Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 15 (1935)
- Issue
- 17 (26.4.1935)
- Date
- 1935-04-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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BERLIN 26. April 1938 PREIS 25 PF. Nr. 17 / 1S. Jahrgang JUDISCHE AUGEMHNE 8ohriftloitung und Geschäftsstelle: Berlin W 16, Dblandstr. 158. Fernruf: JB Oliva 6968. Bankkonto: Kredltvoroln für Hahdol und Gowörbo cGmbH, Berlin N , 24.— Be«ng-spfois: RM. 1,— monatlich («uxflgl. BM. 0,10 ZeitnngBgobühr and BostellRold), boi StroifbandTCrtand miBgl. BM. 0,80. Vorlng: Vorlagagononsonsohaft in Doutsohland anaa«»igor Juden eu Berlin oGmbll., Berlin W16, Dhlandatr. 168. Anielgonpreiao: Dio l2go»palteae r mm-Zcilo BM. 0;16, f. Familienanieigen BM. 0,10, f. Stellongeanoha BM. 0,08. , Bei unTOrechaldotor Niohtbeliofernng besteht kein Anspraoh auf Vergütung. NEUE F OLG E DER J O P I S C H -LI B E R AlEN Z E I T U N G ' Aus Ägypten zum Sinai Von HEINRICH STERN Der mächtige Akkord, mit dem das Pessachfest die Reihe der jüdischen Monate einleitet, iat verklungen. Es ist das Große an unserem Fest, daß es — tief erschütternd schon durch die zugrundeliegende historische Begebenheit — weit über seine geschichtliche Grundlage hinausreicht, daß sich an das Pessach der Vergangenheit in den Gedanken der Feiernden das Pessach der Zukunft immer anschließt? Auf die Erzählung, welche die ersten Tage, besonders die Sederabende* beherrscht, folgt in den letzten Tagen die Auswertung des ungeheuren Erlebnisses unserer Väter für das eigene Schicksal; auf die Erinnerungen, die zugleich glorreich und niederdrückend sind, folgt der hoffnungsfrohe Blick ins Weite. Diese letzten Tage sind, erfüllt von dem Gottesgeschenk, das nicht nur •unserem Volk, sondern der gesamten Menschheit zuteil wurde, von der Vermählung des göttlichen Geistes mit dem menschlichen Geschöpf Wenn das Pessachfest mit dem großartigen Ausblick des Jesaja auf das messianische Zeitalter schließt, so heißt es von dem Sproß Davids: „Wenocho oIown ruach adaunoj"— auf ihm ruht der ewige Geistrder als. ein Geist der Weisheit 'und der Einsicht, ein Geist .des Rates und der Kraft,* ein Geist der Erkenntnis und der Gottesfurcht näher gekennzeichnet wird. Nicht als Herrscher gegürtet und gerüstet, tritt der Messias der Menschheit auf, sondern als Träger des Gottesgeistes. Noch mächtiger vielleicht als der trostvölle und erhebende Ausblick auf „die letzten Tage" ist die Vision des Propheten Ezechiel, die die Väter unseres Gottesdienstes als Vorlesung für den Sabbat des Pesaachfestes ausgesucht haben. Es ist die großartige Schau des Propheten über das Totenfeld, die Vision, wie der Geist des Ewigen — hier wahrhaft in seiner doppelten Bedeutung.als Geist und Sturm — von allen'vier Ecken der'Erde daherbraust und die toten Gebeine zu lebenden Menschen umschafft. Es gibt kaum ein gewaltigeres Bild in unserem an dichterischem Erleben nicht armen Buche als die erschütternden Worte: „Da sprach der Ewige zu mir: Weissage über diese Gebeine und sprich zu ihnen: Ihr verdorrten Gebeine, vernehmt das Wort des Ewigen! . . . Wahrlich, ich will Geist in Euch bringen, daß Ihr lebendig werdet!" Auch uns mutet heute die Erklärung, die Gott dem. Propheten gibt, daß dieser Haufen verdorrter Gebeine das ganze Haus Israels darstellt, und daß ein " Brausen von allen Winden herkommen mußte, um aus diesen Gebeinen lebendige Seelen