Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 15 (1935)
- Issue
- 14 (3.4.1935)
- Date
- 1935-04-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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1. Beilage 3. April 1935 JÜDISCHE AUGEMHNE ZEITUNG 1845 Gefchichte einer Idee 90 Jahre Jüdifclie Reformgemeinde au Berlin 2. April — 1935 Unter dorn Dalum vom 19. Marz 1845 empfing der Mitarbeiter an dem politischen Journal „Zur Judenfrage" D.. Honigmann 'einen Brief Abraham Geigers, in dem es heißt: „Sterns Vorlesungenscheinen in Berlin sich eines Eindrucks zu erfreuen, der trotz der fluchtigen Begeisterungsfähigkeit der Berliner und ihrer ouf den Rausch bald folgenden Nüchternheit^ wohl benutzt, doch seiner Erfolge nicht entbehren mog . . ." Diese Vorlesungen Sigismund Sterns „über die Aufgabe des Judentums und der Juden in der Gegenwart" waren dann tatsächlich der letzte Anstoß zur Begründung der R.e f orm ge no ssensch a f t; sie übten, wie er es später selber in seinor „Geschichte des Judentums" sagte, cino'bisher unerhörte, bis iii die höchsten Kreise sich erstreckende Wirkung aus". Wenn freilich Geigor in. dem erkühnten Brief im Hinblick auf die im Juli zujamnuntntrndc Jahr zuvor von Seiten der Genossenschaft mit der Versammlung eingegangenen Verbindung, weil die Methode weiter ungeklärt bleiben mußte. Prediger Holdheim Holdhcim, der in einem sehr innigen Verhältnis zu Geiger stand, wird_ 1847 zum Prediger gewühlt. Damit erhält die Reformgememde, dio sich nach langwierigen Kämpfen um die Autonomie bci~ gleichzeitiger Zugehörigkeit zur Hauptgcmeindo 1850 ah „Rcformgcmciiido'' konstituiert, da Innerhalb dor großen Gemeinde keine Reformen durchgesetzt werden konnten, ein, festes Fundament. Holdheim wird der Theologe der Reformgemeinde: „Dio Roligionswahrheitcn sind in ihrem Grundwesen unvergänglich, aber mit der Entwicklung des menschlichen Geistes auf cino immer^ höhere Stufo zu bringen. Der Kultus ist von der sinnlich -ijmlKili'xhen Form, welche das Zeichen für geistige Ideen ^■■..„.„..m, , „, . »Ä^^^^SI^^M^kI?,«ä4w? \? *» 3 *• i «• ^mmJi^' ' Sigismund Stern inmitten der Gründervcrsammlong der jüdischen Rcformgenossenschaft zweite Rabbinervcrsammluqg'den Wunsch hegt, daß die . zu erwartenden Bestrebungen Sterns nicht zu einem Schisma im Judentum, sondern zu einer Art Rcformvcrcin führen möge, und daß deshalb die drei größten Gemeinden Berlin, Frankfurt, Breslau aus der Mitte der Gemeinde Denkschriften der Versammlung überreichen mögen, damit die Rabbiner tatsächlich das Bewußtsein der Gemeinden .ausdrücken, so sind die. Erwartungen Geigers nicht voll erfffllt worden. „An unfere deutfehen Glaubensgenoffen" Stern, Rebenstein (Bernstein) und Simion wurden in einer bald darauf stattfindenden Versammlung mit,der Abfassung-des am 2. April erscheinenden Aufrufs „An unsere deutschen Glaubens-. genossen" betraut, der in zahlreichen deutschen Städten mit Begeisterung aufgenommen wurde. Jedoch" als der eigentlich« Gründungstag der „Genossenschaft für Reform im Judentum" ist die Generalversammlung anzusehen. Von ihr schreibt Zunz, der. Begründer der Wissenschaft des Judentums, am 4. Mai an Geiger: „In zwei'Tagen ist hier Sonnenfinsternis, zwei Tage nachher Generalversammlung der Reformer hierselbst, und zwei .Tage, darauf wird wohl in der Synagoge'ge'g en sie gepre- ^d i e t werden — was ich, sub rosa, nicht tun würde, wenigstens milder." Und hiermit beginnt dann das unbestimmte Verhältnis der Hauptgemeinde zur Reformgemeinde. Stern erhofft' die Zusammenfassung aller Reformbestrcbungcn in Deutschland durch Synoden aus Laien und Theologen zu erreichen.