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Jüdische allgemeine Zeitung · 1935-04-03 · 14 (3.4.1935) · page 6

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Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
15 (1935)
Issue
14 (3.4.1935)
Date
1935-04-03
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Ein Freund der Juden Zu Wilhelm von Humboldts 100. Todestag Am 8. April worden es hundert Jahre, daß dor Gelehrte und Staatsmann Wilhelm von Humboldt, der Begründer der Berliner Universität und Freund Schillers, in Tegel gestorben ist. Im Gegensatz zu seiner Gattin Earolino von Humboldt, die zwar mit Babel Lovin and Dorothea Mendelssohn befreundet war und für den nnglücklichen Arzt und Sehriftsteller Koroff schwärmte, von den Juden jedoch nicht viel wissen wollte, war ihr Gatte Stets ein warmer und verstandnisroichor Fürsprecher der Juden. ' Zur Emanzipation der Juden Im Schrifttum über die Judenfrage spielt Humboldts Staatsbegriff eine bedeutende Bolle. Seine Staatsauffassung ist die klassische Formulierung des unzeitgemäß gewordenen Liberalismus. So verwahrt er sich gegen die Begründung, die Juden mußten erst moralisch werden, ehe man ihnen Stnatebörgerrechte geben könne,mit der Erklärung, daß der Staat ein Rechts-, aber kein Erziehungsinstitut Bei. „Schutzwehre des Judentums" Auf dem Wiener Kongreß hat sich Wilhelm von Humboldt, damals preußischer Botschafter am Wiener Hof, den er seiner Zeit ziir Teilnahme, an .den Freiheitskriegen bewogen hatte, darum bemüht,- den' Juden zu, ihren, bürgerlichen Hechten zu verhelfen. . „Ich bin", schreibt er an Knroüne," „dieser Sache immer geneigt gewesen. Ich" habe vl6l in verschiedenen Zeiten darüber nachgedacht und bleibe meiner alten Meinung getreu. Es ist.überdies eine. Jugendidee bei mir; denn Alexander und ich wurden noch, wie wir Kinder .waren, für Schutzwehre des Judentums, gehalten." r Auf dem Wiener Kongreß war Humboldt auch aus den Erwägungen heraus für die Ausdehnung der preußischen Judengesotzgebung auf ganz Deutschland eingetreten, daß die Juden in Preußen fast alle Hechte hätten und es besser wäre, daß diese Gesetzgebung allgemein sei, da sonst alle Juden nach Preußen strömen würden. Humboldts „Li" ist in der Judenfrage' anderer Meinung als ihr Gatte. „Ich weiß zwar, daß Du anders denkst, süßes Herz", fügt er in dem erwähnten Brief "ein. Aber Karoline stimmt soweit mit ihm uberein, daß de die Frage nicht lediglich vom menschlichen . Standpunkt aus bewerfet: „Ich finde es nicht angemessen, so alle Zustände mit ihnen zu überspringen lind sie in den Genuß aller "bürgerlichen Rechte auf. einmal zu setzen. Alles, was-sich natürlich macht, geht schrittweise.- Warum sollen denn die - Juden Salti mortali machen?" Gerade für die Juden selbst sollten Karolinens von Feindseligkeit bestimmte Worte („Mit den Juden gehe doch vorsichtig um" glaubt sie den' Gatten warnen zu müssen) nachträglich eine gewisse Berechtigung erhalten. Die Juden wußten um Humboldts Einstellung, und ein alter Mann aus Prag, dessen Wesen Humboldt „ganz gut gefiel"; wollte ihm mit einem Geschenk von drei Ringen danken. Zur Verwunderung von Gcntz und Hardenberg, die es begriffen hätten, wenn: er „es aUB Ostentatiön tue, um damit zu prahlen" oder „aus Stolz, um nicht von einem Juden Geschenke zu nehmen", wies er das kostbare Geschenk zurück: ,;Wenn man sich der Dinge, die man einmal betriebe, so warm als ich annehme, .sei die erste Bedingung ein reines Bewußtsein." Antisemitismus und Toleranz Humboldts Toleranz ging so weit, daß er seiner Gattin selbst ihren Antisemitismus ließ. „Li" schrieb zwar an