zu machen, an, als wären die Worte an uns selbst gerichtet'. Gewiß, eB ist in diesen letzten Jahren mit ganz anders erschlossenem Herzen gerade das Pessachfest gefeiert worden. Die geschichtlichen Parallelen in all ihrer Bitterkeit und Größe wurden gezogen. Die kindlich erhabene Symbolik des Festes am Familientisch sprach zu vielen mehr als früher und sagte ihnen vieles mehr als früher. An uns aber ist es heute zu sagen, daß mit dieser geschichtlichen Parallele, mit dem bloßen Erinnern ' nichts getan ist. Der uralte Ruf des Vorabends: „Ziehe aus und lerne!" ist erst zum kleinen Teile befolgt. Ist das Pessachfest für uns nichts weiter als eine Erinnerung, so erschütternd sie sein mag, nichts weiter als ein Anlaß, gemeinsam um den Tisch herum zu sitzen, zu gedenken, zu singen und zu hoffen, so hat das'Fest hur eine AugenbUckswirkung. getan. Uns ist. heute mindestens so not, das Gotteswort, das an den- Seher über das Knochenfeld ergangen ist, in uns lebendig ' werden zu lassen : „Von den vier Winden wehe herbei, Geist, und wehe . diese Beine an, daß sie lebendig werden!" V Wir treten nun wieder in den Alltag6 ein. -JDie Sederschüssel wird verschlossen, an die Stelle des feierfägigen „Brotes des Elends" tritt wieder'das Brot des Alltags. Soll wirklich wieder alles zum Alltag werden? Das ist es, was ich befürchte, und was gerade die Besten unter uns befürchten müssen. Das ungeheure Erleben der letzten zwei Jahre hat einen Augenblick die morschen Gebeine lebendig gemacht, so daß es aussah, als sei etwas von dem Sturmwehen göttlichen Geistes in uns gekommen. Ich fürchte gar sehr, daß schon wieder die Totenruhe über dem Beinfeld eingekehrt ist. Gewiß, ein kleiner Kreis, namentlich lunger Menschen, versucht, den Sturmgeist in sich lebendig zu halten, aber für einen sehr großen Teil anderer ist aus dem Schicksal schon wieder Gesprächsstoff, bestenfalls Arbeitsstoff geworden, mit dem man sich abgibt, und den man dann wieder für eine Weile liegen läßt, um sich wieder mit ihm abzugeben. Wir sind auf dem besten Wege, wieder zum Gele gen - heitsJudentum zurückzukehren. Die Einheitlichkeit der Haltung nach außen und innen, die Würde des Ernstes, die eine Zeitlang auf uns lag, droht sich zu.verflüchtigen. Auf den Straßen und in den Lokalen des Alltags finden sie sich wieder zusammen, die viel Schwätzenden, die Geschäftigen. Und das schlimmste, was wir erleben, ist, das wieder allerlei Parteien auftäü'eheir, die aus dem, großen Brand; der uns zu einem unlöslichen Ring zusammenschmieden sollte, wie an einem kleinen Kochherdfeuer ihre eigene Suppe kochen möchten. So lebendig sie nach außen scheinen, in Wirklichkeit sind sie nichts anderes als Totengebeine, die klappern und rasseln, ohne daß der Geist sie durchweht! Wer wirklich etwas Von diesem Ruach in sich fühlt, der vom Sabbat Pessach bis zum Sabbat Chanükkah das ganze Jahr durchbraust, der kein Intellekt und Kalkül ist, sondern der ewige Geist, der sich nach der Schau des Propheten „seinen Körper baut", — der kann heute die Frage nach unserem Schicksal nicht mit dem schrecklichen Wort verbinden, das jetzt sogar schon in jüdischen Blättern aufgetaucht ist, mit dem Wort von der Liquidation des deutschen Judentums-. Es" gibt Menschen, die immer fertig äuidj einen Strich zu ziehen und zu addieren, um ihr großes Plus in die Tasche zu stecken. Diese ewig Fertigen sind auch stets liquidationsbereit, weil bei