Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 15 (1935)
- Issue
- 15-16 (17.4.1935)
- Date
- 1935-04-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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1. Beilage 17. Äprll 193S JÜDISCH! AUGEHEME ZEITUNG ■4 J Wie lefen wir Hagadah? Von Rabbiner Dr. WEBNER VAN DER ZYL Mcgillat Esther, die Purimerzfihlung, und die Hagadah unseres Festes enthalten beide ein jüdisches Schicksal außerhalb des Landes. Das Ereignis in Pennen ist eine Episode, eine Erinnerung, bestenfalls Geschichte geworden, es bleibt in seiner Zeit. Ägypten, der Auszug, ist nicht nur Anfang unserer Gemeinschaft, sondern auch sinnhaft in ihr verewigt. Neben dem sozialen Gebot steht mahnend „gedenke, daß du Knecht warst", du» der Knechtschaft erwuchs Sie Freiheit, aus der ägyptischen Enge die Sehnsucht nach Erlösung. Die Punmerzihlung erhalt ihren Höhepunkt in der einmaligen Rettung, es ist die Geschichte von Tagen, deren Helden Mordechai und Esther sind, es ist die Erzählung ohne Gott. In der Hagadah;• verschwindet die Tat des Menschen, auch die eines Mose. Gott wirkt, Gott befreit, Gott erlöst. Die Hagadah redet auch von geschichtlichen Begebenheiten, ober sie ist ein r e l i - p i <^a e e Such. Ein Buch ohne ein durchgangiges Thema, uneinheitlich in seiner Sprache, uneinheitlich in der Entstehung seines Inhalts. Großes und Kleines, Wertvolles und Nebensächliches, Judisches und scheinbar UnjQdisches, und doch als ein Ganzes, Einheitliches durch die Jahrhunderte empfunden. Wenn es das Zeichen eines guten Buches ist, daß man es immer wieder lesen kann, daß es in - jeder Zeit gelesen werden kann, dann ist unsere Hagadah ein gutes Buch. Wenn wir von Jahr zu Jahr die Vorschrift unserer Tora zu erfüllen suchen: w'higad'to l'wincho bajaum haha, „du sollst deinem Sohn erzählen an diesem Tage", dann lesen wir, fragen und antworten wir aus unserer Hagadah. Viele werden ßie in diesem Jahre zum ersten Male, andere wieder, die meisten aber wohl mit anderen Gefühlen und Beziehungen lesen als sonst. Eine Frage ist nur echt, wenn sie aus ihrer Situation gestellt wird. Wir fragten nach Freiheit und wühnten uns doch voll und ganz bereits in ihrem Besitz. Suchten wir Bie wirklich, indem wir von Jahr zu Jahr die Frage stellten? Wir sprachen von dem Brot der Armut, aber aßen wir es wirklich? Hagadah war Symbol, und viele von uns, die so fragten oder lasen, standen nicht mehr in der Kette jüdischen Geschehens. Das jüdische Schicksal hatte für sie eine Lösung gefunden, es hatte dos Besondere, das die Geschichte ihm aufgeprägt hatte, verloren, es war eingemündet in das Schicksal des Menschen. Bekenner, nicht Leidende des Glaubens Babcn die Entwicklung bo. Gemeinschaft, Freiheit, Glauben Bprechen zu uns aus diesen Erzählungen, sprechen zu uns aus den Jahrhunderten, und unser Pessach heute wird ein Moment, vielleicht nur ein Atemzug dieser Geschichte sein. Es ist die alte Hagadah, die vor uns liegt, aber aus ihr lesen nun Menschen, dio berührt sind durch das Geschehen unserer Zeit mit ihren Fragen, mit Gemeinschaft, Freiheit, Glauben. Scdor ist nun nicht mehr symbolische Feier, die an irgendeinen Akt der Geschichte geknüpft ist, violes aus diesem alten Buch ist Gegenwart geworden. „In jedem Geschlecht ist der Mensch verpflichtet, sich vorzustellen, als ob er aus Ägypten gezogen wäre." Weil wir (uns nicht mehr im Besitz der Freiheit fühlen, sondern wieder auf dem Wege sind, stehen wir unter dem alten Schicksal unseres Judentums. Hagadah ist ein Buch des Golus, aber es fehlt ihr jede negierende Tendenz. Sie beruft sich nicht nur auf Geschichte, sondern weit mehr noch auf