keine direkte religiöse Erziehung gibt, keino Möglichkeit einer Unterweisung, die direkt zu Gott führt. Allo religiöse Erziehung ist eine indirekte, sie kann die Kräfte, welche eine gläubige Haltung tragen, zu entfalten suchen . . . Auf dem Wege zu jener letzten Ausrichtung und Bindung des Lebens, die von Gott her geschieht, ist jeder ein einsamer Wanderer." Der Weg der Werkleuto zum Anschluß an die Tradition, jene „innere Einwurzclung im Jüdischen" führt in uncrbittb'chcr Strengo und wortgetreuer Gründlichkeit übor das L o r n c n. Gcrson gibt hierfür die methodische Anleitung, wie überhaupt Bukarest. (Ita.) Obwohl über Bukarest der Belagerungszustand verhängt ist, haben Bich in der letzten' Zeit immer wieder Uberfülle von Gruppen antisemitischer Studenten auf jüdische Passanten ereignet. Die an diesen Ausschreitungen beteiligten Personen wurden in der' Regel nach kurzem Verhör wieder freigelassen. Es wird berichtet, daß die Studenten den in früheren Jahren geübten Brauch, jüdische Passagiere in den Eisenbahnzügen anzugreifen, weder aufgenommen haben. Hierbei soll ein Judo aus einem fahrenden Eiseubahnzug geworfen worden sein. Die Repräsentanz der Union rumänischer Juden hat zu diesen Vorfallen dem Ministerpräsidenten Tatarcscu ein von ihrem Vorsitzenden Dr. W. Fildermon und dem Generalsekretär M. Zcltcr- Saratcanu unterzeichnetes Memorandum überreicht, dem Auszüge aus antisemitischen Hetzartikeln als Bewcismaterial beigelegt sind. In der Denkschrift wird u. a. ausgeführt: „Obwohl die Verfassung allen Staatsbürgern, ohne Unterschiedvon Religion, Rasse, Sprache oder Herkunft gleiche Rechte und allen liistorischcii Konfessionell den gleichen gesetzlichen Schutz zusichert; obwohl das Strafgesetzbuch und das Gesetz zum Schutz der Öffentlichen Ordnung Aufreizung zum Haß eines Teiles der Bevölkerung gegen einen anderen unter Strafe stellen; obwohl das Gesetz zur Regelung des allgemeinen Statuts der Konfessionen ebenso wio die vorangegangenen Gesetze gegen eine Religion gerichtete Schmähungen unter Straf Sanktion stellt; obwohl das öffentliche Tragen bestimmter Abzeichen verboten ist; obwohl wir in Bukarest unter dem Regime der Zensur und des Belagerungszustandes leben, erfreut sieh die antisemitische Presse eines unverständlichen Privilegs^ dessen Spuren in den Geschehnissen zu 6chcn sind, die dio Hauptstadt in den letzten Tagen in Unruhe versetzt haben, während sich die öffentlichen Sicherheitsorgane als absolut unzureichend beim Schutz der Bürger erwiesen haben." Nach einem Hinweis auf die Angriffe der antisemitischen Presse gegen daB Alt© Testament, das als „teuflisches Gesotz" bezeichnet werde, auf dio Verbreitung der Ritualmordlegcndo wird darauf aufmerksam gemacht, .doß dio Zensur offcilbar dieso Blätter nicht beachtet, da keines von ihnen die erwähnten Verfassungsbestimmungen und Gesetze respektiert. In unmittelbarer Nähe der Polizeipräfektur, im Zentrum jeder scinor drei Aufsätze ungeheuer Wesentliches zum „Wie" der geistigen Gestaltung sagen, Wenn auch weniger zum „Wie weiter" der politischen Entwicklung. Absichtlich übrigens. Unverkennbar in ollen Aufsätzen ist der Protest gegen dio oberflächlichen Sakularisierungserschcinungen im Zionismus, gegen die Normalisierung der geistigen Haltung, gegen die „Auffassung des Jude-Seins unter rein naturhaften Kategorien biologisch-rassischer Art", gegen jene „Vcräußcrlichung und proklamatorischo Fdrmalisicrung", wio sie der Revisionismus am deutlichsten verkörpert. Das Lernen soll als. „stärkste mögliche Sicherung gegen allo diese Gefahren innerhalb des jüdischen Nationalismus" dienen. Daß solche Erziehung fruchtbar sein wird, bezweifeln wir nicht. Aber die Wirkung wird in kleinem Rohmen bleiben. Sic wird Eigentum und Eigenheit eines kleinen Kreises werden, des Bundes, auf den sio sich mit voller Absicht beschränkt. So wie Gcrson sagt: „Man kann da sein für einen bestimmten Kreis von Menschen, den man wirklich innerlich fassen kann, und man kann nur einige wenige lieben." Die „Wcrklcute" bemühen sich, eine Elite zu werden, und wir sind überzeugt, daß es ihnen im Bezirk des Menschlich-Geistigen gelingen kann; ob Bio aber im Kraftfeld der politischen Entscheidung eine Rolle spielen werden, scheint uns sehr zweifelhaft, und wenn sie so ehrgeizig sind, auch das zu glauben, so werden sie cino große Enttäuschung zu fürchten haben. Zionismus ist, so wie die Dinge heute liegen, zunächst eine politische Frage und Palästina, ein Land im Aufbau, nicht minder. Die agierenden Kräfte sind politischer Art, und wer das Land bebauen will, muß wissen, nach welchem (Vcrtcilungs-) Schlüssel das geschehen soll. Zur Frage der Praxis (übrigens auch der religiösen) sagt aber das Buch bo