Rahel: „Wir gehören für einander!" und über Koreff, er sei „die wunderbarste Gestalt, die mich ergriffen hatte", aber die Gesamtheit der Juden haßte sie. Humboldt findet sich damit" ob, daß er ihre abweichende Meinung zur Kenntnis nimmt und. zählt sie zu denen; gegen deren Judenhaß man nicht aufkommt. „Deine Tirade über die Juden, liebe Seele, ist göttlich", schreibt er ihr einmal und teilt ihr ironisch mit, daß Stein noch viel „heroischere" Mittel zur Abhilfe vorschlage, nämlich „die Nordküste Afrikas mit ihnen zu bevölkern". Einmal aber motiviert er sein Vorgehen gegen die Einrichtung, daß nur christliche Ärzte einen Leichnam sezieren dürften, mit dem letzten Funken seiner „Pietät gegen die Herz". Wettt! sie ober aus Tatsächlichem falsche Schlüsse zieht, macht er (üch sachliche Vorhalte. Ein Beileidsschreiben ■ . „En detail gehe ich Ihnen. sehr aus dem Wege", schließt er einmal einen Satz an Karoline ab, der sie beruhigen soll, daß er eigentlich „nur die Juden en mosse" liebe. Auch hier steckt wohl eine kleine Ironie, obwohl es auch bei Humboldt Stellen gibt, die für sich genommen nicht gerade judenfreundlich klingen. So zum Beispiel, wenn er sich darüber ärgert,: daß die Rahel sich Ober — Henriette. Herz unziemlich ausläßt, in deren Hause er 6m ständiger Gast war. Aber auch in Habels Salon hat er verkehrt. Und seitfrühester Jugend ging er bei David Friedlander ein und aus und bewahrte ihm bis zum Tode seine Anhänglichkeit- In seinem Beileidsbrief an Friedländers Sohn heißt es: „Uns wird immer unvergeßlich bleiben, wie er bildend auf uns beide eingewirkt hat. Durch das große Wohlwollen, das er uns schon in der frühesten Zeit schenkte, war er aufmunternd und anregend sowie durch seinen hellen Verstand, seine fast nie unterbrochene! Heiterkeit und Beine beständige Richtung auf eine innere, oder . äußere nützliche Tätigkeit, unterhaltend und belehrend für uns. Uber mehrere wichtige Punkte des Lebens und der Gesellschaft führte. er uns früh auf die richtigen^ damals bei , weitem noch nicht allgemein geteilten Ansichten." Dr. Lutz-Weltmann. . bei oberflächlichen und unkritischen Naturen Boden zu bereiten. Bekannt ist sein Ausspruch: „Sein Vater war ein Geyer, und ein Geyer'ist schon fast ein Adler." Wobei auf die Häufigkeit des1 jüdischen Familiennamens Adler angespielt ist ■ Nun ist aber für jeden Kenner der deutschen Namenskunde der Name Geyer als gut deutscher Familienname sicher. Auch steht heute fest, daß die Vorfahren Geyers, die in Thüringen saßen, fast in regelmäßiger Geschlechterfolge Kantoren oder Pastoren waren, also Ämter inne hatten, die bestimmt nicht von Juden ^.ausgeübt wurden. Aber auch dic-V atorschafr G e y. - ers ist heute widerlegt. So sind unter anderem Briefe vorhanden, die Geyer nach dem Tode Ludwig Wagners: an Johanna Wagner richtete,'aus denen für jeden unvoreingenommenen Leser klar hervorgeht, daß zwischen Wagners Mutter und Geyer mir jene Zuneigung bestand, die sich aus einer engen Familien^ frcundschaft ergibt ' Ein bezeichnendes Beispiel, mit welcher Nachlässigkeit die Gegner Wagners -vielfach argumentieren, ist' eine Konstruktion, auf Grund derer -die jüdische Herkunft seiner Mutter gefolgert wird. Aus Bi 1 d e r n Frau Johanna Wagners soll ihr ausgesprochen jüdischorTyp hervorgehen. Dr. Strohe] zeigte an . Hand der Projektion einiger Bilder die ganze Willkürlichkeit, die dieser Behauptung anhaftet, Im letzten Teil seiner Rede befaßte sich. Dr.. Strobel mit Wagners Einstellung, zur Judenfrngc, die deutlich beweise, daß er in seiner Persönlichkeit nicht mit jüdischer Abkunft belastet sein konnte. ' Wenn