den Glauben. So konnten und können überall die Juden singen: „Er hat uns herausgeführt aus der Unterjochung zur Freiheit, aus der Betrübnis zur Freude, aus Trauer zum Festtag, aus Finsternis zu hellem Licht, aus Knechtschaft zur Erlösung." Freiheit und Freude, Knechtschaft und Erlösung erhalten heute keinen anderen, sondern einen tieferen Inhalt für uns. Wir treten näher an das Wort heran, wir spüren seine geschichtliche Tiefe, weil sein Wert in uns vertieft wurde, wir spüren den Pulsschlag jüdischer Geschichte mehr in uns, weil uns bewußt ist, daß wir in ihr stehen. „Gedenke, daß du Knecht warst" ist nicht nur Erinnerung. Die Boziale Verantwortung, die daraus entspringt, ist heute mehr als je darum notwendige Forderung jüdischer Gemeinschaft. Sie steht am Anfang unserer Erzählung und am Anfang unserer Selbstbehauptung. KTio lachmo anjo, „wie dieses Brot der Armut", so beginnt manche Hagadah. Wir aßen es in Wirklichkeit nicht mehr, wir hatten vergessen und durften vergessen, wie weh und schmerzlich es die Väter drückte, daß man ihnen das Brot, die Arbeit, den Beruf nicht gönnte. „Wie dieses Brot .<j& es war uns Erinnerung, eine vergangene Zeit, es schien uns deutschen' Juden als eine Episode aus mittelalterlicher Ferne. Wir standen längst in unseren Berufen, auf unserem Boden als freie utnd: gleichberechtigte Bürger. Ho lach mo . . . „dies ist das Brot der Armut", so sagen wir in ernster Sorge um Beruf, um Brot und Zukunft heute. Und um so eher sollte es nicht überlesen werden, daß an derselben Stelle auch geschrieben steht: „Wer hungrig ist, der komme zu vm» und esse, wen dürstet, feiere mit wib unser Fest". Vor uns tun Bich Zusammenhänge auch im Kommerziellen auf. In ihm, das so oft die Selbstsucht des Einzelnen verteidigte, wird heute mehr als sonst notwendige Verantwortung geboten sein. Der Raum freier wirtschaftlicher Tätigkeit hat sich verengt, neben dem pciBtigen Zusammenhang steht auch ein wirtschaftlicher, Gemeinschaft ist Lebensverband in totalem Sinn für uns geworden. Uber die Wohlfahrt hinaus muß für die lebensmäßige Sicherung der Zukunft auch wirtschaftlicher, oxistenzerhaltcnder Zusammenhalt bestehen. W'es amalenu elu habonim . . „Unser Leid sind unsere Kinder'*'. Sic nehmen das Schicksal erst auf ihre Schultern. Sie werden fragen, und wir sollen antworten. Hier spüren wir die ganze Schwere des Unterschiedes, ob man wie sonst nur theoretisch fragt und mit der Antwort der Hagadah sich begnügt, oder ob wie jetzt die Frage echt ist, die das Kind an uns stellt: „Was bedeutet euch noch dieser Dienst?" Die Hagadah läßt den Roscho, den Übelwollenden, die Frage stellen. Er spricht von „e u c h" und schließt sich selbst aus der Gemeinschaft, aus dem Werke um das Ganze aus. Um diesen Dienst an der Gesamtheit unseres Judentums geht es uns heute allen, überall, wo Juden leben.1 Die Entscheidung unserer Jugend zeigt, daß sie nicht Stellung nimmt und nehmen kann aus ihrer wirtschaftlichen Situation allein. Sic will ihr Judentum auch hier behaupten. Mehr als den Erwachsenen ist den Jungen ein Gemeinsames, die Tiefe, stolze Zukunftsgläubigkeit, gleichviel ob sich nun ein Teil der Jugend mehr an den Väter bo den und der andere stärker auf den Väterglauben stützt. Es ist auffällig, daß das kluge Kind in der Hagadah ebenso wie das böse fragt: was bedeuten „,cuch" die Zeugnisse, Satzungen . . . usw. Es fragt zwar mit einem Satz der Tora, aber auch ihm konnte doch die Hagadah gleich dem bösen Kindo erwidern: „euch" und nicht auch „ihmr bedeuten diese Satzungen etwas? Die einfache Erklärung weist darauf hin, daß das kluge Kind sich bereits dadurch religiös ausweist, daß es