ihnen alles ohne Rest aufgeht. Diejenigen aber, die das Gefühl haben, Träger eines Schicksals zu sein, die wirklich den Ruf des Geistes in sich, haben ergehen hören, die können ihr Judentum nirgends liquidieren. Sie können gezwungen werden, gezwungen zum Schweigen, gezwungen, sich zu beugen; wozu sie aber nicht gezwungen werden können, das ist, von dem Geist sich zu trennen, ehe sich der Geist von ihnen trennt. Ganz gewiß müssen wir heute mehr als je für jeden einzelnen Körper, für jedes einzelne Leben unter uns Sorge tragen. Wollen wir aber nicht nur einige Tausend Menschen am Leben erhalten, sondern wollen wir auch eine Gemeinschaft, des Judentums am Leben erhalten, dann müssen wir uns von dem Geist Gottes durchwehen lassen, der zwar ewig fließt, aber nicht ausgeschüttet werden kann. Es ist der Geist, der aus Ägypten zum Sinai, von Pessach zum Schowuaus führt. Diesen Geist aufrecht zu erhalten, gerade zwischen den Festen, gerade im Alltag, gerade beim Zug durch die Wüste, das ist die Aufgabe unserer Generation. Wir wollen das Feuer lebendig erhalten, aber nicht „liquidieren". Eine lHofes-Statue in Prag Prag. Das tschechoslowakische Sohulministorium hat die berühmte Moses-Statue von F. Bilek der Präger Stadtgemeindo zur Verfügung gestellt. Die. zwischen dem SchulmiAisterium und der Gemeinde Prag geführten; Verhandlungen sind sooben zum Abschluß gekommen. Es wurde beschlossen, die Aufstellung gegenüber der AI t-Neu - Schul in der Pariser Straße zu empfehlen. . ~" . Infolge der Feiertage erscheint diese Nummer der „Jüdiscjien ■ Allgemeinen" in verringertem Umfange. Gruiidfätzliclie Neureglung? Die Frage städtischer Subventionen für jüdische Schulen Vom „Deutschen Gemeindetag" wird mitgeteilt! „Es waren bei den Gemeinden Zweifel darüber entstanden, wieweit im nationalsozialistischen Staat noch dio alteren Bchulrechtlichcn Bestimmungen weiter gelten, welche die gemeindlichen Sclmlunterhnltungatrüger verpflichten, für jüdische Schulen und jüdischen Religionsunterricht Kostcnboihi1fe leisten. Es wird dio Auffassung ' .._..... _. ______ ________ _.Q , daß es Sacho der jüdischen Gemeinden oder Schulsozicttten ist, die erforderlichen Mittel aufzubringen. Dom Bteht entgegen, daß die bisherigen gesetzlichen Bestimmungen über die gemeindliche Beitragspf licht noch nicht aufgehoben, formal also noch in Geltung sind. Für den Prcußischon Staat als Bolchen bestand eine gesetzliche Verpflichtung zur Bereitstellung der von ihm für jüdischen Religionsunterricht früher hergegebenen Mittel nicht. In einer Klagesache der Synagogcngemeindo gegen die Stadt Hannover hat unlängst das dortige Bczirksvcrwaltungagcricht dio Zulussigkeit des Verwaltungsstreitverfahrens verneint, weil <lie jüdische RoUttionsschule, für welche dio Weitergewßnrung der Konununalbeinilfe beantragt wurde, nicht als eine der allgemeinen Schulpflicht dienende Schule angesehen werden kdnne. Das Gericht hat dio Klage aber auch deshalb abgewiesen, weil in dem Gesetz von 1847, auf das der Anspruch sich gründet, bestimmt lBt, daß in Ermangelung einer gütlicher Vereinbarung die Höhe der Beihilfe von dem Minister der geistlichen usw. Angelegenheiten und des Innern festzusetzen sei. Dabei sei aber nicht daran gedacht, daß die Minister nur über die Höhe der Beihilfen zu entscheiden hatten und daß ihnen die Entscheidung über den Grund des Anspruchs entzogen sein sollte Vielmehr Bei die Entscheidung in