gut wio gar nichts, sondern begnügt sich mit wenigen sparsamen Andeutungen. Unser politischer Weg im Lande ist in den Einzelheiten noch nicht bestimmt . . ." Sonderbar, aber doch bezeichnend, daß die Bewegung, deren „Tendenz auf Verwirklichung" geht, denen der Alltag wichtiger als der Jaumtauf ist, zu den konkreten Fragen der Wirklichkeit, dio sie erwartet, das Wort noch nicht gefunden hat und — vielleicht auch nicht finden wird. Denn das Palästina von heute wenigstens spricht — noch? — eine andere Sprache und seinen Menschen, die eine Nation bauen wollen, steht der Nationalismus, auch in seiner überspitztesten Form wie im Revisionismus, näher als die Welt der Bibel. Gereon weiß es vielleicht. Trotzdem oder gerade deswegen liegt ihm, scheint's, mehr an eines neuen Jawnc als am Emck und an Tel Awiw. So ist sein Buch ein guter Leitfaden für eine Wirklichkeit, die einstweilen wenigstens noch nicht existent ist und für Menschen, dio sich in einem politischen Streit vorläufig ohne eigene politische Waffen bchelfcn müssen. Ob sie sich — einmal aus dieser Präparandi entlassen — an Ort und Stelle bewähren werden, steht^dahin. Wir wünschen es; denn es wird ihnen und Polästina zum Segen sein. Wir haben uns mit dem Buch, daB — so gesehen — eine. Anleitung für Zionistcn in der Galuth eher ist als für solche in Palästina, an anderer Stelle bereits zum Teil auseinandergesetzt. Unsere Vorbehalte bleiben bestehen. Aber sie verbieten uns nicht den Respekt vor einer Gemeinschaft, dio die Leistung vor die Zahl setzt, vor einer Haltung, die die Echtheit vor die Uncrschüttcrlichkcit stellt, vor einer Gesinnung, dor das Ziel so wichtig ist wie der Weg, der zu ihm führt. Manches in der jüdischen Arbeit ist uns gemeinsam, vieles verschieden. Aber was uns immer wieder versöhnt, das ist der tiefe menschliche Ton in allem, ein Grundklang, der noch zu jedem sprechen kann, der sich die Unbefangenheit bewahrt hat, die unserer Zeit fehlt. H. K. der Hauptstadt, seien in den letzten Tagen, so heißt es in der Denkschrift weiter, Passanten angegriffen worden. Wenn auch aus dem amtlichen Kommunicruc hervorgeht, daß eine Anzahl Verhaftungen vorgenommen wurde, müsse doch betont werden, daß es weniger die Aufgabe des Belagerungszustandes sei, Unruhen zu unterdrücken, oIb ihnen vorzubeugen. Dieselbe Hetze wie in der Hauptstadt werde auch in der Provinz getrieben. Die jüdische Bevölkerung sei tief beunruhigt, nicht nur infolge der Tatsache, daß es zu derartigen Ausschreitungen kommt, sondern vor allem deshalb, weil keine Voi. beugungsmaßnahmen getroffen werden, obwohl dies im Hinblick darauf, daß dio Personen, von denen die Agitation ausgeht, allgemein bekannt sind, sehr leicht wäre. Zum Schluß heißt es in dem Memorandum: „In dieser ernsten Stunde appellieren, wir an Sic, Herr Ministerpräsident, und bitten. Sio, anordnen zu wollen, daß die Gesetze des Staates angewandt werden und daß der Belagerungszustand sich auch in den Fällen, wirksam erweise, in denen es sich um den Schutz des Lebens der Juden handelt; daß die Zensur auch dann wirksam sei, wenn es sich um Drohungen gegen die Juden handelt." Emil Pineas -wird gefeiert Dem hochverdienten Kämpfer der JeUgiös-liberalcn BcwcpunR, Emil Pincus, wurdo am 20. 'April eine würdige Feier seines achtzigsten Geburtstages bereitet. Der Sabbatgottlesdicnat der mit festlichem Grün geschmückten Synagoge Lützowa t r aß o stand im Zeichen dieses Ereignisses. Der Gefeierte fungierte Belbst als Vorsteher, or wurde alB orstor zur Tora aufgerufen, und in seiner Ansprache gedachte Rabbiner Dr. Wiener des Jubilars. Am Endo des Gottesdienstes beglückwünschte ihn Direktor Heinrich Stahl namens des Gemeindevorstandes, Rechtsanwalt Dr. Alfred Klee ehrte in seiner Ansprache den stets vornehm" handelnden Gegner aus der Repräscntantcnvcraammlung, der immer energisch, oft mit treffenden schalkhaften Bemerkungen, seine Ziele zu verfolgen mußte; Rechtsanwalt Dr. Wolff gratulierte namens des Vorstandes der Synagoge Lützowstraße dem Mitarbeiter und jahrzehntelangen Gottesdienstbesucher, und Herr Max Klein überbrachte dem Jubilar mit seinem Glückwunsch die Ernennung zum Ehrenmitglied des Synagogenvoreins. Der Gottesdienst und die Feier, wurden verschönt durch den zu Herzen gehenden Gesang des Oberkantors Hanns John und die Leistungen des auf Anregung des Jubilars geschaffenen Knabenchors. Unter den Besuchern des Festgottesdienstes bemerkte man zahlreiche Mitglieder der liberalen Fraktion der Berliner Rcpräsentantenvcrsammlung und Vorsteher der übrigen Gcmeindesynagogen. Überfälle trotz Belagerungszustand Die Lage der ruinünifcheii Juden — Aiitifemitifche Angriffe unter den Augen der Polizei — Denkfchrift an den MiniAerprufidenten \