hinzufügt, „Satzungen, welche der Ewige unser Gott euch geboten hat." Im Talmud Jeruschalmi finden wir eine Lesart, dio das kluge Kind statt „euch" „uns" Bogen läßt, darum erweist es sich als ein kluges Kind, weil es sich in die Allgemeinheit einschließt, obwohl es den Satz dor Tora ändern muß. Die Empfänglichkeit und Bereitschaft für unsere Geschichte aus unserer Zeit wird uns vielem Jüdischen näherbringen. Aber wir dürfen nicht übersehen, daß die Not jüdischen Schicksals auch Glaubensnot gewesen ist. Das Augenblickliche, das Vornestehende erscheint in riesenhafter Vergrößerung das Vergangene zu überschatten. Hagadah ist nicht nur die Erzählung von der Errettung und Befreiung, sondern Bericht einer göttlichen Fürsorge für Israel. Was der Rolle Esther fehlt, die religiöse Sphäre und Zuversicht, ist h-ier auf jeder Seite ausgesprochen. Die Hagadah meint nicht die soziale Freiheit allein, sondern in erster Hinsicht die religiöse, sie ist kein Buch der Geschichte, sondern des Glaubens. WTii-sch' ,otn/li*.«wanssenu w'lonu, „sie (st es (die Verheißung an'7U«Kn\B'irv)j. .—__» und unseren Vätern beigestanden ist", sie, die Lehre,' die den Bestand Israels gesichert hat. Aber auch auf das Folgende kann eB sich beziehen, „daß zu allen Zeiten Widersacher gegen uns aufgestanden sind", daß wir „von Geschlecht zu Geschlecht" uns immer wieder bewähren mußten. „Gott aber befreite uns aus ihrer Hand". Diese Bewährung ist unsere Aufgabe von Geschlecht zu Geschlecht. Uber dem, was Menschengeist und -kraft vermögen, spricht zu uns aus der Hagadah das unerschütterliche Vertrauen jüdischer Geschlechter. Ein religiöses Buch, will Zuversicht und Hoffnung geben, wo dor Verstand den Weg verschlossen Bieht. Es weist auf eine Zeit, wo dieser Glaube aus Fron zur Freiheit, aus Nacht zum Morgen führte. Wir lesen die Hagadah in diesem Jahr mit allem ErnBt, doch auch mit aller Hoffnung, mit dem tiefen Glauben, den' sie in uns weckt. Zurück zur Reform! \ Von HEINZ KELLERMANN In der Geschichte jeder Bewegung gibt es Augenblicke, in denen die programmatische Erklärung hinter die betrachtende Rückschau zurücktritt. In solchem Moment, in dem die Vergangenheit sich mit dem Anspruch auf moralisches Gehör in die Gegenwart projiziert, wird die Erinnerung zur Rechenschaft. Die Frage wird gestellt, ob die Vergangenheit nur Zcitablauf oder ob sie Gestaltung war. Nur dann nämlich, wenn sie keine Kalcndeniotiz, sondern wenn sie Leistung war, wenn die in ihr herrschenden Prinzipien sich produktiv zur Leistung verdichtet haben, darf sie Geschichte heißen. Es ist die Anerkennung dieses großen kulturellen Verdienstes, wenn der Reformgemeinde bestätigt werden muß, daß sie mit dem Jubiläum ihres 90jährigen Bestehens ein geschichtliches Ereignis gefeiert hat. Die Männer und Mächte, die dio Reform inaugurierten und denen in einem Festgottesdienst der Dank des Vorsitzenden Sanitätsrat Dr. P e y s e r galt, sind integrierender Bestandteil, aber nicht nur der Reformgeschichte, sondern der der jüdischen Geschichte schlechthin. Die .lloformgcmcindc gedachte ihres Ehrentages im Rahmen eines Festprogramms, das sich über drei Tage erstreckte. Die Feier begann mit einem Freitagabend-Gottesdienst, in dem Rabbiner Dr. Benno Gottschalk die Festansprache hielt. Es ist dio bewundernswürdige Eigenart dieses Redners, den konkreten und zeitbedingten Anlaß jeder Feier nur zum Ausgangspunkt seiner Darlegungen zu nehmen, um dann den Schauplatz von der Tribüne zeitgebundener Aktualität und zeitgenössischer Denkweise in das Szenarium des Uber persönlichen, Uber zeitlichen, Uber menschlichen und diesmal noch des Ubervölkischen zu verlegen, wo dnB