heute gegen alle klaren Tatbestände imitier noch, besonders im Ausland, Wagners rein arische Abstammung geleugnet oder angezweifelt werde, so beruhe' das entweder auf böswilliger Absicht oder, auf dem Mangel redlichen Fqrscficrwillens. r? Richard Wagners Abkunft Em Vortrag des Archivars des Hauses Wahnfried in Bayreuth Das Ijerufsgruppenamt der DAF in Bayreuth hatte in Verbindung mit der INS-Kulturgemeinde den Archivar des Hauses Wahnfried, Dr. Otto Strobel, zu einem Vorträg über „Richard Wagners Abkunft und seine Stellung zum Judentum" eingeladen. Der Redner befaßte eich mit der häufig aufgestellten Behauptung, - daß Richard Wagner nichj rein arische r Abstammung sei und führte aus, daß diese! Behauptung sich auf keinerlei haltbare Begründung stützen könne. - Die Absicht, Wagner nichtarische Abstammung anzudichten, sagte Dr. Strobel, einem Bericht der „Bayerischen Ostmark", Coburg, zufolge, bediene sich immer derselben Methoden. Da von der Seite seines . Vaters, Ludwig Wagner, her nichtarisches Blut nicht nachzuweisen sei, laufe der eine Versuch darauf hinaus, seine Mutter Johanna Wagner nichtarischer Abkunft zu verdächtigen, der andere, ihn als Sohn des Schauspielers, Malers und Lustspieldichters Geyer auszugeben und diesen als nicht rein arisch zu bezeichnen. Richard Wagner hat nun leider, im engsten. Kreise Selbst Andeutungen gemacht,-die darauf hindeuten können, daß er Geyer für seinen Vater hielt. Nietzsche, den Wagner lange Zeit in sein Vertrauen gezogen hat, der ihm dieses Vertrauen aber später sehr schlecht dankte, hat vor allem dazu heigetragen, den Glauben an Geyers Vaterschaft und-dessen jüdisches Herkommen Bunte Reihe Neuerscheinungen jüdischer Verlage Die. Philo-Verlag hat sich eine dankbare Aufgabe gestellt: in einer Serie, bunter Bändchen, zu erschwinglichem Preis, dem Leser Arbeiten zeitgenössischer Schriftsteller, hauptsächlich belletristischer Art, nahe zu bringen. .Die drei ersten Bändchen der Philo- Bücherei, gelb, grau und rot gewandet, sind soeben erschienen. Am bemerkenswertesten Nummer 3. Es trügt den Titel: „D c t G a s t". Diese erregende, kunstvoll spannende Erzählung, . die gegenwärtiges Geschehen und Erleben historisch-legendär einkleidet, hat Mai Samter zum Verfasser, der erst vorTairzem in seiner Novelle „Die Versuchung" seine große Darstellungsgabe bewiesen hat. Es ist die stolze und tragische. Geschichte des Juden auf ewiger Wanderschaft, der immer wieder aus der Verwurzelung mit-'dem gewonnenen Lande jäh herausgerissen wird; eine jüdische "Erzählung, auch wenn die Menschen — Bauern, die sich fern von der Heimat auf einer einsamen Insel angesiedelt haben — keine Juden sind. In diese Gemeinschaft wird ein junger, schiffbrüchiger Seefahrer aufgenommen. Wie sie beackert er in zäher Arbeit den Boden. Er errettet die Insel aus großer Gefahr. Er ist da zu Rat und Hilfe. Er wird geschätzt, verehrt. Aber er bleibt der „Fremde". Seine Nachkommen ereilt grausames Geschick. Eine Revolte der jungen bäuerischen: Siedler, die .ohne -Arbeit und ohne Raum sind, jahrelang zurückgehalten, bringt die Entscheidung: Manstellt den „Fremden" anheim, als Gäste auf eingeengtem, schmalem Raum zu bleiben oder '.das Eiland zu verlassen. Das Meer entführt sie. Die Insel versinkt im Nebel. Das Schiff trägt sie! einem: neuen Leben zu. ■ Dies die Grundlinien der Handlung. Sie wird in einer kristallklaren, durchsichtigen, eindringlichen Sprache geschildert, knapp sachlich, unparteiisch. . Mit kräftigen Strichen ■ umreißt Samter Landschaft und Menschen und findet inetinlctsicher zartesten Ausdruck für seelische Schwingungen. Wie