-So erscheint er dann auf der zweiten' Rabbinerversammlung an der Spitze einer Deputation und erhält auf seine Bifte zur Unterstützung der Genossenschaft die .^ntworf, $nv> diese gewahrt werde, wenn ihre Bestrebungen mit denjenigen Prlpzipjcn übereinstimmen, von welchen wir bei einer Reform des Judentums ausgehen zu müssen glauben. Allein, die Versammlung hatte kerne Prinzipien, weil sie keine haben durfte! Mit Recht bemerkt ihr Sekretär Jost in seiner „Kulturgeschichte", daß ein Prinzip, nach dem Reformen nur auf dem Boden des positiv historischen Judentums zulässig sei, wie es Frankel, der spätere Leiter des Breslauer Rabbker-Seniinars, "forderte, deshalb völlig unklar sei, da der Ausdruck „positiv historisch" manche Deutung zuläßt. Ilm das Prinzip Positiv historisch, das wor für Geiger das Prinzip der jüdischen Tradition, dem die ganze talmudische und rabbinischo Literatur ihr Entstehen verdankt, es ist nichts anderes ols das Prinzip der beständigen Fortbildung und zeitgemäßen Entwicklung, nicht Sklave des Buchstabens' der Bibel zu sein,' sondern nach' ihrem Geiste fort und fort zu zeigen. „So ist der Begriff dor Tradition in den der historischen Entwicklung aufgelöst." piese Erkenntnis wirk(o »uf Holdhcim, der anriehst streng ortho- <h)jc war, befreiend. Wenn Geiger jedoch auf der Versammlung sein Prinzip hätte durchsetzen wollen,' dann hatte er nur Streit statt praktischer Beschlüsse erzielt. So ist es Geiger selbst, der gegen Erörterung von Prinzipien ist. Die Genossenschaft mußte aber zur Befriedigung. dor religiösen Bedürfnisse Schritte unternehmen, ohne warten zu können, ob ihre Reformen von der Rabbinerversammlung gutgeheißen werden. Der erfle Gottesdienfi Sie halt im Oktober den ersten Gottesdienst ab, richtet vom 2, April 1846 einen regelmäßigen Gottesdienst am Sonnabend und Sonntag in deutscher Sprache ohne Kopfbedeckung ein. Der Gottesdienst am Sonnabend fttllt von 1849 an fort, da die Beteiligung zu gering' geworden ist. Die Weiherede im April 1846 in einem hierzu gemieteten Lokal — das heutige Gotteshaus in der Johannisstraße wurdo erst am 10. September 1854 eingeweiht '— hielt Holdhcim. Es war nur folgerichtig, wenn die Genossenschaft an.die dritte Rabbmerversammlung im Juli 1846 eine Zuschrift sendet, in der erklärt wird,'daß die Ubereinstimmung zwischen Genossenschaft und Versammlung nicht in der Billigung der einzelnen Schritte, zu denen sich die Genossenschaft in Verfolgung ihrer Aufgabe veranlaßt gefunden hätte, durch die Rabbiner gesucht werden müsse, sondern in der Übereinstimmung des Zieles. Das Verdienst der Versammlung sei geradezu, das Bewußtsein' geweckt zu haben, daß das Judentum _ die Umgestaltung in Ubereinstimmung mit den Bedürfnissen der Zeit für Bich fordert. Diese Erklärung wirkte auf die Versammlung, ala wäre sie eine Ehescheidung von der im Die Aufnahme zeigt ferner Kommerzienrat Heymann, Adolf Meyer, Joseph Bohrend, E. A. Solomon, J. Gerb, Dr. Waldeck, San.-Ral Dr. Sleintbal, Abraham, ' Mdrlrwald, San.