vollem Umfango den Ministem übertragen. Die Synagogengcmeindo hat Revision eingelegt, die Entscheidung des OberverwaltungBeingelegt, die Entscheidung des" Obcrverwaltungsgorichta steht—noch, aus. - - Man darf im übrigen wohl annehmen, daß sowohl wegen des jüdischen Volksschulwesens, wie auch wegen der E-*~:li—" jüdischem Roügjonsuntemcht von Rec'ntwegen < satzliche Neuregelung erfolgen wird." Ralfe und Schule Dr. Groß fordert Absonderung der Fremdrossigen Im Anschluß au dio jüngsten- Erlasse des Roichserzichungsministera veröffentlicht der Leiter des Rossonpolitischcn Amtes der NSDAP., Dr. Groß, eine Betrachtung über die Forderungen, die dor nationalsozialistische Rassegedanke an das Schulwesen zu stellen habe. Er weist, wie wir der „Frankfurter Zeitung" entnehmen, darauf hin, daß durch dio Erkenntnisse der Vcrorbungs-. Wissenschaft die Möglichkeit der Erziehung und Bildung der heranwachsenden Menschen in gewissem Sinne eingeschränkt werde. Auf der einen Seite verlören alle Bestrebungen ihre Berechtigung, die auch die ungewöhnliche oder gar goniale Vcr- - anlagung unter nllon Umstünden in das Schema eines genormten Bildungsganges pressen wollten. Andererseits sei es sinnlos, erzieherische Bestrebungen dort einzusetzen, wo jede anlagcnmaßige Voraussetzung für einen Erfolg fehle. Dio ungebührliche Pflege des Hilfsschulwcsens und dor Fürsorgeerziehung verhören damit ihre Berechtigung. Die zweite Forderung rassischen Denkens an eine NcuauBrichtunp des Schulwesens betroffc dio rassische Harmonie zwischen Lehrer, Schüler und Lehrstoff. Es sei ganz selbstverständlich, daß eine förderliche Erziehungsarbeit nur dann stattfinden könne, wenn der Lohror und seine Schüler wesentlich die gleiche rassische Grundhaltung aufwiesen. Dor fremdrassige Lehrer sei ganz sachlich eine unmögliche Vorstellung geworden; ebenso unabdingbar sei auch dio Forderung, daß die Klassengcmeinschnft selbst eine rassische Einheit darstelle. Fremd rassige Schüler müßten zwangsläufig die Erziehungsmöglichkeit in einer Klassengemeinschaft herabmindern. Deshalb ergebe sich dio Forderung, die unter uns noch lebenden fremdrassigen Bevölkerungsgruppen, insbesondere also dio Juden*.- -im Schulunterricht Von den Kindern unserer eigen Art grund-1 satzlich, abzusondern. Jüdifche Kultusfteuer nicht mehr bei den Finanzämtern Frankfurt a. M. Soit diesem Monat veranlagen, wie das Stadtblatt der „Frankfurter Zeitung" mitteilt, dio Frankfurter Finanzämter nicht mehr zur Kultusstcuer und zum Gemoindegeld der. Israelitischen Gemeinde.' Von diesem Zeitpunkt ab muß die Gemeinde erfolgen. Weiter bei den Finanzkassen verbleibt lediglich die Zwangsyollstre.kung bei nicht rechtzeitiger Zahlung dor Kultussteuer. , Die Verwaltung der Gemeinde wird mit dieser Ncuorung vor neue und umfangreiche Aufgaben gestellt. In der letzten Sitzung des GemoindepnrlaracntB legte der Konsulent, RA. Dr. Goiger, die Bedeutung der jotzt zu ergreifenden Maßnahmen dar. Eine Kommission wird einen Plan ontwerfen, v~- boitet werden soll, inzwischen wird der Leiter der ung der Gemeinde, Inspektor Ahrens, dio Praxis der i Berlin und Breslau, die' die Selbstveranlagung und und wo gearbeitet \ Sleuerverwaltung J" Gomoindcn in- Bei«*« —----------......w Erhebung schon seit langer Zeit durchführen, studieren. Dio Finanzämter baten.sich zur Weiterführung der Kassen, - geschähe für dio Kultussteuer noch bis Ende April bereiterklart.