er den Einzelnen in Bcincr Isoliertheit und die Masseln ihrer Geschlossenheit charakterisiert, bis zum-Ausbruch wilder^Leidenschaft, das verrät eine dichterisch gestaltende Kunst, von der man noch Großes erwarten darf. Leichtor hat es sich Hermann Sin she im er gemacht, als er aus!altem und neuem Schrifttum den'Golem ausbuddelte und in seinem „Rabbi, Golem und Kaiser" die angeblich auf Veranlassung Tycho Brahes erfolgte Audienz des Hohen Rabbi Löw von Prag beim Kaiser Rudolf ü. schilderte und damit die Welt des Prager Ghettos in Kontrost setzte zu der Magier-Atmosphäre des' Hradschin. Die Darstellung verrät mancherlei stilistische Flüchtigkeiten. _ .„Gesprach im Nekel" nennt.Leo Hirsch die Schilderung des Besuches des deutschen Philosophen und Mathematikers Lcibjiiz bei dem Diamantschleifer und Schöpfer, der „Ethik", Baruch Spinoza im Haag.. Hirsch hat sich hier .die gewagte und schwierige Aufgabe gestellt, ein philosophisches System in erzählender Form emdringUch zu gestalten. Aber , er hat sie gelöst. Mit" größer Delikatesse zeigt er, wie "diese, beiden repräsentativen Gestalten des 17, Jahrhunderts,'der weltmännische, höfische junge Deutsche und der zurückhaltende, vom' Todegezeichnete „Judo sich aus Mißtrauen heraus aneinander tasten, wie Spinoza dann die Schilderungen Leibnizcns mit einer. bekenntnisreicheh Darstellung der' Geschichte des niederländischen Volksführers Jan de Wit vergilt und dem Besucher Einblick in das Manuskript seines Hauptwerkes gewährt. Eine fesselnde; 'gedankenreiche : Erzählung, die auf unterhaltsame Art mit den-Grundzügen der spinozistischen Lehre vertraut macht. '-■: - . ' Emen Sensationserfolg auf dem jüdischen-Bü(Aerrharkt.:8tcllt das Philo-Lexikon dd^i das jetzt' bereits 'im 16.—21: Tausend erschienen ist. Der Philo-Verlag hat sich nicht darauf' beschränkt, dieses Kompendium, jüdischen Wiesens nachzudrucken, er hat auch kleine Schönheitsreparaturen vorgenommen,' einige Sammclartikcl übersichtlicher angeordnet und bei vorsichtiger Kürzung einiger Beiträge über hundert neue Stichworte aufgenommen* Auch dem Aktuaütätsbedürfnis ist hinreichend : Rechnung . getragen, indem etwa Liebermanns Todestag aufgenommen wurde, das statistische. Material auf den letzten Stand gebracht und die Makkabioh 1935 vorzeichnet ist, die gestern, in Tel-Awiw begonnen hat. Mehr Aktualität kann man. wirklich nicht verlangen. DaB Interesse an dem- Philo-Lezikon wird sobald nichtnachlassen. Die jüdischen Kinder geleitet Setta Cohn-Richter als verständnisvolle Führerih in „Mirjams Wundergarte-n",- den Joseph A vra c U mit den bunten Blüten . seiner zeichne-" tischen Phantasie. liebevoll geziert hat.' In "diesem Garten und Bciner Umgebung ist die kleine Mirjam zwar das einzige atmende Wesen; aber auch ihre Spielsachen sind von kirldlicher' Phantasiebeseelt. Da ist das Lammchen Mäh und der Elefant- Mulli, der mit Hilfe eines Luftballons eine Flugreise unternimmt, um an einem Ast des Kirschbaums" zu landen. Da ist der: purzclbaumfreudige Harlekin Keki und die Giraffe," deren' langer hoher Hals einen TCnacks bekommt. Und dann die Puppe Elisabeth-mit dem Nuckel im Mund, die kein Baby-mehr seinmöchte, und Lolo, deren Bein glücklicherweise in der Puppenklinik wiedergeheilt wird.. Mit. lächelndem Verständnis für die Psyche der kleinen Leser und Leserinnen, ohne aufdringliche pädagogische .Anwand- . hingen, erzählt die Verfasserin die kleinen. Alltagserlebnisse dieser bunten Gesellschaft, mit ihren Freuden und Leiden und Abenteuern, im Wechsel der Jahreszeiten und der jüdischen Feste. Und wenn sich ganz zum Schluß eine Tante einmischt, so