-Rat Dr. Dressier, Dr. Lövcnstein, W.Wolf fenstein, Lesscr, Wolfs. bildete, zur innerlichen Anbotung Gottes im Geist und Herzen aufgestiegen." Storn war der Organisator und Pädagoge. Er stellte die Prinzipien für den Religionsunterricht auf, führte dio Verhandlungen mit den Behörden, ein Mann von großer Tatkraft, wenn auch vielleicht, wie wir aus den Aufzeichnungen des erwähnten Honigrriann heute entnehmen können, allzu stark von der Hegelschcn rhilosophio beeindruckt. Die Hauptaufgaben der Reformgemeinde Gottesdienst und Religionsunterricht sind die Hauptaufgaben der Roformgcmcindo bis auf den beutigen Tag geblieben. Ihro Prediger sind von Holdheim über Ritter, Levin, Coblenz bis auf Josef Lehmann außergewöhnliche Kanzolredner und Lehrer gewesen. Gemeinde^ und Prediger bilden hier wie sonst wohl kaum ein einheitlich' geschlossenes Ganzes in Anschauung und Lebensweise. Das Urteil, das Geiger über Holdhcim in einem Brief an Zunz ausspricht, enthebt ihn turmhoch über jede charakterliche Diffamierung, die ihm Grätz im XI. Bande'seiner „Geschichte der Juden" angedeiben laßt:" „Ich bekenne es Ihnen, ich liebe Holdhcim innig, wenn ich auch nicht jede seinor Behauptungen unterschreiben, nicht jedes Verfahren,für zeitgemäß halten kann; Das Gottesbaus in der Johannisstraße Aufn.: liedi Sehl» ich liebe ihn, weil ich in jedem Worte den Eifer ejner -redlichen Uberzeugung, der höheren' sittlichen Anschauung erkenne" Geiger nat vor dem Antritt Holdheims und nach seinem Tode (1860) wiederum'eine Berufung an die Reformgemeindo abgelehnt, weil es ihm widerstrebte, einer Privatgesellschaft anzugehören. -Theoretisch hat er ihren Reformen eine abstrakte Berechtigung zuerkannt, auch wenn von ihm dos Wort stammt, iias^ die Reformgemcinäe unhieito r is eh' ist. War er doch selbst für einen vicrwöchentlichen Sonntagsgottesdienst, fQr die Emanzipierung der Rcjigiort von;der Küche und der Einführung des deutschen Gebetes in größerem Umfange. Aber er bestand darauf, daß Formen gewohnt seht müssen, und er wollte, daß das Gesamtjudentum eine einheitliche Entwicklung nehme. Der Bruck ~ Die Reformgemeinde ist einen Weg für sich gegangen, sie hat einen scharfen Bruch vollzogen. Aber die Tatsache der so wenig schwankenden Zahl an Mitgliedern. und der. Treue der Generationen zum Judentum und zur Roformgcmoinde durch diese Jahrzehnte hindurch erklärt sich aus dor Gcigcrschon Anschauung und beweist zugleich ihre Gültigkeit. Der Bruch beginnt heute von don Liberalen wie von den Reformern sich langsam auszugleichen: Die Einführung des Freitagabendgottcsdienstos auf dor einen, dio Aufhebung der Trennung der Geschlechter in den Gotteshäusern auf der andoren Seite. Die formal theoretische Anerkennung der Roformgcmcindo, nachdem die Beseitigung verwaltungsmäßiger Differenzen mit der Hauptgemeinde im Jahre 1924 erfolgt war, geschah erst auf dor Tagung des Weltverbandcs für religiös-liberales Judentum 1928 in Berlin durch Dr. Soligmann, den Begründer der „Vereinigung dor liberalen Rabbiner Deutschlands", indom or unter Bezugnahme auf dio erwähnte zweite und dritte Rahbincrvcrsammlung erklärte, daß „diese Ehe bei dem Gottesdienst, den dio Roformgcmcindo gestern veranstaltet hat und zu dem sie uns alle eingeladen hat, wieder geschlossen ist". Wir stehen heute am Anfang einer Entwicklung, dio die Frage der Unterscheidung von Formen und Glaubonsgrundsätzen von neuem aufwirft. Es besteht wohl kein Zweifel, daß äußere Umstände des Lebens und inneres Bedürfnis nach Formen und Gebrauchen voneinander abhängig zu sein scheinen. Die radikale Konsequenz eines Bonzion Kellermanns, daß Formen im Verhältnis zur ethischen Tat keine Bedeutung zukommen, dürfte heute auf allen Seiten auf Widerspruch stoßen. Hierüber, unter Berücksichtigung dieses Zusammenhange von Formen und Leben, Trauer oder Freude zu empfinden, liegt keinerlei Veranlassung vor. Aber dio Hoffnung von der Zukunft unseres Judentums, die Sigismund Stern in