wahrhaft Religiöse allein Geltung behaupten kann. „Die Kämpfe Gottes kämpfen wir", war das Motto seiner in ihrer plastischen und. begeisterten Eindringlichkeit stark beeindruckenden Ausführungen. Auf diesem Postament unanfechtbaren Kulturgefühls wächst selbst Geschichte zu einer sittlichen Größe, die jede nur aktuelle Kritik von selbst verbietet. Der eigentliche Festakt fand am Sonntag wieder im Gotteshaus in der Johannisstraße statt. Den festlichen Raum füllte ein feiertäglich gestimmtes Publikum, unter dem man die Vertreter aller befreundeten und offiziellen jüdischen Organisationen bemerkte. Im Mittelpunkt des Gottesdienstes stand eine kurze Gedächtnisfeier für die großen Toten der Reform, der Prediger von Samuel II o 1 d h e i m bis zu Joseph Lehmann, der Vorsitzenden von Sigismund Stern bis zu Paul Pincus. Die Begrüßungsansprache hielt der Vorsitzende der Rcformgemeinde Dr. Pcyser. Den Vergangenen, die er in einem knappen, gewichtigen Uberblick feierte, entbot er seinen Dank, den Gegenwärtigen seinen Gruß. In klarer Gedankenführung und mit stark betonter Ablehnung jedes eigensüchtigen Separatismus stellte Pcyser die drei Phasen der Vorbereitung, der Gründung und der Entwicklung der Rcformbowegung in den Raum der allgemeinen europäischen, deutschen und jüdischen Kulturgeschichte hinein. Für die Reichsvertretung und die Jüdische Gemeinde zu Berlin fand Direktor Stahl herzliche Worte der Anerkennung, des Dankes, der Gemeinschaft. Die Glückwünscho des Preußischen Landesverbandes und der „Vereinigung für religiös-liberales Judentum" überbrachte doren Vorsitzender Heinrich Stern. Er feierte die Reformgemeinde als den radikal fortschrittlichen Flügel des Gesamtliberalismus. Vermöge ihrer institutionellen Besonderheit in Gotteshaus und Gottesdienst Bei die Reformgemeinde von jeher ungehemmter in ihren Entwicklungsmöglichkeitcn gewesen. Trotz alledem habe Bin treue Gemeinschaft mit dem Gesamtjudentum gehalten und aus seiner Mitte Persönlichkeiten wie James Simon und Julius Brodnitz entsandt, deren Werk im Dienste der Gesamtheit letztlich auch für die schöpferische Kraft der Reform Zeugnis ablege. Von diesen nerzlichen Worten hob sich die umfassende, aber in ihrer teilweise polemischen Kritik überraschende Predigt von Dr. Karl RoBentnal bemerkenswert ab. Dr. Rosenthal wandte sich in temperamentvoller Form gegen jede Art der Kritik, die vom gegnerischen Standpunkt oder auch wohlwollend von Freundesscite (wie z. B. von der eines seiner Vorredner an anderer Stelle^ an der Leistung der Reform geübt worden war. Die Predigt, die schließlich nicht nur am Ende der 90jährigen Arbeit, sondern — wie wir hoffen — auch am Anfang einer langen Kette weiterer Jahre fruchtvoller Arbeit stand, trug ausgesprochen apologetischen Charakter und verzichtete anscheinend bewußt auf Folgerungen für eine künftige Arbeit. Dr. Rosenthal rückte sodann nicht ohne Stolz die großen Verdienste der Reformgemeinde um die liturgischen Neuerungen und die Belebung des Festkalenders in den Vordergrund seiner Betrachtungen. Die Predigt schloß mit dem Aufruf des lutherischen Theologen: In necessariis unitos, in dubiis libertas, in Omnibus autem Caritas. Im Anschluß an den Gottesdienst fand eine Führung durch die oberen Räume des Gemeindehauses statt, in denen eine Reihe interessanter Dokumente und Schriften aus der Geschichte der Reform- Bewundernswert in form, Preis und Qualität Beige und grauNubuk 190 "wWmS' i 1 'i ffitiT*^<,'~ 4 " ^' i^ülÄ. Feine*. braurw's^de > i M, :< v; schwaries; m^fr&Kf* Kalbleder'1^*° Auch Strumpfe nur von efeis«/ Zur Schuhpflege Cpi-Präparate wffli #1 ■pM ■ dm vpj m ■i'iii <l El h. ^tf