ist es keine vorr der in vielen andere Kinderbüchern beliebten Art, die mit erhobenem Zeigefinger droht „Laß das sein" oder „Halt dich gerade" oder ärgerlich ihren Unwillen äußert „Nim sitz'doch endlich mal still, du machst mich ja schon ganz nervös". Das lustige Buch trägt alle Elemente in sich, die es als Geschenk für unsere Jugend geeignet machen. Es ist im Verlag Erwin Löwe, Berlin, erschienen. To. Kinder weinen — Kinder lachen Als Assifientin in der Sprechfiunde beim Kinderarzt Von HILDE ROSEN Ein Wartezimmer sieht aus wie das andere '.— sollte-man meinen. Ein Tisch mit Journalen, Stühle um den Tisch gruppiert, ebenso zahlreiche nebeneinander an der Wand aufgereiht — das ist das übliche Bild, dos einem bei einem Arzt, zu welcher fachärztlichen Gattung er auch immer gehören mag,' entgegenblickt. .[ Aber ein Wartezimmer sieht nicht aus: wie -die anderen: das des Kinderarztes. Der obligate- Tisch mit den illustrierten Zeitschriften und die Stühle ringsum fehlen auch hier nicht. Aber sie sind von nebensächlicher Bedeutung. . Kleine weißlackierte Kindertischchen und Stühlchen, übersät mit Bilderbüchern ' und anderen „Werken", vom. halb zerfetzten „Struwwelpeter" bis zum halb zerlesenen '„Lederstrumpf", daneben Stofftiere,- die ' der Phantasie ihrer Schöpfer alle Ehre machen, Weisen auf den Zweck dieses Raumes hin. Und wenn sieb das Zimmer selbst nicht durch diese Gegenstände . von den anderen unterscheiden sollte: so" doch auf alle schuldigst „ganz besonders wundervoll"'findet. Das Bild wechselt. Vater und Sohn. Der. Neunjährigo klagt über starke Schmerzen. Der besorgte Vater befürchtet infolge übermäßiger Anstrengung des Jungen beim.Training im „Bund" einen Bruch. Aber nach der Untersuchung, nach allerlei Kreuz- und Querfragen, findet der Doktor die richtige harmlose Lösung. Ein kategorischer" Beschluß: Rizinusöl 1 Wieder wird ein Steckkissenkind auf der Kommode ausgebreitet, und'ich muß beim Ausziehen helfen. Die mütterlichen Hände aber sind geschickter als' ich." Ich traue mich kaum, die winzigen Menschlcin anzupacken. Aber das hilft rtichts.' Ich muß „ran". Ein Nabelbrucn wird unter meiner „Assistenz" verpflastert.. . . Im 'Wartezimmer schreit ein Kleines unaufhörlich,' im Augenblick, da es in Müttern Armen' ins Sprechzimmer kommt — sein erster Ausgang übrigens, es ist gerade sieben Wochen altu%uuuv ,v,. uv.» . u«.uu*.v.i u..iV»au»vH»w» Bvuw, w w.i «*" «»»v ww. i , "UJbh O «w*Jgv*iXJ, Ul VH.. gClUUC- B1CUC.U >V UL1ICU BIT, Fälle durch seine 'Besucherl Es sind 'lebhafte .kleine1 Herrschaften.^^^Hlacht es über das ganze winzige Gesicht,' läßt alles mit sich e:--:i-,.4.^^ t\- :_ .-■ 8tiUvcrgnügt geschehen. Erst als es hinausgetragen wird, geht das Quäken wieder los. Jedes Wesen reagiert halt eben anders,.. Ein Junge von neun Jahren. Er hat nach schwerer Krankheit zehn Pfund zugenommen, er "ist mächtig in die Breite gegangen, der Hosengurt geht nur unter „qualvollsten'" Anstrengungen," auf und zu. Seine Mutter ist besonders Btobs. Der Arzt horcht Lunge und Herz ob, „Dreh* Dich uml" Stramm macht der Junge kehrt. „Was, seit wann 'macht man denn rechtsum kehrt?" Na; - Du wirst mir ja mal ein schöner Soldat werdenl" Ein freundlicher KlapB auf den „verlängerten Rücken", und .er 'ist für heute, bewaffnet mit einem Rezept, entlassen. Ein gleichaltriger „Kollege" tritt ein. Er hat sich vor ein paar Tagen am Bein verletzt,'heute die Hand beim; Ballspiel. Beide Gliedmaßen werden unter „Ahs" und „Oha" verbunden. Morgen ist er bestimmt gesund, denn ein Schulausflug winkt ... - . Dazwischen einige Höhensonnebestrahlungen. Schutzbrillen in