dem Schlußwort seiner eingangs erwähnten Vorlesungen beseligt, bleibt auch die unsrige, „dieBe Hoffnung, dio uns aufrecht erhält in dem Sturm widerstreitender Elemonte, in denen sich unsere Gegenwart bewegt." - 'Voyf a ,Uv, 757 Sederabende Der Lioeralo Verein für die Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin teilt mit: Wir machen unsere Mitglieder und Freunde darauf aufmerksam, daß wir auch in diesem Jahre Sederabende an folgenden Stellen veranstalten: im Westen: Kleiststraße 10, Bne Briss-Loge (Tel.: B4 3421), Mittwoch, 17. April, abends 8.15 Uhr; Trockenes Gedeck 3,— RM. im Zontrum: Hotel „König von Portugal", Berlin C2, Burgstraße 16 (Toi.: E2 1525), Mittwoch, 17., und Donnerstag, 18. April, abends 8.15 Uhr; Trockenes Gedeck 2,50 RM. Die Abende werden von den Kantoren Dr. Fritz Solom o n s k i und Detmar Prinz goleitot. Anmeldungen nehmen die beiden obigen Stellen sowie der Liberale Verein, Charlottenburg 2, Bleibtreustraße 45 (Tel.: J2 4958), entgegen. DIE BIBEL ERZÄHLT Der Wochehabfchnitt Sasria . enthält Vorschriften zum Schutze der Volksgesundheit. Die Tora beschreibt die Merkmale, nach denen der Priester entscheiden soll, ob ein Kranker-.rein oder unrein ist. Um die Ausbreitung ansteckender Krankheiten zu verhindern, schreibt unser Wochenabschnitt Isolierung der Kranken und Verbrennung der infizierten Gegenstände vor. $ Der Priester tritt uns in unserer Sidra als Arzt entgegen. Das entspricht dem Charakter der antiken Religion, die alle Gebiete des menschlichen Lebens umfaßt. Zu ihren Aufgaben gehört auch die .Pflege -der Valksgesundheit. Das Judentum begnügt sich aber nicht damit, bereits vorhandene Krankheiten zu beseitigen, es hat auch sozialhygienische Maßnahmen .getroffen, um ihre Entstehung zu verhindern. Dazu gehört die Vorschrift über das Händewaschen vor jeder Mahlzeit, die Einrichtung des Quellbads. Auch Sabbatgebot und Speisegesetze sind, abgesehen von ihrem religiösen und ethischen Sinn, unter dem Gesichtspunkt ihrer sanitären Wirkung zu beurteilen. Die Verbindung von Religion und Gesundheitspflege ist längst gelöst. Geblieben aber ist bei uns die Wertschätzung des Lebens und als Folge davon die besondere Sorgfalt, die auf die Erhaltung der Gesundheit angewandt wird. Diesem Zweck dienen jetzt Sport und Körperpflege, die früher bei uns vernachlässigt wurden, Sie Sofien den Körper gewandt, kräftig und widerstandsfähig machen." So wertvoll diese Bestrebungen aber für die gesundheitliche Stärkung und auch für die Charakterbildung unserer Jugend sind, ebenso notwendig ist die Hygiene der Seele. Wir denken dabei nicht nur an die Fernhaltung sittlicher Schäden, an die Notwendigkeit, das jüdische Haus rein zu erhalten. Inmitten der ungeheuren Spannungen und der Ruhelosigkeit des heutigen Lebens ist die Bedeutung der Religion um so größer, als sie unsere Seele mit Vertrauen und Ruhe erfüllt. Je leidvoller und tragischer sich unser Schicksal gestaltet, desto wertvoller ist die Stärkung des Lebenswillens, die wir unserem Glauben verdanken. In einer Welt der Gering-, Schätzung und der Feindschaft können wir uns seelisch nur dann behaupten, wenn wir aus dem Judentum das Bewußtsein unseres Wertes gewinnen. Und wenn die humanitären Gedanken, für die wir seit Jahrtausenden eintreten, jetzt als Irrtum bezeichnet werden, so gibt uns unser Glaube die Kraft; auch diese Erschütterung . unseres seelischen Lebens zu überwinden und auf den Sieg unserer Ideale zu hoffen. * '■ Lewkowhz-Bcrlin. - ^> ► I i> i •aBae&i^:i^^;a«Ät^Ä>aÄJi>' .StirVi.«»1