allen Größen, passend für die kleinen und - größeren Patienten, werden umgebunden. Der Apparat wird angestellt. Alle Bind riesig bei der Sache, drehen ihre Körperchen hin und her und wollen immer wieder wissen, wie das geheimnisvolle Licht ent-. steht, das da auf sie herunterscheint und sie braun und gesund machensoll. Zuletzt ein hoffnungsloser Fall — was das Weinen anbetrifft.;Ein vierjähriges Mädelchen schluchzt zum Gotterbarmen: Doch. es nützt nichts. Mutterbande ziehen es unter gütigem Zureden aus, der Vater versucht durch allerlei Scherze dem Kind ein Lächeln abzugewinnen. Vergebens. Der Onkel Doktor läßt sich trotzdem nicht durch den kleinen: Schreihals . aus der Ruhe bringen, und die kleinen Händchen, die sich gegen seine großen" tapfer wehren, werden sanft, aber bestimmt „außer Gefecht" gesetzt. Mit einem langen ,,Stiel". wird der Hals untersucht. Jetzt wird das Kleine rebelüBch,; fängt an um sich zu schlagen. Erst nachdem die Prozedur langst vorbei ist, nachdem Teddybär find Hund, von meiner Hand zum Knurren gebracht (ich ..also schüchtern in Aktion trete), beruhigt' sich das kleine Würm. Und mit einem schön verschmierten Schokoladenmund .-rdas probateste Sie müssenin Irgendeiner Weise ihr Da-sein bekräftigen! sei es" durch ein-jauchzendes;,Hähä", „Dada", „Chch", „FF" oder durch Plärren und Schreien bei den' Babies, sei es durch unentwegtes aufgeregtes Fragen und Erzählen, Herumlaufen oder oft auch Weihen bei den Älteren. Es ist jedenfalls eine ungebundene, entfesselte, an keinen Hemmungen. leidende Gesellschaft, Wenn man es sich als Assistentin '— ein Beruf, der jungen jüdischen Mädchen in bescheidenem Rahmen noch geblieben ist -— etwa einbilden sollte,, durch . die „eigene 'Persönlichkeit" eines dieser plärrenden; Kleinsten' beruhigen? zur konnetfjTso wird , man alsbald bitter, enttäuscht sein'Vorhaben aufgeben müssen. Jedes noch so gütliche Zureden prallt an dem entschiedenen Weinen des Kindes ab, das nichts anderes ist als die'Angst vor demiunbekannten Etwas, dasjetzt hier mit ihm geschehen soll. Aber glücklicherweise: nicht alle' weinen, nicht alle schreien. Manche benehmen sich geradezu würdevoll. Ein' .'Sprechstundennachmittag. Meine Assistenz erstreckt sich vorläufig auf das Auskochen der Instrumente, ihre Unterbringung im Instrumentenschrank, auf die Entgegonname von Telefonanrufen, öffnen der Türe.. Der Uhrzeiger läuft der Vier entgegen.. Die ersten; Patienten - machen sich bereits im Nebenzimmer in recht lebendiger Weise bemerkbar. Der Arzt betritt das Untersuchimgszimmer, mustert noch' einmal mit kritischem Blick, ob die Assistentin auch wirklich nichts hat herumliegen lassen, öffnet dann die Tür zum Wartezimmer: „Darf,ich bitten!" Ein schreiendes kleines Etwas, dreizehn Monate alt, wird im mütterlichen Arm hereingebracht, aus seinen Kissen und diversen Windeln geschält, auf der breiten Kinderkommode untersucht. Inzwischen —> an. der Seite der Kommöde befindet sich eine große, bieite Rolle' mit Krepp-Papier, ungefähr so wie man Bte^ in den Warenhäusern zum Einpacken sieht — reiße ich ein Stück davon ab, breite es über die. Waage. Das Kleine wird daraufgelegt, das Schreien wird markerschütternd. Aber — strahlende Gesichter bei Mütter und Arzt: es hat prächtig zugenommen.; Ein. zutrauliches Mädelchen' von fünf Jahren, begleitet von der Mutter, iBt die nächste Patientin. Mit Begeisterung zeigt sie gleich ihre nagelneuen Schuhe, die der Onkel Doktor pflicht- BesänftigungBmittel — verläßt es beglückt den „Kriegsschauplatz". Kinder weihen — Kinder lachen . ...

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